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Fibonacci Retracement richtig anwenden: Levels, Einstellung und Strategie im Trading

Zuletzt aktualisiert: 02. September 2026

|

15 Min

Christian Möhrer

Überprüft von

Christian Möhrer

KI für Trader Hauptkurs
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Das Fibonacci Retracement gehört zu den meistgenutzten Werkzeugen der technischen Analyse. Es zeigt dir, wie tief eine Korrektur in einem Trend wahrscheinlich läuft, bevor der Kurs wieder in die alte Richtung dreht. Genau dort suchen Trader ihre Einstiege, ihre Stops und ihre Kursziele.

Ich arbeite seit vielen Jahren täglich mit Fibonacci-Levels in meinen eigenen Analysen. In diesem Guide zeige ich dir, wie die Levels berechnet werden, wie du das Werkzeug in TradingView einstellst und mit welchen Regeln du Retracements handelst. Alle Charts stammen aus meiner eigenen Analyse-Praxis der letzten Monate. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.

Lesetipp: FibonacciCode: eine Trading-Ausbildung rund um Fibonacci-Retracements

Fibonacci Retracement: das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Fibonacci Retracements markieren mögliche Unterstützungs- und Widerstandszonen in einer Korrektur. Die Levels leiten sich aus der Fibonacci-Zahlenfolge ab.
  • 38,2 %, 50 % und 61,8 % sind die wichtigsten Levels. Das 61,8 %-Level gilt als das goldene Retracement und ist der häufigste Umkehrpunkt.
  • Von Swing-Tief zu Swing-Hoch wird das Tool im Aufwärtstrend gezogen, im Abwärtstrend umgekehrt. In TradingView geht das kostenlos in wenigen Klicks.
  • Kein Handelssignal für sich allein: Erst Konfluenz mit Unterstützung, Trendlinie oder Candlestick-Muster plus sauberem Risikomanagement macht ein Level handelbar.

Was ist ein Fibonacci Retracement?

Ein Fibonacci Retracement ist ein Werkzeug der technischen Analyse, das mithilfe der Prozentwerte 23,6 %, 38,2 %, 50 %, 61,8 % und 78,6 % mögliche Unterstützungs- und Widerstandszonen innerhalb einer Kurskorrektur markiert.

Die Idee dahinter ist einfach: Kein Trend läuft in einer geraden Linie. Nach einer starken Bewegung folgt fast immer eine Gegenbewegung, die ein Stück des Weges zurückläuft. Diese Gegenbewegung heißt Retracement oder schlicht Korrektur. Das Fibonacci-Werkzeug teilt die ursprüngliche Bewegung in feste Prozentabschnitte und zeigt dir damit, wo die Korrektur überdurchschnittlich oft dreht.

Grundlage ist die Fibonacci-Zahlenfolge des italienischen Mathematikers Leonardo Fibonacci aus dem 13. Jahrhundert.

Die Fibonacci-Zahlenfolge ist eine Zahlenreihe, in der jede Zahl die Summe der beiden vorherigen ist: 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89 und so weiter.

Teilst du eine Zahl dieser Folge durch ihren Nachfolger, näherst du dich immer dem Wert 0,618. Das ist der Kern des Goldenen Schnitts, und daraus entstehen die Retracement-Levels: 61,8 % direkt aus dem Verhältnis, 38,2 % aus dem Abstand zum übernächsten Glied, 23,6 % aus dem dritten Glied. Die 50 % sind mathematisch kein Fibonacci-Wert, haben sich als psychologische Marke aber fest etabliert (Quelle: Wikipedia).

Der Goldene Schnitt ist das Teilungsverhältnis von etwa 1,618 zu 1, das in Natur, Kunst und Architektur als besonders harmonisch gilt und dessen Kehrwert 0,618 die Basis des 61,8-Prozent-Retracements bildet.

Fibonacci-Levels im Überblick: Bedeutung von 23,6, 38,2, 50, 61,8 und 78,6 Prozent im Trading
Die wichtigsten Fibonacci-Levels und ihre Bedeutung im Trading. Eigene Darstellung.

Die Fibonacci-Levels im Überblick

Jedes Level hat im Chart eine eigene Funktion. Die folgende Übersicht zeigt dir, welches Level du wie einordnen solltest:

23,6 %Schwaches Level. Flache Korrektur, nur in sehr starken Trends relevant. Korrekturen enden hier selten.
38,2 %Erstes starkes Level. Häufiger Einstiegspunkt bei stabilen, dynamischen Trends.
50,0 %Psychologisch wichtige Marke. Kein echtes Fibonacci-Verhältnis, aber von vielen Tradern beachtet.
61,8 %Das goldene Retracement. Stärkstes Level und häufigster Umkehrpunkt.
78,6 %Tiefes Retracement. Letzter Halt, bevor der Trend als gebrochen gilt. Wurzel aus 0,618.

Die Zone unmittelbar unter dem 61,8 %-Level hat unter Tradern einen eigenen Namen bekommen:

Das Golden Pocket bezeichnet die Preiszone zwischen dem 61,8-Prozent- und dem 65-Prozent-Retracement, in der überdurchschnittlich viele Trendkorrekturen enden.

Wichtig für dein Verständnis: Diese Levels sind Zonen, keine exakten Linien. Der Kurs muss ein Level nicht auf den Punkt treffen. Oft dreht er wenige Punkte davor oder stößt kurz darüber hinaus, um Stops abzuholen, bevor die eigentliche Umkehr beginnt.

Fibonacci Retracement berechnen: Formel und Beispiel

Du musst die Levels nie von Hand rechnen, das erledigt jede Chartsoftware. Damit du aber verstehst, was das Tool zeichnet, hier die einfache Formel für den Aufwärtstrend:

Retracement-Level = Swing-Hoch − (Swing-Hoch − Swing-Tief) × Fibonacci-Faktor

Ein reales Beispiel aus dem EUR/USD-Tageschart vom Januar 2026: Der Euro stieg vom Swing-Tief bei 1,1576 auf das Swing-Hoch bei 1,2083. Die Spanne beträgt 507 Pips. Daraus ergeben sich:

  • 38,2 %-Level: 1,2083 − 0,0507 × 0,382 = 1,1889
  • 50 %-Level: 1,2083 − 0,0507 × 0,50 = 1,1830
  • 61,8 %-Level: 1,2083 − 0,0507 × 0,618 = 1,1770

Und so ging das Beispiel aus: Die Korrektur Anfang Februar lief bis 1,1766 und drehte damit fast exakt am 61,8 %-Level wieder nach oben. Genau diese Präzision macht das Werkzeug so beliebt.

Fibonacci Retracement im EUR/USD-Tageschart: Korrektur endet am 61,8-Prozent-Level (Januar/Februar 2026)
Fibonacci Retracement im EUR/USD-Tageschart: Die Korrektur Anfang Februar 2026 dreht in der Zone zwischen 50 % und 61,8 %. Eigene Darstellung.

Im Abwärtstrend funktioniert die Rechnung spiegelverkehrt: Du ziehst das Tool vom Swing-Hoch zum Swing-Tief, und die Levels zeigen dir, wie weit eine Erholung laufen darf, bevor sie zur Verkaufszone wird. Das folgende Gold-Beispiel zeigt den Fall in der Praxis: Nach dem Abverkauf vom Februar-Hoch bei 5.420 Dollar auf das März-Tief bei 4.099 Dollar scheiterte die Erholung im April mehrfach in der Zone zwischen dem 50 %-Level (4.759 Dollar) und dem 61,8 %-Level (4.915 Dollar). Danach setzte sich der Abwärtstrend fort.

Fibonacci Retracement im Abwärtstrend: Gold-Erholung scheitert unter dem 61,8-Prozent-Level (Frühjahr 2026)
Fibonacci Retracement im Abwärtstrend bei Gold: Die Erholung im April 2026 scheitert unterhalb des 61,8-Prozent-Levels bei 4.915 Dollar. Eigene Darstellung.

Fibonacci Retracement in TradingView einzeichnen: Schritt für Schritt

TradingView ist die beliebteste Charting-Plattform für Privattrader, und das Fibonacci-Werkzeug ist dort kostenlos in jedem Plan enthalten. Ich nutze die Plattform selbst seit 2017 täglich. So gehst du vor:

Schritt 1: Das Fibonacci-Tool aufrufen

Klicke in der linken Werkzeugleiste auf das Fibonacci-Symbol oder nutze den Shortcut Alt + F. Alternativ findest du das Tool über das Menü der Zeichenwerkzeuge unter „Fibonacci-Retracement”.

Schritt 2: Einen klaren Swing identifizieren

Suche dir eine ausgeprägte, eindeutige Kursbewegung zwischen einem markanten Tief und einem markanten Hoch. Je klarer der Swing, desto zuverlässiger die Levels. Kleine, unklare Zwischenbewegungen erzeugen nur Linienmüll im Chart.

Schritt 3: Das Tool über den Swing ziehen

Im Aufwärtstrend klickst du auf das Swing-Tief und ziehst die Maus zum Swing-Hoch. Im Abwärtstrend umgekehrt vom Swing-Hoch zum Swing-Tief. TradingView zeichnet die Levels automatisch ein.

Schritt 4: Einstellungen anpassen

Ein Doppelklick auf die Zeichnung öffnet die Einstellungen. Dort kannst du das 78,6 %-Level aktivieren (es ist nicht in jedem Template vorbelegt), Farben anpassen, die Zonen einfärben und die Linien nach rechts verlängern. Insgesamt erlaubt das Tool bis zu 24 eigene Levels (Quelle: TradingView-Dokumentation). Für den Anfang reichen die fünf Standard-Levels völlig.

Wer die Levels lieber automatisch berechnen lässt, findet in der AnFin Software eine Lösung mit automatischer Formations- und Fibonacci-Erkennung direkt im Chart.

Fibonacci-Retracements zeichnest Du in TradingView von Hand oder lässt sie von einem Skript setzen. Was dabei zu beachten ist, steht im Überblick zu den TradingView-Indikatoren.

Fibonacci-Strategie: So handle ich Retracements in der Praxis

Ein Fibonacci-Level ist für mich nie ein Kaufsignal an sich. Es ist eine Landkarte: Es zeigt mir, wo ich auf eine Reaktion des Marktes warte. Ob ich dort handle, entscheiden drei Dinge: der übergeordnete Trend, die Konfluenz der Zone und das Verhalten der Kerzen am Level. Nach diesem Muster gehe ich vor:

  • Trend zuerst: Ich handle Retracements nur in Richtung des übergeordneten Trends. Im Aufwärtstrend kaufe ich Rücksetzer, im Abwärtstrend verkaufe ich Erholungen. Gegen den Trend ist ein Fibonacci-Level nur eine Zahl.
  • Zone statt Linie: Meine Aufmerksamkeit gilt der Zone zwischen 50 % und 61,8 %. Dort drehen die meisten gesunden Korrekturen. Ein Rücksetzer bis 38,2 % in einem sehr starken Trend ist ebenfalls handelbar.
  • Bestätigung abwarten: Ich steige nicht blind am Level ein, sondern warte auf eine Reaktion: eine Umkehrkerze, ein Candlestick-Muster oder einen schnellen Rückläufer nach einem Stop-Fishing-Move unter das Level.
  • Stop an der Struktur: Mein Stop-Loss liegt nie exakt am Fibonacci-Level, sondern unter der Struktur-Invalidierung: unter dem Swing-Tief oder unterhalb des 78,6 %-Levels. Wird diese Marke gerissen, ist die Trade-Idee objektiv falsch. Wie du Stops technisch sauber platzierst, zeigt der Guide zur Stop-Loss-Order.
  • Ziel definieren: Mein erstes Ziel ist das alte Hoch (im Aufwärtstrend). Läuft der Markt darüber, projiziere ich weitere Ziele mit der Fibonacci Extension (dazu gleich mehr).

Lesetipp: Das Fibonacci-Level sagt dir, wo ein Rücksetzer enden könnte. Wie du ihn danach konkret handelst, zeigen unsere zehn Strategien für Rücksetzer.

Konfluenz: der wichtigste Verstärker

Konfluenz bezeichnet das Zusammentreffen mehrerer unabhängiger technischer Signale auf demselben Preisniveau, etwa eines Fibonacci-Levels mit einer alten Unterstützungszone oder einer Trendlinie.

Die Trefferquote eines Levels steigt deutlich, wenn dort noch etwas anderes liegt: eine alte Unterstützung oder ein Widerstand, eine Trendlinie, ein gleitender Durchschnitt oder ein markantes Vortageslevel. Das DAX-Beispiel unten zeigt so einen Fall aus diesem Frühjahr: Das 61,8 %-Retracement des Abverkaufs lag bei 24.053 Punkten, exakt in der alten Unterstützungszone zwischen 23.950 und 24.270 Punkten, die den Markt von Dezember bis Februar getragen hatte. Die Erholung im April prallte zunächst genau dort ab.

Fibonacci Retracement mit Konfluenz im DAX: 61,8-Prozent-Level trifft alte Unterstützungszone bei 24.000 Punkten
Konfluenz im DAX-Tageschart: Das 61,8-Prozent-Retracement bei 24.053 Punkten fällt mit der alten Unterstützungszone (gelb) zusammen. Eigene Darstellung.

Auf welcher Zeitebene du das anwendest, ist Geschmackssache: Das Werkzeug funktioniert vom 5-Minuten-Chart bis zum Wochenchart identisch. Als Faustregel gilt: Je höher die Zeitebene, desto belastbarer das Level. Einen Überblick über sinnvolle Kombinationen gibt der Guide zu den Trading-Zeiteinheiten.

Die Zone zwischen 50 und 61,8 Prozent ist der Arbeitsbereich einer der vier Swing-Trading-Strategien für den Tageschart.

Eine verwandte Technik sind die Fibonacci Pivot Points, die die Retracement-Faktoren mit den Vortagesdaten kombinieren.

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Fibonacci Extension, Fächer und Zeitzonen

Neben dem Retracement gibt es weitere Fibonacci-Werkzeuge. Die Extension nutze ich regelmäßig für Kursziele, die übrigen solltest du zumindest kennen.

Fibonacci-Ziele und Wellenzählung gehören für viele Analysten zusammen. Wie ein spezialisierter Dienst beides verbindet, zeigt der Test von ElliottWaver Live.

Fibonacci Extension: Kursziele jenseits des alten Hochs

Eine Fibonacci Extension projiziert mithilfe der Fibonacci-Verhältnisse 61,8 %, 100 % und 161,8 % Kursziele über das Ende der ursprünglichen Bewegung hinaus.

Während das Retracement die Korrekturtiefe misst, beantwortet die Extension die Frage: Wie weit kann der Trend laufen? Du brauchst dafür drei Punkte: den Start der Bewegung (A), ihr Ende (B) und das Ende der Korrektur (C). Von C aus projiziert das Tool die Ziele. Das Gold-Beispiel unten stammt aus dem Januar 2026: Nach dem Swing von 4.302 auf 4.643 Dollar und der flachen Korrektur auf 4.536 Dollar arbeitete der Markt die Ziele bei 61,8 % (4.747 Dollar), 100 % (4.877 Dollar) und 161,8 % (5.088 Dollar) nacheinander ab.

Fibonacci Extension im Gold-Tageschart: Kursziele bei 61,8, 100 und 161,8 Prozent werden nacheinander erreicht
Fibonacci Extension bei Gold: Die aus dem A-B-C-Swing projizierten Kursziele werden im Januar 2026 nacheinander erreicht. Eigene Darstellung.

Fibonacci-Fächer: Levels mit Zeitkomponente

Ein Fibonacci-Fächer besteht aus Trendlinien, die vom Startpunkt eines Swings durch die Fibonacci-Verhältnisse 38,2 %, 50 % und 61,8 % der Bewegung verlaufen und so dynamische Unterstützungen und Widerstände bilden.

Der Unterschied zum Retracement: Die Fächerlinien sind geneigt statt horizontal. Damit wandert das Unterstützungsniveau mit der Zeit nach oben (im Aufwärtstrend). Eine Korrektur kann also seitwärts in eine Fächerlinie hineinlaufen, statt tief zu fallen. Im EUR/USD-Beispiel unten stützten die Fächerlinien aus dem Januar-Swing die Februar-Korrektur.

Fibonacci-Fächer im EUR/USD-Tageschart mit Fächerlinien bei 38,2, 50 und 61,8 Prozent
Fibonacci-Fächer im EUR/USD-Tageschart: Die aus dem Januar-Swing gezogenen Fächerlinien wirken als dynamische Unterstützung. Eigene Darstellung.

Kreise, Bögen und Zeitzonen

Der Vollständigkeit halber: Es gibt auch Fibonacci-Kreise und -Bögen (Levels als Kreisbahnen um den Swing) und Fibonacci-Zeitzonen (vertikale Linien im Abstand der Fibonacci-Zahlen, die mögliche Wendezeitpunkte markieren). In der Praxis spielen beide eine Nebenrolle. Mein Rat: Beherrsche zuerst Retracement und Extension, bevor du dich an die exotischeren Werkzeuge wagst.

Vorteile und Nachteile des Fibonacci Tradings

Wie jedes Werkzeug hat auch das Fibonacci Retracement zwei Seiten. Hier die ehrliche Bilanz aus meiner täglichen Praxis:

Vorteile des Fibonacci Tradings

  • Objektive Landkarte: Die Levels liegen fest, sobald der Swing gewählt ist. Das diszipliniert und verhindert willkürliche „Bauchgefühl-Einstiege“.
  • Universell einsetzbar: Das Werkzeug funktioniert in jedem liquiden Markt und auf jeder Zeitebene.
  • Klares Risikomanagement: Level, Struktur-Stop und Extension-Ziel ergeben ein komplettes Chance-Risiko-Gerüst.
  • Selbstverstärkender Effekt: Weil Millionen Trader auf dieselben Levels schauen, entstehen dort real Orders, die die Zonen wirksam machen.

Nachteile des Fibonacci Tradings

  • Subjektive Ankerpunkte: Zwei Trader wählen zwei verschiedene Swings und bekommen zwei verschiedene Level-Karten. Die Methode ist nur so gut wie die Swing-Auswahl.
  • Kein statistischer Beweis: Belastbare Studien, die den Levels eine höhere Trefferquote als Zufallsniveaus bescheinigen, fehlen.
  • Nachträglich passt immer eins: Bei genug eingezeichneten Levels findet sich rückblickend für jede Umkehr ein „Treffer“. Diese Beliebigkeit ist die größte Falle.
  • Kein Timing-Werkzeug: Das Level sagt dir, wo eine Reaktion möglich ist, aber nicht wann sie kommt.

Häufige Fehler beim Fibonacci Trading

Diese sechs Fehler sehe ich bei Einsteigern immer wieder. Wer sie vermeidet, ist der Mehrheit bereits voraus:

Das häufigste Duo sind falsche Ankerpunkte und überladene Charts: Das Tool wird über unbedeutende Mini-Swings gezogen, und fünf Retracements übereinander erzeugen überall Levels und damit keine Information mehr. Nimm nur markante Hochs und Tiefs, die jeder im Chart sofort sieht, und beschränke dich auf einen Swing pro Zeitebene.

Der zweite Block ist psychologischer Natur: Viele Einsteiger lesen ein Level als Garantie statt als Zone erhöhter Wahrscheinlichkeit und kaufen ein tiefes Retracement sogar gegen den Abwärtstrend, weil es nach einem Schnäppchen aussieht. Ohne Bestätigung durch die Price Action bleibt ein 61,8er aber nur eine Linie, und gegen den Trend ist er meist eine Verkaufszone.

Bleiben zwei Handwerksfehler. Erstens der Stop exakt am Level: Genau dort liegen tausende weitere Stops, und genau dort greift das Stop-Fishing der Profis. Der Stop gehört unter die Struktur. Zweitens das Mischen der Zeitebenen: Wer im 5-Minuten-Chart einsteigt, aber sein Level aus dem Wochenchart begründet, hat kein Setup, sondern zwei widersprüchliche Analysen.

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Wie zuverlässig sind Fibonacci Retracements wirklich?

Zeit für die unbequeme Wahrheit, die viele Fibonacci-Guides weglassen: Einen mathematischen Beweis für die Überlegenheit der Fibonacci-Levels gibt es nicht. Mehrere Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass Umkehrpunkte an Fibonacci-Levels nicht signifikant häufiger auftreten als an zufällig gewählten Niveaus. Der amerikanische Trader und Autor Adam Grimes hat diese Kritik in einer eigenen Auswertung pointiert zusammengefasst (Analyse von Adam Grimes, englisch).

Warum arbeite ich trotzdem täglich damit? Aus drei Gründen. Erstens: Die Levels geben mir ein festes Bezugssystem, um Korrekturen einzuordnen. Ein 38,2er-Rücksetzer erzählt eine andere Geschichte über die Trendstärke als ein 78,6er, ganz unabhängig davon, ob die Zahl „magisch” ist. Zweitens: Der Effekt der selbsterfüllenden Prophezeiung ist real. Weil unzählige Trader, Algorithmen und Banken dieselben Zonen beobachten, liegen dort echte Kauf- und Verkaufsorders. Drittens: In Kombination mit Konfluenz und sauberem Risikomanagement brauche ich keine übernatürliche Trefferquote. Ich brauche Zonen, an denen ich mein Risiko eng und logisch begrenzen kann. Genau das leisten die Levels.

Mein Fazit nach Jahrzehnten am Markt: Schreibe den Zahlen keine mystische Macht zu. Nutze sie als das, was sie sind: ein Ordnungssystem für die Price Action, kein Orakel. Wer tiefer in die zugrunde liegende Kursanalyse einsteigen will, findet im Guide zum Price Action Trading das Fundament.

Fazit: Landkarte ja, Autopilot nein

Das Fibonacci Retracement ist eines der nützlichsten Werkzeuge der technischen Analyse, wenn du es richtig einordnest. Es liefert dir in Sekunden eine objektive Landkarte möglicher Umkehrzonen, funktioniert in jedem Markt und auf jeder Zeitebene und zwingt dich zu strukturierten Entscheidungen: Swing definieren, Zone abwarten, Bestätigung sehen, Stop unter die Struktur, Ziel projizieren.

Was es nicht ist: ein Signalgeber mit Garantie. Die Levels wirken vor allem deshalb, weil Millionen Marktteilnehmer auf sie schauen. Behandle sie als Zonen erhöhter Aufmerksamkeit, verlange immer Konfluenz und eine Reaktion der Kerzen, und begrenze jedes Risiko über die Struktur. Dann wird aus der berühmten Zahlenreihe ein echter Werkzeugkasten statt eines Aberglaubens. Wer systematisch einsteigen will, findet im Guide Traden lernen den passenden Rahmen.

Häufige Fragen zum Fibonacci Retracement

Was ist ein Fibonacci Retracement?

Ein Fibonacci Retracement ist ein Werkzeug der technischen Analyse, das mögliche Unterstützungs- und Widerstandszonen in einer Kurskorrektur markiert. Es basiert auf der Fibonacci-Zahlenfolge und nutzt die Levels 23,6 %, 38,2 %, 50 %, 61,8 % und 78,6 %. Trader lesen daran ab, wie tief ein Rücksetzer laufen kann, bevor der Trend wieder aufnimmt.

Welches Fibonacci-Level ist das wichtigste?

Das 61,8 %-Level gilt als das stärkste Retracement und wird als goldenes Level bezeichnet. Es leitet sich direkt aus dem Goldenen Schnitt ab und ist der häufigste Umkehrpunkt gesunder Korrekturen. Ebenfalls wichtig sind das 38,2 %-Level in starken Trends und die psychologische 50 %-Marke.

Wie berechnet man ein Fibonacci Retracement?

Die Formel für den Aufwärtstrend lautet: Level = Swing-Hoch − (Swing-Hoch − Swing-Tief) × Faktor. Bei einem Anstieg von 1,1576 auf 1,2083 im EUR/USD liegt das 61,8 %-Level also bei 1,2083 − 0,0507 × 0,618 = 1,1770. In der Praxis rechnet die Chartsoftware automatisch, sobald du das Tool über den Swing ziehst.

Wie zeichnet man ein Fibonacci Retracement in TradingView ein?

In TradingView rufst du das Tool über die linke Werkzeugleiste oder den Shortcut Alt + F auf. Im Aufwärtstrend ziehst du es vom Swing-Tief zum Swing-Hoch, im Abwärtstrend umgekehrt. Die Levels erscheinen automatisch. Das 78,6 %-Level aktivierst du bei Bedarf in den Einstellungen per Doppelklick auf die Zeichnung.

Ist die Fibonacci-Strategie eine gute Strategie?

Als alleinige Strategie reicht Fibonacci nicht aus, denn ein statistischer Vorteil der Levels gegenüber Zufallsniveaus ist nicht belegt. Stark wird das Werkzeug als Baustein: Levels mit Konfluenz aus Unterstützung oder Trendlinie, eine Bestätigung durch die Price Action und ein Stop unter der Struktur ergeben zusammen ein diszipliniertes, risikokontrolliertes Setup.

Was ist der Unterschied zwischen Fibonacci Retracement und Fibonacci Extension?

Das Retracement misst, wie weit der Kurs gegen den Trend zurückläuft, und liefert Einstiegszonen. Die Extension projiziert Ziele in Trendrichtung über das alte Hoch oder Tief hinaus, typisch bei 61,8 %, 100 % und 161,8 % der Ausgangsbewegung. Zusammen ergeben beide das komplette Gerüst aus Einstieg und Kursziel.

Funktioniert das Fibonacci Retracement in allen Märkten?

Ja, das Werkzeug ist in allen liquiden Märkten einsetzbar: Aktien, Indizes wie dem DAX, Forex, Rohstoffen und Kryptowährungen. Es ist zudem zeitebenen-unabhängig vom Minuten- bis zum Wochenchart. Als Faustregel gilt: Je höher die Zeitebene und je liquider der Markt, desto belastbarer sind die Levels.

Über den Autor: Karsten Kagels

Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer der Kagels Trading GmbH und diskretionärer Price-Action-Trader seit 1978. Er handelt Forex, Aktienindizes, Rohstoffe und Zinsmärkte und arbeitet ohne technische Indikatoren, allein auf Basis von Kursverlauf und Marktstruktur.

Ende der Achtzigerjahre übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter ins Deutsche. Über 17 Jahre vertrat er Joe Ross in Deutschland und übersetzte und verlegte dessen 10 Bücher. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.

Fibonacci-Levels gehören zu den wenigen Hilfslinien, die er täglich einsetzt: als Bezugssystem für Korrekturtiefen in seinen Chartanalysen und Trading-Signalen auf kagels-trading.de. Die Beispiele und Regeln in diesem Artikel stammen aus dieser täglichen Analysepraxis der vergangenen Monate, nicht aus der Theorie.

Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.

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