Das Chance-Risiko-Verhältnis gehört zu den meistzitierten Kennzahlen im Trading und zu den am häufigsten missverstandenen. Viele Einsteiger glauben, ein möglichst hohes CRV sei automatisch gut. Andere übernehmen die Regel, nur Trades ab 2:1 oder 3:1 einzugehen, und wenden sie blind an. Beide Wege führen in die Irre.
Der Grund ist einfach: Das CRV ist eine halbe Rechnung. Es sagt, wie viel du gewinnen kannst, wenn ein Trade aufgeht. Es sagt nichts darüber, wie oft er aufgeht. Erst zusammen mit der Trefferquote wird daraus eine Zahl, mit der du arbeiten kannst.
In diesem Artikel zeige ich dir die Formel, ein durchgerechnetes Beispiel aus dem Währungspaar GBPJPY und die Break-even-Tabelle, mit der du ablesen kannst, welche Trefferquote dein System bei einem gegebenen CRV mindestens braucht. Dazu kommen ein Rechner zum direkten Ausprobieren und das TradingView-Werkzeug, mit dem du das Verhältnis im Chart abliest. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.
Das gewählte Chance-Risiko-Verhältnis bestimmt, welche Trefferquote du überhaupt brauchst. Wie unterschiedlich zwei Ausbruchsstrategien deshalb ausfallen, zeigt der Beitrag zur Trefferquote beim Breakout Trading.
Chance-Risiko-Verhältnis (CRV): das Wichtigste in 30 Sekunden
- Definition: Das CRV setzt den möglichen Gewinn eines Trades ins Verhältnis zum möglichen Verlust. Ein CRV von 2:1 heißt: Der Gewinn wäre doppelt so groß wie der Verlust.
- Formel: CRV = (Kursziel minus Einstieg) geteilt durch (Einstieg minus Stop-Loss). Beim Short-Trade drehst du die beiden Differenzen um.
- Break-even-Trefferquote: Die Mindest-Trefferquote berechnest du mit 1 / (1 + CRV). Bei einem CRV von 2:1 sind das 33 %, bei 3:1 nur noch 25 %.
- Kein gutes oder schlechtes CRV: Ein CRV von 1,5 kann profitabler sein als eines von 5, wenn die Trefferquote dazu passt. Die Zahl allein sagt nichts.
- Englische Entsprechung: Im Englischen heißt die Kennzahl Reward-Risk-Ratio. Bei der Schreibweise Risk-Reward-Ratio steht das Risiko vorne, aus 2:1 wird dann 1:2.
Was ist das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV)?
Das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) ist eine Kennzahl im Trading, die den möglichen Gewinn eines Trades durch den möglichen Verlust teilt. Ein CRV von 2:1 bedeutet, dass der geplante Gewinn doppelt so hoch ist wie das geplante Risiko.
Das CRV gibt, wie der Name sagt, das Verhältnis von Chance und Risiko an. Es gehört zu den Grundlagen des Risiko- und Moneymanagements, also der Frage, wie viel Kapital du pro Trade einsetzt und wo du aussteigst. Der Hedgefonds-Manager Larry Hite hat das auf einen Satz gebracht:
Ich sehe nicht die Märkte; ich sehe die Risiken, Chancen und das Geld.
Beide Größen liest du direkt aus deiner Tradeplanung ab. Das potenzielle Risiko ist die Differenz zwischen Einstiegskurs und Stop-Loss, also der Order, die deinen Verlust automatisch begrenzt. Die potenzielle Chance ist die Differenz zwischen Einstiegskurs und Take-Profit, deinem geplanten Kursziel.
Der Stop-Loss ist eine Order, die eine Position automatisch schließt, sobald ein festgelegter Kurs erreicht wird. Er begrenzt den Verlust eines Trades auf einen im Voraus bestimmten Betrag.
Bildest du den Quotienten aus potenzieller Chance und potenziellem Risiko, erhältst du das CRV. Beträgt der mögliche Gewinn 20 Pips und der Stop 10 Pips, liegt das Chance-Risiko-Verhältnis bei 2:1. Für jeden riskierten Euro stehen also zwei Euro Gewinn in Aussicht. Ein Pip ist dabei die kleinste übliche Kursbewegung im Devisenhandel.
Risk-Reward-Ratio: warum die englische Schreibweise verwirrt
Im englischsprachigen Raum begegnet dir dieselbe Kennzahl unter zwei Namen, und das sorgt regelmäßig für Verwechslungen. Die Reward-Risk-Ratio entspricht dem deutschen CRV eins zu eins: Chance zuerst, Risiko danach, ein guter Trade zeigt 2:1 oder mehr.
Die Risk-Reward-Ratio nennt das Risiko zuerst und die Chance danach. Ein deutsches CRV von 2:1 entspricht einer Risk-Reward-Ratio von 1:2. Je kleiner die erste Zahl, desto besser ist das Verhältnis.
Wenn du also in einem englischen Forum oder auf einer internationalen Broker-Seite von einer Risk-Reward-Ratio von 1:3 liest, ist damit ein CRV von 3:1 gemeint. Beim Vergleich fremder Statistiken lohnt der Blick, welche der beiden Schreibweisen benutzt wird. Sonst hältst du eine gute Kennzahl für eine schlechte.
Das Chance-Risiko-Verhältnis ist eine von drei tragenden Säulen im Risikomanagement. Ohne CRV-Betrachtung ist selbst die beste Positionsgrößen-Formel wertlos. Erst das Zusammenspiel von CRV und Trefferquote entscheidet, ob eine Strategie über viele Trades hinweg profitabel bleibt.
Lesetipp: Das CRV verbessert sich, sobald du näher am Stop einsteigst. Genau das ist das Argument für den Einstieg nach einem Rücksetzer.
Ein Beispiel für das CRV im Trading anhand von GBPJPY
Rechnen wir das an einem konkreten Trade durch. Das Beispiel stammt aus dem Währungspaar GBPJPY, funktioniert in jedem anderen Markt aber genauso: Aktien, Indizes und Rohstoffe eingeschlossen.
Wir gehen Short, setzen also auf fallende Kurse. Das Einstiegssignal ist eine bärische Umkehrformation, ein Bearish Harami. Diese Kerzenformation bildet sich am 50er Fibonacci-Level aus, einer typischen Marke für Gegenbewegungen. Der Einstieg erfolgt nach Abschluss des Harami am 38,2er Level. Den Stop platzieren wir mit Abstand oberhalb des Widerstands am 61,8er Level. Das Kursziel ist die nächste Unterstützung, hier das 0er Level.
- Potenzielle Chance: Kursziel (142,275) minus Einstieg (142,351) ergibt 7,6 Pips.
- Potenzielles Risiko: Stop-Loss (142,397) minus Einstieg (142,351) ergibt 4,6 Pips.
- Das CRV: 7,6 geteilt durch 4,6 ergibt gerundet 1,65.
Der Trade bietet also ein Chance-Risiko-Verhältnis von 1,65:1. Das klingt unspektakulär, und genau das ist der Punkt: In der Praxis liegen realistische Werte meist zwischen 1,5:1 und 3:1, nicht bei den 10:1, mit denen gern geworben wird.
Mit dem folgenden Rechner probierst du eigene Werte durch. Trage Einstieg, Stop-Loss und Kursziel ein, dann siehst du das CRV und die dazu passende Mindest-Trefferquote sofort.
Warum das CRV alleine nicht funktioniert
Viele Trader machen es sich an dieser Stelle zu einfach. In der Trading-Literatur findet sich häufig die Empfehlung, keine Trades unter einem CRV von 2:1 oder 3:1 einzugehen. Die Regel klingt vernünftig, greift aber zu kurz: Sie ignoriert die Trefferquote vollständig. Ein CRV von 3:1 nützt dir nichts, wenn nur jeder zehnte Trade aufgeht. Welche Tradingbücher das Thema sauber behandeln, haben wir separat eingeordnet.
Wie weit Werbeaussagen an diesem Punkt vorbeigehen, zeigt der Test von ElliottWaver Live. Dort wird mit einem Chance-Risiko-Verhältnis von bis zu 30:1 geworben, eine Trefferquote veröffentlicht der Anbieter aber nicht. Genau diese fehlende Hälfte der Rechnung wäre die entscheidende.
Genauso unrealistisch ist es, pauschal ein CRV von 10:1 anzusetzen. In der Theorie beträgt der Gewinn dann das Zehnfache des Risikos. Die praktische Frage lautet anders: Wie oft erreicht ein Kurs dieses weit entfernte Kursziel, bevor er den nahen Stop auslöst? Unter realistischen Marktbedingungen sinkt die Trefferquote mit jedem Schritt, den du das Ziel weiter wegschiebst.
Es gibt keine guten und schlechten CRVs
Es ist ein Mythos, dass es gute und schlechte CRVs gibt. Ob ein Wert sinnvoll ist, klärt sich erst mit der Trefferquote. Ein CRV von 1,2 bei 60 % Trefferquote schlägt ein CRV von 4 bei 15 % deutlich.
Ein häufiger Fehler steckt in der Tradeplanung selbst: Trader schieben das Kursziel weiter weg oder ziehen den Stop näher heran, um auf dem Papier ein besseres Verhältnis zu erhalten. Rechnerisch geht das auf. In der Praxis wird das entferntere Ziel seltener erreicht und der engere Stop öfter ausgelöst. Du verschiebst das Problem, statt es zu lösen. Wo solche Denkfehler sonst noch auftauchen, zeigt die Übersicht der häufigsten Trading Fehler.
Ebenso wenig lässt sich ein Verlusttrade ausgleichen, indem du beim nächsten Trade einfach das Ziel erhöhst. Trading ist keine reine Arithmetik, sondern ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten. Wer die Wahrscheinlichkeiten des eigenen Handelssystems nicht kennt, rechnet mit Platzhaltern.
Welche Trefferquote ein System bei gegebenem CRV mindestens erreichen muss, beantwortet die Break-even-Rechnung. Wir haben sie in der Trading-Mathematik an 61 ausgewerteten Trades durchgerechnet, inklusive Varianz und Risk of Ruin.
CRV in Kombination mit der Trefferquote
Die Trefferquote gibt an, welcher Anteil aller Trades mit Gewinn geschlossen wird. Bei 40 von 100 Gewinntrades liegt die Trefferquote bei 40 Prozent.
Wenn du dich näher mit deiner Handelsstrategie beschäftigst, bekommst du schnell ein Gefühl für ein realistisches CRV. Daraus lässt sich die benötigte Trefferquote direkt berechnen. Die Formel für den Break-even, also die Gewinnschwelle, bei der sich Gewinne und Verluste genau ausgleichen, lautet:
Mindest-Trefferquote = 1 / (1 + CRV)
Kennst du umgekehrt deine Trefferquote, ermittelst du das nötige Chance-Risiko-Verhältnis mit dieser Gegenrechnung. Beide Formeln beschreiben dieselbe Beziehung, nur von unterschiedlichen Seiten:
Benötigtes CRV = (1 / Trefferquote) minus 1
Die folgende Tabelle zeigt für die gängigen Werte, welche Mindest-Trefferquote dein System braucht, um überhaupt bei null herauszukommen. Alles darüber ist Gewinn.
| CRV (Chance : Risiko) | Was das für dich bedeutet | Mindest-Trefferquote |
|---|---|---|
| 0,5 : 1 | Jeder zweite Trade muss klar gewonnen werden | 67 % |
| 1 : 1 | Gewinn- und Verlusttrades gleichen sich aus | 50 % |
| 1,5 : 1 | Realistischer Bereich für viele Daytrading-Systeme | 40 % |
| 2 : 1 | Nur jeder dritte Trade muss ein Gewinner sein | 33 % |
| 3 : 1 | Drei Verlusttrades pro Gewinntrade sind tragbar | 25 % |
| 5 : 1 | Hohe Verlusttoleranz, aber wenige Setups realistisch | 17 % |
Das einfachste Beispiel ist ein CRV von 1. Hier brauchst du mehr als 50 % Trefferquote, um profitabel zu sein, und genau 50 % für den Break-even.
Rechnen wir das in Euro durch. Angenommen, dein System erzeugt 100 Trades im Monat, das CRV liegt bei 1, die Trefferquote bei 50 % und du riskierst 500 € pro Trade. Dann bleibt am Monatsende genau nichts übrig:
(100 × 0,5 × 500 × 1) − (100 × 0,5 × 500 × 1) = 0 €
Bei gleicher Trefferquote, aber einem CRV von 1,5:1 sieht dieselbe Rechnung anders aus. Mit identischem Risiko und identischer Tradeanzahl stehen am Monatsende 12.500 € Gewinn:
(100 × 0,5 × 500 × 1,5) − (100 × 0,5 × 500 × 1) = 12.500 €
Der Unterschied zwischen null und 12.500 € liegt allein in einem um 0,5 höheren CRV. Genau deshalb lohnt der Blick darauf, wo dein Kursziel liegt. Die passenden Marken findest du über Unterstützung und Widerstand.
Der Erwartungswert eines Handelssystems ist der durchschnittliche Gewinn oder Verlust pro Trade. Er ergibt sich aus der Trefferquote mal dem durchschnittlichen Gewinn, minus der Verlustquote mal dem durchschnittlichen Verlust.
Dieser Erwartungswert ist die Zahl, auf die es am Ende ankommt. CRV und Trefferquote sind die beiden Bausteine, aus denen er entsteht. Wie du daraus einen belastbaren statistischen Vorteil ableitest, steht im Artikel zur Trading Edge.
Wie stark mit Trefferquoten geworben wird, zeigt das Marketing vieler Anbieter. Ein Beispiel haben wir im Bericht zu Willem Trading eingeordnet. Ein warnendes Praxisbeispiel liefert der Backtest einer DAX-Breakoutstrategie mit 80 % Trefferquote: Trotz vieler Gewinner fraßen wenige große Verlusttrades das Ergebnis auf.
Wie sich beide Größen in der Praxis verhalten, zeigt das offengelegte Handelskonto von Finanzradar: Bei einer Trefferquote von 49,6 Prozent bleibt am Ende ein Profitfaktor von 1,32 übrig. Etwa jeder zweite Trade läuft dort ins Minus.
Vorteile und Grenzen eines hohen CRV
Ein hohes Chance-Risiko-Verhältnis hat handfeste Vorteile, aber es kostet auch etwas. Die folgenden Punkte fassen zusammen, was du gewinnst und was du im Gegenzug in Kauf nimmst. Beide Seiten gehören zur Entscheidung, welches Verhältnis zu deinem Handelsstil passt.
Vorteile eines hohen CRV
- Niedrigere Trefferquote reicht: Bei 3:1 genügen 25 % Gewinntrades für den Break-even. Du darfst dich also öfter irren, ohne Geld zu verlieren.
- Weniger Druck bei Verlustserien: Wer weiß, dass drei Verluste durch einen Gewinner gedeckt sind, handelt ruhiger und bricht seltener aus der Strategie aus.
- Ein Trade kann den Monat retten: Große Gewinner haben bei hohem CRV genug Gewicht, um eine durchwachsene Phase auszugleichen.
- Erzwingt saubere Planung: Ohne definiertes Kursziel und definierten Stop lässt sich kein CRV berechnen. Die Kennzahl diszipliniert die Vorbereitung.
Grenzen und Nachteile eines hohen CRV
- Die Trefferquote sinkt mit: Je weiter das Ziel entfernt liegt, desto seltener wird es erreicht. Der Vorteil auf dem Papier frisst sich in der Praxis selbst auf.
- Lange Verlustserien werden normal: Bei 25 % Trefferquote sind acht Verluste am Stück statistisch unauffällig. Psychologisch hält das kaum jemand ohne Vorbereitung durch.
- Wenige passende Setups: Wer nur Trades ab 3:1 nimmt, handelt deutlich seltener. Bei manchen Strategien bleiben kaum noch Gelegenheiten übrig.
- Verleitet zum Schönrechnen: Das Ziel weiter wegschieben oder den Stop enger ziehen verbessert die Kennzahl sofort, das Ergebnis aber nicht.
Was ist der Unterschied zwischen CRV und R-Multiple?
Beide Kennzahlen sind eng verwandt, messen aber unterschiedliche Zeitpunkte. Der Abstand zwischen Einstieg und Stop-Loss entspricht üblicherweise 1 R. Das ist der Betrag, den du pro Trade maximal riskieren willst.
Ein R-Multiple gibt an, wie viele Vielfache des Anfangsrisikos ein abgeschlossener Trade eingebracht hat. Ein Trade mit 2R hat das Doppelte des ursprünglich riskierten Betrags erzielt.
Im Beispiel oben waren das 500 €. Verdienst du mit einem Trade 1.000 €, hat er 2R erzielt, also 1.000 € geteilt durch 500 €. Dasselbe funktioniert mit Pips oder Punkten: Lag das Anfangsrisiko bei 10 Pips und der Trade brachte 18 Pips, entspricht das 1,8 R. R-Multiples beziehen sich immer auf das Anfangsrisiko.
Der Unterschied liegt damit im Blickwinkel. Das CRV ist ein geplantes Performancemaß und entsteht vor dem Einstieg. Das R-Multiple beschreibt die tatsächlich erzielte Performance und entsteht nach dem Ausstieg. Beide verfolgen dasselbe Ziel, weshalb du auch ausschließlich mit R-Multiples arbeiten kannst. Das Konzept geht auf den Trading-Coach Van Tharp zurück.
Ich arbeite deshalb nur mit R-Multiple. Entscheidend ist ohnehin etwas anderes: dass du jeden Trade im Voraus fest planst und dadurch weißt, wie hoch dein Risiko ist und wie du es definierst. Zu den Schlüsselprinzipien im Trading gehört, schon bei der Positionseröffnung zu wissen, wann du wieder aussteigst. Das gilt in beide Richtungen, wenn es für dich läuft und wenn es gegen dich läuft. Alle Szenarien solltest du vorher durchgespielt haben, samt der passenden Ordertypen.
Tool zur Bestimmung des CRV
Um das Chance-Risiko-Verhältnis nicht bei jedem Trade von Hand zu rechnen, nutze ich das Positions-Werkzeug von TradingView. Es zeichnet Einstieg, Stop und Ziel als farbige Zonen direkt in den Chart und zeigt das CRV laufend an.
Für einen Long-Trade wählst du das Werkzeug Long-Position, für einen Short-Trade Short-Position. Beide findest du in der linken Werkzeugleiste unter dem Messsymbol. Zusätzlich hinterlegst du dort dein Tradingkapital und den Prozentsatz, den du pro Trade riskieren willst. Damit rechnet das Tool die Positionsgröße gleich mit aus.

Im Beispiel sehen wir einen Tageschart. Der Einstieg erfolgt bei 1,21121, nachdem die Trendlinie nach dem Bruch erneut an der Unterstützung getestet wird. Zuvor bildet sich eine positive Kerzenformation aus, hier ein Doji mit grüner Bestätigungskerze. Den Stop platzieren wir am letzten Retracement-Tief bei 1,19919. Das Kursziel ist der nächste Widerstand im Tagesbereich bei 1,23720.
Das Tradingkapital beträgt 10.000 €, das Risiko liegt bei 1 % pro Trade. TradingView zeigt deshalb am Stop einen Betrag von 9.900 € an, also das verbleibende Kapital im Verlustfall. Wird das Ziel erreicht, stehen 10.216 € auf dem Konto.
Das CRV berechnet das Tool automatisch und kommt hier auf 2,16: Die Chance beträgt 0,02599, das Risiko 0,01202, geteilt ergibt das 2,16. Der Gewinn läge damit bei 216 €, also 100 € Risiko mal 2,16.
Ein Wort zu den Grenzen: Das Werkzeug rechnet nur, was du ihm vorgibst. Ob dein Kursziel realistisch ist, sagt es dir nicht. Diese Einschätzung bleibt deine Aufgabe, und sie ist der schwierigere Teil.
CRV in Aktien, Optionen und Krypto
Die Formel bleibt in jedem Markt identisch, die realistischen Größenordnungen unterscheiden sich aber deutlich. Wer die Erwartungen aus dem Devisenhandel eins zu eins auf Aktien überträgt, plant an der Realität vorbei.
Bei Aktien im Swing-Trading, also bei Haltedauern von Tagen bis Wochen, liegen erreichbare Verhältnisse oft bei 2:1 bis 3:1. Der Grund ist die geringere Handelsfrequenz: Du hast weniger Gelegenheiten, also muss die einzelne mehr tragen. Beim Daytrading in liquiden Indizes sind die Wege kürzer, dafür kommen mehr Setups zustande, und Werte um 1,5:1 können völlig ausreichen.
Bei Optionen wird die Rechnung komplizierter. Der mögliche Verlust ist beim Kauf klar begrenzt, nämlich auf die gezahlte Prämie. Der Gewinn hängt aber nicht nur vom Kurs ab, sondern zusätzlich von Restlaufzeit und Volatilität. Ein statisches CRV bildet das nur grob ab und unterschätzt regelmäßig, wie stark der Zeitwertverlust am Ergebnis zehrt. Ähnliches gilt für Hebelprodukte, bei denen die Knock-out-Schwelle den Stop faktisch vorgibt.
Wie viel Hebel dabei überhaupt zulässig ist, gibt die Aufsicht vor. Die BaFin-Allgemeinverfügung zu Differenzgeschäften schreibt Kleinanlegern seit dem 1. August 2019 eine Initial Margin von mindestens 3,33 % des Nominalwerts vor, wenn beide Währungen des Paars zu den großen Währungen zählen. Bei den genannten Aktienindizes sind es 5 %. Diese Grenzen bestimmen mit, wie groß deine Position überhaupt ausfallen darf, und damit indirekt, wo dein Stop sinnvoll liegt.
Im Kryptohandel sorgen die großen Tagesschwankungen für optisch attraktive Verhältnisse. Der Haken liegt beim Stop: Wer ihn eng setzt, wird von der normalen Schwankungsbreite ausgestoppt, bevor die Bewegung überhaupt beginnt. Ein rechnerisch hübsches CRV von 5:1 ist wertlos, wenn der Stop vier von fünf Malen vorher auslöst. Wie du die Positionsgröße daran anpasst, steht im Artikel zum Klumpenrisiko.
Welche Positionsgröße zu einem geplanten CRV passt, ergibt sich aus dem Risikobudget geteilt durch den Stop-Abstand. Die vollständige Rechnung steht im Guide zum Money Management im Trading.
Mein Fazit zu CRV, Trefferquote und R-Multiple
Auch wenn das CRV allein keine Aussagekraft hat, ist es eine der Grundkomponenten des Tradings. Denn du solltest jeden Trade planen, bevor du ihn eingehst, und das Chance-Risiko-Verhältnis gehört zu dieser Planung. Die einzige Größe, auf die du im Trading dauerhaft Einfluss hast, ist das Risiko.
Nach über vier Jahrzehnten am Markt ist meine Erfahrung eindeutig: Wer sein CRV kennt, aber nicht seine Trefferquote, hat nur die halbe Information. Und wer beide kennt, aber sein Risiko pro Trade nicht begrenzt, verliert trotzdem. Die drei Größen greifen ineinander, einzeln taugt keine davon zur Entscheidung.
Zusammen mit einer belastbaren Trefferquote und sauberem Moneymanagement hast du gute Chancen, langfristig profitabel zu handeln. Deshalb führt an der Auseinandersetzung mit dem CRV kein Weg vorbei. George Soros hat den Kern davon formuliert:
Es geht nicht darum, ob man richtig oder falsch liegt, das ist unwichtig. Es geht darum, wie viel Geld man verdient, wenn man richtig liegt und wie viel man verliert, wenn man falsch liegt.
Häufige Fragen zum Chance-Risiko-Verhältnis (CRV)
Was ist das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV)?
Das Chance-Risiko-Verhältnis gibt an, in welchem Verhältnis der potenzielle Gewinn eines Trades zum potenziellen Verlust steht. Berechnet wird es, indem die Differenz zwischen Einstieg und Kursziel durch die Differenz zwischen Einstieg und Stop-Loss geteilt wird. Ein CRV von 2 bedeutet: Der mögliche Gewinn ist doppelt so groß wie der mögliche Verlust.
Wie berechne ich das Chance-Risiko-Verhältnis?
Die Formel für den Long-Trade lautet CRV = (Kursziel minus Einstieg) geteilt durch (Einstieg minus Stop-Loss). Beim Short-Trade drehst du beide Differenzen um. Ein Beispiel: Einstieg bei 100 €, Stop-Loss bei 95 €, Kursziel bei 110 € ergibt 10 geteilt durch 5, also ein CRV von 2,0.
Was ist ein gutes Chance-Risiko-Verhältnis?
Ein universell gutes CRV gibt es nicht, weil der Wert immer von der Trefferquote deiner Strategie abhängt. Ein CRV von 1,5 ist profitabel, sobald deine Trefferquote über 40 % liegt. Ein CRV von 3,0 bringt nichts, wenn nur jeder zehnte Trade aufgeht. Entscheidend ist der Erwartungswert aus beiden Größen.
Was bedeutet Risk-Reward-Ratio im Vergleich zum CRV?
Die Risk-Reward-Ratio nennt das Risiko zuerst und ist damit die gespiegelte Schreibweise des deutschen CRV. Ein CRV von 2:1 entspricht einer Risk-Reward-Ratio von 1:2. Die ebenfalls gebräuchliche Reward-Risk-Ratio entspricht dem CRV dagegen direkt.
Welche Mindest-Trefferquote brauche ich bei einem CRV von 2:1?
Bei einem CRV von 2:1 brauchst du eine Mindest-Trefferquote von 33 %, um Break-even zu handeln. Die Formel dazu lautet 1 / (1 + 2) = 0,33. Nur jeder dritte Trade muss also ein Gewinner sein. Jede Trefferquote über 33 % führt bei diesem CRV in den Gewinn.
Kann ich einen Verlusttrade durch ein höheres CRV beim nächsten ausgleichen?
Nein, das ist ein verbreiteter Denkfehler. Wer nach einem Verlust das Gewinnziel des nächsten Trades anhebt, verschiebt das Ziel nur auf dem Papier. Der Markt erreicht es deshalb nicht häufiger, im Gegenteil: Die Trefferquote sinkt mit jedem Schritt, den das Ziel weiter wegrückt.
Wie hilft das CRV beim Risikomanagement?
Das CRV erzwingt eine vollständige Tradeplanung vor dem Einstieg: Wo liegt der Stop-Loss, wo das Kursziel, und steht der mögliche Gewinn im Verhältnis zum Einsatz? Diese Disziplin verhindert impulsive Trades ohne definiertes Verlustlimit. Zusammen mit einer festen Positionsgröße von maximal 1 bis 2 % Kontorisiko bildet das CRV die Basis des Risikomanagements.
Über den Autor: Karsten Kagels
Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer von Kagels Trading und handelt seit 1980 an den Finanzmärkten. Er ist diskretionärer Price-Action-Trader, arbeitet also ohne automatisierte Systeme und trifft jede Entscheidung anhand des Kursverlaufs selbst. Seine Märkte sind Forex, Aktienindizes, Rohstoffe und Zinsmärkte.
Ende der 1980er-Jahre übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter ins Deutsche. Über 17 Jahre war er Repräsentant von Joe Ross in Deutschland und übersetzte und verlegte dessen zehn Bücher. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.
Für dieses Thema ist er einschlägig qualifiziert: Risikomanagement ist nach seiner Erfahrung der Bereich, in dem sich entscheidet, wer langfristig am Markt bleibt. Das Zusammenspiel aus CRV, Trefferquote und R-Multiple wendet er seit Jahrzehnten in der eigenen Tradeplanung an und gibt es in seinen Schulungen weiter.
Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.











