Zwei Trader sehen denselben Ausbruch, aber nur einer von beiden weiß, ob Geld dahintersteckt. Genau diese Frage beantwortet das Open Interest. Es zählt, wie viele Kontrakte am Ende eines Handelstages noch offen sind, und verrät damit, ob eine Kursbewegung von neuem Kapital getragen wird oder nur davon, dass jemand aussteigt.
Ich zeige dir in diesem Artikel, wie du das Open Interest liest und wo du es findest. Du erfährst, worin es sich vom Volumen unterscheidet, welche Kombination aus Preis und Open Interest welche Aussage trägt und wie das Ganze bei Futures, Optionen und Krypto-Kontrakten funktioniert. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.
Open Interest: das Wichtigste in 30 Sekunden
- Open Interest ist die Zahl der offenen Kontrakte. Gezählt wird am Ende des Handelstages alles, was weder glattgestellt noch erfüllt wurde.
- Es gibt Open Interest nur bei Derivaten. Also bei Futures, Optionen und Perpetual Swaps. Bei einer Aktie selbst gibt es keines, wohl aber bei ihren Optionen.
- Volumen und Open Interest sind nicht dasselbe. Das Volumen zählt jeden Handel eines Tages, das Open Interest den Bestand, der übrig bleibt.
- Steigendes Open Interest heißt: neues Geld kommt in den Markt. Fällt es, werden bestehende Positionen aufgelöst.
- Preis und Open Interest gehören zusammen gelesen. Steigt der Kurs bei steigendem Open Interest, ist der Trend getragen. Steigt er bei fallendem, ist es meist nur eine Eindeckung.
- Die Börse veröffentlicht den Wert täglich. Für US-Terminmärkte liefert der CoT-Report der CFTC zusätzlich die Aufteilung nach Marktteilnehmern.
Was ist Open Interest im Trading?
Open Interest ist die Gesamtzahl aller Derivatekontrakte, die am Ende eines Handelstages noch offen sind, also weder durch ein Gegengeschäft glattgestellt noch durch Lieferung oder Ausübung erfüllt wurden.
Der Wert misst den Bestand, nicht die Betriebsamkeit. Jeder Kontrakt hat einen Käufer und einen Verkäufer. Solange beide ihre Position halten, zählt der Kontrakt zum Open Interest. Erst wenn beide Seiten aussteigen, verschwindet er aus der Statistik.
Open Interest gibt es ausschließlich bei Derivaten. Dazu zählen Futures, Optionen und die im Kryptohandel üblichen Perpetual Swaps. Bei einer Aktie, einer Anleihe oder einem Devisenpaar im Kassahandel gibt es keinen solchen Wert, weil dort keine Kontrakte mit zwei Gegenparteien gezählt werden.
Ein hoher Wert steht zugleich für hohe Liquidität. Wo viele Kontrakte offen sind, findet sich zu jeder Order eine Gegenseite. Das macht den Ein- und Ausstieg günstiger und ist der praktische Grund, warum das Open Interest bei der Wahl des Kontrakts zählt.
Eine häufige Verwechslung betrifft genau diesen Punkt. Wenn von „Open Interest einer Aktie“ die Rede ist, sind fast immer die Optionen auf diese Aktie gemeint. Das ist eine brauchbare Information, nur eben eine über den Optionsmarkt und nicht über die Aktie selbst.
Den Wert ermittelt die Börse, an der das Produkt gehandelt wird. Sie veröffentlicht ihn nach Handelsschluss, in der Regel am Folgetag. Das Open Interest ist damit keine Echtzeitgröße, sondern ein Tagesergebnis.
Wie Open Interest entsteht: ein Rechenbeispiel
Das Open Interest steigt um eins, wenn ein neuer Kontrakt entsteht, und fällt um eins, wenn ein offener Kontrakt verschwindet. Entscheidend ist dabei nicht, wer kauft oder verkauft, sondern ob dabei ein neuer Vertrag zustande kommt oder ein bestehender aufgelöst wird.
Drei Fälle musst du auseinanderhalten. Treten zwei neue Marktteilnehmer gegeneinander an, entsteht ein Kontrakt und das Open Interest steigt. Steigen beide Seiten aus, verschwindet er und das Open Interest fällt. Gibt einer seine Position nur an einen Dritten weiter, ändert sich nichts.
Das folgende Beispiel rechnet das an einem Weizen-Future durch. Das Open Interest zu Handelsbeginn beträgt 1.000 Kontrakte:
| # | Ereignis | Veränderung | Wert OI |
|---|---|---|---|
| 1 | Trader A betritt den Markt und kauft 5 Kontrakte (geht 5 Kontrakte Long) | + 5 | 1005 |
| 2 | Trader B kommt ebenfalls neu an den Markt und kauft 15 Kontrakte | + 15 | 1020 |
| 3 | Trader C geht short mit 5 Kontrakten in den Markt (verkauft 5 Kontrakte leer) | + 5 | 1025 |
| 4 | B stellt seine Position glatt und verkauft seine 15 Kontrakte an Traderin D, die neu in den Markt kommt | 0 | 1025 |
| 5 | A (long 5) verkauft seine Kontrakte an C (short 5). Beide stellen ihre Positionen dadurch glatt. | -5 | 1020 |
Die Zeilen 1 bis 3 erzeugen jeweils neue Kontrakte. Ob eine Position dabei long oder short eröffnet wird, spielt für die Zählung keine Rolle. Zu jedem Käufer gehört ohnehin ein Verkäufer.
Zeile 4 ist der Fall, den die meisten unterschätzen. Traderin D kommt neu in den Markt, Trader B steigt aus. Es entsteht aber kein neuer Vertrag, sondern der bestehende wechselt nur den Inhaber. Das Open Interest bleibt unverändert, obwohl Volumen anfällt. Genau hier trennen sich die beiden Kennzahlen.
In Zeile 5 lösen sich fünf Kontrakte auf. Ein Halter einer Long-Position und ein Halter einer Short-Position stellen gegeneinander glatt. Beide Seiten des Vertrags fallen weg, das Open Interest sinkt um fünf.
Open Interest und Volumen: worin der Unterschied liegt
Das Handelsvolumen zählt alle Transaktionen eines Tages, das Open Interest zählt die am Ende des Tages noch offenen Kontrakte.
Das Volumen beginnt jeden Tag bei null und wächst mit jeder Ausführung. Es misst die Aktivität und wird an allen Märkten erhoben, auch bei Aktien. Ein hohes Volumen sagt dir, dass viel gehandelt wurde. Es sagt nichts darüber, ob davon etwas über Nacht liegen bleibt.
Das Open Interest wird dagegen fortgeschrieben. Es startet mit dem Bestand des Vortages und verändert sich nur dort, wo Kontrakte entstehen oder verschwinden. Deshalb ist es der bessere Maßstab dafür, wie viel Kapital in einem Markt tatsächlich gebunden ist.
Wie weit beide auseinanderlaufen können, zeigt der Micro E-Mini Nasdaq-100 Future. Dort stehen an einem Tag über drei Millionen gehandelte Kontrakte einem deutlich kleineren Open Interest gegenüber. Der Grund sind die Daytrader und Scalper, die ihre Positionen noch am selben Tag schließen. Sie erzeugen Volumen ohne Bestand.
| Volumen | Open Interest | |
|---|---|---|
| Was gezählt wird | jede Ausführung | offene Kontrakte |
| Zeitbezug | startet täglich neu | wird fortgeschrieben |
| Wo es existiert | alle Märkte | nur Derivate |
| Aussage | Aktivität | gebundenes Kapital |
An Freitagen fällt das Open Interest regelmäßig ab. In der Abbildung sind diese Tage markiert. Viele Trader stellen vor dem Wochenende glatt, um dem Risiko einer Kurslücke bei Handelsstart am Montag zu entgehen. Das Volumen bleibt an solchen Tagen hoch, der Bestand sinkt trotzdem.
Wo du die Daten zum Open Interest findest
Die erste Quelle ist immer die Börse selbst. Sie ermittelt den Wert und veröffentlicht ihn in ihren Marktstatistiken. Für europäische Terminkontrakte ist das die Eurex, für die großen US-Märkte die CME Group.
Für US-Terminmärkte kommt der CoT-Report dazu. Die US-Aufsichtsbehörde CFTC veröffentlicht ihn freitags um 15:30 Uhr Ortszeit New York, also gegen 21:30 Uhr unserer Zeit. Die Daten stammen vom Dienstag derselben Woche und sind bei Veröffentlichung damit drei Tage alt. Was der Bericht sonst noch hergibt, steht in unserem Beitrag zu den CoT-Daten.
Der Report schlüsselt das Open Interest nach Gruppen auf. Weil zu jedem Kontrakt ein Käufer und ein Verkäufer gehört, ist die Summe der Long-Positionen gleich der Summe der Short-Positionen. Das Gesamt-Open-Interest ergibt sich aus einer der beiden Seiten über alle drei Gruppen hinweg, zuzüglich der Spreads der Großspekulanten.
Open Interest bei barchart.com
Bei barchart.com blendest du beides über das Menü „Indicators“ ein. Das Open Interest lässt sich dort als Linie über die Volumenbalken legen. Der Dienst ist in der Grundversion kostenlos.
Open Interest bei TradingView
Bei TradingView liefern die Community-Skripte die interessanteren Darstellungen. Die Abbildung zeigt den Weizen-Future als fortlaufenden Kontrakt. Gut zu erkennen sind die Rolltermine: Der laufende Kontrakt wird geschlossen, im nächsten wird neu eröffnet.
Dass das Open Interest am Rolltermin nicht auf null fällt, hat einen Grund. Ein Teil der Kontrakte wird nicht glattgestellt, sondern durch Lieferung des Rohstoffs erfüllt. Wer den Verlauf ohne diese Sägezähne sehen will, nutzt die geglättete Darstellung auf Basis des wöchentlichen CoT-Reports.
Für Kryptokontrakte gibt es eigene Datenportale. Anbieter wie Coinglass und Coinalyze aggregieren das Open Interest der großen Handelsplätze, weil es dort keine zentrale Börse gibt, die einen verbindlichen Wert veröffentlicht. Wie du diese Zahlen einordnest, steht weiter unten im Abschnitt zu den Perpetual Swaps.
Was steigendes und fallendes Open Interest bedeutet
Allein sagt das Open Interest wenig. Seine Aussage entsteht erst im Zusammenspiel mit dem Preis. Die Frage lautet immer: Wird die Kursbewegung von neuen Positionen getragen, oder entsteht sie dadurch, dass jemand aussteigt?
Ein Anstieg des Open Interest bedeutet, dass neues Kapital in den Markt fließt. Es entstehen mehr Kontrakte, als aufgelöst werden. Fällt der Wert, wird Kapital abgezogen: Es werden mehr Positionen geschlossen als neu eröffnet.
Schon der reine Momentanwert beantwortet eine praktische Frage. Bei Rohstoff-Futures laufen mehrere Kontraktmonate parallel. Wer den Kontrakt mit dem höchsten Open Interest wählt, handelt den liquidesten und zahlt weniger Slippage.
Das gilt genauso für den Rollvorgang. Wer eine auslaufende Position in den nächsten Kontrakt überträgt, nimmt nicht automatisch den unmittelbar folgenden Monat, sondern den mit dem größten Bestand. Im Zusammenspiel mit der Terminkurve, also mit Contango und Backwardation, ergibt sich daraus das vollständige Bild der Marktstruktur.
| Preis | Open Interest | Lesart |
|---|---|---|
| steigt | steigt | Aufwärtstrend wird von neuem Geld getragen |
| steigt | fällt | meist Eindeckung von Short-Positionen, schwach |
| fällt | steigt | Abwärtstrend wird von neuem Geld getragen |
| fällt | fällt | Liquidation, der Abwärtstrend verliert Kraft |
Die Richtung des Marktes verrät das Open Interest nicht. Es sagt nichts darüber, ob es aufwärts oder abwärts geht. Es sagt etwas über die Kraft hinter der Bewegung, die gerade läuft. Diese Unterscheidung ist der häufigste Anfängerfehler.
Für die Kursbewegung ist das Open Interest der Brennstoff. Entziehst du einem Feuer den Brennstoff, geht es aus. Sinkt das Open Interest während eines Trends dauerhaft, verliert dieser Trend seine Grundlage, ganz gleich in welche Richtung er läuft.
Dahinter steckt eine schlichte Rechnung. Im Terminhandel steht jedem gewonnenen Euro ein verlorener gegenüber. Wenn die Verlierer den Markt verlassen, sinkt das Open Interest. Larry Williams hat das so beschrieben, dass die Verlierer irgendwann beschließen, das Spiel nicht mehr mitzuspielen.
Ein gesunder Aufwärtstrend
Im gesunden Bullenmarkt steigen Volumen und Open Interest gemeinsam. An Tagen mit steigenden Kursen fällt mehr Umsatz an als an Tagen mit fallenden. Geht der Kurs bei geringem Volumen zurück und bleibt das Open Interest dabei stabil, spricht das für eine Korrektur und nicht für eine Wende.
Ein gesunder Abwärtstrend
Im Bärenmarkt gilt dasselbe mit umgekehrtem Vorzeichen. Das Volumen zieht an, wenn die Kurse fallen, und das Open Interest steigt. Zwischenerholungen laufen dagegen auf dünnem Volumen. Bleibt das Open Interest dabei unverändert, ist der Haupttrend intakt.
Das Blowoff-Volumen
Ein Blowoff ist ein Umsatz, der aus der Reihe fällt. Er entsteht, wenn Verlustpositionen unter Druck geschlossen werden müssen. Von einem gewöhnlichen hohen Volumen unterscheidet er sich dadurch, dass er mit einem abrupten Kursausschlag zusammenfällt und das Open Interest anschließend deutlich zurückgeht.
Fallbeispiel Silber 2026: was das Open Interest gezeigt hat
Der Silbermarkt hat Anfang 2026 ein Lehrstück geliefert. Der Future stieg bis Ende Januar auf ein Hoch von 121,30 US-Dollar und stand Anfang September bei rund 67 US-Dollar. Das Open Interest an der COMEX erzählt dazu eine Geschichte, die der Kurs allein nicht hergibt.
Der lange Blick macht den Befund noch deutlicher. Von Ende August 2025 bis zum Hoch kletterte der Future um 214 Prozent. Das Open Interest lag in derselben Zeit mit rund 157.000 Kontrakten praktisch dort, wo es ein Jahr zuvor schon stand. Ein Markt, der sich im Preis verdreifacht, ohne dass die Zahl der offenen Kontrakte zunimmt, wird nicht von neuen Positionen getragen.

| Stichtag | Kurs Silber-Future | Open Interest COMEX |
|---|---|---|
| 30.12.2025 | $77,37 | 157.391 |
| 27.01.2026 | $105,52 | 156.637 |
| 03.02.2026 | $83,04 | 143.180 |
| 24.02.2026 | $87,46 | 125.454 |
| 05.05.2026 | $73,11 | 96.932 |
| 01.09.2026 | $64,62 | 104.362 |
Der Anstieg auf das Januar-Hoch lief ohne neues Geld. Zwischen dem 30. Dezember und dem 27. Januar kletterte der Kurs um rund 36 Prozent, das Open Interest blieb dabei mit 157.391 und 156.637 Kontrakten praktisch unverändert. Nach der Tabelle weiter oben ist das die schwächste aller vier Kombinationen.
Danach fielen Kurs und Open Interest gemeinsam. Bis Anfang Mai sank das Open Interest auf 96.932 Kontrakte, ein Rückgang um 38 Prozent gegenüber Ende Januar. Das ist das Muster einer Liquidation: Bestehende Positionen werden aufgelöst, neue kommen nicht in gleichem Umfang nach.
Der Fall zeigt zugleich die Grenze der Kennzahl. Das Open Interest hat den Rückgang nicht vorhergesagt und keinen Ausstiegskurs geliefert. Es hat lediglich gezeigt, dass der Anstieg auf dünner Grundlage stand. Wer das gesehen hat, konnte seine Positionsgröße anders wählen. Mehr leistet die Kennzahl nicht, und mehr sollte man von ihr nicht erwarten.
Open Interest als Werkzeug des Optionstraders
Im Optionsmarkt bedeutet Open Interest dasselbe wie bei Futures, nur feiner aufgelöst. Gezählt werden die Optionen, die weder ausgeübt noch verfallen noch glattgestellt sind. Der Unterschied liegt darin, dass es nicht einen Wert gibt, sondern einen je Verfallsdatum und je Strike-Preis.
Eine Option verbrieft ein Recht, keine Pflicht. Der Käufer darf ein Produkt bis zu einem Stichtag zu einem festen Preis kaufen oder verkaufen. Eine Call-Option gibt das Kaufrecht, eine Put-Option das Verkaufsrecht. Der Verkäufer der Option, auch Stillhalter genannt, hat dieses Wahlrecht nicht.
Der Stillhalter erhält dafür eine Prämie. Sie ist sein sicherer Ertrag und zugleich der maximale Verlust des Käufers. Läuft die Option ins Leere, lässt der Käufer sie verfallen und verliert nur diese Prämie.
Wer tiefer einsteigen will, findet bei uns eine eigene Artikelserie. Mein Kollege Christian Möhrer hat sie geschrieben, sie beginnt beim Optionshandel für Einsteiger. Hier geht es nur um so viel Grundlage, wie für das Verständnis des Open Interest nötig ist.
Die Option Chain lesen
Alle Werte stehen in der sogenannten Option Chain. Diese Optionskette listet je Verfallstag alle Strike-Preise mit Prämie, Volumen und Open Interest auf. Die folgende Darstellung zeigt eine Option auf die Amazon-Aktie.
Die Aktie notierte zum Zeitpunkt der Aufnahme bei 179,91 US-Dollar. Die Optionen mit den Strikes 177,50 und 180,00 lagen damit am Geld. Liegt eine Option im Geld, lohnt sich die Ausübung für den Käufer. Die Aufnahme stammt aus dem April 2024 und dient als Anschauungsbeispiel, die Zahlen sind nicht aktuell.
Analyse 1: die Marktstimmung ablesen
Call- und Put-Seite werden getrennt gelesen und danach zusammengeführt. Auf beiden Seiten gilt dieselbe Logik wie bei Futures: Steigen Prämie und Open Interest gemeinsam, werden neue Positionen aufgebaut. Fällt die Prämie bei steigendem Open Interest, kommen Stillhalter in den Markt.
| Beobachtung | Call-Seite | Put-Seite |
|---|---|---|
| Prämie steigt, OI steigt | Aufbau Call-Long, bullisch | Aufbau Put-Long, bärisch |
| Prämie fällt, OI steigt | Aufbau Call-Short, bärisch | Aufbau Put-Short, bullisch |
| Prämie steigt, OI fällt | Eindeckung, bullische Wende | Eindeckung, bärische Wende |
| Prämie fällt, OI fällt | Auflösung Call-Long, bärisch | Auflösung Put-Long, bullisch |
Erst die Kombination beider Seiten ergibt ein Bild. Zeigen Calls und Puts in dieselbe Richtung, ist die Stimmung bestätigt. Widersprechen sie sich, deutet das auf einen Seitwärtsmarkt hin, in dem Stillhalter den Kurs nach oben wie nach unten begrenzen.
Ein Beispiel aus dem Frühjahr 2024 zeigt, wie das in der Praxis aussieht. Auf der Call-Seite einer Tesla-Option stiegen Prämie und Open Interest über fast alle Strikes gemeinsam an. Nach der Tabelle oben spricht das für den Aufbau von Call-Long-Positionen.
Auf der Put-Seite ergab sich ein ebenso einheitliches Bild. Dort fiel die Prämie bei steigendem Open Interest, was auf den Aufbau von Put-Short-Positionen hindeutet. Beide Seiten zeigten damit in dieselbe Richtung, die Stimmung war also bestätigt bullisch.
Wichtig ist, was ein solcher Befund nicht ist. Er beschreibt die Positionierung am Optionsmarkt zu einem Stichtag und für einen einzelnen Verfallstag. Eine Kursprognose folgt daraus nicht, und ob die Stimmung recht behält, entscheidet sich am Basiswert.
Analyse 2: Unterstützung und Widerstand finden
Das Open Interest je Strike markiert Zonen, an denen der Kurs hängen bleibt. Der Strike mit dem höchsten Call-Open-Interest wirkt für den jeweiligen Verfallstag als Widerstand, der Strike mit dem höchsten Put-Open-Interest als Unterstützung.
Die stärkste Veränderung des Open Interest liefert die kurzfristige Marke. Wo an einem Tag am meisten Kontrakte dazugekommen sind, liegt die Intraday-Marke. Fallen beide Werte auf denselben Strike, ist die Zone entsprechend belastbarer.
Aus denselben Daten entsteht auch das Max-Pain-Niveau. Damit ist der Kurs gemeint, bei dem zum Verfallstag der größte Teil aller Optionen wertlos verfallen würde. Die Kennzahl wird gern als Magnet beschrieben. Belastbar ist daran vor allem, dass sie zeigt, wo die größten Bestände liegen, nicht dass der Kurs dorthin laufen muss.
Verwandt damit ist das Put-Call-Ratio. Es setzt offene Put- und Call-Kontrakte ins Verhältnis und wird als Stimmungsmesser gelesen. Wie du es einordnest, steht im Beitrag zum Put-Call-Ratio.
Open Interest bei Krypto und Perpetual Swaps
Im Kryptohandel ist das Open Interest die meistbeachtete Kennzahl überhaupt. Das liegt am dort üblichen Kontrakttyp, dem Perpetual Swap. Er funktioniert wie ein Future, hat aber keinen Verfallstag. Positionen können deshalb unbegrenzt lange offen bleiben.
Ohne Verfall entfällt der Rolltermin, und das macht die Zahlenreihe sauberer. Bei einem Weizen- oder DAX-Future fällt das Open Interest alle drei Monate zurück, weil der Kontrakt ausläuft. Beim Perpetual gibt es diese Sägezähne nicht, der Verlauf ist ohne Bereinigung lesbar.
Dafür fehlt eine zentrale Börse, die den Wert verbindlich feststellt. Kryptokontrakte laufen über viele Handelsplätze parallel. Datenportale wie Coinglass oder Coinalyze addieren deren Angaben. Die Zahlen beruhen damit auf Meldungen der Börsen und nicht auf einer amtlichen Statistik, was du bei der Bewertung im Kopf behalten solltest.
Eine Besonderheit hat der Perpetual noch. Weil er ohne Verfall an den Kassakurs gekoppelt bleiben muss, zahlen die Marktteilnehmer einander in kurzen Abständen eine Finanzierungsrate. Ein hohes Open Interest bei gleichzeitig stark positiver Rate bedeutet, dass viele gehebelte Long-Positionen offen sind und laufende Kosten tragen. Genau diese Konstellation löst die bekannten Liquidationskaskaden aus.
Ein Beispiel dafür liefert der Bitcoin-Future aus dem Jahr 2021. Ich zeige es hier, weil der Verlauf besonders klar ist. Nach dem Einstieg von Tesla im Februar 2021 stieg der Kurs bis Mitte April auf rund 64.030 US-Dollar.
Dann kippte die Nachrichtenlage innerhalb weniger Wochen. Tesla trennte sich von einem Teil der Bestände, kurz darauf wurde die Zusage zurückgezogen, Bitcoin als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Zwischen dem 13. und 21. Mai verlor der Future 35,4 Prozent, am 19. Mai kam es zu einem ausgeprägten Blowoff.
Das Open Interest erreichte im Folgekontrakt nicht mehr das alte Niveau. Der Abwärtstrend lief bis Ende Juli und endete bei rund 31.815 US-Dollar. Erst der Anstieg ab Ende September wurde wieder von steigendem Open Interest begleitet, und dieser Anstieg trug bis zum Allzeithoch im November.
Open Interest im DAX-Future und bei DAX-Optionen
Der DAX selbst ist nur eine Rechengröße und lässt sich nicht handeln. Wer auf ihn setzen will, nutzt Derivate. An der Eurex sind das der DAX-Future (FDAX), der Mini-DAX-Future (FDXM) und der Micro-DAX-Future (FDXS).
Es gibt vier Kontrakte im Jahr. Sie verfallen im März, Juni, September und Dezember, jeweils am dritten Freitag des Monats. Zwischen diesen Terminen wandert das Open Interest vom auslaufenden in den nächsten Kontrakt.
Auffällig ist, wie klein die Zahlen im internationalen Vergleich sind. Der Vergleich mit dem S&P 500 und dem Euro Stoxx 50 zeigt das deutlich. Der Grund liegt darin, dass der Futureshandel in Deutschland wenig verbreitet ist. Privatanleger greifen hierzulande eher zu ETFs und CFDs.
Im langfristigen Verlauf lag das Maximum bei 106.924 Kontrakten. Es wurde am 29. April 2019 erreicht. Das Minimum von 44.456 Kontrakten stammt vom 11. September 2023. Dazwischen bewegt sich das Open Interest des DAX-Futures seit Jahren.
Ein Beispiel aus dem Frühjahr 2024 zeigt die Mechanik im Detail. Der folgende Chart bildet den Juni-Kontrakt im Vier-Stunden-Raster ab. Bis zum Verfall des März-Kontrakts am 19. März wächst das Open Interest, ohne dass der Kurs sich stark bewegt. Dieses Wachstum stammt allein aus den Rollvorgängen und ist kein Signal.
Danach stiegen Kurs und Open Interest gemeinsam. Der DAX überwand die Marke von 18.000 Punkten und markierte am 27. März 2024 bei 18.795 Punkten sein damaliges Allzeithoch. Anschließend ging es zurück, und das Open Interest sank mit, was auf das Glattstellen von Long-Positionen hindeutete.
Dieses Hoch ist längst Geschichte. Anfang September 2026 notiert der DAX bei rund 26.000 Punkten. Ich lasse das Beispiel trotzdem stehen, weil es die Mechanik sauber zeigt: Ein Rollvorgang treibt das Open Interest, ohne etwas über die Richtung zu sagen, und erst danach beginnt die Aussage.
Optionen auf den DAX
An der Eurex laufen mehrere Optionsserien auf den DAX. Neben den Standard-Optionen (ODAX) gibt es Micro-Optionen (ODXS) und Optionen auf den DAX-Schlusskurs (ODAP). Die monatlichen Serien verfallen am dritten Freitag, daneben existieren wöchentliche Verfallstermine.
Für den DAX-Trader ist das Open Interest der Optionen oft aussagekräftiger als das des Futures. Der Optionsmarkt ist deutlich größer, und an den großen Verfallstagen wirken die Bestände an den runden Strikes wie Magnete auf den Kurs. Wer den DAX handelt, sollte diese Termine kennen.
Mein Fazit zum Open Interest
Das Open Interest ist kein Signalgeber, sondern ein Kontextmesser. Es sagt dir nicht, ob du kaufen oder verkaufen sollst. Es sagt dir, ob hinter der Bewegung, die du gerade siehst, Kapital steht oder ob nur jemand seine Position räumt. Das ist eine bescheidene Aussage, aber eine belastbare.
Am meisten holst du heraus, wenn du drei Größen zusammen liest. Preis, Volumen und Open Interest ergeben erst gemeinsam ein Bild. Für US-Terminmärkte kommt der CoT-Report dazu, weil er zeigt, welche Gruppe von Marktteilnehmern hinter den offenen Positionen steht.
Der Silberfall aus diesem Jahr zeigt Nutzen und Grenze zugleich. Das Open Interest hat gezeigt, dass der Anstieg auf dünner Grundlage stand. Einen Ausstiegskurs hat es nicht geliefert, und den Zeitpunkt der Wende hat es auch nicht verraten. Wer sich davon eine Prognose erhofft, wird enttäuscht.
Für die Praxis heißt das, die Kennzahl als Filter zu benutzen. Sie taugt dazu, ein Setup aus der technischen Analyse zu bestätigen oder infrage zu stellen. Ein Aufwärtsausbruch bei fallendem Open Interest verdient mehr Skepsis als einer, bei dem der Bestand mitwächst. Als alleinige Entscheidungsgrundlage ist sie zu grob.
Und ein letzter Punkt aus eigener Erfahrung. Wenn sich Futures- und Optionsdaten widersprechen, ist das selten ein Zufall, sondern meistens ein Seitwärtsmarkt. Mein Mentor hat dazu immer gesagt: Keine Position ist auch eine Position. Ich halte mich bis heute daran.
Quellen und weiterführende Hinweise
- Open Interest der COMEX-Kontrakte: Commitments of Traders Report der CFTC, cftc.gov, abgerufen am 6. September 2026
- Kursdaten Silber-Future und DAX: Yahoo Finance, abgerufen am 6. September 2026
- Volumen- und Open-Interest-Statistik der Börse: CME Group und Eurex
- Kontraktspezifikationen DAX-Derivate: Eurex
- Charts und Option Chains: barchart.com und TradingView; die Aufnahmen der Option Chains stammen aus dem Jahr 2024 und dienen als Anschauungsbeispiel
Häufige Fragen zum Open Interest
Was ist Open Interest einfach erklärt?
Open Interest ist die Zahl der Derivatekontrakte, die am Ende eines Handelstages noch offen sind. Offen heißt: weder durch ein Gegengeschäft glattgestellt noch durch Lieferung oder Ausübung erfüllt. Die jeweilige Börse ermittelt den Wert nach Handelsschluss und veröffentlicht ihn.
Was ist der Unterschied zwischen Open Interest und Volumen?
Das Volumen zählt jede Transaktion eines Tages, das Open Interest nur den offenen Bestand am Ende des Tages. Wechselt ein Kontrakt lediglich den Besitzer, entsteht Volumen, das Open Interest bleibt unverändert. Das Volumen startet jeden Tag bei null, das Open Interest wird fortgeschrieben.
Gibt es Open Interest auch bei Aktien?
Bei der Aktie selbst nicht, wohl aber bei ihren Optionen. Open Interest setzt Kontrakte mit zwei Gegenparteien voraus, und die gibt es im Kassahandel nicht. Wenn vom „Open Interest einer Aktie“ die Rede ist, sind die Optionen auf diese Aktie gemeint. Deren Werte lassen sich als Stimmungsmesser nutzen.
Was bedeutet steigendes Open Interest?
Steigendes Open Interest bedeutet, dass mehr Kontrakte neu entstehen als aufgelöst werden. Es fließt also neues Kapital in den Markt. Ob das bullisch oder bärisch zu lesen ist, ergibt sich erst zusammen mit der Kursrichtung: Steigt der Preis mit, ist der Aufwärtstrend getragen. Fällt er, gilt dasselbe für den Abwärtstrend.
Was sagt fallendes Open Interest bei steigenden Kursen aus?
Diese Kombination gilt als schwach. Der Kurs steigt, obwohl unter dem Strich Positionen geschlossen werden. Meist stecken Eindeckungen von Short-Positionen dahinter und nicht neue Käufer. Solche Anstiege laufen häufig aus, sobald die Eindeckungen abgeschlossen sind.
Wo finde ich das Open Interest kostenlos?
Bei der Börse selbst und im CoT-Report der CFTC. Eurex und CME veröffentlichen ihre Statistiken frei, der CoT-Report erscheint freitags um 15:30 Uhr Ortszeit New York mit den Daten vom Dienstag. Als Chartdarstellung bieten barchart.com und TradingView den Wert ebenfalls kostenlos an, für Kryptokontrakte tun das Portale wie Coinglass.
Gibt es Open Interest bei Krypto?
Ja, und dort ist es besonders gebräuchlich. Der im Kryptohandel übliche Perpetual Swap ist ein Derivat ohne Verfallstag, das Open Interest wird also nicht durch Rolltermine verzerrt. Weil es keine zentrale Börse gibt, addieren Datenportale die Angaben der einzelnen Handelsplätze. Die Zahlen beruhen damit auf Meldungen der Börsen.
Über den Autor: Karsten Kagels
Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer der Kagels Trading GmbH. Er handelt seit 1980 aktiv und arbeitet als diskretionärer Price-Action-Trader in den Märkten Forex, Aktienindizes, Rohstoffe und Zinsen. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.
Ende der 1980er Jahre übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter ins Deutsche. Über 17 Jahre war er Repräsentant von Joe Ross in Deutschland und übersetzte und verlegte alle 10 Bücher des amerikanischen Trading-Autors, bekannt für den Ross-Haken und den Traders Trick Entry.
Für diesen Artikel hat er die Open-Interest-Reihen der CFTC ausgewertet. Die Zahlen zum Silbermarkt stammen aus den Commitments of Traders-Berichten der Jahre 2025 und 2026, die zugehörigen Kursdaten von Yahoo Finance. Alle Werte sind am 6. September 2026 abgerufen worden.
Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.



































