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Ist das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) im Trading sinnvoll?

Ist das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) im Trading totaler Blödsinn oder ist es doch der heilige Gral?  In diesem Artikel werden wir uns näher mit dem CRV beschäftigen und ich werde Euch aufzeigen, das beides seine Berechtigung hat.

Was ist das CRV oder Chance-Risiko-Verhältnis?

Das CRV gibt, wie der Name schon sagt, das Verhätnis von Chance und Risiko an. Es gehört zu den Grundlagen des Risiko- und Moneymanagements, welches, wie jeder Trader weiß, das Fundament für langfristigen Börsenerfolg darstellt. Wie der Hedgefonds Manager Larry Hite schon bereits richtig sagte: „Ich sehe nicht die Märkte; ich sehe die Risiken, Chancen und das Geld „.

  • Potentielles Risiko: Differenz zwischen dem Einstiegskurs und dem Stopp-Loss
  • Potentielle Chance: Differenz zwischen dem Einstiegskurs und dem Take Profit.

Bildet man nun den Quotienten zwischen der potentiellen Chance (Gewinn) und dem potentiellen Risiko (Verlust) erhält man den CRV.

Beträgt zum Beispiel der potentielle Gewinn 20 Pips und der Stopp-Loss 10 Pips, so hat man ein Chance-Risiko-Verhältnis von 2:1. Das bedeutet in dem Fall, dass der mögliche Gewinn das Doppelte des möglichen Verlustes beträgt. Man erhält also im Gewinnfall für jeden eingesetzten Euro zwei Euro zurück.

Ein Beispiel für das Chance-Risiko-Verhältnis anhand von GBPJPY

Als Beispiel nehmen wir einmal einen Trade in dem Währungspaar GBPJPY.

CRV oder Chance-Risiko-Verhältnis

Wir gehen also Short im GBPJPY. Das Entrysignal ist in diesem Beispiel eine bärische Umkehrformation, nämlich das Bearish Harami. Dieses bildet sich am 50er Fibonaccilevel aus. Der Entry erfolgt dann nach ausbilden des Bearish Harami, z. B. am 38,2er Fibolevel. Der Stopp wird oberhalb des Widerstandes mit etwas Distanz zum Entry, z. B. am 61,8er Fibolevel platziert. Das Target (Kursziel) ist dann der nächste Support (Unterstützung), was hier das 0er Fibolevel ist.

  • Potentielle Chance: Target (142.275) – Entry (142.351) = 7,6 Pips
  • Potenzielles Risiko: Stopp-Loss (142.397) – Entry (142.351) = 4,6 Pips
  • CRV = Potentielle Chance (7,6) / Potentielles Risiko (4,6) = 1,65

Dieser Trade bietet also ein CRV von 7,6:4,6 bzw. 1,65:1.

Warum das CRV alleine nicht funktioniert

Viele Trader machen es sich allerdings zu einfach. In vielen Büchern findet man oft die Empfehlung, keine Trades mit einem Chance-Risiko-Verhältnis kleiner als 2:1 oder sogar 3:1 einzugehen. Jedes Buch, das diese Empfehlung beinhaltet, kann getrost in den Mülleimer geworfen werden und zeigt auch, warum diejenige Person ein Buch über das Trading geschrieben hat. Denn diese Person hat wahrscheinlich das Trading nicht verstanden und muss daher den Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Büchern verdienen, anstatt selber erfolgreich zu handeln. Ein CRV alleine hat keinerlei Aussagekraft.

Genauso ist es unrealistisch, einfach immer ein CRV von 10:1 nehmen. Das klingt zwar schön, dass die Gewinne theoretisch immer das 10fache des Risikos betragen, aber die Frage ist, wie realistisch das ist? Wie viele von Euch haben schon einmal einen Trade mit einem CRV von 10:1 erzielt? Und wenn ja, wie oft?

Es gibt keine guten und schlechten CRV’s

Es ist somit ein Mythos, dass es gute und schlechte CRV´s gibt. Ob ein CRV sinnvoll ist oder nicht, kann nämlich erst mit Zuhilfenahme der Trefferquote geklärt werden.

Auch ist es ein Fehler, wenn Trader einen Trade planen und dabei einfach ihr Target ausweiten und/oder den Stopp-Loss verkleinern, um so ein vermeintlich besseres CRV zu erhalten. In der Theorie erhalten sie ein besseres CRV, aber wie oft wird dies dann auch in der Praxis erreicht? Genauso ist es ein Fehler, das manche Trader denken, man könnte einen Verlusttrade leicht wieder ausgleichen, indem man beim nächsten Trade einfach das Target erhöht. Trading ist nämlich keine reine Mathematik, das wäre zu einfach. Es ist ein Spiel von Wahrscheinlichkeiten. So auch beim CRV. Man muss die Wahrscheinlichkeiten des eigenen Handelssystems kennen.

CRV in Kombination mit der Trefferquote

Wenn man sich mit seiner Tradingstrategie näher beschäftigt, bekommt man schnell ein Gefühl für ein realistisches CRV und kann somit sehr leicht die benötigte Trefferquote bzw. das zu erwartende Chance-Risiko-Verhältnis berechnen. Die Formel zur Berechung der Mindest-Trefferquote, also um Break-even (an der Gewinnschwelle) zu handeln, sieht so aus:

  • Mindest Trefferquote: 1 / (1 + CRV)

Wenn Sie Ihre Trefferquote kennen, können Sie anhand der folgenden Formel das benötigte Chance-Risiko-Verhältnis berechnen, um zumindest Break-even zu sein:

  • Benötigter CRV: (1 / Trefferquote) – 1

Chance-Risiko-Verhältnis - CRV und Trefferquote

Man sieht anhand der Grafik, dass bei einem CRV von 1,5 eine Trefferquote von 40% ausreichend ist, um Break-Even (an der Gewinnschwelle) zu sein.

Das einfachste Beispiel ist natürlich ein CRV von 1. Hierbei braucht man also eine Trefferquote größer als 50%, um profitabel zu sein bzw. 50%, um Break-Even zu sein.

Nehmen wir einmal an, unser System generiert im Monat 100 Trades und wir haben ein CRV von 1. Die Trefferquote beträgt 50% und wir riskieren pro Trade 500€.

Dann wäre der Gesamtprofit pro Monat 0 €, wie Sie anhand der folgenden Formel sehen können (Anzahl der Trades * Trefferquote * Risiko pro Trade * CRV):

Gewinntrades – Verlusttrades

(100 * 0,5 * 500 * 1) – (100 * 0,5 * 500 * 1) = 0 €

Bei gleicher Trefferquote, aber einem CRV von 1,5:1 würde der Trader mit selbem Risiko und Tradeanzahl einen Gesamtprofit von 12.500€ erzielen:

Gewinntrades – Verlusttrades

(100 * 0,5 * 500 * 1,5) – (100 * 0,5 * 500 * 1) = 12.500€

Was ist der Unterschied zwischen CRV und R-Multiple ?

Es ist beides ziemlich ähnlich. Normalerweise beträgt die Differenz zwischen dem Entry und dem Stopp-Loss 1 R.

Das bedeutet, dass dies der maximale Betrag ist, den man pro Trade riskieren möchte.

In dem oben genannten Beispiel waren das 500€. Wenn man nur mit einem Trade 1.000€ verdient, so hatte der Trade 2R (1.000€/500€). Das Gleiche geht aber auch mit Pips oder Punkten.

Wenn man sagt, das Anfangsrisiko waren 10 Pips und man hat 18 Pips verdient, so betrug der Trade 1,8R (18 Pips/10 Pips).

R-Multiple beziehen sich somit immer auf das Anfangsrisiko.

Das CRV ist somit mehr ein potentielles Performancemaß, während R-Multiple die aktuelle Performance beschreibt. Im Prinzip haben aber beide das gleiche Ziel, und daher kann man auch nur mit R-Multiple arbeiten, da man dies auch bei der Tradeplanung berücksichtigen kann.

Ich arbeite daher nur mit R-Multiple. Das Wichtige ist aber, dass man seine Trades im Voraus fest plant und somit auch immer weiß, wie hoch das Risiko pro Trade ist und wie man dieses definiert. Einer der Schlüsselprinzipien im Trading ist, dass man bei jeder Positionseröffnung schon im Voraus weiß, wann man wieder bereit ist, die Position zu schließen. Zum Einen, wenn es für einen läuft, und zum anderen, wenn es gegen einen läuft. Man sollte daher schon im Voraus sämtliche Szenarien im Kopf durchgespielt haben und genau wissen, wo man was macht.

Tool zur Bestimmung des CRV

Um mein Chance-Risiko-Verhältnis immer automatisch ausrechnen zu lassen, benutze ich das CRV-Tool von Tradingview.

Hier hat man die geniale Möglichkeit, sich das CRV anzeigen zu lassen.

Dabei kann man auch auswählen, wie hoch das aktuelle Tradingkapital ist und wie viel Prozent pro Trade riskiert werden soll.

Ich finde das Tool, sowie auch Tradingview, einfach genial.

Für einen Longtrade kann man sich das CRV einfach über das Tool Long-Position, für einen Shorttrade mit dem Tool Short-Position, bestimmen lassen.

Tool zur Berechung des Chance-Risiko-Verhältnis CRV von TradingView
Tool zur Berechung des Chance-Risiko-Verhältnis CRV von TradingView

Wir sehen hier ein Beispiel auf Tagesbasis.

  1. Einstieg erfolgt bei 1,21121, als nach dem Trendbruch die Trendlinie erneut am Support berührt wird. Zusätzlich gibt es zuvor eine positive Candlestickformation (in diesem Fall ein Doji und eine grüne Bestätigungscandle).
  2. Den Stop platzieren wir beim letzten Retracementtief bei 1,19919.
  3. Das Target ist der nächste Widerstand im Tagesbereich bei 1,12372.

Das Tradingkapital beträgt 10.000 € und das Risiko ist 1% pro Trade.

TradingView zeigt daher beim Stop einen Betrag von 9.900 € an. Denn das wäre unser Tradingkapital, wenn der Stopp-Loss erreicht wird.

Dagegen würde das Tradingkapital 10.216 € betragen, wenn das Target erreicht wird.

Das CRV wird auch automatisch berechnet. Dies beträgt in diesem Fall 2,16 (Chance: 0,02599, Risiko: 0,01202 => CRV = 0,02599/0,01202 = 2,16).

Der Gewinn wäre somit 216 € (100 € Risk x 2,16).

Fazit

Auch wenn das CRV alleine keine Aussagekraft hat, ist es eines der grundlegenden Komponenten des Tradings. Denn man sollte jeden Trade planen, bevor man diesen eingeht. Dazu gehört auch das Chance-Risiko-Verhältnis. Denn die einzige Komponente, auf die man im Trading immer einen Einfluss hat, ist das Risiko.

Zusammen mit der Trefferquote und einem guten Moneymanagement hat man so sehr gute Chancen, langfristig profitabel zu handeln. Daher ist eine Auseinandersetzung mit dem CRV unabdingbar. George Soros sagte schon richtigerweise: „Es geht nicht darum, ob man richtig oder falsch liegt, dass ist unwichtig. Es geht darum wie viel Geld man verdient, wenn man richtig liegt und wie viel man verliert, wenn man falsch liegt.“

Hier weiterlesen:

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2 Gedanken zu “Ist das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) im Trading sinnvoll?

  1. Hallo,

    mir gefällt der Artikel echt gut, danke. Besonders der Abschnitt „Warum das CRV alleine nicht funktioniert“ ist super. Leider hört und liest man ständig solche oder ähnliche Angaben (mindestens 2:1; 3:2; …). Das CRV oder die Trefferquote isoliert zu betrachten, macht wirklich keinen Sinn. Ich bin der Meinung, dass diese beiden Werte nicht das System ausmachen sollten, sondern dass man ein System mit diesen Werten auswerten/betrachten kann, um es nach einigen Trades besser „einschätzen“ zu können. Also im Grunde genau der umgekehrte Ansatz dessen, was häufig propagiert wird. Ich vermute mal, dass das CRV immer so angepriesen wird, weil es auf den ersten Blick logisch und „seriös“ wirkt. Man hört ja auch so schlaue Sätze wie „Ich weiß ja nicht wo der Markt hingeht, deshalb will ich nicht so abhängig von der Trefferquote sein und wähle deshalb ein CRV von 3:1“. Letztlich kommt es einzig und allein auf den Profitfaktor an. Wenn dieser stimmt, ist es völlig egal, ob er nun verstärkt durch die Trefferquote oder die Payoff-Ratio zustande kommt.

    Liebe Grüße
    David

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