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Point & Figure Charts erklärt – Informative Kurscharts ohne Zeitachse (2026)

Zuletzt aktualisiert: 25. August 2026

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38 Min

Christian Möhrer

Überprüft von

Christian Möhrer

KI für Trader Hauptkurs
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Auf den ersten Blick sieht ein Point-and-Figure-Chart aus wie ein Kreuzstich-Stickmuster: Spalten aus X und O, kein Datum, keine Kerzen. In den 80er-Jahren habe ich den ersten Point-and-Figure-Chartdienst im deutschsprachigen Raum herausgegeben: keine Signale, keine Empfehlungen, nur die Charts selbst. Der Charttyp ist also alles andere als eine Spielerei, auch wenn er heute kaum noch in den Standardeinstellungen der Handelsplattformen auftaucht.

Der Grund für die ungewohnte Optik ist die fehlende Zeitachse. Der Chart zeichnet nur dann weiter, wenn sich der Kurs um einen vorher festgelegten Betrag bewegt. Damit fällt das Kursrauschen heraus, und übrig bleiben Unterstützungen, Widerstände und Ausbrüche. Dieser Artikel zeigt dir, wie diese Charts aufgebaut sind, wie du Boxgröße und Umkehrgröße festlegst, welche Kauf- und Verkaufssignale es gibt und wo du Point-and-Figure-Charts kostenlos bekommst. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.

Point and Figure Charts: das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Point-and-Figure-Charts (kurz P&F Charts) fokussieren den Blick auf Kursbewegungen und Trends eines Finanzprodukts, ohne den linearen Zeitverlauf zu berücksichtigen.
  • Der Chart besteht aus sich abwechselnden ‘X’- und ‘O’-Säulen. Eine ‘X’-Säule bildet sich bei steigenden, die ‘O’-Säule bei fallenden Kursen.
  • Eine Trendumkehr erzeugt eine gegenläufige Säule unmittelbar rechts von der aktuellen.
  • Die „Boxgröße“ bestimmt den Wert, um den sich der Kurs mindestens ändern muss, um eine neue ‘X’- bzw. ‘O’-Box zu erzeugen.
  • Die „Umkehrgröße“ („Reversal“) bestimmt, um welchen Betrag der Kurs sich mindestens in die Gegenrichtung entwickeln muss, um eine neue Säule zu beginnen.
  • Point-and-Figure-Charts filtern minimale Preisfluktuationen (Kursrauschen) heraus. Sie lassen Widerstände, Unterstützungen, Ausbruchssignale sowie Trendverläufe und Trendwechsel deutlich erkennen.

Was sind Point-and-Figure-Charts?

Ein Point-and-Figure-Chart ist eine Kursdarstellung ohne Zeitachse, die steigende Kurse als Säulen aus X und fallende Kurse als Säulen aus O abbildet. Eine neue Box entsteht erst, wenn sich der Kurs um die festgelegte Boxgröße bewegt. Eine neue Säule beginnt erst, wenn er um die Umkehrgröße gegen die laufende Richtung dreht.

Ein Blick in die Geschichte

Wir befinden uns in den Handelssälen der USA, Ende des 19. Jahrhunderts. Kursdaten werden sequenziell über einen Ticker geliefert. Die Kursveränderung wird zumeist mit einer minimalen Abstufung von 1/8 Dollar gehandelt. 

Die Händler schreiben die im Laufe des Tages gehandelten Preise in Spalten auf. Eine steigende Zahlenkolonne bezeichnet steigende Preise, eine fallende Zahlenkolonne fallende Preise

boersenticker western union

Abb.1: Börsenticker der Western Union Telegraph Company. USA, Ende 19. Jahrhunderts; Q.: wikimedia, Don DeBold, Lizenz CC-BY 2.0

point and figure chart entwicklung

Abb. 2: Entwicklung des Point-and-Figure-Charts (Q.: du Plessis, 21st Century Point and Figure)

Nach einer Weile begann man, die Zahlen durch ‘X’ zu ersetzen, und das Diagramm wurde als Punktdiagramm bekannt. Später wurde schließlich eine neue Darstellungsmethode entwickelt, bei der ‘X’ für steigende Säulen und ‘O’ für fallende Säulen verwendet wurde. 

Richard Wyckoff nutzte Point-and-Figure-Charts zur Zielberechnung, die vollständige Wyckoff-Methodik erklärt den Zusammenhang von Ursache und Wirkung.

Lesetipp: Börsencharts & Trading Charts erklärt

Point & Figure-Charts gegen Balkencharts: Unterschiede und Einsatzmöglichkeiten

Der auffälligste Unterschied ist, dass Point-and-Figure-Charts keine lineare Zeitachse aufweisen. Sie bewegen sich nicht entlang der X-Achse, wenn die Zeit vergeht, sondern wenn sich aktuelle Trends ändern und dadurch neue Säulen gebildet werden.

Der Chart konzentriert sich auf die wertmäßige Darstellung des Kurses und seiner Entwicklung. Die Kursdaten werden als ‘X’- oder ‘O’- Säulen dargestellt, je nachdem, ob ein bullischer oder ein bearischer Trend vorherrscht. 

Die Länge der Säulen gibt keine Auskunft über die Zeitdauer eines Trends, sondern nur über die zurückliegende Kursspanne. Bewegt sich der Kurs in einer engen Range seitwärts, kann das Diagramm über längere Zeiträume ohne sichtbare Veränderungen bleiben.

Wegen ihrer komprimierten Darstellung werden Point-and-Figure-Charts oft als „geräuschlose“ Charttechnik bezeichnet. Sie filtern minimale Datenfluktuationen – das Kursrauschen – heraus und vermitteln ein klareres Bild. 

Damit stehen Vorteile und Grenzen dieser Darstellung ziemlich klar nebeneinander. Der Chart gewinnt an Übersicht, was er an Detailtiefe verliert. Die folgende Gegenüberstellung fasst zusammen, was das für die Praxis bedeutet.

Vorteile der Point-and-Figure-Charts

  • Eindeutige Signale: Unterstützungs- und Widerstandsniveaus, Korrekturen und Trends sind auf Anhieb zu erkennen, genau wie Einstiegs- und Ausstiegspunkte samt Stopps.
  • Marktstruktur auf einen Blick: Klar definierte Chartformationen zeigen die Struktur über verschiedene Zeithorizonte hinweg. Aufsteigende X-Säulen stellen den Kaufdruck der Bullen dar, fallende O-Säulen die Dominanz der Bären.
  • Objektive Regeln: Trendlinien und Signale folgen einer festen Konstruktionsvorschrift. Das reduziert Auslegungsspielraum und erlaubt sogar die Entwicklung mechanischer Handelssysteme.
  • Langer Zeitraum auf kleiner Fläche: Weil Seitwärtsphasen kaum Platz brauchen, passen mehrere Jahre Kurshistorie in ein Chartbild, ohne dass die Marken unlesbar werden.

Nachteile der Point-and-Figure-Charts

  • Keine Zeitinformation: Aus der Säulenlänge geht nicht hervor, ob eine Bewegung zwei Tage oder zwei Monate gedauert hat. Wer mit Terminen oder Saisonalität arbeitet, braucht zusätzlich einen zeitbasierten Chart.
  • Nichts für kurzfristige Ansätze: Für Scalper sind die Charts ohne Bedeutung, für Daytrader haben sie kaum Aussagekraft. Genau das Kursrauschen, von dem diese Trader leben, filtert der Chart heraus.
  • Die Einstellung entscheidet mit: Boxgröße und Umkehrgröße legt der Trader selbst fest. Zwei Trader können denselben Markt betrachten und wegen unterschiedlicher Parameter zu unterschiedlichen Signalen kommen.
  • Verzögerte Signale: Eine Umkehr wird erst gezeichnet, wenn die volle Umkehrgröße erreicht ist. Beim üblichen 3-Box-Reversal ist ein Teil der Bewegung bereits gelaufen, bevor der Chart sie zeigt.

Ich selbst nutze diese Diagramme als Ergänzung zur technischen Analyse mit Balken- oder Kerzencharts, nicht als Ersatz. Für Swingtrader und längerfristig engagierte Investoren sind sie ein zusätzliches Werkzeug, das die Entscheidung schärft. Wer auf rasche Änderungen im Chart angewiesen ist, lässt besser die Finger davon.

Point and Figure-Charts erstellen und lesen

“Ein Missverständnis ist, dass es sich bei Point & Figure lediglich um eine »neue« Darstellungsart der Kursdaten handelt, die sich auf den ersten Blick nicht erschließt. Doch täuschen Sie sich nicht! ”

Scholl Reinhard: Point & Figure (German Edition) (S.9). FinanzBuch Verlag.

Der folgende Point-and-Figure-Chart zeigt den Kursverlauf des DAX ab Januar 2022:

Point and Figure Chart des DAX mit Boxgröße 300 Punkte und Umkehrgröße 3 Boxen
Abb.3: DAX im Point-and-Figure-Chart, Boxgröße 300 Punkte, Umkehrgröße 3 Boxen, Tagesdaten High/Low

Werfen wir einen ersten Blick auf den Chart. Wie du siehst, zeigen Point-and-Figure-Charts zwei Arten von Säulen: X und O (sprachlich: der Buchstabe ‘X’, nicht das ‘Kreuzchen’ bzw. der Buchstabe ‘O’).

Steigende Kurse werden durch ‘X’-Säulen dargestellt, fallende durch ‘O’-Säulen. Wechselt der Trend die Richtung, beginnt eine neue Säule

Du kannst erkennen, dass die Zeitachse (‘x-Achse’) nicht linear verläuft wie bei bekannten Charttypen. Eine ‘X’- oder ‘O’-Säule wird so lange weitergezeichnet, solange eine vorherrschende Kursbewegung stattfindet. Erst wenn diese Bewegung sich umkehrt, beginnt eine neue Säule. Eine lange Säule kann in wenigen Stunden hektischen Handels entstehen, genauso gut aber über einen Trend, der sich wochenlang hinzieht.

Damit bin ich bei den zwei wichtigsten Determinanten eines Point-and-Figure-Charts, der Boxgröße und der Umkehrgröße (‘Reversal’).

Die Boxgröße bei Point&Figure-Diagrammen

Die Boxgröße ist der wichtigste Bestandteil des Point-and-Figure-Charts. Sie bestimmt die Empfindlichkeit der Chart-Kursbewegung. Bei großen Boxen sind die Bewegungen innerhalb einer bestimmten Preisspanne gering, bei kleinen Boxen sind die Kursbewegungen im Chart größer.

Wir stellen uns den Chart auf kariertem Papier gezeichnet vor. Jedem Kästchen (“Box”) wird ein einzelner Wert zugewiesen. Eine Boxgröße von 1 bedeutet, dass bei einem Kursanstieg oder Rückgang um 1 Punkt oder mehr neue Kästchen ausgefüllt werden. Jede Kursänderung unter 1 Punkt wird jedoch ignoriert. 

Beispiel

Wir erhalten folgende Kursdaten: 15.2, 15.8, 16.5, 17.9, 19.3, 19.1, 18.5, 18.1, 15.9, 14.8 

Dies führt bei einer festgelegten Boxgröße von 1 zu folgendem Chart:

pf chart darstellung daten
Abb.4: Darstellung der Daten im Point-and-Figure-Chart

Erläuterung:

Ob der erste Wert (15.2) als ‘X’ oder ‘O’ eingezeichnet wird, ergibt sich aus den vorherigen Werten oder – in diesem Fall – aus dem Folgewert. 15.8 bedeutet: Der Kurs steigt offensichtlich. Wir zeichnen ein ‘X’ in die Box bei 15.

Die Boxgröße im Chart ist 1. Der nächste Wert (15.8) liegt also in derselben Box (stell dir die Boxen mit der Relation ‘Größer oder gleich’ versehen vor). 

Die beiden Folgewerte (16.5 – 17.9) erzeugen zwei neue Boxen. Der Wert 19.3 erzeugt eine Box, die eine Lücke in der Säule hinterlassen würde. Solche Lücken werden aufgefüllt.

Der Wert 19.1 liegt wiederum in der 19er-Box, erst der Wert 18.5 erzeugt eine neue Box, die jetzt tiefer liegt. Wir sehen also eine Kurswende. Wir starten eine neue Säule und zeichnen ein ‘O’ bei 18. Es ist nicht möglich, dass an einem Wendepunkt, also dem Endpunkt einer Säule, ein ‘X’ und ein ‘O’ auf gleicher Höhe nebeneinander stehen.

18.1 liegt wieder in derselben Box, und 15.9 erzeugt eine neue Box auf dem Niveau 15, die auftretenden Lücken werden wieder ausgefüllt. 14.8 ergibt wiederum ein tiefer liegendes ‘O’. 

Wie wird die Boxgröße festgelegt?

Ähnlich einem Balkenchart kann die Boxgröße als absoluter Wert (etwa 1 Dollar oder 1 Punkt) oder als prozentualer Wert der Preisänderung festgelegt werden. 

Point-and-Figure-Diagramme, bei denen die Kästchengröße ein Punkt-, $- oder Cent-Wert ist, werden als arithmetische Diagramme bezeichnet. 

Bei ihrer Festlegung beträgt die Größe der Box nicht unbedingt ‘1’ wie im einleitenden Beispiel. Sie hängt vom Preis des Instruments und der durchschnittlichen Preisrange ab, aber auch von der gewünschten Sensibilität des Diagramms.

Kleinere Boxgrößen erzeugen sensiblere Diagramme, die kürzere Zeitspannen abbilden. Wird die Boxgröße erhöht, sinkt die Empfindlichkeit und der Zeithorizont wächst.

Bei Balken- oder Kerzencharts erreichst du durch den Wechsel in ein kleineres Zeitfenster eine detailliertere Darstellung des Kursverlaufs. Diesem Vorgehen entspricht die Verkleinerung der Boxgröße im Point-and-Figure-Diagramm.

Die folgende Tabelle dient als Anhaltspunkt, welche Boxgrößen sich abhängig von der Preisspanne eines Finanzprodukts anbieten:

KursspanneBox-Größe
Unter 0.25(1/16) 0.0625
0.25 → 1.00(⅛) 0.125
1.00 → 5.000.25
5.00 → 20.000.50
20.00 → 1001.0
100 → 2002.0
200 → 5004.0
500 → 10005.0
1000 → 200020.0
2000 → 500050.0
5000 → 10000100.0
10000 → 20000200.0
20000 und darüber500.0
Box-Größe und Kursspanne bei P&F-Charts

Es ist auch möglich, Point-and-Figure-Diagramme mit logarithmischem Maßstab zu zeichnen, bei denen die Kästchengröße einen Prozentwert darstellen. Das bedeutet, dass jedes Kästchen einen Prozentsatz des Preises auf dieser Ebene zeigt, z. B. 1 %. Der Wert jedes Kästchens oberhalb ist um 1 % größer und unterhalb um 1 % kleiner. 

Für die Vorbereitung eines Traders ist die logarithmische Skalierung interessant: hier zählt die relative Bewegung, also ein Gewinn von x% oder ein maximaler Verlust von y%. Gängige Chartsoftware bietet diese Darstellungsform an.

Variable Boxgrößen: Point-and-Figure-Charts, die mit Hilfe von Software (z.B. bei tradingview.com) erzeugt werden, können auch Boxgrößen basierend auf dem Average True Range Indikator (ATR) nutzen. Das hat zur Folge, dass die Boxgröße je nach Volatilität schwankt.

Die Umkehrgröße (Reversal) des Point & Figure Charts

Die Grafiksäule ändert ihre Richtung von ‘X’ nach ‘O’ oder umgekehrt, wenn sich der Kurs um eine bestimmte Anzahl von Kästchen zurückbewegt. 

Die ursprüngliche Methode, die heute allerdings seltener verwendet wird, ist der “1-Box-Reversal-Chart”, bei dem eine Kursänderung um den Wert von (mindestens) einem Kästchen die Richtung der Säule ändert. Im einführenden Beispiel bin ich nach dieser Methode vorgegangen.

1-Box-Umkehrdiagramme sind recht empfindlich und zeigen bei geringen Seitwärtsbewegungen des Kurses längere Zick-Zack-Muster. Als Standard hat sich eine komprimiertere Version eingebürgert, das so genannte “3-Box-Umkehrdiagramm”.

Kursänderungen über 1 oder 2 Boxen werden dabei ignoriert. Erst ein Wechsel über 3 Boxen führt zu einer neuen Säule. Dann werden allerdings die beiden entstehenden „Lücken“ mit ‘X’ oder ‘O’ wieder aufgefüllt.

point figure chart box umkehrgroesse
Abb.5: Von der 1-Box- zur 3-Box-Umkehrgröße

Der Vorteil hierbei ist, dass das “Kursrauschen” um den Wendepunkt herum ausgeblendet wird. Möchte ein Trader einen detaillierteren Einblick in das Kursverhalten am Umkehrpunkt erhalten, verringert er nicht die Umkehrgröße, sondern die Boxgröße. Dies entspricht dem Wechsel auf eine niedrigere Zeiteinheit beim Balken- oder Candlestick-Chart.

Terminologie der Point-and-Figure-Charts

Woran erkennst du, auf welchen Chart du gerade blickst? Das verrät dir der Name des Diagramms

Ein Diagramm mit der Boxgröße 10 und der Umkehrgröße 1 wird als 10×1 Point-and-Figure Diagramm bezeichnet, eines mit Boxgröße 100 und 3-Box Umkehr als 100×3 Diagramm. Den Ansatz einer Boxgröße mit logarithmischer Maßstab erkennt man aus der Angabe 10%x3 – Diagramm.

Darstellung der Zeitverläufe

Ein Point-and-Figure-Chart stellt auf seiner x-Achse zeitliche Daten sehr knapp mit Hilfe von Jahreszahlen dar. Um dem Betrachter eine zeitliche Orientierung zu ermöglichen, können im Chart aber weitere Hinweise auf die Monate angegeben werden. Dies passiert, indem in der betreffenden Säule anstelle des ‘X’ bzw. ‘O’ die Monatszahl (0-9, A=Okt., B=Nov., C=Dez.) eingetragen wird, wenn erstmals im betreffenden Monat eine neue Box gezeichnet wird.

Point and Figure Chart des DAX über zehn Jahre mit Monatszahlen in den Säulen
Abb.6: DAX über zehn Jahre, Boxgröße 400 Punkte, Umkehrgröße 3 Boxen, mit Monatskennzeichnung

Die Datenquelle: End-Of-Day, High-Low oder Volatilität?

Welche Daten gehen in die Konstruktion eines Point-and-Figure-Charts ein? Zur Auswahl stehen End-Of-Day-Daten (EOD) oder die Betrachtung der Höchst- und Tiefstwerte des Handelstages ausgehend von Tagesdaten. (Als langfristiger Investor betrachtest du vielleicht lediglich Wochendaten, dann gelten diese Begriffe natürlich entsprechend).

Diagramme auf Basis der High-Low-Daten sind detaillierter und zeigen anstehende Trendwechsel früher. Auf eine detaillierte Beschreibung der Nutzung zur Erstellung will ich hier verzichten, da du P&F-Diagramme mit Sicherheit nicht von Hand erstellst, sondern dafür entsprechende Software-Dienste nutzt.

Eine weitere Methode, diese Diagramme zu konstruieren, ist die Festlegung der Boxgrößen auf Basis der Volatilität. Hier hängt die Empfindlichkeit des Point-and-Figure-Charts von der Volatilität der zugrunde liegenden Daten ab. Je volatiler der Kurs ist, desto größer wird die Boxgröße sein.

Zur Berechnung dieser Boxgrößen verwendet man üblicherweise die Formeln für die Standardabweichung oder den Indikator Average True Range ‘ATR’ (der ATR ermittelt den Durchschnitt der Handelsspannen über einen bestimmten Zeitraum). Dafür musst du die Anzahl der Perioden festlegen, über die die Volatilität berechnet werden soll. TradingView verwendet hier als Standard 20 Perioden.

Diese Konstruktionsmethoden erfordern zum Teil umfangreichere Berechnungen und wurden erst mit dem Einzug des Computers in den Börsenhandel praktikabel.

Technische Analyse mit Point-and-Figure-Charts

Wie du bei der Konstruktion sehen konntest, folgen Point-and-Figure-Charts strengen Regeln. Das machen wir uns bei der technischen Analyse dieser Charts zunutze. Es existieren eine Reihe von Indikatoren und Oszillatoren, die Anwendung finden. 

Am besten dokumentiert sind diese Analysetechniken für 3-Box-Umkehrdiagramme. Sie können aber auf jedes Diagramm mit einer Umkehrgröße >1 angewendet werden.

1-Box-Umkehrdiagramme folgen zum Teil anderen Regeln, auf die ich aus Platzgründen hier nicht eingehe. Am Ende des Artikels gebe ich dir eine Reihe von Literaturhinweisen, in denen du auch diese Regeln findest.

Unterstützung und Widerstand

Unterstützungs- und Widerstandslinien sind, genau wie bei Balkencharts, waagrechte Linien im Diagramm. Wegen der komprimierten Darstellung treten sie im Point-and-Figure-Chart deutlicher hervor.

Trends und Trendlinien

Subjektive und objektive Trendlinien

Bei herkömmlichen Charttypen (Balken, Kerze) werden Trendlinien so gezeichnet, dass sie von mindestens zwei Punkten getragen werden. Eine Trendlinie im aufsteigenden Trend verbindet markante Tiefpunkte im Chart, eine Abwärtstrendlinie markante Hochs.

Diese Trennlinien werden subjektive Trendlinien genannt. Dabei ist zu beobachten: zeichnen zwei unterschiedliche Trader im selben Chart “ihre” Trendlinien ein, entstehen oft unterschiedliche Chartbilder.

Point-and-Figure-Charts dagegen nutzen objektive Trendlinien, die klaren Regeln folgen. Subjektive Trendlinien finden eigentlich nur in 1-Box- Diagrammen Verwendung. In Diagrammen, in denen die Umkehrgröße >1 ist, sollten sie nur genutzt werden, wenn sie in signifikanter Weise eine große Anzahl Tiefs oder Hochs verbinden.

Konstruktion einer objektiven 45°-Trendlinie

Diese Trendlinien gehen immer von einem markanten Tiefpunkt oder Hochpunkt aus und werden im 45°-Winkel nach rechts gezeichnet. Der Winkel von 45° bedeutet, dass eine Kursumkehr mindesten den Wert einer Boxgröße aufweist.

Eine objektive Trendlinie benötigt keine weiteren Berührungspunkte. An Aussagekraft gewinnt sie trotzdem, wenn weitere Berührungen sie bestätigen.

Eine Aufwärtstrendlinie beginnt in einem markanten Tiefpunkt (‘O’) einer Abwärtssäule und wird im 45°-Winkel nach rechts oben gezeichnet. Alle Säulen oberhalb dieser Trendlinie befinden sich im Aufwärtstrend. Ein Trendbruch kommt zustande, wenn eine fallende Säule diese Linie durchbricht.

Point and Figure Chart mit objektiver 45-Grad-Trendlinie und subjektiver Trendlinie im Vergleich
Abb.6b: Objektive und subjektive Trendlinie im DAX. Die blaue 45-Grad-Linie folgt der Konstruktionsvorschrift, die violette wurde frei durch zwei Tiefs gezogen

Analog hierzu wird eine Abwärtstrendlinie gezeichnet, indem ausgehend vom Hoch einer ‘X’-Säule eine 45°-Linie nach rechts unten gezogen wird. Alle Säulen unterhalb dieser Linie befinden sich im Down-Trend, eine aufsteigende ‘X’-Säule, die die Linie schneidet, führt zum Trendbruch.

Im folgenden DAX-Diagramm sind die objektiven Trendlinien eingezeichnet, die sich aus dieser Vorschrift ergeben. Die Parameter: Boxgröße 200 Punkte, Umkehrgröße 3 Boxen, Datenquelle High/Low. Die Pfeile zeigen auf Säulen, die die jeweilige Trendlinie brechen. Beachte dabei, dass eine Box, die von der Trendlinie durchlaufen wird, keinen Bruch, sondern eine Bestätigung der Linie darstellt.

Point and Figure Chart des DAX mit objektiven 45-Grad-Trendlinien
Abb.7a: DAX mit objektiven 45-Grad-Trendlinien, Boxgröße 200 Punkte, Umkehrgröße 3 Boxen. Blau sind Aufwärts-, violett Abwärtstrendlinien

Die lange blaue Aufwärtslinie links im Chart zeigt, wie tragfähig eine solche Linie sein kann: Sie beginnt am markanten Tief und hält über 36 Säulen, ohne gebrochen zu werden. Erst danach fällt eine O-Säule auf die Linie, und wir müssen mit einem Trendwechsel rechnen.

Nach dem Bruch suchen wir ein markantes Hoch links der brechenden Säule und ziehen von dort die violette Abwärtstrendlinie im 45-Grad-Winkel nach unten.

Analog gehen wir bei jedem Bruch einer Linie vor. Im Chart wechseln sich beide Richtungen mehrfach ab, und man sieht gut, dass die Abwärtslinien in diesem Aufwärtsmarkt deutlich kürzer halten als die Aufwärtslinien.

Interne 45-Grad-Trendlinien

Bei den Linien (b), (e) und (f) fällt auf, dass sich der Kurs rasch von der Linie entfernt. Diese Linien verlieren dadurch zwar nicht ihre Gültigkeit, doch schaut es aus, als würde eine parallel dazu verlaufende Linie frühere Signale auf einen möglichen Trendwechsel generieren.

Es ist daher möglich, sogenannte “interne Trendlinien” zu zeichnen, die parallel zur 45°-Trendlinie verlaufen. 

Point and Figure Chart mit interner Trendlinie parallel zur 45-Grad-Linie
Abb.7b: Interne Trendlinie, parallel zur 45-Grad-Linie nach oben versetzt und damit näher am Kurs

Einschub: Mögliche Probleme der Chartdarstellung in der Chartsoftware

point and figure chart darstellung korrekt
Abb.8: Achte auf die optische Darstellung in deiner Chartsoftware!

Eine Chartsoftware wie TradingView erlaubt eine variable Änderung der x- und y-Achse mit der Maus. Dadurch kannst du diese Verzerrung unbeabsichtigt sehr schnell herbeiführen.

Wie du bei TradingView festlegst, dass die Boxen exakt quadratisch gezeichnet werden, zeigt das folgende Bild:

pf chart Tradingview darstellung
Abb.9: Einstellung der Boxgrößen und exakte Darstellung in TradingView

Kauf- und Verkaufs-Signale im P&F-Diagramm

Wenden wir uns den Handelssignalen zu. Wie bei den Trendlinien gelten auch hier klare, eindeutig erkennbare Regeln.

Außerdem sind alle Signale symmetrisch, das heißt, ein Kaufsignal existiert in gespiegelter Form auch als Verkaufssignal.

Das Grundmuster des einfachen Kaufsignals zeigt eine aufsteigende ‘X’-Säule, die über die vorgehende ‘X’-Säule ansteigt (es muss sich dabei um zwei benachbarte X-Säulen handeln). Die steigende Säule bildet ein „Doppel-Top“, der weitere Anstieg wird als „Doppel-Top-Breakout” bezeichnet.

Ein einfaches Verkaufssignal entsteht, sobald ein ‘O’ unter das tiefste ‘O’ der vorigen Säule gezeichnet werden kann. Man spricht jetzt von einem “Double-Bottom Breakdown”.

Eine Verstärkung erfahren diese Signale, wenn eine weitere Säule auftritt, die das Niveau der ersten erreicht. Der Widerstand bzw. die Unterstützung wird ein weiteres Mal getestet, im dritten „Anlauf“ gelingt dann der Durchbruch. Diesem „Triple-Top-Breakout“ – oder in Verkaufsrichtung „Triple-Bottom-Breakdown“ genannten Signal folgt häufig eine deutliche Kursbewegung in Ausbruchsrichtung.

Eine Kombination dieser beiden Signale stellt ein sehr starkes Signal dar. Einem Triple-Top-Kaufsignal folgt ein weiteres Double-Top-Signal. Dieses Muster wird als “Bullisches Katapult” bezeichnet. Das zweite Kaufsignal, das durch das höhere Double-Top erzeugt wird, kann genutzt werden, um eine bestehende Longposition aufzustocken. 

Voraussetzung ist allerdings, dass die letzte Gegenbewegung (also die letzte ‘O’-Säule) das Tief der vorherigen ‘O’- Säule nicht unterschreitet

Das “Bearische Katapult” stellt das entsprechende Muster in Verkaufsrichtung dar. 

Point and Figure Chart der Microsoft Aktie mit bärischem Katapult nach einem Triple Bottom
Abb.10: Bärisches Katapult in der Microsoft-Aktie. Auf den Triple-Bottom-Breakdown folgt ein Rücksetzer ohne neues Hoch, danach der zweite Ausbruch nach unten

Bei allen Signalen wird ein Stopp-Loss unmittelbar unter bzw. über der Säule platziert, die das Signal generiert hat. Abb.10 fasst diese Grundmuster zusammen.

pointfigure kaufsignale verkaufssignale
Abb.11: Überblick über Point&Figure Kauf- und Verkaufsignale

Ein entstandenes Signal muss jedoch nicht gehandelt werden. Es gibt starke und schwache Signale. Schwache Signale werden nicht gehandelt.

Als schwaches Signal kann ein Signal aufgefasst werden, das der Trendrichtung zuwiderläuft. Vor allem Signale, die innerhalb einer dominanten linken Säule entstehen (also z.B. ein Kaufsignal, das sich auf halber Höhe einer langen unmittelbar vorausgehenden ‘O’-Säule bildet), werden nicht gehandelt, wenn sie nicht durch eine Trendlinie unterstützt werden.

Point and Figure Chart der Rockwell Automation Aktie mit Kauf- und Verkaufssignalen
Abb.12: Kauf- und Verkaufssignale in der Rockwell-Automation-Aktie

Die Abbildung zeigt das Diagramm der Aktie von Rockwell Automation. Zwischen August 2025 und Februar 2026 entstehen mehrere Kaufsignale, drei davon als Triple Top. Der erste Ausbruch im August wird im Oktober durch ein weiteres Double Top im Januar bestätigt.

Mitten in der Aufwärtsbewegung steht ein Triple Bottom, im Chart rot markiert. Das ist ein schwaches Signal: Es läuft der übergeordneten Richtung zuwider, und der Kurs drehte kurz darauf wieder nach oben.

Der Bruch der Aufwärtstrendlinie hat zu diesem Zeitpunkt nicht stattgefunden. Das Signal zu handeln, wäre also nicht korrekt gewesen. Dasselbe gilt für das Triple Top Ende März.

Im Mai entsteht ein bullisches Katapult, welches ein starkes Signal darstellt. 

Weitere Muster in Point-und-Figure-Diagrammen

Dreiecksmuster

Wie in Balken- und Kerzencharts lassen sich auch hier Dreiecksformationen finden. Wir unterscheiden symmetrische sowie steigende und fallende Dreiecke.

dreiecksmuster point figure chart
Abb.13a: Dreiecksmuster im Point-and-Figure-Diagramm

Dreiecksmuster ziehen zwangsläufig einen Ausbruch aus der Formation nach sich. Ein steigendes Dreieck bricht bevorzugt nach oben aus, da der Widerstand mehrfach angetestet wurde. Die Bullen versuchen, die Oberhand am Markt zu gewinnen, die Bären setzen dem immer weniger Widerstand entgegen.

Die zu erwartende Ausbruchsrichtung beim fallenden Dreieck ist dem entsprechend nach unten. 

Ein symmetrisches Dreieck zeigt zunächst keine bevorzugte Ausbruchsrichtung. Käufer und Verkäufer bewegen sich konform. Hier kann der Trader jedoch von einem Ausbruch in Richtung des aktuellen Trends ausgehen. 

Point and Figure Chart der Rheinmetall Aktie mit symmetrischem Dreieck und Ausbruch nach unten
Abb.13b: Symmetrisches Dreieck in der Rheinmetall-Aktie. Der Ausbruch erfolgte nach unten und belegt, dass dieses Muster keine Vorzugsrichtung hat

Hoher Stab und Tiefer Stab

Die beiden Muster können auf eine Trendumkehr hindeuten. Ein Stab ist eine sehr lange Säule, auf die eine ebenfalls deutliche Gegenbewegung folgt. Der Hohe Stab ist eine aufsteigende ‘X’- Säule, der Tiefe Stab das dazu komplementäre Muster in Gegenrichtung.

hoher stab tiefer stab point figure chart
Abb.14: Hoher und Tiefer Stab

Dabei müssen folgende Bedingungen erfüllt sein:

  • der Stab selbst muss mindestens 3 Boxen über den vorherigen Parallelstab hinausragen. Je länger er ist, desto besser.
  • Die Gegenbewegung muss 50% oder mehr der Stablänge ausmachen (s. Abb.: ein Stab von 8 Boxen Länge wird von einer Gegenbewegung von mindestens 4 Boxen begleitet).

Wie lässt sich diese Bewegung deuten? Ich erkläre es am Beispiel des Hohen Stabs: 

Der steile Anstieg deutet auf sehr starke Nachfrage hin. Diese Nachfrage lässt nach, und die Verkäufer übernehmen das Ruder. Es entsteht Verkaufsdruck und kommt zu verstärkten Gewinnmitnahmen. Stäbe können ein erster Hinweis auf einen bevorstehenden Trendwechsel sein, treten jedoch auch häufig bei Fehlausbrüchen auf. Es ist daher Vorsicht geboten.

Kursziele ermitteln

Mit Point-and-Figure-Charts können Einstiegs- und Stopp-Niveaus festgelegt werden. Es lassen sich aber auch Targets (Trading- bzw. Kursziele) bestimmen. Man unterscheidet dabei zwischen der vertikalen und der horizontalen Kurszielbestimmung.

Vertikale Kurszielbestimmung

Ausgangspunkt ist ein relevanter Wendepunkt des Kursverlaufs, also ein Top oder ein Bottom

Vertikales Kursziel einer Aufwärtsbewegung

Vertikale Kursziele werden in zwei Schritten bestimmt: der Einrichtung und der Aktivierung. Bei der Einrichtung wird das Kursziel-Niveau errechnet. Dieses Ziel kann jedoch erst als aktiv betrachtet werden, wenn es durch eine weitere Säule in Zielrichtung bestätigt und somit aktiviert wird.

Schauen wir uns das an einem fiktiven Beispiel an. Die Boxgröße im Diagramm ist 5, die Umkehrgröße 3. Beide Werte sind wichtig!

point figure chart kurszielbestimmung
Abb.15: Vertikale Kurszielbestimmung in einer Aufwärtsbewegung (links) und bei Abwärtsbewegung (rechts)

Einrichtung: Ausgangspunkt ist ein markanter Tiefpunkt im Chart (bei 440 in Spalte 3). Die sich jetzt bildende ‘X’ -Säule (Säule 1 in Spalte 4) muss abgeschlossen sein, es muss sich also bereits eine neue ‘O’-Säule (Spalte 5) ausbilden.

Es wird nun die Länge dieser Säule bestimmt (nennen wir sie ‘Zählsäule’): 4

Als zweiten Wert brauchen wir das Tief der Ausgangssäule, also das letzte ‘O’. Es liegt bei 440 und heißt ‘Bottom’.

Zusammen mit der Boxgröße und der Umkehrgröße berechnet sich das Tradingziel jetzt zu:

Target = (Länge_der_Zählsäule X Boxgröße X Umkehrgröße) + Bottom

Mit den Werten: Target = (4 x 5 x 3) + 440 = 500

Aktivierung: Das Tradingziel bei 500 kann aber erst dann als aktiv betrachtet werden, wenn ein Bruch über dem höchsten X in der Zählspalte (4) stattgefunden hat, sich rechts davon als eine neue ‘X’-Säule bildet, die diese Säule überragt (und folglich ein Double-Top-Breakout bildet). Dies ist mit der Ausbildung der Säule 2 in Spalte 6 der Fall.

Ein Kursziel lässt sich also berechnen. Solange es nicht aktiviert ist, taugt es aber nicht als Grundlage für einen Trade. Erst ein Double-Top-Kaufsignal bestätigt das Target.

Vertikales Kursziel einer Abwärtsbewegung
Die Bestimmung läuft analog zur Bestimmung der Aufwärtssäule. Betrachten wir das rechte Beispiel in Abb.15.

Wir bestimmen ein signifikantes Top im Chart. Es liegt hier in der Spalte 3 bei 530.

Die folgende Zählsäule muss wiederum abgeschlossen sein. Ihre Länge beträgt jetzt 6

Die Formel zur Berechnung des Targets lautet jetzt:

Target = Top – (Länge_der_Zählsäule x Boxgröße x Umkehrgröße)

oder mit Werten: 530 – (6 x 5 x 3) = 440

Das Kursziel bei 440 ist noch nicht aktiviert. Aktiv wird es erst in der übernächsten ‘O’-Säule mit dem Ausbruch unter die Zählsäule, hier in Form des Triple-Bottom-Breakdown.

Wann sollte die Aktivierung erfolgen?

Idealerweise erfolgt die Aktivierung einer Aufwärtszählung oder Abwärtszählung mit der nächsten Spalte von ‘X’ (oder ‘O’) nach der Einführungsspalte erfolgen. Wenn dies nicht der Fall ist, muss die Aktivierung innerhalb desselben Musters erfolgen. Je länger die Aktivierung dauert, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Ziel gültig ist

Horizontale Kurszielbestimmung

Die horizontale Kurszielbestimmung gründet sich auf Stauzonen (“congestion areas”) im Chart. Stauzonen sind Bereiche, in denen die Säulen über eine längere Distanz eine seitliche Fläche abdecken. Eine solche Zone wird durch zwei signifikante Säulen begrenzt, die den Eintritt in die Stauzone und den Ausbruch daraus markieren. 

Das gesamte Muster ähnelt bei einer Aufwärtsbewegung also einem ‘U’ oder ‘V’ (manchmal einem W). Den Eintritt bildet eine tiefe ‘O’-Säule, den Austritt eine lange ‘X’-Säule.

Bei der Abwärtsbewegung ist das Muster gespiegelt: eine ‘X’-Säule als Start, eine ‘O’-Säule als Abschluss.

Zur Berechnung des Kursziels ermittelt man die Breite der Stauzone (inklusive der beiden begrenzenden Säulen) und den tiefsten (“Low”) bzw. höchsten Punkt (“High”) innerhalb der Zone.

Die Formeln lauten dann:

Aufwärtsbewegung: Target = (Breite x Boxgröße x Umkehrgröße) + Low

und

Abwärtsbewegung: Target = High – (Breite x Boxgröße x Umkehrgröße)

Zur Verdeutlichung das Diagramm in Abb.16. Eingezeichnet sind vier Stauzonen. Die Boxgröße beträgt wieder 5, die Umkehrgröße 3.

pfchart horizontale kurszielbestimmung
Abb.16: P&F-Diagramm mit 4 eingezeichneten Zonen zur horizontalen Kurszielbestimmung

Die einzelnen Kursziele errechnen sich zu:

① ( 6 x 5 x 3) + 455 = 545

② (10 x 5 x 3) + 455 = 605

③ (12 x 5 x 3) + 455 = 635

④ (6 x 5 x 3) + 500 = 590

Horizontale Kursziele müssen nicht aktiviert werden. Zu den Targets gehören noch ein paar weitere Regeln:

Kursziele haben kein “Ablaufdatum”. Da diese Chartform keine Zeitachse aufweist, kann auch nicht festgelegt werden, wann ein Kursziel erreicht wird. 

Daraus folgt, dass das nähere Target Vorrang vor einem weiter entfernten hat. 

Der Blick auf Abb.16 macht es deutlich: Wird das Target bei 590 nicht erreicht, ist es müßig, über die Ziele bei 605 oder 635 nachzudenken.

Ein Kursziel einer Aufwärtsbewegung verliert seine Gültigkeit, wenn der Preis unter das Tief der auslösenden Säule fällt.
In Abb.15 links würde das ermittelte Ziel also ungültig, wenn der Preis unter 440 fällt, in Abb.16 verlieren die Ziele ① – ③ ihre Gültigkeit, falls der Kurs unter 455 notieren sollte. Entsprechendes gilt für Kursziele in Abwärtsbewegungen. 

Zur Vervollständigung eine schematische Darstellung der Tradingziele bei Abwärtsbewegungen:

horizontale kurszielbestimmung abwaertstrend pf chart
Abb.17: Horizontale Kurszielbestimmung in Abwärtsbewegungen

Die Kursziele beruhen auf objektiven, nachvollziehbaren Regeln. Diese Regeln lassen sich in Algorithmen umformen, die in mechanischen Handelssystemen Verwendung finden.

Moving Average: der Gleitende Durchschnitt

Der Gleitende Durchschnitt (Moving Average) eines zeitbasierten Diagramms wie z.B. einem Balkenchart ist der Durchschnitt der n letzten Preise. Hierzu addiert man beispielsweise die Schlusskurse der 10 letzten Handelstage (n=10) und teilt das Ergebnis durch n.

Ein Point-and-Figure-Chart hat keinen Zeitbezug. Entlang der x-Achse stehen nicht Tage oder Wochen, sondern alternierende Säulen. Dementsprechend stellt ein Moving Average des Diagramms auch nicht den Durchschnitt von Kursdaten dar, sondern den von Säulengrößen.

Damit stellt sich die Frage, worauf sich der Durchschnitt überhaupt bezieht. Bei zeitbasierten Charts ist das meist der Schlusskurs eines Tages oder einer Woche.

Bei Point-and-Figure-Diagrammen ist es der Mittelpunkt einer Säule, berechnet aus 

(Low + High) / 2

Ein Moving Average der Länge 1 verbindet also die Mittelpunkte der Säulen miteinander:

Point and Figure Chart des DAX mit Moving Average der Länge 1 durch die Säulenmittelpunkte
Abb.18: DAX im Point-and-Figure-Chart mit Moving Average der Länge 1

Entsprechend zeigt der MA10 den Durchschnitt der mittleren Werte der letzten 10 Säulen:

Point and Figure Chart des DAX mit Moving Average der Länge 10
Abb.19: Derselbe Chart mit Moving Average der Länge 10

WICHTIG:

Entscheidend ist, dass ein Moving Average bei Point-and-Figure-Charts nicht aus den Rohdaten der Kurse, sondern aus den daraus konstruierten ‘X’- und ‘O’-Säulen ermittelt wird. Es ist also immer notwendig, zuerst das Diagramm zu erstellen, aus dem dann der MA ermittelt wird.

Viele Chartprogramme berechnen den MA weiterhin aus den Rohkursen, TradingView eingeschlossen. Diese gleitenden Durchschnitte sind für P&F-Diagramme unbrauchbar. Zur Kontrolle hilft ein einfacher Test: lass die Software einen MA der Länge 1 zeichnen. Verbindet er tatsächlich die Mittelpunkte der Säulen?

Technische Analyse mit Moving Averages

Moving Averages lassen sich ergänzend zu den 45-Grad-Trendlinien für die Trendbestimmung nutzen. Bei der Annahme von Trendwechseln ist allerdings Vorsicht geboten.

Im Balkenchart gilt die Faustregel: Liegt ein Kurs über dem gleitenden Durchschnitt, ist der Trend aufwärts gerichtet. Liegt er darunter, ist der Trend abwärts gerichtet. Der Kurs, der den gleitenden Durchschnitt kreuzt, deutet an, wo sich der Trend ändert.

Bei zeitbasierten Diagrammen wird ein Durchbruch durch den MA häufig als Kauf- oder Verkaufssignal gewertet. Das ist bei Point-and-Figure-Diagrammen aufgrund der Art, wie gleitende Durchschnitte berechnet werden, nicht möglich.

Du siehst, dass, abhängig von der Länge des MAs, viele Säulen die Durchschnittslinie kreuzen, ohne dass ein Trendwechsel vorliegt. Es kann sich fast jedes Mal, wenn es einen Säulenwechsel gibt, das letzte X jeder Säule über und das letzte O unter dem gleitenden Durchschnitt liegen (vgl. Abb.18).

Dennoch gibt es Methoden, gleitende Durchschnitte für die Erkennung von Kauf- und Verkaufsignalen zu nutzen. Eine davon will ich vorstellen:

Eine Point-and-Figure-Säule kreuzt den gleitenden Durchschnitt, wenn der Mittelpunkt einer Box über oder unter der Durchschnittslinie liegt.

Befinden sich jetzt zwei Boxen von nebeneinander liegenden ‘X’-Säulen über der Durchschnittslinie, bilden sie ein Double-Top. Analoges gilt für fallende ‘O’-Säulen.

double top double bottom signal moving average
Abb.20: Double-Top Kaufsignal und Double-Bottom Verkaufsignal am Moving Average

Die Methode nutzt die Durchdringung des gleitenden Durchschnitts zunächst nur als Warnsignal. Gehandelt wird erst beim nächsten regulären Point-and-Figure-Signal.

Dabei musst du bedenken, dass die nächste Spalte den MA in Gegenrichtung kreuzen und das erste Signal damit wieder aufheben kann. Es ist also stets eine weitere Kreuzung mit Ausbildung eines Kauf- bzw. Verkaufssignals notwendig.

Point and Figure Chart des DAX mit Kauf- und Verkaufssignalen am Moving Average
Abb.21: Kauf- und Verkaufssignale am Moving Average. Gewertet wird nur ein Double Top oberhalb beziehungsweise ein Double Bottom unterhalb der Linie

Abb.21 zeigt ein Anwendungsbeispiel im DAX. Kreuzt eine Säule den MA, ist das zunächst nur ein Warnsignal. Erst wenn die übernächste X-Säule oberhalb der Linie ein Double Top bildet und darüber ausbricht, entsteht daraus ein Kaufsignal.

Umgekehrt entsteht ein Verkaufssignal nur dann, wenn ein Double Bottom unterhalb der Linie liegt. Im Chart wechseln sich beide Fälle in kurzem Abstand ab.

Genau darin liegt die Schwäche der Methode: In einer Seitwärtsphase folgen Kauf- und Verkaufssignal so dicht aufeinander, dass sie sich gegenseitig aufheben. Ignoriert werden alle Signale auf der falschen Seite der Linie.

On Price Volume: Volumen auf Point-and-Figure

Point-and-Figure-Charts können auch das Handelsvolumen darstellen. Wie gewohnt lässt es sich in Säulenform unter dem Chart auftragen. In diesem Fall wird das gesamte Handelsvolumen der jeweiligen ‘X’- oder ‘O’-Säule addiert dargestellt. 

Das Volumen eines einzelnen Handelstages lässt sich dabei allerdings nicht bestimmen. Eine interessante Information, die diese Charts bieten, ist jedoch das Volumen auf einem bestimmten Preisniveau.

Dieses “On-Price-Volume” wird waagerecht dargestellt, es wird das Volumen aller ‘X’- und aller ‘O’-Boxen auf diesem Niveau aufgezeigt:

Point and Figure Chart der AMD Aktie mit On-Price-Volume je Preisniveau
Abb.22: On-Price-Volume in der AMD-Aktie. Die blauen Balken zeigen, wie viel Volumen auf jedem Preisniveau gehandelt wurde

On Price Volume als aussagekräftiger Indikator

Je höher das Volumen auf einem Niveau, desto größer das Interesse der Händler an diesem Preis. Hohe Aktivität heißt, dass in beide Richtungen gehandelt wird: die Käufer gehen davon aus, dass der Preis steigen wird, die Verkäufer erwarten, dass er fallen wird.

Fällt der Kurs von einem Niveau mit hohem Volumen weg, entsteht dort ein Angebotsüberhang. Das Niveau wirkt danach als Widerstand. Käufer, die auf diesem Niveau gekauft haben, wollen glattstellen, wenn der Kurs wieder auf dieses Niveau zurückkommt. Verkäufer, die von ihren Leerverkäufen profitiert haben, suchen hier eine weitere Gelegenheit zum Shorten. 

Durchbricht der Kurs dieses Widerstandsniveau später wieder, ist die neue Nachfrage stark genug, um den Angebotsüberhang aufzulösen. Ein bullisches Zeichen.

Steigt der Kurs dagegen von einem Niveau mit hohem Volumen weg, wirkt dieses Niveau als Unterstützung. Verkäufer, die auf der falschen Seite des Marktes erwischt wurden, möchten ihre Short-Positionen gern auf diesem Niveau glattstellen und Käufer suchen hier nach einer weiteren Kaufgelegenheit. 

Sackt der Kurs später unter dieses Niveau, ist die Nachfrage dort aufgebraucht

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Renko und Kagi: Zwei Chart-Alternativen ohne Zeitachse

Abschließend noch der kurze Blick auf zwei weitere Vertreter dieser “Zeit-losen” Charttechnik. Neben Point-and-Figure-Charts gibt es weitere “Exoten”, die ohne lineare Zeitachse auskommen. Zwei davon, den Renko und den Kagi-Chart will ich kurz vorstellen.

Beide Charttypen entstanden im Japan des 19. Jahrhunderts und haben in Konstruktion und Informationsgehalt große Ähnlichkeit mit dem Point-and-Figure-Chart. Im Aussehen unterscheiden sie sich, doch wenn man sich einmal an die Optik gewöhnt hat, lässt sich das Wissen über Point-and-Figure ziemlich nahtlos übertragen.

Die folgenden drei Charts zeigen denselben Kursverlauf (Advanced Micro Devices, AMD) als Point-and-Figure-, Renko- und Kagi-Chart (Hinweis: die Markierungen an der x-Achse stellen Zeitpunkte der Prämien- und Dividendenzahlungen dar und sind für unsere Betrachtung irrelevant).

Point and Figure Chart der AMD Aktie mit Boxgröße 20 Dollar und Umkehrgröße 3 Boxen
Abb.23a: AMD im Point-and-Figure-Chart, Boxgröße 20 Dollar, Umkehrgröße 3 Boxen

Renko-Charts schnell erklärt

Renko kommt vom japanischen Wort „renga“, deutsch Ziegelstein. Der Blick auf einen Renko-Chart erklärt den Namen:

Renko Chart der AMD Aktie mit Ziegelgröße 20 Dollar
Abb.23b: AMD im Renko-Chart, Ziegelgröße 20 Dollar, derselbe Kursverlauf

Renko-Charts werden aus Ziegeln, engl. “bricks”, konstruiert. Die Brick-Größe ist dabei der ausschlaggebende Faktor, ähnlich der Boxgröße im Point-and-Figure-Diagramm. Die Ziegel werden nicht übereinander gestapelt wie die Boxen im Point-and-Figure, sondern diagonal im 45° Winkel angesetzt. Es dürfen nie zwei Ziegel unmittelbar nebeneinander liegen, so dass die Umkehrgröße automatisch festgelegt ist. 

Ein neuer Ziegel entsteht erst, wenn der Kurs ihn komplett ausfüllt. Ein Beispiel mit Zahlen:

Nehmen wir eine Brickgröße von 5 an, der Kurs liegt genau bei 50. Der Ziegel zwischen 45 und 50 ist gefüllt. Der Ziegel von 50 bis 55 wird dann gefüllt, wenn der Kurs auf 55.0 oder darüber steigt. Klettert der Kurs z.B. auf 54, wird noch kein neuer Ziegel gezeichnet. Es wird also immer der Ziegel gefüllt, den der Kurs “durchlaufen” hat.

Umgekehrt würde der Ziegel von 40-45 erst gezeichnet, wenn der Kurs unter 40 abfällt.

Maßgeblich sind die Werte, die bei Ablauf des gewählten Zeitintervalls vorliegen, bei einem Tagesintervall also die End-Of-Day-Kurse. Intraday-Kurse, die eventuell die Zeichnung eines Bricks ermöglicht hätten, werden dann als “Docht” des aktuellen Ziegels angetragen (vgl. Abb. 23b).

In Abb.23b sind mehrere Widerstands- und Unterstützungslinien gezeichnet. Ihr Durchbruch gilt als Kauf- oder Verkaufssignal. Außerdem habe ich drei klassische Kaufsignale (‘B’) und ein Verkaufssignal (‘S’) markiert. Diese Signale kann man mit Korrekturen nach Markttechnik vergleichen.

Auch der Durchbruch der Linie (A) und der anschließende Abprall des Kurses ist ein klassisches Kaufsignal (Aufgabe: Vergleiche die Signale mit den Mustern im Point-and-Figure-Chart).

Kagi-Charts kurz betrachtet

Die zweite Chartform in diesem Zusammenhang sind die Kagi-Charts. Wie Renko-Charts wurden sie in Japan Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt, um die Preisentwicklung an den Reismärkten zu visualisieren.

Sie verwenden eine Reihe von vertikalen Linien, um das allgemeine Niveau von Angebot und Nachfrage zu veranschaulichen. Steigt die Nachfrage und der Preis überschreitet das vorherige Hoch, wird eine dicke (in farbigen Darstellungen grüne) Linie gezeichnet

Wenn der Preis bei sinkender Nachfrage unter das vorherige Tief fällt, ändert sich die Linie auf rot (bzw. wird als dünne Linie gezeichnet). Die Darstellung ist wiederum zeitunabhängig, nur der Preis entscheidet über die Umkehr, die vertikalen Linien werden parallel gezeichnet.

Abb.23c zeigt den Kurs der AMD-Aktie als Kagi-Chart, mit exakt denselben Grundeinstellungen wie in den beiden vorherigen Abbildungen:

Kagi Chart der AMD Aktie mit Umkehrschwelle 20 Dollar
Abb.23c: AMD im Kagi-Chart mit Umkehrschwelle 20 Dollar

Wie die Boxgröße bei Point and Figure oder die Brick-Größe bei Renko wird auch hier ein Mindestwert für die Umkehr festgelegt. Er bestimmt die Sensibilität des Diagramms. In Abb. 23c liegt dieser Wert bei 20 Dollar. Die folgende Abbildung zeigt denselben Wert mit einer feineren Schwelle von 10 Dollar:

Kagi Chart der AMD Aktie mit Umkehrschwelle 10 Dollar und häufigen Farbwechseln
Abb.23d: AMD im Kagi-Chart mit Umkehrschwelle 10 Dollar. Die feinere Schwelle erzeugt deutlich mehr Farbwechsel

In einem Kagi-Diagramm heißen die Hochs Schultern („shoulders“) und die Tiefs Taillen („waists“). Steigende Schultern signalisieren einen steigenden Markt und eine Kaufgelegenheit, fallende Taillen weisen auf einen Abwärtstrend hin. Ein Einstiegs-Signal wird ausgelöst, wenn die vertikale Linie von rot zu grün wechselt, und wird erst wieder umgekehrt, wenn die grüne Linie wieder rot wird. 

Wie bei jedem anderen Diagramm müssen diese Signale durch weitere technische Kriterien gefiltert werden. Bei jedem Grün-Rot-Wechsel zu kaufen oder zu verkaufen, wird schnell ein teures Spiel.

Zum Abschluss dieses Kapitels noch der Point-and-Figure-Chart des WTI-CrudeOil Futures (CL); dargestellt ist der Tageskurs in der High/Low-Darstellung über fünf Jahre, Boxgröße 3 Dollar, Umkehrgröße 3 Boxen. Gut zu sehen ist, wie der Chart die langen Seitwärtsphasen zusammenzieht und die wenigen echten Bewegungen stehen lässt.

Point and Figure Chart von WTI-Rohöl mit Boxgröße 3 Dollar und Umkehrgröße 3 Boxen
Abb.24: WTI-Rohöl im Point-and-Figure-Chart, Boxgröße 3 Dollar, Umkehrgröße 3 Boxen

Point-and-Figure-Charts kostenlos erstellen: diese Anbieter gibt es

Der praktische Haken an diesem Charttyp: Er steht in den Standardeinstellungen der meisten Handelsplattformen nicht zur Auswahl. Die Charts von Hand auf kariertes Papier zu zeichnen, wie das zu Beginn meiner Zeit an der Börse üblich war, muss heute niemand mehr. Es gibt drei Wege, die ohne Abo funktionieren.

Point-and-Figure-Charts lassen sich kostenlos bei StockCharts.com, TradingView und Investing.com erstellen. Bei allen dreien werden Boxgröße und Umkehrgröße frei eingestellt, TradingView berechnet die Boxgröße auf Wunsch zusätzlich über den ATR-Indikator.

  • StockCharts.com: Die frei zugängliche Chartansicht öffnet P&F ohne Anmeldung. Sie zeichnet die 45-Grad-Trendlinien automatisch ein und beherrscht das On-Price-Volume, das weiter oben im Artikel gezeigt wird.
  • TradingView: Point and Figure liegt im Chart-Typ-Menü der Supercharts. Einstellbar sind Boxgröße (fester Wert, Prozent vom letzten Kurs oder ATR mit Standardlänge 14), Umkehrbetrag und die Datenquelle. Mehr dazu im Test von TradingView.
  • Investing.com: Die Chartseite von Investing.com bringt P&F ebenfalls mit. Die Abbildungen zum Moving Average in diesem Artikel stammen von dort.

Eine Einschränkung solltest du kennen, bevor du loslegst: Viele Programme berechnen den gleitenden Durchschnitt weiterhin aus den Rohkursen statt aus den Säulen des Diagramms. Für Point-and-Figure ist ein solcher MA unbrauchbar. Der Test dafür steht im Abschnitt zum Moving Average. Wer eine Desktop-Lösung sucht, findet Point and Figure außerdem in mehreren Programmen aus unserem Überblick zur Trading-Software.

Vertiefung und Weiterlesen

Damit ist der Werkzeugkasten beisammen. Die komprimierte Darstellung ohne Zeitbezug ergänzt die technische Analyse um eine zweite Perspektive. Vor allem bei mittel- und langfristigen Handelsansätzen ist es möglich, im Zusammenspiel mit anderen Charttechniken Signale vorzufiltern oder zu bestätigen.

Dieser Artikel sollte einen Einstieg in Technik und Philosophie dieser Charts geben. Natürlich kann das nur ein erster Kontakt sein, wie bei anderen Charttechniken auch. Wenn du neugierig geworden bist, hier eine Reihe von Publikationen, die das Thema vertiefen (und mir als Quelle dienen konnten):

Jeremy du Plessis: The Definitive Guide to Point and Figure. 2. edition, Harriman House Publishing, Petersfield, 2012: das Standardwerk zu Point-and-Figure-Charts

Jeremy du Plessis: 21st Century Point and Figure. 1. edition, Harriman House Ltd, 2015: die Vertiefung des “Definitive Guide”

Prashant Shah: Trading the Markets the Point & Figure Way. Notion Press, Chennai, India, 2018

Zieg, Kermit C.: Point & Figure Commodity & Stock Trading Techniques. Traders Press, Greenville, 1997

Scholl Reinhard: Point & Figure. 2. Auflage, FinanzBuch Verlag, München, 2021

Die Charts in diesem Artikel wurden, sofern nicht anders angegeben, mit TradingView erstellt. Die übrigen Abbildungen stammen von StockCharts.com und Investing.com, jeweils in der Bildunterschrift ausgewiesen.

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Fazit: für wen sich Point-and-Figure-Charts lohnen

Point-and-Figure-Charts sind kein Ersatz für den Kerzenchart, sondern ein Filter. Sie beantworten eine einzige Frage besonders sauber: Wo liegen die Niveaus, an denen sich Angebot und Nachfrage tatsächlich entschieden haben? Alles, was der Markt zwischendurch an Zappeln produziert, fällt aus dem Bild heraus. Genau deshalb habe ich in den 80er-Jahren einen eigenen Chartdienst für diesen Charttyp herausgegeben, und deshalb liegt er bei mir bis heute neben dem normalen Chart.

Für Swingtrader und langfristig orientierte Anleger sehe ich den größten Nutzen in der Vorfilterung. Eine Watchlist mit dreißig Werten lässt sich im Point-and-Figure-Chart schneller durchsehen als im Kerzenchart, weil Ausbruch und Trendbruch sofort ins Auge fallen. Was der Chart nicht leistet: Er sagt nichts über Timing. Wann ein Signal entstanden ist und wie lange die Bewegung gedauert hat, muss der zeitbasierte Chart liefern.

Mein Rat für den Einstieg: Nimm einen Markt, den du gut kennst, stelle die Boxgröße nach der Tabelle weiter oben ein und lasse die Umkehrgröße zunächst auf 3 Boxen. Zeichne die 45-Grad-Trendlinien ein und vergleiche die Signale mit deinem gewohnten Chart. Nach zwei, drei Wochen siehst du selbst, ob dir die Darstellung etwas bringt. Wenn dir die Signale zu spät kommen, ist das kein Fehler der Methode, sondern ein Hinweis darauf, dass dein Handelshorizont kürzer ist als der, für den dieser Chart gebaut wurde.

Häufige Fragen zu Point & Figure Charts

Eignen sich Point-and-Figure-Charts auch für Daytrader?

Nein. Dieser Charttyp fasst minimale Kursschwankungen in einer Box zusammen und ist damit kein Daytrading-Werkzeug. Dadurch filtert er das für den Kurzfrist-Trader interessante Kursrauschen heraus. Seine Vorteile spielt er im mittel- bis langfristigen Zeitsegment aus.

Haben Point-and-Figure-Trendlinien immer 45° Steigung oder Gefälle? Warum?

Die 45-Grad-Trendlinie heißt „objektive Trendlinie“. Der 45° Winkel erklärt sich aus der Konstruktionsvorschrift für Point-and-Figure-Diagramme: es können nie zwei Boxen (‘X’ und ‘O’) auf gleicher Höhe auftreten. Stellt man sich den Chart auf kariertem Papier vor, liegt die erste Box der entstehenden neuen Säule diagonal über oder unter der letzten Box der aktuellen, bei korrekten quadratischen Kästchen also im 45° Winkel daneben.
Es ist auch erlaubt, „subjektive Trendlinien“ zu zeichnen, die keinen 45° Winkel aufweisen. Diese müssen allerdings signifikant sein, also von einer größeren Zahl von Boxen bestätigt werden.

Deuten lange oder häufig wechselnde Säulen auf volatile, aktive Märkte hin?

Nein. Eine lange Säule zeigt nur eine große Preisspanne an. In welchen zeitlichen Rahmen sich diese Säule gebildet hat, geht aus dem Chart nicht direkt hervor. Alternierende Säulen zeigen einen Wechsel von Käufer- und Verkäufermarkt innerhalb einer bestimmten Preisrange. Aber auch hier geht nicht aus dem Chart hervor, wie aktiv dieser Wechsel stattfindet.

Welchen großen Vorteil bieten Point-and-Figure-Charts für mein Trading?

Für den mittel- bis langfristig orientierten Trader haben Point-and-Figure-Charts zwei wesentliche Vorteile:
Ihre komprimierte Darstellung erlaubt den Blick auf das “Große Ganze”. Du kannst den Kursverlauf eines Trading-Assets über einen langen Zeitraum verfolgen und Widerstände, Unterstützungsregionen sowie Preisextremas rasch erfassen.
Du kannst Chartmuster und daraus entstehende Handelssignale schneller erkennen. Das erlaubt dir, Chartverläufe vorzufiltern oder Signale, die in anderen Charts entstanden sind, auf ihre Relevanz hin zu überprüfen.
Point-and-Figure-Charts können eine sinnvolle Ergänzung für deine technische Analyse darstellen. Als alleinstehendes Planungstool würde ich sie nicht empfehlen.

Wo bekomme ich kostenlose Point-and-Figure-Charts?

Kostenlos gibt es Point-and-Figure-Charts bei StockCharts.com, TradingView und Investing.com. StockCharts zeigt die Charts ohne Anmeldung und zeichnet die 45-Grad-Trendlinien automatisch ein. Bei TradingView liegt der Charttyp im Auswahlmenü der Supercharts, dort lässt sich die Boxgröße auch über den ATR-Indikator berechnen.

Was ist der Unterschied zwischen Point-and-Figure- und Renko-Charts?

Beide Charttypen kommen ohne Zeitachse aus, unterscheiden sich aber in der Konstruktion. Der Point-and-Figure-Chart stapelt X und O in Säulen übereinander und braucht für eine Umkehr die volle Umkehrgröße, üblich sind drei Boxen. Der Renko-Chart setzt seine Ziegel diagonal im 45-Grad-Winkel an, dadurch liegt seine Umkehrgröße konstruktionsbedingt bei einem Ziegel. Renko reagiert also früher, Point and Figure filtert stärker.

Über den Autor: Karsten Kagels

Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer von Kagels Trading. Er handelt seit 1978 an den Märkten, und zwar diskretionär nach Price Action, nicht nach mechanischen Systemen. Seine Schwerpunkte sind Forex, Aktienindizes, Rohstoffe und Zinsmärkte.

In den 80er-Jahren gab er den ersten Point-and-Figure-Chartdienst im deutschsprachigen Raum heraus, einen reinen Chartdienst ohne Handelsempfehlungen. Er übersetzte die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter und war über 17 Jahre Repräsentant von Joe Ross in Deutschland, dessen zehn Bücher er übersetzte und verlegte. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.

Für dieses Thema bringt er die Praxis von beiden Seiten mit: die Zeit, in der Point-and-Figure-Charts noch Handarbeit waren, und die heutige Arbeit mit Chartsoftware. Die Beispiele in diesem Artikel stammen aus seiner eigenen Anwendung des Charttyps.

Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.

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