Backwardation im Trading: Wie du die inverse Terminkurve erkennst und profitabel nutzt

Zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2026

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24 Min

Christian Möhrer

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An den Futuresmärkten gilt eine einfache Grundregel: Je später die Lieferung, desto teurer der Kontrakt. Lagerung kostet schließlich Geld. Doch immer wieder dreht sich dieses Bild komplett um. Der sofort lieferbare Rohstoff kostet dann mehr als jeder Future auf ihn. Trader nennen diese Situation Backwardation. Sie gehört zu den aufschlussreichsten Signalen, die dir eine Terminkurve liefern kann.

Für dich als Futures-Trader ist Backwardation weit mehr als eine Kuriosität. Sie entscheidet darüber, ob du beim Rollen deiner Position, also beim Wechsel vom auslaufenden in den nächsten Kontrakt, Geld gewinnst oder verlierst. Long-Trader kassieren in Backwardation Rollgewinne, Short-Trader zahlen drauf. Auch wer Rohstoff-ETCs im Depot hält, spürt den Effekt in seiner Rendite, oft ohne es zu wissen.

In diesem Guide zeige ich dir, wie Backwardation entsteht, wie du sie an der Terminkurve erkennst und wie du sie konkret handelst: vom richtigen Rollen über Spread-Trades bis zum WTI-Ölmarkt im Jahr 2026, der gerade ein Lehrbuchbeispiel liefert. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.

Backwardation: das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Backwardation bedeutet: Der Spotpreis eines Rohstoffs liegt über den Futures-Kursen, und nahe Kontrakte notieren teurer als ferne. Sie ist das Gegenteil von Contango.
  • Hauptursache ist eine tatsächliche oder erwartete Verknappung des Angebots, etwa durch Missernten, geopolitische Konflikte oder Förderkürzungen.
  • Long-Positionen erzielen beim Rollen in den billigeren Folgekontrakt Rollgewinne. Short-Positionen erleiden spiegelbildlich Rollverluste.
  • Aktuelles Beispiel: Nach dem Angebotsschock vom Frühjahr 2026 rutschte die WTI-Terminkurve in eine extreme Backwardation. Ferne Kontrakte notierten zeitweise bis zu 40 Dollar unter den nahen.

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Was ist Backwardation?

Backwardation ist eine Situation am Terminmarkt, in der der Spotpreis eines Rohstoffs über den Kursen der Futures liegt. Nahe Kontrakte notieren dabei teurer als später fällige.

Der Begriff beschreibt zwei Blickwinkel auf dasselbe Phänomen. Erstens: Der physische Rohstoff am Kassamarkt, auch Spot- oder Cashmarkt genannt, kostet mehr als die Futures auf ihn. Zweitens: Innerhalb der Terminkurve notiert der Frontkontrakt, also der aktuell nächstfällige Kontrakt, über den Folgekontrakten. Je weiter die Fälligkeit entfernt, desto billiger der Kontrakt.

Backwardation tritt vor allem bei lagerfähigen Rohstoffen auf: bei Agrarprodukten, Metallen und Energierohstoffen. Wie Terminmärkte grundsätzlich funktionieren, liest du im Guide Was sind Futures und wie handelst du sie.

Wie das im Chart aussieht, zeigt der Kaffeemarkt des Jahres 2023. Der Spotpreis (graue Fläche) notierte fast das ganze Jahr über den Kursen der einzelnen Coffee-Futures:

Backwardation im Kaffeemarkt: Spotpreis notiert über den Coffee-Futures (2023)
Backwardation im Kaffeemarkt 2023: Der Spotpreis (graue Fläche) liegt über den Kursen der Coffee-Futures. Erst Ende Mai bricht der Julikontrakt aus der Backwardation aus.

Normal Backwardation: Was Keynes damit meinte

Normal Backwardation bezeichnet nach John Maynard Keynes die Theorie, dass Futures-Preise unter dem erwarteten Spotpreis liegen, weil Absicherer den Spekulanten eine Risikoprämie zahlen.

Der Ökonom John Maynard Keynes lieferte in den 1930er Jahren eine Erklärung, warum Futures strukturell zu billig sein könnten: Produzenten wollen ihr Preisrisiko loswerden und verkaufen Terminkontrakte auch mit Abschlag. Spekulanten übernehmen dieses Risiko nur, wenn sie im Schnitt einen Gewinn erwarten dürfen. Dieser Abschlag ist ihre Risikoprämie.

Verwechsle die beiden Begriffe nicht: Normal Backwardation ist ein theoretisches Konzept über den erwarteten künftigen Spotpreis. Die einfache Backwardation aus diesem Artikel beschreibt dagegen eine direkt beobachtbare Preisstruktur zwischen Spotmarkt und Terminkurve. Empirisch ist die Keynes-These bis heute umstritten: Nicht jeder Markt zahlt Spekulanten dauerhaft eine Prämie. Eine kompakte Begriffsabgrenzung liefert das Gabler Banklexikon.

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Backwardation vs. Contango: der Unterschied

Contango ist die entgegengesetzte Marktsituation: Futures notieren umso teurer, je später ihr Liefertermin liegt, und der Spotpreis liegt unter den Terminkursen.

Contango ist bei lagerfähigen Rohstoffen der logische Normalzustand. Wer einen Rohstoff erst in sechs Monaten liefert, muss ihn bis dahin lagern, versichern und das gebundene Kapital finanzieren. Diesen Aufschlag preisen die Futures ein. Der ältere Name für Contango lautet deshalb Forwardation, was den Gegenbegriff Backwardation verständlicher macht.

Cost of Carry sind die Gesamtkosten für Lagerung, Versicherung, Schwund und Kapitalbindung eines Rohstoffs bis zum Liefertermin.

Am schnellsten unterscheidest du beide Situationen an der Form der Terminkurve. Sie steigt in Contango an und fällt in Backwardation ab. Die beiden folgenden Charts zeigen das im direkten Vergleich: die Corn-Mini-Futures in Contango und die Heating-Oil-Futures in Backwardation.

Die Terminkurve (Forwardkurve) bildet die Preise aller handelbaren Futures-Kontrakte eines Marktes nach ihrer Fälligkeit geordnet ab.

Contango-Terminkurve am Beispiel der Corn-Mini-Futures
Die Forwardkurve der Corn-Mini-Futures steigt an: Der Markt notiert in Contango.
Backwardation-Terminkurve am Beispiel der Heating-Oil-Futures
Die Forwardkurve der Heating-Oil-Futures fällt ab: Der Markt notiert in Backwardation.

Die wichtigsten Unterschiede im Überblick:

AspektContangoBackwardation
Spotpreis vs. FuturesSpotpreis liegt unter den Futures-KursenSpotpreis liegt über den Futures-Kursen
Nahe vs. ferne KontrakteFerne Kontrakte sind teurerFerne Kontrakte sind billiger
HauptursacheCost of Carry: Lagerkosten, Zins, SchwundTatsächliche oder erwartete Verknappung des Angebots
Kommerzielle HändlerAbnehmer sichern sich gegen steigende Preise abErzeuger verkaufen Lagerbestände teuer am Spotmarkt
Rollen für TraderLong: Rollverluste. Short: RollgewinneLong: Rollgewinne. Short: Rollverluste
Vergleich: Contango und Backwardation im Überblick

Die ausführliche Analyse der Gegenseite mit eigenen Beispielen findest du im Artikel Contango im Trading.

Wie entsteht Backwardation?

Futuresmärkte dienen im Kern der Absicherung. Produzenten sichern sich per Hedging gegen fallende Erzeugerpreise ab, Abnehmer gegen steigende Einkaufspreise. Beide schreiben mit einem Kontrakt den Preis für eine spätere Lieferung fest.

Im Normalfall liegt dieser Terminpreis wegen der Cost of Carry über dem Spotpreis. In Backwardation passiert das Gegenteil: Abnehmer zahlen einen Aufpreis für sofortige Lieferung, statt auf die billigere spätere Lieferung zu warten. Dafür gibt es drei Haupttreiber.

Verknappung des Angebots als Auslöser

Der wichtigste Treiber ist ein aktuelles oder erwartetes Defizit am Markt. Wer einen Rohstoff sofort braucht und einen Versorgungsengpass fürchtet, akzeptiert höhere Preise. Typische Auslöser:

  • Agrarrohstoffe: Dürre, Überschwemmungen oder Frost vernichten Ernten. Großabnehmer decken sich aus knappen Beständen ein, die Produzenten setzen höhere Preise durch.
  • Energierohstoffe: Extreme Hitze oder Kälte treibt den Verbrauch, dazu kommt die Förderpolitik der OPEC+. Wie stark Angebotspolitik wirkt, zeigte die erste Ölpreiskrise 1973 mit ihren Sonntagsfahrverboten.
  • Nachfrageschocks: Explodiert die Nachfrage bei gleichem Angebot, entsteht derselbe Effekt. Beispiel sind Batteriemetalle wie Nickel und Kobalt im Zuge der E-Mobilität.
Backwardation im Nickel-Markt: Terminkurve der Nickel-Futures 2023
Backwardation im Nickel-Markt 2023, getrieben von der Nachfrage der Batterie-Industrie. Datenquelle: SigTech.

Im Rohölmarkt war Backwardation über weite Strecken sogar der Normalzustand. Erst der Corona-Schock 2020 drehte die Kurve in ein tiefes Contango: Die Nachfrage brach über Nacht weg, die Lager liefen voll, die Produktion ließ sich nicht schnell genug drosseln.

Saisonalität als wiederkehrender Faktor

Viele Rohstoffmärkte folgen einem saisonalen Rhythmus. Zur Erntezeit ist das Angebot bei Agrarrohstoffen am größten und drückt die nahen Preise. Vor der Ernte, wenn die Läger leer laufen, passiert das Gegenteil. Wie du solche Muster systematisch nutzt, zeigt der Artikel zur Saisonalität an der Börse.

Beim Erdgas ist der Wechsel fest im Kalender verankert: Die Terminkurve von Natural Gas zeigt einen „Sägezahn“. Von Dezember bis April notiert der Markt regelmäßig in Backwardation, danach kippt er in Contango. Wie die Terminkurve aktuell auf den Gaspreis wirkt, liest du in der Erdgas-Prognose mit Chartanalyse.

Backwardation und Contango im Wechsel: Sägezahn-Terminkurve von Natural Gas
Die Terminstrukturkurve von Natural Gas (NG): Der Markt wechselt jedes Jahr zwischen Backwardation (Dezember bis April) und Contango.

Als Rohstoff-Trader solltest du die Ernte- und Lagerdaten im Blick behalten. Zuverlässige Quellen sind der monatliche WASDE-Report des USDA für Agrarmärkte und die US Energy Information Administration (EIA) für den Energiesektor.

Convenience Yield: der Wert des vollen Lagers

Der Convenience Yield ist der Nutzen, den ein Verarbeiter aus dem sofort verfügbaren physischen Lagerbestand eines Rohstoffs zieht.

Ein Stahlwerk lagert mehr Eisenerz, als es unmittelbar verarbeitet. So läuft die Produktion auch bei Lieferstreiks oder Logistikproblemen weiter. Diese Versorgungssicherheit hat einen Wert, der sich nicht am Terminmarkt abbildet.

Beschließt eine ganze Branche, ihre Lagerbestände aufzustocken, treibt das den Spotpreis zusätzlich. Umgekehrt drückt ein systematischer Lagerabbau auf das vordere Ende der Terminkurve.

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Führt jede Angebotsverknappung zu Backwardation?

Nein. Entscheidend ist, ob der Rohstoff ersetzbar ist. Bei einem fungiblen Gut, also einem mit verfügbarem Substitut, weicht die Nachfrage einfach aus. Fällt die Maisernte katastrophal aus, wechseln viele Futtermittelhersteller zu Soja: Rund 40 bis 50 Prozent der weltweiten Maisernte und etwa 80 Prozent der Sojaernte landen in der Futtermittelproduktion.

Die Verknappung im einen Markt wandert dann als Nachfrageschub in den Ersatzmarkt und kann dort die Preisstruktur verschieben. Behalte deshalb die Korrelationen zwischen verwandten Märkten im Blick, statt jeden Markt isoliert zu betrachten.

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Backwardation aktuell: WTI-Rohöl 2026 als Praxisbeispiel

Wie schnell eine Terminkurve kippen kann, hat das Jahr 2026 gezeigt. Ende Februar eskalierte der Nahost-Konflikt, die Straße von Hormus war zeitweise faktisch gesperrt. Die nahen WTI-Kontrakte schossen nach oben, die Kurve drehte in eine der steilsten Backwardations der letzten Jahrzehnte.

Das Ausmaß war extrem: Der Dezember-2026-Future notierte laut einer Analyse der CME Group vom April zeitweise bis zu 40 Dollar unter den Mai- und Juni-Kontrakten. Die Botschaft des Marktes: Die Angebotsstörung gilt als vorübergehend. Für das Jahresende preisten die fernen Kontrakte wieder Spotpreise im Bereich der mittleren 70 Dollar ein.

Genau das ist der praktische Wert der Terminkurve: Sie ist ein Erwartungsbarometer. Bis Mitte Juli hat sich die Kurve deutlich beruhigt, bleibt aber invers: Der August-Kontrakt schloss am 17.07.2026 bei 82,47 Dollar, der Dezember 2027 bei 70,50 Dollar. Prüfe die Kurve deshalb vor jedem Öl-Trade neu, und die aktuelle Marktlage findest du in unserer Ölpreisprognose mit WTI- und Brent-Chartanalyse.

Backwardation bei WTI-Rohöl: Terminkurve der Crude-Oil-Futures im Juli 2026
Die WTI-Terminkurve am 17.07.2026: Nahe Kontrakte notieren über den fernen, der Markt bleibt in Backwardation. Datenquelle: NYMEX-Schlusskurse via Interactive Brokers.

Wie oft kommt Backwardation vor?

Die Theorie legt nahe, dass Backwardation die seltene Ausnahme sein müsste. Die Daten zeigen ein anderes Bild: Viele Rohstoffmärkte verbringen Jahre bis Jahrzehnte in dieser Preisstruktur.

Der Kaffeemarkt notierte von 1972 bis 2002 überwiegend in Backwardation, erst danach folgte eine lange Contango-Phase. Seit November 2021 ist der Markt erneut invers:

Backwardation im Kaffeemarkt über 50 Jahre: Spotpreis gegen Futures-Kurs
50 Jahre Kaffeemarkt: Spotpreis (blau) und jeweils aktueller Future (rot), darunter die Differenz. Der Markt notiert über weite Strecken in Backwardation.

Ähnlich der Kupfermarkt: Von 1974 bis Januar 2000 lief er fast ununterbrochen in Backwardation, wie auch die aktuelle Kupferpreis-Prognose immer wieder aufgreift. Zucker (Sugar No. 11) zeigte von 1995 bis 2012 dasselbe Muster.

Backwardation im Kupfermarkt von 1974 bis 2000: Spotpreis über Futures-Kurs
Der Kupfermarkt: Von 1974 bis Januar 2000 fast ununterbrochen in Backwardation, danach nahezu neutral.

Die Konsequenz für dich: Gehe nie von einem Normalzustand aus. Ob ein Markt in Contango oder Backwardation handelt, klärt nur der aktuelle Blick auf die Terminkurve.

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Was bedeutet Backwardation für Trader?

Backwardation betrifft zwei Gruppen sehr unterschiedlich. Die Commercials, also Produzenten und Weiterverarbeiter, handeln den physischen Rohstoff und nutzen die Preisdifferenz zwischen Spotmarkt und Futures. Spekulative Futures-Trader interessiert dagegen die Differenz zwischen Frontkontrakt und Folgekontrakten.

Backwardation bietet kommerziellen Händlern und Futures-Tradern unterschiedliche Handelsansätze
Backwardation am Rohstoffmarkt: Commercials handeln die Differenz zum Spotmarkt, Futures-Trader die Differenz zwischen den Kontrakten.

Arbitrage der Commercials: Gewinne für Erzeuger

Für Erzeuger öffnet Backwardation eine klassische Arbitrage-Gelegenheit, also ein Geschäft, das Preisunterschiede desselben Gutes ausnutzt. Wie das Prinzip generell funktioniert, erklärt der Artikel zum Arbitrage-Trading. Konkret: Der Erzeuger verkauft seine Lagerbestände teuer am Spotmarkt, senkt Lagerkosten und verbessert seinen Cashflow.

Gleichzeitig sichert er sich mit den billigeren Futures ab. Gegen Laufzeitende nähert sich der Futures-Kurs dem Spotpreis an. Bleibt der Rohstoff knapp, steigt der Kontrakt also auf den höheren Kassapreis zu, und die Long-Absicherung gewinnt.

Rollgewinne für Long-Trader

Ein Rollgewinn entsteht, wenn ein Long-Trader beim Kontraktwechsel den teuren Frontkontrakt verkauft und den billigeren Folgekontrakt kauft.

Als Futures-Trader handelst du nicht den Rohstoff, sondern die Kontrakte. Läuft dein Kontrakt aus, rollst du: Du stellst die Long-Position im teuren Frontkontrakt glatt und eröffnest sie neu im billigeren Folgekontrakt. In Backwardation entsteht dabei ein systematischer Vorteil. Short-Trader erleben das Spiegelbild: Sie kaufen teuer zurück und verkaufen billig neu, ihnen entstehen Rollverluste.

Ein ehrlicher Hinweis: Der Rollgewinn ist keine Gewinngarantie. Fällt der Markt stärker, als der Rollvorteil einbringt, verlierst du trotzdem Geld. Und die Kurve kann bis zu deinem Rolltermin kippen. Backwardation verbessert die Rechnung für Long-Positionen, sie ersetzt weder Analyse noch Risikokontrolle.

Rolloptimierung: So holst du das Beste aus dem Kontraktwechsel

Beim Rollen entscheiden ein paar Handwerksregeln über dein Ergebnis:

  • Terminkurve zuerst: Prüfe vor jedem Trade die Form der Kurve, wie oben im Contango-Vergleich gezeigt. Sie sagt dir, ob das Rollen für oder gegen dich arbeitet.
  • Kontraktwahl: In Backwardation profitieren Long-Positionen beim Rollen. In Contango weichst du besser auf länger laufende Kontrakte aus, um die Zahl der Rollvorgänge zu senken.
  • Zeitpunkt: Beachte den Rolltermin deines Brokers. Verpasst du ihn, stellt der Broker deine Position zum Marktkurs glatt, im Zweifel zum schlechtesten Moment. Ein gutes Signal ist die Volumenwanderung: Wandert das Volumen in den Folgekontrakt, ist Rollzeit.
  • Liquidität: Rolle bevorzugt in Kontrakte mit hohem Volumen. Das reduziert Slippage, also die Abweichung zwischen erwartetem und tatsächlichem Ausführungskurs.
  • Kosten und Risiko: Wäge die Transaktionskosten gegen den Nutzen ab. Rolltermine bringen erhöhte Volatilität: Arbeite mit Stop-Loss-Orders und einem sauberen Risikomanagement.

Backwardation bei Gold, Silber und im VIX

Bei Gold ist Backwardation eine Rarität. Der Markt notiert fast permanent in Contango, weil Finanzierungskosten die Kurve dominieren und Gold praktisch unbegrenzt lagerfähig ist. Rutscht der Gold-Future doch einmal unter den Spotpreis, werten Profis das als Stresssignal: Der Markt zahlt dann eine Prämie für sofort verfügbares physisches Metall.

Silber zeigt solche Phasen öfter, meist bei physischen Engpässen im Industriebedarf oder bei Kaufwellen im Münz- und Barrenmarkt. Solche Episoden bleiben in der Regel kurz, sind aber ein guter Anlass, die Lage in der Silberpreis-Prognose zu prüfen.

Auch der VIX kennt beide Kurvenformen. Der Volatilitätsindex misst die erwartete Schwankungsbreite des S&P 500, und seine Futures notieren normalerweise in Contango. Kippt die VIX-Terminkurve in Backwardation, herrscht akuter Marktstress: Absicherung wird sofort gebraucht, nicht erst in drei Monaten. Viele Indextrader nutzen genau diesen Wechsel als Warnsignal. Die Grundlagen erklärt unser Guide zum VIX-Index.

Eine Einschränkung gehört dazu: Bei Financial Futures entstehen die Preisdifferenzen aus Zinsen, Dividenden und Erwartungen, nicht aus Lagerkosten oder Warenknappheit. Die Begriffe Contango und Backwardation werden hier analog verwendet und taugen eher als Sentimentindikator denn als Knappheitssignal.

Rollrendite bei Rohstoff-ETCs: Was Anleger wissen müssen

Der Rolleffekt trifft nicht nur aktive Futures-Trader. Rohstoff-ETCs, also börsengehandelte Wertpapiere, die einen Rohstoffpreis über Futures abbilden, müssen ihre Kontrakte automatisch rollen. Die Rollrendite wird damit zum festen Bestandteil der Gesamtrendite: In Backwardation wirkt sie positiv, in Contango frisst sie laufend Performance.

Prüfe vor dem Kauf deshalb die Rollmethodik des Produkts. Manche Indizes rollen stur in den nächsten Monat, optimierte Varianten wählen Kontrakte nach der Kurvenform aus. Und rechne nüchtern: Die Terminkurve von heute ist keine Garantie für morgen. Ein ETC, der in Backwardation gekauft wurde, kann Monate später in einem teuren Contango rollen.

Spreadtrading in Backwardation-Märkten

Wer die Kurvenform direkt handeln will, nutzt einen Intramarket-Spread: gleichzeitig long und short in zwei Liefermonaten desselben Marktes. Du wettest damit auf die Veränderung der Preisdifferenz, nicht auf die Richtung des Gesamtmarktes.

Ein Beispiel aus dem Heizölmarkt (ULSD NY Harbor, Kürzel HO): Am 31.07.2023 notierte der Markt in Backwardation. Wir kauften den teureren Dezember-Kontrakt HOZ23 und verkauften den billigeren Februar-Kontrakt HOG24, eine Spekulation auf die Ausweitung des Spreads. Sechs Wochen später wurden beide Beine glattgestellt: Der Verlust der Short-Position im Februar-Kontrakt wurde vom Gewinn des Dezember-Beins überkompensiert. Ergebnis: rund 3.300 Dollar pro Spread.

Backwardation der Heating-Oil-Terminkurve am 31.07.2023 in der Suri-App
Die Forwardkurve des Heating-Oil-Marktes am 31.07.2023: konstante Backwardation. Quelle: Suri-App von Suricate Trading.
Intramarket-Spread im Heating Oil: Dezember- gegen Februar-Kontrakt im Chart
Intramarket-Spread im Heating Oil: oben der Kursverlauf, darunter der Spread zwischen Dezember- und Februar-Kontrakt.

Für die Kontraktauswahl zählen Volumen und Open Interest, sonst tappst du in eine Liquiditätsfalle: Im Heating Oil wird jeden Monat ein Kontrakt aufgelegt, aktiv gehandelt werden nur wenige. Die umgekehrte Variante, Verkauf des teuren nahen und Kauf des billigen fernen Kontrakts, spielst du, wenn du eine Verengung des Spreads erwartest. Spread-Trades brauchen Erfahrung mit Margin-Regeln: Für Einsteiger sind sie nichts.

Quellen und Leseempfehlungen

Daten und weiterführende Quellen:

Mein Fazit zur Backwardation im Trading

Ich schaue seit Jahrzehnten auf Terminkurven, und der Blick kostet mich vor jedem Rohstoff-Trade keine zwei Minuten. Genau diese zwei Minuten trennen dich von unnötigen Rollverlusten, verpassten Rollgewinnen und falsch verstandenen ETC-Renditen. Backwardation ist dabei kein exotisches Randthema, sondern in vielen Märkten über Jahre der Dauerzustand.

Genauso klar ist die Grenze: Die Kurvenform ist eine Information, kein Handelssystem. Sie verbessert deine Rechnung beim Rollen und warnt dich vor Stress im Markt. Über Gewinn und Verlust entscheiden weiterhin deine Analyse, dein Timing und dein Risikomanagement. Ich wünsche dir viel Erfolg an den Märkten!

Häufige Fragen zu Backwardation

Was bedeutet Backwardation auf Deutsch?

Eine wörtliche deutsche Übersetzung gibt es nicht. Gebräuchlich ist der Begriff inverser Markt (englisch Inverted Market): Der Spotpreis liegt über den Futures-Kursen und nahe Kontrakte notieren über den fernen. Der Ausdruck stammt ursprünglich von den Londoner Edelmetallmärkten.

Was verursacht Backwardation?

Der häufigste Auslöser ist eine tatsächliche oder erwartete Verknappung des Angebots, etwa durch Missernten, Konflikte oder Förderkürzungen. Auch plötzliche Nachfrageschocks und ein hoher Convenience Yield, also der Wert sofort verfügbarer Lagerbestände, können die Kurve invertieren.

Was ist der Unterschied zwischen Backwardation und Contango?

In Backwardation notieren nahe Kontrakte über den fernen, der Spotpreis liegt oben. In Contango ist es umgekehrt: Die Kurve steigt an, weil Lager- und Finanzierungskosten eingepreist werden. Contango gilt bei lagerfähigen Rohstoffen als Normalzustand.

Sind Rollgewinne in Backwardation garantiert?

Nein. Der Rollvorgang verbessert nur die Kostenseite deiner Long-Position. Fällt der Markt stärker, als der Rollvorteil einbringt, entsteht trotzdem ein Verlust. Zudem kann die Terminkurve bis zum Rolltermin in Contango zurückkippen.

Warum nähern sich Futures- und Spotpreis am Laufzeitende an?

Am Fälligkeitstag steht die Lieferung unmittelbar bevor, damit müssen Futures- und Kassapreis praktisch identisch sein. Wichen sie ab, könnte jeder mit einem risikolosen Arbitrage-Geschäft die Differenz abschöpfen. Genau diese Arbitrage erzwingt die Konvergenz der Preise.

Gibt es Backwardation auch bei Aktienindex-Futures?

Die Preisstruktur existiert auch dort, die Ursachen sind aber andere. Bei Financial Futures entstehen die Differenzen aus Zinsen, Dividenden und Markterwartungen, nicht aus Warenknappheit. Notieren ferne Indexfutures unter dem Frontkontrakt, lesen viele Trader das als Sentimentsignal.

Über den Autor: Karsten Kagels

Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer der Kagels Trading GmbH und handelt seit 1978 diskretionär nach Price Action. Seine Schwerpunkte sind Forex, Aktienindizes, Rohstoffe und Zinsmärkte. Der Blick auf die Terminkurve gehört für ihn vor jedem Rohstoff-Trade zur Vorbereitung.

Als Übersetzer der Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter und langjähriger Repräsentant von Joe Ross in Deutschland hat er die Entwicklung des Terminhandels über Jahrzehnte aus erster Hand begleitet. Den Rohstoffhandel kennt er aus der Praxis, nicht aus dem Lehrbuch.

Für dieses Update hat Karsten die Terminkurven-Beispiele gegen die Analysen der CME Group und die Daten der EIA geprüft. Seine Einordnung: Die Terminkurve ist Pflichtlektüre vor jedem Futures-Trade, aber ein Baustein, kein Handelssystem.

Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.

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