Ein Bullenmarkt ist die Phase, in der an der Börse fast alles nach oben läuft. Die Kurse steigen über Monate oder Jahre, die Stimmung ist gut, und jeder Rücksetzer wird gekauft. Genau das macht ihn tückisch: Wer erst spät einsteigt, hält die größten Gewinne für selbstverständlich und die Risiken für erledigt. Beides ist ein Irrtum.
Dieser Artikel beantwortet die Fragen, die hinter dem Begriff wirklich stecken. Du erfährst, ab wann eine Aufwärtsbewegung offiziell ein Bullenmarkt ist, warum Bulle und Bär die Symbole der Börse wurden und wie lange eine Hausse im Schnitt dauert. Für die Zahlen habe ich die Kursgeschichte des S&P 500 seit 1928 und des DAX seit 1988 selbst ausgewertet, statt sie abzuschreiben. Dazu findest du die Strategien, die in steigenden Märkten funktionieren, und die Warnzeichen, die ein Ende ankündigen. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.
Der Bullenmarkt: das Wichtigste in 30 Sekunden
- Definition: Ein Bullenmarkt ist eine Marktphase, in der die Kurse um mindestens 20 Prozent über ihrem letzten Tief liegen und weiter steigen.
- Aktueller Stand: Der S&P 500 ist seit dem 12. Oktober 2022 in einem Bullenmarkt und steht rund 115 Prozent über seinem damaligen Tief von 3.577,03 Punkten.
- Dauer: Von 27 abgeschlossenen Bullenmärkten seit 1928 dauerte der mittlere 1,7 Jahre, der Durchschnitt liegt bei 2,7 Jahren.
- Gewinn: Der typische Bullenmarkt brachte rund 80 Prozent, der längste seit 1928 brachte 582 Prozent in gut zwölf Jahren.
- Ende: Ein Bullenmarkt endet erst, wenn die Kurse 20 Prozent unter das Hoch fallen. Alles darunter ist eine Korrektur, kein Bärenmarkt.
Was ist ein Bullenmarkt?
Ein Bullenmarkt ist eine anhaltende Aufwärtsphase an den Finanzmärkten, in der die Kurse um mindestens 20 Prozent über ihrem letzten Tiefpunkt liegen.
Die 20-Prozent-Marke ist eine Konvention, kein Naturgesetz. Sie hat sich in der Finanzbranche durchgesetzt, weil sie eine klare Grenze zwischen einer normalen Schwankung und einem echten Trendwechsel zieht. Gemessen wird dabei fast immer auf Schlusskursbasis, also am Kurs zum Handelsende, nicht am kurzen Ausschlag innerhalb eines Tages.
Im Deutschen hat der Bullenmarkt zwei weitere Namen, die dasselbe meinen. Die Hausse kommt aus dem Französischen und bedeutet Anstieg. Der Boom beschreibt dieselbe Phase aus der Sicht der Gesamtwirtschaft. Im Englischen heißt sie Bull Market. Wer eine dieser Vokabeln liest, kann sie gedanklich austauschen.
Das Gegenstück heißt Bärenmarkt. Dort fallen die Kurse um mindestens 20 Prozent vom letzten Hoch. Beide Phasen zusammen bilden einen Börsenzyklus. Die französische Entsprechung zum Bärenmarkt ist die Baisse.
Wichtig ist die Blickrichtung: Ein Bullenmarkt wird rückwärts festgestellt, nicht vorhergesagt. Erst wenn die 20 Prozent erreicht sind, steht fest, dass einer läuft. Zu diesem Zeitpunkt liegt der beste Teil der Bewegung oft schon hinter dir. Wer auf die offizielle Bestätigung wartet, kauft selten am Tief.
Eine ältere Einteilung derselben Bewegung stammt von einem Spekulanten. Das Ei des Kostolany zerlegt Hausse und Baisse in je drei Phasen: Korrektur, Anpassung und Übertreibung. Für die Einordnung einer laufenden Hausse ist vor allem die letzte Phase interessant.
Warum Bulle und Bär? Die Herkunft der Börsensymbole
Die beiden Tiere beschreiben ihre Angriffsbewegung, nicht ihren Charakter. Ein Bulle stößt mit den Hörnern von unten nach oben. Das steht für steigende Kurse. Ein Bär schlägt mit der Tatze von oben nach unten. Das steht für fallende Kurse. Mehr Symbolik steckt nicht dahinter, und genau deshalb ist das Bild so langlebig.
Der Sprachgebrauch ist älter als die Bilder. An der Londoner Börse des 18. Jahrhunderts galt der Ausdruck vom Verkauf des Bärenfells, bevor der Bär erlegt war, als Spott über Händler, die Papiere verkauften, die sie gar nicht besaßen. Aus diesem Leerverkäufer wurde der Bär. Der Bulle kam als Gegenfigur dazu.
Aus den Tieren leiten sich Wörter ab, die dir ständig begegnen. Bullisch heißt: auf steigende Kurse ausgerichtet. Bärisch heißt das Gegenteil. Ein bullisches Signal ist ein Hinweis im Chart, der für einen Anstieg spricht. Wer als Bulle positioniert ist, hat gekauft und profitiert von steigenden Kursen.
Vor der Frankfurter Börse stehen beide Tiere als Bronzeskulptur. Sie sind das bekannteste Motiv des deutschen Finanzplatzes. Der Bulle steht dabei vorn, was die Statistik ganz gut trifft: Über lange Zeiträume steigen Aktienmärkte häufiger, als sie fallen.
Was sind die Merkmale eines Bullenmarktes?
Das erste Merkmal ist die Zahl, alles andere ist Begleitmusik. Ein Bullenmarkt liegt vor, wenn ein Index wie der DAX, der Dow Jones oder der S&P 500 20 Prozent über seinem letzten Tief steht. Das gilt genauso für einzelne Branchen, einzelne Aktien, Rohstoffe und Devisen.
Zweitens braucht es Dauer. Eine Erholung über zwei Wochen ist kein Bullenmarkt, auch wenn sie 20 Prozent bringt. Die Bewegung muss über Monate tragen. In meiner Auswertung der 27 abgeschlossenen Bullenmärkte im S&P 500 seit 1928 dauerte der kürzeste knapp einen Monat, der längste über zwölf Jahre.
Drittens dreht die Stimmung. Anleger gehen höhere Risiken ein, weil sie höhere Renditen erwarten. Fachleute sprechen von Risk-on: Aktien und Rohstoffe sind gefragt, sichere Häfen wie Staatsanleihen weniger. Das Gegenstück heißt Risk-off.
Viertens spielt die Geldpolitik mit. Niedrige Leitzinsen verbilligen Kredite und machen Anleihen als Alternative unattraktiv. Beides schiebt Geld in Aktien. Steigen die Zinsen deutlich, verliert dieser Rückenwind an Kraft.
Eine Warnung zum Merkmalskatalog: Diese Punkte treten nicht immer gemeinsam auf. Der Bullenmarkt seit 2022 begann in einer Phase steigender Leitzinsen, also gegen das vierte Merkmal. Wer auf die perfekte Kombination wartet, wartet zu lange. Die 20 Prozent sind das einzige harte Kriterium.
Läuft gerade ein Bullenmarkt?
Ja. Der S&P 500 steckt seit dem 12. Oktober 2022 in einem Bullenmarkt. An diesem Tag schloss der Index bei 3.577,03 Punkten und markierte damit das Tief des vorangegangenen Bärenmarktes. Sein bisheriges Allzeithoch erreichte er am 13. August 2026 bei 7.798,99 Punkten.
Damit steht der laufende Bullenmarkt bei einem Plus von 118 Prozent, gerechnet vom Tief bis zum Hoch. Zum Schluss am 31. August 2026 notierte der S&P 500 bei 7.686,14 Punkten und damit rund 1,4 Prozent unter seinem Hoch. Gerechnet auf den aktuellen Stand liegt das Plus bei 114,9 Prozent.
Der DAX läuft parallel, hat aber ein eigenes Startdatum. Sein Schlusstief lag am 29. September 2022 bei 11.975,55 Punkten, sein bisheriges Hoch am 28. August 2026 bei 26.569,99 Punkten. Das entspricht 121,9 Prozent.
Ein direkter Vergleich der beiden Zahlen führt allerdings in die Irre. Der DAX ist ein Performanceindex: Er rechnet ausgeschüttete Dividenden mit ein. Der S&P 500 ist ein Kursindex und tut das nicht. Der DAX sieht deshalb systematisch stärker aus, als er im direkten Vergleich ist.
Der Bullenmarkt ist damit deutlich älter als der Durchschnitt. Mit 3,9 Jahren hat er den Median von 1,7 Jahren und den Mittelwert von 2,7 Jahren bereits überschritten. Daraus folgt allerdings kein Verfallsdatum: Der Bullenmarkt von 1987 bis 2000 lief über zwölf Jahre, der von 2009 bis 2020 über zehn. Alter allein beendet keinen Trend.
Beinahe wäre er im Frühjahr 2025 zu Ende gegangen. Zwischen dem 19. Februar und dem 8. April 2025 fiel der S&P 500 von 6.144,15 auf 4.982,77 Punkte, also um 18,9 Prozent. Das ist die Definition einer Korrektur und blieb um gut einen Prozentpunkt unter der 20-Prozent-Schwelle. Nach der gängigen Zählweise ist der Bullenmarkt damit intakt geblieben.
Dieser Beinahe-Fall zeigt, wie willkürlich die Grenze ist. Hätte der Index gut einen Prozentpunkt tiefer geschlossen, würde heute jede Statistik einen neuen Bullenmarkt ab April 2025 ausweisen, mit einem Alter von gut einem Jahr statt von knapp vier. Die Zahl beschreibt den Markt nicht, sie sortiert ihn nur.
Wie lange dauert ein Bullenmarkt?
Für diese Frage habe ich die Schlusskurse des S&P 500 seit 1928 durchgerechnet. Als Bullenmarkt zählt jede Phase, in der der Index vom Schlusstief um mindestens 20 Prozent bis zu seinem nächsten Schlusshoch stieg. Dabei kommen 27 abgeschlossene Bullenmärkte heraus, dazu der laufende.
Der mittlere Bullenmarkt dauerte 1,7 Jahre, der Durchschnitt liegt bei 2,7 Jahren. Diese Lücke ist kein Rechenfehler, sondern die Aussage selbst: Ein paar sehr lange Phasen ziehen den Mittelwert nach oben, während die Mehrzahl der Bullenmärkte deutlich kürzer war. Der Median von 1,7 Jahren beschreibt den typischen Fall besser.
Beim Gewinn ist es dasselbe Bild. Der typische Bullenmarkt brachte rund 80 Prozent, der Durchschnitt liegt bei 113 Prozent. Wer mit dem Mittelwert plant, plant mit einem Ausnahmefall.
| Zeitraum | Dauer | Gewinn |
|---|---|---|
| 04.12.1987 bis 24.03.2000 | 12,3 Jahre | 582 % |
| 09.03.2009 bis 19.02.2020 | 10,9 Jahre | 400 % |
| 13.06.1949 bis 02.08.1956 | 7,1 Jahre | 266 % |
| 03.10.1974 bis 28.11.1980 | 6,2 Jahre | 126 % |
| 23.07.2002 bis 09.10.2007 | 5,2 Jahre | 96 % |
| 12.08.1982 bis 25.08.1987 | 5,0 Jahre | 229 % |
| 12.10.2022 bis laufend | 3,9 Jahre | 118 % |
Die beiden längsten Phasen im Detail: Von Dezember 1987 bis März 2000 stieg der S&P 500 von 223,92 auf 1.527,46 Punkte, von März 2009 bis Februar 2020 von 676,53 auf 3.386,15 Punkte. Der laufende Bullenmarkt begann bei 3.577,03 Punkten.
Der längste Bullenmarkt ist strittig, und der Grund dafür ist lehrreich. Sehr oft liest du, die Phase von 2009 bis 2020 sei die längste der Geschichte gewesen. Nach der strengen 20-Prozent-Regel auf Schlusskursbasis stimmt das nicht: Von Dezember 1987 bis März 2000 lief eine noch längere Phase. Der Rückgang im Jahr 1990 blieb mit 19,9 Prozent knapp unter der Schwelle und unterbrach die Zählung deshalb nicht.
Wer welche Zahl nennt, hängt also allein davon ab, ob er 1990 als Bärenmarkt zählt. Viele Quellen tun das, weil der Rückgang innerhalb einzelner Handelstage über 20 Prozent lag. Beide Angaben sind vertretbar, solange die Rechenweise dazugesagt wird. Genau an dieser Stelle werden die meisten Darstellungen ungenau.
Welche Phasen durchläuft ein Bullenmarkt?
Der Fondsmanager Sir John Templeton hat die wohl bekannteste Einteilung geliefert. Er beschrieb vier Phasen, die weniger den Kurs als die Stimmung der Anleger abbilden. Sein Satz dazu ist bis heute das meistzitierte Wort über Hausse-Phasen.
Bullenmärkte werden mit Pessimismus geboren, wachsen mit Skepsis, reifen mit Optimismus und sterben mit Euphorie.
Sir John Templeton
In der pessimistischen Phase ist die Angst am größten. Die Nachrichtenlage ist schlecht, die Kurse haben gerade einen Bärenmarkt hinter sich, und kaum jemand will kaufen. Wer hier einsteigt, hat historisch die besten Ausgangsbedingungen, muss dafür aber gegen die eigene Wahrnehmung handeln.
In der skeptischen Phase steigen die Kurse, aber niemand traut dem Frieden. Die Bewegung ist volatil, also schwankungsreich, und wird von vielen als bloße Zwischenerholung abgetan. Erst hier beginnen größere Anleger, wieder Positionen aufzubauen.
In der optimistischen Phase kommt die breite Masse dazu. Die Nachrichten sind gut, die Unternehmenszahlen ebenfalls, und der Trend zieht weiteres Geld an. Diese Phase ist meist die längste und die angenehmste zum Handeln, weil Rücksetzer flach bleiben.
In der euphorischen Phase steigen die Kurse schneller als die Gewinne der Unternehmen. Neue Allzeithochs folgen dicht aufeinander, und auch die zurückhaltendsten Anleger steigen ein. Wer hier den Ausstieg verpasst, trägt den anschließenden Rückgang in voller Höhe mit.
Diese Einteilung ist ein Deutungsraster, kein Timing-Werkzeug. In welcher Phase du gerade stehst, lässt sich sauber erst im Nachhinein sagen. Nutze sie, um deine eigene Stimmung einzuordnen, nicht um Ein- und Ausstiege zu terminieren.
Welche historischen Bullenmärkte gab es?
Seit 1970 zählt der S&P 500 neun abgeschlossene Bullenmärkte plus den laufenden. Die Grafik zeigt sie als grüne Flächen. Auffällig ist, wie viel Platz sie einnehmen: Über lange Zeiträume befindet sich der Markt häufiger im Aufwärtstrend als im Abwärtstrend. Die Bärenmärkte sind kürzer, dafür heftiger.
Der Nachkriegsboom bis 1973
Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg gelten als „Golden Age of Capitalism”. Starkes Wirtschaftswachstum, steigende Einkommen und niedrige Arbeitslosigkeit trugen die Märkte. In Deutschland und Österreich heißt dieselbe Phase Wirtschaftswunder.
An der Börse endete diese Ära im Januar 1973. Der Bullenmarkt vom Mai 1970 bis zum 11. Januar 1973 brachte 73,5 Prozent. Danach folgte mit der Ölkrise einer der schwersten Bärenmärkte der Nachkriegszeit. Die 1970er-Jahre insgesamt waren für Aktien ein verlorenes Jahrzehnt, kein Boom.
Der Aufschwung der 1980er unter Reagan
Der Bullenmarkt vom August 1982 bis August 1987 brachte 229 Prozent in fünf Jahren. Vorangegangen war ein harter geldpolitischer Schnitt: Die US-Notenbank unter Paul Volcker hatte die Leitzinsen drastisch angehoben, um die hohe Inflation der späten 1970er zu brechen. Das gelang bis 1983 und legte die Grundlage für den Aufschwung.
Wichtig zur Einordnung: Die Inflation war ein Problem der ersten Amtszeit Ronald Reagans, nicht der zweiten. Als er 1985 in seine zweite Amtszeit ging, war sie bereits gebrochen. Der Aufschwung wurde politisch als Überlegenheit des eigenen Wirtschaftssystems im Kalten Krieg gedeutet.

Die Hausse der 1990er
Von Dezember 1987 bis März 2000 lief die längste ununterbrochene Aufwärtsphase seit 1928. Der S&P 500 stieg in dieser Zeit von 223,92 auf 1.527,46 Punkte, also um 582 Prozent. Auf das Jahrzehnt der 1990er allein gerechnet, von Ende 1989 bis Ende 1999, waren es 315,7 Prozent.
Beendet wurde sie von der Dotcom-Blase. Anleger kauften Internetunternehmen ohne Gewinne zu Bewertungen, die sich nur mit Zukunftserwartungen begründen ließen. Viele dieser Firmen verschwanden wieder.
Der Aufschwung vor der Finanzkrise 2008
Von Juli 2002 bis Oktober 2007 stiegen die Kurse um 96 Prozent. Getragen wurde die Phase von hoher Verschuldung und einem Boom bei Subprime-Hypotheken, also Immobilienkrediten an Schuldner mit schwacher Bonität. Niedrige Zinsen machten diese Kredite billig.
Am Ende stand die Immobilienblase und mit ihr die Finanzkrise. Der folgende Bärenmarkt kostete den S&P 500 gut die Hälfte seines Wertes.
Der Bullenmarkt von 2009 bis 2020
Vom Tief am 9. März 2009 bei 676,53 Punkten bis zum Hoch am 19. Februar 2020 bei 3.386,15 Punkten stieg der S&P 500 um 400,5 Prozent. Das entspricht 10,9 Jahren und ist damit die zweitlängste Phase seit 1928. Sie endete abrupt mit dem Corona-Crash.
Ruhig war dieser Bullenmarkt nicht. Die europäische Staatsschuldenkrise 2011 und die Konjunktursorgen im vierten Quartal 2018 brachten deutliche Rücksetzer, ohne die 20-Prozent-Marke zu reißen. Das ist typisch: Eine lange Hausse besteht aus vielen kleinen Erschütterungen.
Was ist eine Bullenfalle?
Eine Bullenfalle ist ein Kursausbruch nach oben, der sofort wieder scheitert und die Käufer mit Verlusten zurücklässt.
Der Ablauf ist immer derselbe. Ein Kurs überschreitet ein markantes Hoch, Anleger deuten das als Kaufsignal und steigen ein. Kurz darauf dreht der Kurs und fällt unter die Ausbruchsmarke zurück. Wer gekauft hat, sitzt im Minus und verkauft, was den Rückgang zusätzlich verstärkt.
Der Name führt leicht in die Irre. Gefangen ist nicht, wer zu spät gekauft hat, sondern wer überhaupt gekauft hat und den Ausstieg nicht rechtzeitig findet. Die Falle schnappt beim Halten zu, nicht beim Einstieg. Das Gegenstück auf der Verkaufsseite heißt Bärenfalle.
Zwei Kerzenmuster tauchen an solchen Wendepunkten häufig auf. Das Dark Cloud Cover und das Bearish Engulfing Pattern entstehen beide nach einem starken Aufwärtstrend und deuten auf eine Umkehr hin. Beide sind Hinweise, keine Garantien.
Eine Bullenfalle ist nicht dasselbe wie das Ende eines Bullenmarktes. Sie ist ein Ereignis von Tagen oder Wochen. Der übergeordnete Trend kann danach ungebrochen weiterlaufen. Erst ein Rückgang von 20 Prozent beendet die Hausse.
Woran erkennst du das Ende eines Bullenmarktes?
Für diese Frage gibt es keine verlässliche Antwort, und jede Quelle, die etwas anderes behauptet, überschätzt sich. Es gibt Warnzeichen, die sich im Rückblick oft gehäuft haben. Sie treten nicht alle gleichzeitig auf, und sie treten auch auf, ohne dass ein Bärenmarkt folgt.
- Schwächeres Wirtschaftswachstum über mehrere Quartale
- Zurückhaltende Unternehmen, die weniger investieren und weniger Kredite aufnehmen
- Vorsichtigere Verbraucher, deren Konsum nachlässt
- Krisen von außen: Kriege, Finanzkrisen, Naturkatastrophen, Pandemien
Das einzige eindeutige Signal ist der Kurs selbst. Fällt ein Index 20 Prozent unter sein Hoch, ist der Bullenmarkt nach der gängigen Definition beendet. Alles davor bleibt Interpretation.
Ein verbreitetes technisches Warnsignal ist das Death Cross. Es entsteht, wenn der 50-Tage-Durchschnitt den 200-Tage-Durchschnitt von oben nach unten kreuzt. Sein Gegenstück, das Goldene Kreuz, gilt als Startsignal einer Aufwärtsphase. Beide Signale sind allerdings träge: Sie melden die Wende erst, wenn ein Teil der Bewegung bereits gelaufen ist, und sie liefern regelmäßig Fehlsignale. Ein zweites Warnsignal setzt nicht am Kurs an, sondern an der Breite des Marktes: das Hindenburg Omen schlägt an, wenn viele Aktien gleichzeitig neue Jahreshochs und Jahrestiefs markieren.
Als Trader arbeite ich deshalb nicht mit Prognosen, sondern mit Marken. Ich lese im Chart ab, welche Kursniveaus halten müssen, damit der Aufwärtstrend intakt bleibt. Bricht der Markt darunter, reagiere ich. Das ist unspektakulär, funktioniert aber ohne Vorhersage.
Was ist die Dienstmädchen-Hausse?
Die Dienstmädchen-Hausse beschreibt die Schlussphase, in der auch börsenferne Menschen anfangen zu spekulieren. Der Begriff stammt aus einer Zeit, in der Hausangestellte als Sinnbild für unerfahrene Anleger standen. Heute würde man von einem Ansturm der Kleinanleger sprechen.
Das Warnsignal ist nicht die Beteiligung an sich, sondern ihre Begründung. Gekauft wird, weil die Kurse steigen, nicht weil die Unternehmen mehr verdienen. Wenn selbst die zurückhaltendsten Sparer investiert sind, fehlen die Käufer für den nächsten Anstieg.
Als Timing-Werkzeug taugt der Begriff trotzdem nicht. Es gibt keine Messgröße dafür, wann genug Kleinanleger eingestiegen sind. Er beschreibt eine Stimmung, und Stimmungen lassen sich erst im Rückblick datieren.
Wie investierst du in einem Bullenmarkt?
Die Grundregel lautet: Im Bullenmarkt arbeitest du mit dem Trend, nicht gegen ihn. Die schwierigste Aufgabe ist nicht der Einstieg, sondern das Aushalten der Rücksetzer, ohne die Position aus Nervosität zu schließen.
Buy and Hold
Buy and Hold heißt: kaufen und liegen lassen. Du erwirbst Aktien oder Fonds und hältst sie über Jahre, unabhängig von Zwischenschwankungen. Der Vorteil sind niedrige Kosten und wenig Aufwand. Der Nachteil ist, dass du jeden Bärenmarkt in voller Höhe mitnimmst.
Trendfolge
Trendfolge setzt darauf, dass eine bestehende Bewegung anhält. Du steigst ein, wenn der Trend bestätigt ist, und aus, wenn er bricht. Ein Stop-Loss, also eine automatische Verkaufsorder unterhalb des Kurses, begrenzt dabei den Verlust. Diese Strategie passt gut zu Bullenmärkten, weil sie lange Bewegungen belohnt.
Rücksetzer kaufen
Statt am Hoch zu kaufen, wartest du auf einen Rückgang innerhalb des Aufwärtstrends. Fachleute nennen das ein Retracement. Der Einstiegskurs wird günstiger, dafür verpasst du Bewegungen, die ohne Rücksetzer weiterlaufen. Entscheidend ist, vorher festzulegen, ab welchem Kurs du kaufst und wo dein Stop liegt.
Momentum
Momentum-Strategien kaufen das, was ohnehin schon am stärksten steigt. Der Ansatz ist einfach umzusetzen und in Aufwärtsphasen historisch erfolgreich. Er ist zugleich der risikoreichste in dieser Liste, weil solche Werte in Korrekturen überdurchschnittlich stark fallen. Ohne Risikomanagement ist er nicht zu empfehlen.
ETFs auf einen Index
Ein ETF bildet einen ganzen Index nach, statt auf einzelne Aktien zu setzen. Du kaufst mit einem Papier hunderte Unternehmen und musst keine Einzelwerte analysieren. Die Verwaltungsgebühren sind niedrig, weil kein Fondsmanager aktiv auswählt.
Eine ehrliche Einschränkung gehört dazu: Günstiger heißt nicht automatisch rentabler. Ein ETF liefert die Rendite seines Index, abzüglich Kosten, nicht mehr. In einem Bärenmarkt fällt er genauso wie der Index. Der oft gehörte Satz, Indexfonds seien rentabler als aktive Fonds, gilt nur im Durchschnitt über viele Fonds und lange Zeiträume, nicht im Einzelfall.
Was ich in einem Bullenmarkt nicht empfehle, ist der Handel auf Kredit. Ein Margin-Kredit vergrößert Gewinne und Verluste im gleichen Maß. In einer Phase, in der ohnehin alles steigt, verleitet er dazu, Risiko für Können zu halten. Der Rücksetzer im Frühjahr 2025 hätte mit Hebel für viele das Konto gekostet.
Chancen und Risiken im Bullenmarkt
Ein Bullenmarkt ist die freundlichste Phase an der Börse, und genau darin liegt seine Gefahr. Die folgenden Punkte fassen zusammen, was für dich arbeitet und was dich Geld kosten kann.
Chancen im Bullenmarkt
- Der übergeordnete Trend arbeitet für dich, Fehler beim Timing verzeihen sich leichter
- Rücksetzer bleiben meist flach und enden schneller als in Seitwärtsphasen
- Einfache Ansätze wie Trendfolge oder ein Indexsparplan funktionieren ohne aufwendige Analyse
- Aufwärtsphasen dauern historisch länger als Abwärtsphasen und machen den größten Teil der Kursgewinne aus
Risiken im Bullenmarkt
- Steigende Kurse werden leicht mit eigenem Können verwechselt, das Risikobewusstsein sinkt
- Wer erst nach der offiziellen Bestätigung einsteigt, verpasst oft den stärksten Teil der Bewegung
- Bullenfallen kosten Geld, obwohl der übergeordnete Trend intakt bleibt
- Das Ende lässt sich nicht vorhersagen, und Korrekturen von fast 20 Prozent kommen auch mitten in einer Hausse vor
Fazit: Der Bullenmarkt ist eine Zählregel, keine Prognose
Ein Bullenmarkt ist nichts anderes als eine nachträglich festgestellte Aufwärtsphase von mindestens 20 Prozent. Er sagt dir, was war, nicht was kommt. Wer das akzeptiert, verwendet den Begriff richtig: als Einordnung, nicht als Kaufsignal.
Die Zahlen aus meiner Auswertung sprechen für Gelassenheit statt für Aktionismus. Von 27 abgeschlossenen Bullenmärkten seit 1928 dauerte der typische 1,7 Jahre und brachte rund 80 Prozent. Der laufende ist mit 3,9 Jahren älter als der Durchschnitt, aber der von 1987 bis 2000 lief über zwölf Jahre. Alter allein beendet keinen Trend.
Praktisch heißt das: Arbeite mit Marken statt mit Meinungen. Lege fest, welches Kursniveau halten muss, damit du investiert bleibst, und wo du aussteigst. Diese Entscheidung triffst du vor dem Einstieg, nicht mitten im Rücksetzer. Alles andere überlässt du dem Markt.
Häufige Fragen zum Bullenmarkt
Was bedeutet Bullenmarkt?
Ein Bullenmarkt ist eine Marktphase, in der die Kurse um mindestens 20 Prozent über ihrem letzten Tief liegen und der Aufwärtstrend anhält. Gemessen wird meist auf Schlusskursbasis. Andere Namen dafür sind Hausse, Boom und Bull Market.
Läuft 2026 ein Bullenmarkt?
Ja, der S&P 500 befindet sich seit dem 12. Oktober 2022 in einem Bullenmarkt. Am 31. August 2026 stand er bei 7.686,14 Punkten und damit rund 115 Prozent über dem damaligen Tief von 3.577,03 Punkten. Der DAX läuft seit dem 29. September 2022 in derselben Phase.
Wie lange dauert eine Hausse im Durchschnitt?
Von 27 abgeschlossenen Bullenmärkten im S&P 500 seit 1928 dauerte der mittlere 1,7 Jahre. Der Durchschnitt liegt bei 2,7 Jahren, die Spanne reicht von wenigen Wochen bis zu 12,3 Jahren. Eine feste Laufzeit gibt es nicht.
Was ist der Unterschied zwischen Bullenmarkt und Bärenmarkt?
Im Bullenmarkt steigen die Kurse um mindestens 20 Prozent über ihr letztes Tief, im Bärenmarkt fallen sie um mindestens 20 Prozent unter ihr letztes Hoch. Beide Phasen zusammen bilden einen Börsenzyklus. Die französischen Begriffe dafür sind Hausse und Baisse.
Warum stehen Bulle und Bär für die Börse?
Beide Tiere stehen für ihre Angriffsbewegung. Der Bulle stößt mit den Hörnern nach oben und steht für steigende Kurse, der Bär schlägt mit der Tatze nach unten und steht für fallende Kurse. Vor der Frankfurter Börse stehen beide als Bronzeskulptur.
Wann endet ein Bullenmarkt?
Formal endet er, sobald ein Index 20 Prozent unter seinem Hoch schließt. Vorher gibt es nur Warnzeichen wie schwächeres Wirtschaftswachstum oder nachlassenden Konsum. Keines davon ist verlässlich, und ein Rückgang von fast 20 Prozent wie im Frühjahr 2025 kann auch mitten in einer Hausse auftreten.
Wie investiert man in einem Bullenmarkt?
Üblich sind Buy and Hold, Trendfolge, das Kaufen von Rücksetzern, Momentum-Strategien und Indexfonds. Entscheidend ist weniger die Auswahl der Strategie als das Risikomanagement: Lege vor dem Einstieg fest, bei welchem Kurs du aussteigst.
Über den Autor: Karsten Kagels
Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer von Kagels Trading und handelt seit 1978 an den Finanzmärkten. Er arbeitet diskretionär nach Price Action, also ohne mechanisches Handelssystem, und ist in Forex, Aktienindizes, Rohstoffen und Zinsmärkten aktiv.
Ende der 1980er-Jahre übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter ins Deutsche. Über 17 Jahre war er Repräsentant von Joe Ross in Deutschland und übersetzte und verlegte dessen zehn Bücher. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.
Für diesen Artikel hat er die Bullenmärkte im S&P 500 seit 1928 und im DAX seit 1988 selbst aus den Schlusskursen berechnet, statt Zahlen aus zweiter Hand zu übernehmen. Als Price-Action-Trader arbeitet er nicht mit Konjunkturprognosen, sondern mit Kursmarken, und kennt aus über vier Jahrzehnten Marktpraxis den Unterschied zwischen einer Korrektur und einer Trendwende.
Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.












