Der Kurs schießt in drei Kerzen durch eine Zone, und danach liegt dort ein Bereich, in dem praktisch niemand gehandelt hat. Genau das ist ein Fair Value Gap. Der Begriff klingt nach moderner Smart-Money-Theorie, beschreibt aber etwas sehr Altes: ein Ungleichgewicht zwischen Käufern und Verkäufern, das der Markt sichtbar im Chart hinterlässt.
Rund um dieses Muster ist viel Halbwissen unterwegs. Die meisten Erklärungen zeigen dir, wie ein FVG aussieht, und hören genau dort auf, wo es interessant wird: bei der Frage, welches Gap überhaupt handelbar ist. Dieser Artikel liefert beides. Du bekommst die präzise Definition über das Drei-Kerzen-Muster, klare Qualitätskriterien für die Auswahl, ein durchgerechnetes Strategiebeispiel und eine ehrliche Einordnung, wo die Methode an ihre Grenzen stößt.
Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.
Fair Value Gap: das Wichtigste in 30 Sekunden
- Ein Fair Value Gap ist eine übersprungene Preiszone, in der nach einer impulsiven Bewegung kaum Handel stattfand.
- Erkennungsregel: bullisch, wenn das Tief der dritten Kerze über dem Hoch der ersten liegt, bärisch im Spiegelfall.
- Nicht jedes Gap ist handelbar. Entscheidend sind Trendrichtung, Handelszeit und die Konfluenz mit einer bekannten Zone.
- Ein FVG ist ein Baustein, keine Strategie. Ohne Stop-Loss und feste Einstiegsregel bleibt es eine reine Beobachtung.
Fair Value Gap: Definition und Ursprung
Ein Fair Value Gap ist eine Preiszone in einem Chart, die von einer impulsiven Bewegung übersprungen wurde und in der deshalb kaum Handel stattgefunden hat.
Der Markt hinterlässt damit eine sichtbare Spur seines eigenen Ungleichgewichts. Wo Angebot und Nachfrage sich normalerweise über viele Transaktionen aneinander abarbeiten, ist der Kurs hier einfach durchgelaufen. Genau deshalb gelten solche Zonen als potenzielle Umkehrbereiche: Der Markt neigt dazu, unfertige Preisfindung später nachzuholen.
Bekannt gemacht hat das Konzept Michael Huddleston, besser bekannt als ICT (Inner Circle Trader). Er hat den Begriff geprägt und in seinem Lehrsystem verankert. Die Beobachtung dahinter ist allerdings deutlich älter als das Label: Dass ein Markt nach einer überschießenden Bewegung in die übersprungene Zone zurückkehrt, gehört seit Jahrzehnten zum Handwerkszeug klassischer Price-Action-Trader. Neu ist die Systematisierung, nicht das Phänomen.
Ein Hinweis zur Sprache, weil beide Varianten im Umlauf sind: Du liest sowohl das Fair Value Gap als auch die Fair Value Gap. In diesem Artikel verwenden wir durchgängig die sächliche Form, also ein Fair Value Gap. Gemeint ist in beiden Fällen dasselbe Chartmuster.
Ein Fair Value Gap allein ist keine Handelsstrategie. Es zeigt eine Zone an, in der der Markt etwas nachzuholen hat, und sagt nichts darüber, ob er es tut. Welche Zonen tragen und welche nicht, entscheidet der Kontext: Trendrichtung, Handelszeit und die Frage, ob dort noch etwas anderes liegt. Genau diese Auswahl behandelt der nächste Abschnitt.
Besonders aussagekräftig sind Fair Value Gaps aus der regulären Handelszeit (RTH). FVGs aus der Vorbörse oder der Asia-Session werden häufig neutralisiert, wie im Überblick zu RTH und ETH im Trading erklärt wird.
Wie man ein Fair Value Gap identifiziert
Ein Fair Value Gap erkennst du an einem festen Drei-Kerzen-Muster. Entscheidend ist nicht die Optik der mittleren Kerze, sondern das Verhältnis der äußeren beiden Kerzen zueinander. Die mittlere Kerze ist der Impuls, der das Gap aufreißt, die erste und die dritte Kerze definieren seine Grenzen.
Ein bullischer Fair Value Gap entsteht, wenn das Tief der dritten Kerze über dem Hoch der ersten Kerze liegt.
Ein bärischer Fair Value Gap entsteht, wenn das Hoch der dritten Kerze unter dem Tief der ersten Kerze liegt.
Der Raum zwischen diesen beiden Extremen ist das eigentliche Gap. Diese Definition ist der Grund, warum du ein FVG eindeutig einzeichnen kannst: Ober- und Untergrenze sind zwei konkrete Kursniveaus, keine Schätzung. Wer stattdessen nur nach einer großen Kerze sucht, markiert am Ende beliebige Zonen.
Die impulsive mittlere Kerze wird oft als Displacement bezeichnet. Sie ist das Signal, dass hier tatsächlich aggressiv gekauft oder verkauft wurde und nicht nur zufällig wenig Umsatz stattfand.
Als Displacement bezeichnet man die impulsive Kerze, die den Fair Value Gap überhaupt erst aufreißt.
Wer ein Gap zuverlässig erkennen will, muss zuerst einzelne Kerzen sicher lesen können. Welche Signale Körper und Dochte geben und wo die typischen Fehldeutungen liegen, zeigt der Guide zu den Kerzenformationen.

Bullischer Fair Value Gap
Ein bullischer Fair Value Gap entsteht durch einen schnellen Preisanstieg, der ein Ungleichgewicht zugunsten der Käufer anzeigt. Die Nachfrage treibt den Kurs so zügig nach oben, dass die dazwischenliegenden Kursniveaus übersprungen werden. Für dich ist das ein möglicher Bereich für eine Long-Position, sobald der Kurs dorthin zurückkehrt.
Bärischer Fair Value Gap
Ein bärischer Fair Value Gap entsteht, wenn der Kurs schnell fällt, was auf ein Überangebot und ein Ungleichgewicht zugunsten der Verkäufer hindeutet. Das ist der spiegelbildliche Fall und kann als Bereich für eine Short-Position dienen. Der entscheidende Faktor bleibt derselbe: Die beiden äußeren Kerzen dürfen sich in ihren Spannen nicht berühren, sonst ist kein Gap vorhanden.
Welche Fair Value Gaps wirklich handelbar sind
Die Aussage nicht jedes Gap funktioniert hilft dir wenig, solange niemand sagt, woran du die guten erkennst. Die folgenden fünf Filter trennen brauchbare Zonen von Chart-Rauschen. Je mehr davon zutreffen, desto belastbarer ist das Setup.
- Richtung zum übergeordneten Trend: Ein Gap in Richtung des Trends im höheren Zeitrahmen ist deutlich verlässlicher als eines dagegen. Gegen den Trend handelst du gegen den Strom der größeren Marktteilnehmer.
- Entstehung in der aktiven Handelszeit: Gaps aus der London- oder New-York-Session haben echtes Volumen hinter sich. Zonen aus dünnen Phasen werden oft schon in der nächsten Stunde neutralisiert.
- Konfluenz mit einer bekannten Zone: Fällt das Gap mit einer bereits etablierten Unterstützung oder einem Widerstand zusammen, reagieren dort zwei Gründe gleichzeitig.
- Vorausgegangener Strukturbruch: Ein Gap direkt nach einem Market Structure Shift markiert häufig den Bereich, aus dem die neue Bewegung gestartet ist.
- Saubere, unangetastete Zone: Je öfter der Kurs bereits in das Gap zurücklief, desto weniger Nachfrage liegt dort noch. Ein zur Hälfte gefülltes Gap ist ein schwächeres Signal als ein frisches.
Ein Punkt, der oft untergeht: Die Größe des Gaps ist kein Qualitätsmerkmal. Ein sehr großes Gap entsteht typischerweise bei Nachrichten und ist oft eher eine Panikreaktion als eine institutionelle Positionierung. Solche Zonen werden häufig gar nicht oder erst nach Wochen angelaufen.
Ebenso wichtig ist der Zeitrahmen. Auf dem 1-Minuten-Chart findest du dutzende Gaps pro Tag, von denen die meisten reines Rauschen sind. Belastbare Zonen entstehen eher im Stundenchart aufwärts, weil dort mehr Kapital hinter der Bewegung steht. Häufig geht einem starken Gap ein Liquidity Sweep voraus, der die Stop-Orders einsammelt und den Impuls liefert. Welche Zeiteinheit zu welchem Handelsstil passt, steht im Guide zu den Trading-Zeiteinheiten.
Fair Value Gap und klassische Kurslücke: der Unterschied
Beide Begriffe enthalten das Wort Lücke, meinen aber zwei verschiedene Dinge. Wer sie verwechselt, sucht im Forex-Chart nach etwas, das dort praktisch nicht vorkommt.
Eine klassische Kurslücke entsteht zwischen Handelsschluss und Handelseröffnung, ein Fair Value Gap dagegen innerhalb einer laufenden Handelssitzung.
Die klassische Kurslücke ist eine echte Lücke im Kursverlauf: Der Handel ruht, über Nacht treffen Nachrichten ein, und am nächsten Morgen eröffnet der Markt sichtbar über oder unter dem Vortagesschluss. Bei Aktien und Indizes ist das Alltag, weil die Börsen feste Handelszeiten haben. Wo diese Unterbrechungen liegen, zeigt der Überblick zu den Börsenzeiten. Wie sich solche Lücken handeln lassen, behandelt der Guide zum Gap Trading.
Ein Fair Value Gap braucht dagegen keine Handelspause. Es entsteht mitten im laufenden Handel, wenn eine einzelne Kerze so weit läuft, dass die Nachbarkerzen ihre Spanne nicht mehr abdecken. Deshalb findest du FVGs auch im Forex-Markt, der rund um die Uhr handelt und klassische Kurslücken fast nur zum Wochenstart kennt.
Fair Value Gap Indikatoren
Ein Fair Value Gap lässt sich von Hand in wenigen Sekunden einzeichnen: Du brauchst nur die erste und die dritte Kerze. Indikatoren nehmen dir diesen Handgriff ab und markieren jede Zone automatisch. Das spart Zeit, hat aber einen Preis, den kaum jemand nennt.
Ein Indikator kennt deine Auswahlkriterien nicht. Er zeichnet jedes Drei-Kerzen-Muster ein, das der Definition entspricht, auch die Zonen aus dünnen Handelsphasen und die gegen den übergeordneten Trend. Auf kleinen Zeiteinheiten färbt sich der Chart damit schnell komplett ein. Die Arbeit verschiebt sich also vom Einzeichnen zum Aussortieren.
Lux Algo
Lux Algo führt eine umfangreiche Indikator-Bibliothek für TradingView, teils kostenlos, teils im Abo. Für Gaps ist der Fair-Value-Gap-Indikator der direkte Weg; der Smart-Money-Concept-Indikator markiert zusätzlich Strukturbrüche und Orderblocks im selben Chart.
Die TradingView-Bibliothek liefert kostenlose Alternativen. Unter den FVG-Skripten und den Smart-Money-Skripten der Community findest du Dutzende Varianten. Sie unterscheiden sich vor allem in Darstellung und Filteroptionen und lassen sich bereits im kostenlosen TradingView-Konto einbinden. Brauchbar sind die, bei denen du Mindestgröße und Zeiteinheit selbst einstellen kannst.
Für den Einstieg ist die manuelle Analyse trotzdem der bessere Weg. Wer ein paar Wochen selbst einzeichnet, erkennt danach auf einen Blick, welche Zone Substanz hat. Diese Einschätzung liefert dir kein Indikator, und ohne sie ist die automatische Markierung nur eine buntere Version desselben Problems. Wie Indikatoren generell einzuordnen sind, behandelt der Überblick zu den technischen Indikatoren.
Wer Gaps nicht isoliert betrachten will, sondern im Zusammenspiel mit harmonischen Mustern wie dem ABCD-Pattern, findet im Alphamonics Scanner ein Werkzeug, das Fair Value Gaps automatisch in ein Gesamt-Scoring einbezieht.
Lesetipp: Was sind Orderblocks?
Beispiel einer FVG-Trading-Strategie
Ein Fair Value Gap ist ein Baustein, keine fertige Strategie. Erst zusammen mit einer Regel für Trendrichtung, Einstieg und Ausstieg wird daraus etwas Handelbares. Der folgende Ablauf ist bewusst einfach gehalten und lässt sich später um weitere Konzepte aus dem ICT-Umfeld erweitern.
- Trend bestimmen: Lies die Abfolge der Hochs und Tiefs im höheren Zeitrahmen. Höhere Hochs und höhere Tiefs bedeuten Aufwärtstrend, das Spiegelbild Abwärtstrend. Diese Richtung gibt vor, welche Gaps überhaupt in Frage kommen.
- Marktstruktur einzeichnen: Markiere die Strukturbrüche im Chart. Ein Break of Structure bestätigt den laufenden Trend, ein Change of Character warnt vor einer Wende.
- Gaps in Trendrichtung markieren: Zeichne nur die Zonen ein, die mit dem Trend laufen. Fällt eine davon mit einer bekannten Unterstützung oder einem Widerstand zusammen, ist sie der beste Kandidat.
- Einstieg abwarten: Handle nicht den Impuls, sondern den Rücklauf in die Zone. Zwei Wege stehen offen: eine Limit-Order an der Gap-Kante oder das Abwarten einer sichtbaren Reaktion. Für den Anfang ist die Limit-Order einfacher, weil sie keine Interpretation verlangt.
- Risiko festlegen: Der Stop-Loss gehört hinter die Zone, nicht hinein. Sinnvoll wird der Trade ab einem Chance-Risiko-Verhältnis von 1:2, besser 1:3.
- Ziel setzen: Das erste Kursziel liegt am vorherigen Swing-Hoch bei Longs, am Swing-Tief bei Shorts. Danach lässt sich der Stopp nachziehen, statt auf ein größeres Ziel zu hoffen.
Der Ablauf beschreibt die Mechanik, nicht den Vorteil. Ob er in deinem Markt trägt, zeigt erst eine Auswertung über genügend Fälle. Und er hat eine klare Grenze: In Seitwärtsphasen ohne erkennbare Struktur liefert Schritt 1 kein Ergebnis, und dann entfallen auch alle folgenden Schritte. Das ist kein Mangel des Musters, sondern der Hinweis, dass gerade kein Setup vorliegt.
Inversion Fair Value Gap (IFVG)
Nicht jedes Gap hält. Wenn der Kurs eine Zone vollständig durchbricht, statt dort zu drehen, verschwindet sie nicht einfach. Sie wechselt die Rolle. Genau das beschreibt der Inversion Fair Value Gap.
Ein Inversion Fair Value Gap ist ein Fair Value Gap, den der Kurs durchbrochen hat und der danach in die entgegengesetzte Rolle wechselt.
Konkret heißt das: Ein bullisches Gap, durch das der Kurs nach unten durchgefallen ist, wirkt anschließend als Widerstand. Ein bärisches Gap, das nach oben durchbrochen wurde, wirkt danach als Unterstützung. Es ist dasselbe Prinzip, das du von gebrochenen Unterstützungslinien kennst, angewendet auf Gap-Zonen.
Für dich ist das vor allem ein Warnsignal für zu frühe Einstiege. Wenn eine Zone bricht, war die ursprüngliche Annahme falsch, und ein Nachkaufen an derselben Stelle verschlimmert den Fehler nur. Umgekehrt liefert der erste Rücklauf an das invertierte Gap ein sauberes Setup in die neue Richtung, besonders wenn zugleich ein Change of Character im Chart sichtbar wird.
Vor- und Nachteile von Fair Value Gaps
Ob sich der Aufwand lohnt, hängt stark davon ab, wie diszipliniert du die Auswahlkriterien anwendest. Diese Stärken und Schwächen solltest du kennen, bevor du echtes Geld darauf setzt.
Vorteile des Fair-Value-Gap-Tradings
- Klar definierbare Zonen: Ober- und Untergrenze ergeben sich aus zwei konkreten Kursniveaus. Einstieg und Stopp sind damit objektiv festlegbar, nicht Auslegungssache.
- Nachvollziehbare Anziehungskraft: Der Markt läuft überdurchschnittlich oft in übersprungene Zonen zurück, bevor er die Bewegung fortsetzt. Das liefert einen Anlaufpunkt statt eines Bauchgefühls.
- Breite Anwendbarkeit: Das Muster beruht allein auf Kursdaten und funktioniert über Forex, Futures, Aktien und Krypto hinweg.
- Ohne Werkzeuge nutzbar: Zum Einzeichnen genügen die erste und die dritte Kerze. Es braucht weder Indikator noch kostenpflichtige Software.
Nachteile des Fair-Value-Gap-Tradings
- Keine Füllgarantie: Ob und wann eine Zone angelaufen wird, ist offen. Manche Gaps bleiben monatelang unberührt und binden Kapital in wartenden Orders.
- Viele Treffer, wenig Qualität: Auf kleinen Zeitrahmen entstehen so viele Gaps, dass die Auswahl zum eigentlichen Problem wird. Ohne strenge Filter handelst du Rauschen.
- Widersprüchliche Signale: Ein bullisches Gap im Stundenchart kann einem bärischen im Tageschart gegenüberstehen. Ohne Multi-Timeframe-Analyse ziehst du falsche Schlüsse.
- Erfordert Marktverständnis: Mechanisch abgearbeitet trägt das Muster nicht. Ohne Gefühl für Marktstruktur und Trendkontext bleibt die Trefferquote niedrig.
Fazit: Lohnt es sich, Fair Value Gaps zu traden?
Ein Fair Value Gap ist ein Anlaufpunkt, kein Signal. Es sagt dir, wo der Markt etwas nachzuholen hat, und es sagt dir nichts darüber, ob und wann er es tut. Diese Unterscheidung entscheidet darüber, ob das Muster nützt oder schadet.
Nützlich wird es als Filter für Einstiegszonen. Wer ohnehin eine Richtung hat, findet mit Gaps konkrete Bereiche, in denen sich ein Rücklauf abwarten lässt, mit klarer Ober- und Untergrenze und damit einem definierbaren Stopp. Das ist mehr, als die meisten Chartmuster liefern.
Schaden richtet es als vermeintliches Einstiegssignal an. Auf kleinen Zeiteinheiten entstehen so viele Zonen, dass sich für jede Richtung eine finden lässt. Wer ohne Trendkontext und ohne Auswahlkriterien handelt, hat kein Setup, sondern eine Begründung für eine Entscheidung, die er ohnehin treffen wollte.
Aus Jahrzehnten am Chart bleibt vor allem eine Beobachtung: Der Markt kehrt oft in übersprungene Zonen zurück, aber er schuldet es niemandem. Das Konzept beschreibt eine Neigung, keine Mechanik. Wer es so behandelt, hat ein brauchbares Werkzeug. Wer eine Gesetzmäßigkeit darin sucht, wird sie im nächsten starken Trend teuer widerlegt bekommen. Wie sich das Muster in den größeren Rahmen einfügt, zeigen die Überblicke zu ICT und zu den Smart Money Concepts.
Häufige Fragen zum Fair Value Gap
Was ist ein Fair Value Gap (FVG)?
Ein Fair Value Gap ist eine übersprungene Preiszone im Chart, die entsteht, wenn eine impulsive Bewegung den Kurs so schnell durch einen Bereich schiebt, dass dort kaum Handel stattfindet. Erkennbar ist es an einem Drei-Kerzen-Muster, bei dem sich die Spannen der ersten und dritten Kerze nicht berühren.
Wie erkenne ich ein Fair Value Gap im Chart?
Du vergleichst die erste und die dritte Kerze eines Drei-Kerzen-Musters. Liegt das Tief der dritten Kerze über dem Hoch der ersten, hast du ein bullisches Gap. Liegt das Hoch der dritten unter dem Tief der ersten, ist es bärisch. Der Bereich dazwischen ist das Gap.
Werden Fair Value Gaps immer geschlossen?
Nein. Die Tendenz zur Rückkehr ist keine Regel, sondern eine Neigung. Viele Gaps werden angelaufen, weil der Markt unfertige Preisfindung nachholt. Nachrichten, ein Stimmungsumschwung oder ein starker Trend können eine Zone jedoch monatelang oder dauerhaft unberührt lassen.
Welche Fair Value Gaps sind handelbar?
Handelbar sind vor allem Gaps, die in Richtung des übergeordneten Trends zeigen, während der aktiven Handelszeit entstanden sind und mit einer bekannten Unterstützung oder einem Widerstand zusammenfallen. Ein bereits zur Hälfte gefülltes Gap ist deutlich schwächer als ein frisches.
Was ist der Unterschied zwischen einem FVG und einer klassischen Kurslücke?
Eine klassische Kurslücke entsteht in der Handelspause zwischen Schluss und Eröffnung und ist als echter Sprung sichtbar. Ein Fair Value Gap entsteht mitten im laufenden Handel und ergibt sich erst aus dem Vergleich zweier Kerzen. Deshalb gibt es FVGs auch im durchgehend gehandelten Forex-Markt.
Wie können Fair Value Gaps im Trading genutzt werden?
FVGs dienen als Anlaufpunkte für Ein- und Ausstiege. Ein Teil der Trader positioniert sich, wenn der Kurs in die Zone zurückkehrt, und setzt auf die Fortsetzung der Bewegung. Andere warten das Schließen der Lücke ab und handeln erst danach in Trendrichtung.
In welchen Märkten gibt es Fair Value Gaps?
In allen, für die es Kerzencharts gibt: Aktien, Forex, Futures, Rohstoffe und Kryptowährungen. Da das Muster ausschließlich auf Kursdaten beruht, ist es weder an ein Instrument noch an einen Zeitrahmen gebunden.
Über den Autor: Karsten Kagels
Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer der Kagels Trading GmbH und diskretionärer Price-Action-Trader seit 1978. Er handelt Forex, Aktienindizes, Rohstoffe und Zinsmärkte und arbeitet ohne technische Indikatoren, allein auf Basis von Kursverlauf und Marktstruktur.
Ende der Achtzigerjahre übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter ins Deutsche. Über 17 Jahre vertrat er Joe Ross in Deutschland und übersetzte und verlegte dessen 10 Bücher. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.
Das Ungleichgewicht, das ein Fair Value Gap beschreibt, liest Karsten seit fast fünf Jahrzehnten direkt am Kursverlauf ab, lange bevor der Begriff geprägt wurde. Er handelt nicht nach dem ICT-Regelwerk, sondern nach klassischer Price Action. Aus dieser Distanz heraus ordnet er ein, was an dem Konzept tragfähig ist und wo die Vermarktung über die tatsächliche Aussagekraft hinausgeht.
Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.













