Ein Trend endet selten mit einem Paukenschlag. Er endet damit, dass eine Linie fällt, die vorher jedes Mal gehalten hat. Genau diesen Moment beschreibt der Market Structure Shift, kurz MSS: Der Kurs bricht die Abfolge aus Hochs und Tiefs, die den bisherigen Trend getragen hat, und zwar gegen die laufende Richtung.
Der Begriff kommt aus den Smart Money Concepts und klingt nach Geheimwissen. Das ist er nicht. Was dahintersteht, ist eine nüchterne Beobachtung am Chart: Solange ein Aufwärtstrend höhere Tiefs bildet, sind die Käufer in Kontrolle. Fällt ein solches Tief mit Nachdruck, hat sich etwas verschoben. Alles Weitere ist Handwerk, kein Mysterium.
Dieser Artikel zeigt dir, woran du einen MSS im Chart erkennst, wie er sich von BOS und CHoCH unterscheidet, an welcher Stelle du einsteigst und wohin der Stopp gehört. Und er zeigt dir die Kehrseite, über die selten jemand schreibt: wann ein Strukturbruch nicht trägt und dich in einen Fehlausbruch zieht. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.
Market Structure Shift: das Wichtigste in 30 Sekunden
- Definition: Ein Market Structure Shift (MSS) ist der Bruch der bisherigen Trendstruktur gegen die laufende Richtung.
- Typischer Auslöser: Vor dem Bruch holt sich der Markt Liquidität, meist mit einem Liquidity Sweep über ein markantes Hoch oder unter ein markantes Tief.
- Erkennungsmerkmal: Entscheidend ist der Kerzenschluss jenseits des letzten gegenläufigen Swing-Levels, nicht der Docht.
- Abgrenzung: Ein BOS bestätigt den laufenden Trend, ein CHoCH warnt vor einer Wende, der MSS bestätigt sie.
- Wichtigste Regel: Gehandelt wird nicht der Bruch selbst, sondern der Rücklauf in die Fair Value Gap oder an den Orderblock.
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Was ist ein Market Structure Shift?
Ein Market Structure Shift ist der Bruch der bisherigen Marktstruktur gegen die Trendrichtung, bei dem der Kurs mit einem klaren Impuls über das letzte tiefere Hoch oder unter das letzte höhere Tief schließt.
Der Begriff setzt sich aus zwei Teilen zusammen, und beide muss man verstanden haben. Der erste ist die Marktstruktur. Sie ist nichts anderes als die Reihenfolge, in der ein Markt seine Wendepunkte setzt. Diese Reihenfolge ist die einfachste und älteste Form der technischen Analyse: Sie kommt ohne jeden Indikator aus.
Die Marktstruktur im Trading beschreibt die Abfolge von Hochs und Tiefs im Kursverlauf und zeigt darüber an, welche Marktseite die Kontrolle hat.
In einem Aufwärtstrend bildet der Kurs höhere Hochs und höhere Tiefs. Jedes höhere Tief ist eine Stelle, an der die Käufer eingegriffen haben. Im Abwärtstrend dreht sich das Bild: tiefere Tiefs, tiefere Hochs, die Verkäufer sind am Ruder. Solange diese Kette hält, hält der Trend. Das ist die ganze Logik.
Der zweite Teil ist der Shift, die Verschiebung. Sie tritt ein, wenn die Kette reißt. In einem Aufwärtstrend heißt das: Ein signifikantes höheres Tief wird nach unten durchbrochen. Genau dieses Tief war die Verteidigungslinie der Käufer. Wenn sie fällt, und zwar mit Nachdruck, dann ist das kein Rauschen mehr, sondern eine Positionsverschiebung.
Dieses „mit Nachdruck“ ist der Punkt, an dem sich Anfänger und Fortgeschrittene trennen. In den Smart Money Concepts trägt diese Wucht einen eigenen Namen: Displacement.
Displacement bezeichnet eine schnelle, impulsive Kursbewegung mit großen Kerzenkörpern, die kaum Rücksetzer zulässt und das Ungleichgewicht zwischen Käufern und Verkäufern sichtbar macht.
Ohne Displacement ist ein Strukturbruch nur ein Überschießen. Der Kurs tippt kurz unter das Tief, dreht wieder und läuft im alten Trend weiter. Mit Displacement ist es ein Signal. Praktisch prüfst du das an zwei Dingen: große Kerzenkörper mit kleinen Dochten und ein Kerzenschluss klar jenseits des Levels. Ein Docht, der das Level anschneidet, zählt nicht.

Die Grafik zeigt den Ablauf in der Reihenfolge, in der er im Chart auftaucht. Punkt 1 ist der intakte Abwärtstrend. Punkt 2 ist der Sweep unter das letzte Tief, an dem die Stopps der Verkäufer liegen. Punkt 3 ist der eigentliche MSS: Der Impuls schließt über dem letzten tieferen Hoch. Punkt 4 ist der Rücklauf, und erst dort entsteht ein handelbares Setup.
MSS bedeutet im Trading, dass der Markt aufgehört hat, seinen bisherigen Trend zu verteidigen.
Alles andere, was um den Begriff herum geschrieben wird, ist Ausschmückung. Wer die Abfolge von Hochs und Tiefs lesen kann, braucht für einen MSS keinen einzigen Indikator und keine Software.
MSS, BOS und CHoCH: der Unterschied
Drei Abkürzungen, dieselbe Struktur, drei verschiedene Aussagen. Wer BOS, CHoCH und MSS durcheinanderbringt, handelt Fortsetzungssignale als Wendesignale. Deshalb lohnt sich die saubere Abgrenzung mehr als jede weitere Strategie.
Ein Break of Structure (BOS) ist der Bruch eines vorherigen Swing-Levels in Richtung des bestehenden Trends und bestätigt damit dessen Fortsetzung.
Der Break of Structure ist also ein Kontinuitätssignal. Im Aufwärtstrend bricht der Kurs ein vorheriges Hoch nach oben, der Trend läuft weiter. Er wird prozyklisch gehandelt, mit dem Trend, nicht gegen ihn. Ein BOS sagt nichts über eine Wende aus.
Ein Change of Character (CHoCH) ist das erste strukturelle Warnsignal, bei dem der Kurs erstmals gegen die Trendrichtung ein Swing-Level bricht, ohne dass die Wende bereits bestätigt ist.
Der Change of Character markiert die erste Irritation. Im Aufwärtstrend entsteht plötzlich ein tieferes Tief. Das ist ein Hinweis, aber kein Beweis. Viele CHoCHs lösen sich wieder auf, weil ihnen die Bestätigung fehlt. Wer jeden CHoCH handelt, sammelt Fehlsignale.
Der MSS ist die Stufe danach. Er ist das, was dem CHoCH folgt, wenn der Markt es ernst meint: der Bruch mit Displacement, oft nach einem vorherigen Sweep. Während der CHoCH Zweifel sät, liefert der MSS die Entscheidung.
| Signal | Was es über den Trend sagt | Handelslogik |
|---|---|---|
| BOS (Break of Structure) | Der Trend ist intakt und setzt sich fort | Mit dem Trend, prozyklisch |
| CHoCH (Change of Character) | Erster Zweifel, Wende noch unbestätigt | Abwarten, keine Position |
| MSS (Market Structure Shift) | Wende ist strukturell bestätigt | Gegen den alten Trend, nach Rücklauf |

In der Praxis treten alle drei nacheinander auf: erst ein oder mehrere BOS im laufenden Trend, dann ein CHoCH als Warnung, dann der MSS als Bestätigung. Wer diese Reihenfolge kennt, weiß jederzeit, in welcher Phase er sich befindet.
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Der MSS im Smart Money Concept
Ein Market Structure Shift tritt selten allein auf. Er ist Teil eines Ablaufs, den die Smart Money Concepts beschreiben. Drei Bausteine tauchen dabei immer wieder auf: Liquidity Sweep, Fair Value Gap und Orderblock. Fallen sie zusammen, steigt die Aussagekraft eines MSS deutlich.
Liquidity Sweeps
Ein Liquidity Sweep ist eine kurze Kursbewegung über ein markantes Hoch oder unter ein markantes Tief, die dort liegende Stopp-Orders auslöst und danach in die Gegenrichtung dreht.
Bevor der Markt dreht, holt er sich, was er braucht. Über einem markanten Hoch und unter einem markanten Tief liegen Stopp-Orders, und die sind für große Adressen genau das, was sie zum Aufbau einer Position brauchen: Gegenseite. Für viele private Trader sieht ein Liquidity Sweep nach einem Ausbruch aus. Tatsächlich ist er oft das letzte Aufbäumen des alten Trends, direkt gefolgt vom Strukturbruch.
Fair Value Gaps (FVG)
Eine Fair Value Gap ist ein Preisbereich, den der Kurs bei einer impulsiven Bewegung übersprungen hat und in dem deshalb kaum Handel stattgefunden hat.
Ein echter MSS entsteht fast nie geräuschlos. Der Impuls hinterlässt eine Lücke im Kursverlauf, eine Fair Value Gap. Sie hat zwei Funktionen: Sie ist der Beleg für das Displacement, und sie ist die Rücklaufzone für den Einstieg. Der Kurs kehrt häufig dorthin zurück, bevor er in der neuen Richtung durchstartet.
Orderblocks
Ein Orderblock ist die letzte gegenläufige Kerzenzone vor einer impulsiven Bewegung und markiert den Bereich, aus dem der Impuls seinen Ausgang genommen hat.
Der Orderblock ist der stabilste Anker für ein MSS-Setup. Wenn der Kurs nach dem Bruch dorthin zurückkommt und reagiert, stimmen Kontext, Bestätigung und Timing zusammen. Das ist der Punkt, an dem ein Setup aus mehr besteht als aus einer Linie im Chart.
Woher der Begriff MSS kommt
Der Begriff „Market Structure Shift“ stammt nicht aus der klassischen Chartliteratur, sondern aus dem Umfeld des Inner Circle Trader, kurz ICT. Die Abkürzung MSS und die Verbindung zu Liquidity Sweeps, Fair Value Gaps und Orderblocks haben sich über diese Schule verbreitet. Wer nach ICT Trading sucht, landet fast immer auch beim MSS.
Wichtig ist die Einordnung: Neu ist das Vokabular, nicht die Beobachtung. Dass ein Trend endet, wenn die Folge seiner Hochs und Tiefs bricht, beschreibt die technische Analyse seit über hundert Jahren. Wer klassisches Price Action Trading betreibt, arbeitet mit demselben Signal unter anderem Namen. Das macht MSS nicht schlechter, es nimmt ihm nur die Aura des Geheimwissens.
MSS im Chart erkennen: vier Schritte
Die Theorie ist das eine. Im laufenden Chart brauchst du eine feste Reihenfolge, sonst siehst du überall Strukturbrüche. Diese vier Schritte funktionieren auf jedem Markt und in jeder Zeiteinheit.
- Trend bestimmen: Lies die Abfolge der Wendepunkte. Höhere Hochs und höhere Tiefs bedeuten bullisch, tiefere Hochs und tiefere Tiefs bedeuten bärisch. Ohne diese Festlegung gibt es kein „gegen den Trend“.
- Kritisches Level markieren: Zeichne im Aufwärtstrend das letzte bedeutende Swing-Tief ein, im Abwärtstrend das letzte bedeutende Swing-Hoch. Genau an dieser Linie entscheidet sich, ob der Trend weiterlebt.
- Auf Displacement warten: Der Kurs muss dieses Level mit einem Impuls durchbrechen und jenseits davon schließen. Große Kerzenkörper, kleine Dochte, keine zähe Seitwärtsbewegung. Ein Docht über der Linie ist kein Bruch.
- Bestätigung suchen: Prüfe, ob der Impuls eine Fair Value Gap hinterlassen hat, ob ein Orderblock am Ursprung liegt und ob dem Bruch ein Liquidity Sweep vorausging. Erst wenn mehrere dieser Teile zusammenpassen, ist der MSS belastbar.

Der häufigste Fehler steckt zwischen Schritt 3 und Schritt 4. Der Bruch sieht überzeugend aus, also wird sofort gekauft oder verkauft. Damit sitzt der Einstieg am schlechtesten Punkt der Bewegung: am Ende des Impulses, weit weg vom sinnvollen Stopp.
Einzelne Scanner nehmen den Strukturbruch inzwischen als Filter auf. Der Alphamonics-Scanner für TradingView etwa zieht Market Structure Shifts als Bestätigungssignal in sein Scoring ein. Die Handarbeit ersetzt das nicht: Ob der Bruch im Kontext des höheren Zeitrahmens Sinn ergibt, entscheidet weiterhin der Trader.
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Einstieg, Stopp und Ziel beim MSS-Setup
Ein MSS ist ein Signal, kein Trade. Aus dem Signal wird erst dann eine Position, wenn Einstieg, Absicherung und Ziel definiert sind. Für diesen Schritt gibt es drei klare Regeln.
Der Einstieg liegt im Rücklauf, nicht im Bruch. Nach dem Displacement kehrt der Kurs häufig in die Fair Value Gap oder an den Orderblock zurück. Dort steigst du ein. Der Vorteil ist rechnerisch: Der Abstand zum Stopp wird kleiner, das Chance-Risiko-Verhältnis damit größer. Genau diese Geduld unterscheidet das Setup vom bloßen Hinterherlaufen.
Der Stopp gehört hinter das Extrem des vorherigen Sweeps, nicht knapp hinter das Bruchlevel. Der Grund ist einfach: Das Sweep-Extrem ist der Punkt, an dem die These widerlegt wäre. Wer den Stopp enger setzt, um die Positionsgröße zu erhöhen, kauft sich ein geschöntes Chance-Risiko-Verhältnis und wird von normalem Marktrauschen ausgestoppt.
Beim Ziel hilft die Struktur selbst weiter. Naheliegend sind das nächste gegenläufige Swing-Level und die Liquiditätszonen darüber oder darunter, also die Bereiche, in denen die Stopps der Gegenseite liegen. Wer sein Risiko systematisch steuert, findet die Rahmenregeln im Risikomanagement. Ein MSS ändert daran nichts: Die Positionsgröße folgt dem Stopp, nicht der Überzeugung.
Fehlsignale erkennen: wann ein MSS nicht trägt
Über gelungene Strukturbrüche wird viel geschrieben, über misslungene fast nie. Dabei entscheidet genau diese Unterscheidung über das Ergebnis am Konto. Die folgenden beiden Listen fassen zusammen, woran ein MSS trägt und woran er scheitert.
Merkmale eines belastbaren MSS
- Kerzenschluss jenseits des Levels: Der Bruch wird durch einen Schlusskurs bestätigt, nicht nur durch einen Docht.
- Sichtbares Displacement: Große Kerzenkörper und eine schnelle Bewegung statt zähem Durchsickern.
- Vorheriger Liquidity Sweep: Der Markt hat vor dem Bruch die Stopps auf der Gegenseite abgeräumt.
- Hinterlassene Fair Value Gap: Der Impuls war so schnell, dass eine Lücke im Kursverlauf entstanden ist.
- Rückenwind vom höheren Zeitrahmen: Der übergeordnete Chart spricht nicht gegen die neue Richtung.
Warnzeichen für einen falschen MSS
- Nur ein Docht über der Linie: Der Kurs schneidet das Level an und schließt wieder darunter, ein typischer Fehlausbruch.
- Bruch ohne Impuls: Kleine Kerzen und viele Rücksetzer zeigen, dass keine Seite wirklich drückt.
- Gegen den höheren Zeitrahmen: Ein Bruch im M15, während H4 und Tageschart klar im alten Trend laufen.
- Dünne Marktphase: In der Mittagspause oder um Feiertage herum entstehen Brüche, die niemand bestätigt.
- Kein Rücklauf: Der Kurs läuft ohne Test der Zone weiter, das Setup existiert dann schlicht nicht.
Ein Sonderfall verdient eigene Aufmerksamkeit: der Bruch gegen den höheren Zeitrahmen. Ein MSS im 15-Minuten-Chart wirkt beeindruckend, doch wenn Vier-Stunden- und Tageschart weiter im alten Trend laufen, wird er in aller Regel vom übergeordneten Momentum überrollt. Wie vorgetäuschte Kursbewegungen entstehen, ist deshalb genauso wichtig wie das Signal selbst.
Auch psychologisch ist der MSS trügerisch. Er erzeugt das Gefühl, einen besonderen Moment erwischt zu haben. Daraus werden zu große Positionen, ungeduldige Einstiege und der Verzicht auf den Rücklauf. Der Markt bestraft das zuverlässig, weil die Bestätigung genau der Teil ist, der das Setup trägt.
13 Trading-Indikatoren, die du kennen musst

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MSS in verschiedenen Zeiteinheiten
Das Konzept ist fraktal. Es funktioniert vom Ein-Minuten- bis zum Monatschart, weil überall dieselbe Frage gestellt wird: Hält die Folge der Hochs und Tiefs? Entscheidend ist nicht die Größe der Bewegung, sondern die Klarheit der Struktur. Welche Zeiteinheit passt, hängt allein von deinem Handelsstil ab.
Im Daytrading zeigen sich Strukturbrüche gehäuft rund um die Session-Wechsel, etwa zum Start der Londoner oder der US-Handelszeit. Ein typischer Ablauf: Der Markt nimmt das Hoch der asiatischen Range mit, dreht mit Displacement und bricht anschließend ein markantes Tief. Gehandelt wird das meist im M5- oder M15-Chart.
Im Swing Trading wirken MSS auf H4 oder im Tageschart. Ein Markt, der über Wochen neue Hochs produziert hat, beginnt seine Tiefs zu brechen. Der Bruch eines letzten höheren Tiefs im Tageschart kann dann der Startschuss für eine mehrtägige Gegenbewegung sein.
Im Positionstrading wird der MSS zum strategischen Wendepunkt im großen Bild. Wenn auf Wochen- oder Monatsbasis ein mehrjähriges Level fällt, ändert sich mehr als der kurzfristige Trend. Für Langfristtrader kann das eine komplette Neuausrichtung der Positionen begründen.
Eine Faustregel gilt über alle Ebenen: Je höher die Zeiteinheit, desto belastbarer der Bruch, aber desto seltener das Signal. Wer im M1 handelt, bekommt viele MSS und viele Fehlsignale. Wer im Tageschart arbeitet, bekommt wenige und muss warten können.
Das Risiko eines MSS
So überzeugend ein Strukturbruch aussieht, er ist kein Selbstläufer. Das größte Risiko liegt nicht im Konzept, sondern in Timing und Kontext. Viele Trader sehen den Bruch eines Swing-Levels und deuten ihn vorschnell als MSS, obwohl der Markt nur eine tiefe Korrektur vollzieht.
Dazu kommt ein Punkt, den die Aufsichtsbehörden hart in Zahlen fassen. Nach Auswertungen der nationalen Aufsichtsbehörden verlieren 74 bis 89 Prozent der Privatanleger-Konten beim Handel mit Differenzkontrakten Geld. Die BaFin hält in ihrer Allgemeinverfügung zu Differenzgeschäften fest, dass ein Großteil der Anleger das eingesetzte Kapital verliert. Ein gutes Signal ändert daran nichts, solange Positionsgröße und Stopp nicht stimmen.
Das dritte Risiko ist die Häufung. MSS-Setups tauchen auf kleinen Zeiteinheiten ständig auf. Wer jeden davon handelt, produziert Gebühren und Spread statt Ergebnis. Ein einzelner sauberer Bruch mit allen Bestätigungen ist mehr wert als zehn halbgare.
Fazit: der MSS ist ein Filter, kein Signalgeber
Der Market Structure Shift ist kein heiliger Gral. Er ist ein Werkzeug zur Einordnung: Er sagt dir, dass der Markt aufgehört hat, seinen Trend zu verteidigen. Was er dir nicht sagt, ist wann und wo du einsteigen sollst. Diese Antwort liefern erst der Rücklauf und der Kontext aus Liquidity Sweep, Fair Value Gap und Orderblock.
Ich handle selbst nicht nach dem Vokabular der Smart Money Concepts. Als diskretionärer Price-Action-Trader arbeite ich seit 1978 ohne Indikatoren, allein mit Kursverlauf und Marktstruktur. Genau deshalb fällt mir auf, wie alt der Kern dieses Konzepts ist: Dass ein Trend endet, wenn seine Folge aus Hochs und Tiefs bricht, stand schon in der Chartliteratur, lange bevor jemand die Abkürzung MSS geschrieben hat. Neu sind die Begriffe, nicht die Beobachtung.
Für dich heißt das zweierlei. Erstens: Lass dich von der Sprache nicht einschüchtern, das Konzept ist mit etwas Übung in wenigen Stunden lesbar. Zweitens: Der Wert steckt nicht im Erkennen des Bruchs, sondern in der Disziplin danach. Wer auf den Rücklauf wartet, den Stopp hinter das Sweep-Extrem legt und Brüche gegen den höheren Zeitrahmen konsequent auslässt, hat aus einem Modebegriff ein belastbares Handwerkszeug gemacht. Wer das nicht tut, handelt am Ende doch nur Ausbrüche.
Häufige Fragen zu Market Structure Shift (MSS)
Was bedeutet MSS im Trading?
MSS steht für Market Structure Shift und bezeichnet den Bruch der bisherigen Trendstruktur gegen die laufende Richtung. Konkret bricht der Kurs im Aufwärtstrend ein höheres Tief oder im Abwärtstrend ein tieferes Hoch, und zwar mit einem klaren Impuls. Der Begriff stammt aus den Smart Money Concepts.
Was ist der Unterschied zwischen MSS und BOS?
Ein BOS bestätigt den Trend, ein MSS bricht ihn. Beim Break of Structure durchbricht der Kurs ein Level in Richtung des laufenden Trends, das Signal wird prozyklisch gehandelt. Beim Market Structure Shift geschieht der Bruch gegen die Trendrichtung und kündigt eine Wende an.
Was ist der Unterschied zwischen MSS und CHoCH?
Der CHoCH ist die Warnung, der MSS die Bestätigung. Ein Change of Character ist der erste gegenläufige Strukturbruch und löst sich häufig wieder auf. Ein MSS tritt mit Displacement auf und meist nach einem Liquidity Sweep. In der Praxis kommt der CHoCH zuerst, der MSS danach.
Wie bestätige ich einen Market Structure Shift?
Entscheidend ist der Kerzenschluss jenseits des Levels, nicht der Docht. Dazu kommen drei Bestätigungen: sichtbares Displacement mit großen Kerzenkörpern, eine hinterlassene Fair Value Gap und ein vorausgegangener Liquidity Sweep. Fehlen alle drei, ist der Bruch nicht belastbar.
Woran erkenne ich einen falschen MSS?
Der klarste Hinweis ist ein Bruch ohne Impuls. Kleine Kerzen, ein Docht über der Linie und ein Schlusskurs zurück im alten Bereich sprechen für einen Fehlausbruch. Ebenso kritisch ist ein Bruch gegen den höheren Zeitrahmen oder in einer dünnen Marktphase.
Muss vor einem MSS immer ein Liquidity Sweep stehen?
Nein, aber sehr häufig. Ein Liquidity Sweep schafft die Voraussetzung für den Bruch, weil er die Gegenseite für große Positionen liefert. Ein MSS ohne vorherige Liquiditätsbewegung ist möglich, hat aber die schwächere Aussagekraft.
Auf welcher Zeiteinheit funktioniert MSS am besten?
Das Konzept ist fraktal und funktioniert von M1 bis zum Monatschart. Entscheidend ist, dass die Zeitebene zu deinem Handelsstil passt: Intraday-Trader arbeiten meist im M5 bis M15, Swingtrader im H4 bis Tageschart, Positionstrader auf Wochen- und Monatsbasis. Je höher die Zeiteinheit, desto belastbarer der Bruch.
Über den Autor: Karsten Kagels
Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer der Kagels Trading GmbH und diskretionärer Price-Action-Trader seit 1978. Er handelt Forex, Aktienindizes, Rohstoffe und Zinsmärkte und arbeitet ohne technische Indikatoren, allein auf Basis von Kursverlauf und Marktstruktur.
Ende der Achtzigerjahre übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter ins Deutsche. Über 17 Jahre vertrat er Joe Ross in Deutschland und übersetzte und verlegte dessen zehn Bücher. Bis 2010 gab er eigene Gruppenseminare, von 2000 bis 2010 zusätzlich private Einzelschulungen.
Die Marktstruktur ist für ihn kein Zusatzwerkzeug, sondern die Grundlage jeder Analyse: Er liest die Abfolge von Hochs und Tiefs seit Jahrzehnten ohne Indikatoren. Die Begriffe der Smart Money Concepts nutzt er selbst nicht, die Beobachtung dahinter kennt er aus der täglichen Arbeit am Chart. Diese Einordnung prägt den Artikel: was am MSS trägt und was Etikett ist.
Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.




