Der Donchian Channel ist der wohl einfachste Indikator der technischen Analyse. Er rechnet nichts glatt, gewichtet nichts und braucht keine Formel, die man sich merken müsste. Er zeichnet nur zwei Linien: das höchste Hoch und das tiefste Tief einer bestimmten Zahl von Perioden. Genau darin liegt sein Reiz, denn ein Ausbruch aus diesem Kanal ist keine Interpretation, sondern eine Tatsache.
Die meisten Beschreibungen enden nach dieser Erklärung. Dieser Artikel geht weiter und legt Zahlen daneben: Wir haben 289 Donchian-Ausbrüche aus zehn Jahren in DAX, S&P 500, Gold und EUR/USD ausgewertet. Das Ergebnis widerspricht dem Bild vom einfachen Kaufsignal, und es zeigt sehr deutlich, welche Einstellung und welche Handelsrichtung überhaupt getragen haben. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.
Donchian Channel: das Wichtigste in 30 Sekunden
- Zwei Linien, keine Formel: Die obere Linie ist das höchste Hoch der letzten N Perioden, die untere das tiefste Tief. Dazwischen liegt die Mittellinie als Durchschnitt beider Werte. Der Standard sind 20 Perioden.
- Das Signal ist ein Ausbruch: Schließt der Kurs über der oberen Linie, ist das ein Kaufsignal, schließt er unter der unteren Linie, ein Verkaufssignal. Ausgestiegen wird klassisch am Gegen-Extrem eines kürzeren Kanals, meist 10 Perioden.
- Zwei von drei Ausbrüchen scheitern: In unserer Auswertung von 289 Signalen über zehn Jahre lag die Trefferquote bei 34,6 %. Getragen hat das Ergebnis allein das Verhältnis von durchschnittlichem Gewinn (+4,2 %) zu durchschnittlichem Verlust (−2,4 %).
- Der lange Kanal war der bessere: Mit 55 Perioden Einstieg und 20 Perioden Ausstieg sank die Zahl der Signale auf 135, die Trefferquote stieg auf 43,0 %. Weniger Handel schlug in unserem Test mehr Handel.
- Die Richtung entschied mehr als der Indikator: Die 162 Long-Signale trafen zu 42,6 %, die 127 Short-Signale nur zu 24,4 %. In beiden Aktienindizes war die Short-Seite der klare Verlustbringer.
Was ist der Donchian Channel?
Der Donchian Channel ist ein Indikator der technischen Analyse, der das höchste Hoch und das tiefste Tief einer festgelegten Anzahl vergangener Perioden als zwei Linien in den Chart zeichnet.
Anders als fast alle anderen Indikatoren glättet er nichts. Er liest zwei Extremwerte aus den Kursdaten ab und zeigt sie an. Damit beantwortet er eine einzige, aber sehr praktische Frage: Notiert der Markt gerade außerhalb seiner jüngsten Spanne? Bewegt sich der Kurs innerhalb des Kanals, ist er in bekanntem Terrain. Bricht er darüber oder darunter aus, betritt er neues.
Erfunden hat ihn Richard Davoud Donchian (1905 bis 1993), ein Wegbereiter der Managed Futures und einer der ersten, die Trendfolge als regelbasiertes Geschäft betrieben. Donchian gründete 1949 den ersten öffentlich zugänglichen Managed-Futures-Fonds. Sein Kanal ist bis heute die klarste Umsetzung des Gedankens, dass ein Trend genau dort beginnt, wo der Kurs seine bisherige Spanne verlässt.
Der Indikator wird häufig mit dem Turtle Trading in Verbindung gebracht, weil Richard Dennis ihn in den Achtzigerjahren zum Kern seines Ausbildungsexperiments machte. Donchian und Dennis sind zwei verschiedene Personen, die häufig verwechselt werden: Donchian entwickelte das Werkzeug, Dennis baute daraus ein vollständiges Handelssystem mit Positionsgrößen und Risikoregeln.
So wird der Donchian Channel berechnet
Die Berechnung braucht einen einzigen Parameter: die Zahl der Perioden, hier N genannt. Alles andere folgt daraus. Weil nur Höchst- und Tiefstkurse abgelesen werden, kannst du den Kanal auf jedem Chart auch von Hand nachvollziehen. Es gibt keine Gewichtung und keinen Glättungsfaktor, der das Ergebnis verändern könnte.
- Obere Linie: das höchste Hoch der letzten N Perioden. Bei N = 20 im Tageschart also das höchste Tageshoch der vergangenen 20 Handelstage.
- Untere Linie: das tiefste Tief der letzten N Perioden, nach derselben Logik.
- Mittellinie: der Durchschnitt aus oberer und unterer Linie, also (Hoch + Tief) geteilt durch 2. Sie ist keine Durchschnittslinie der Kurse, sondern die Mitte des Kanals.
Die Mittellinie des Donchian Channels ist der Durchschnitt aus oberer und unterer Kanallinie und markiert damit die Mitte der jüngsten Handelsspanne.
Ein Detail entscheidet darüber, ob dein Chart überhaupt handelbare Signale zeigt: Manche Plattformen beziehen die aktuelle Kerze in die Berechnung ein, andere nicht. Rechnet der Indikator die laufende Periode mit, kann der Kurs die obere Linie nie überschreiten, denn er ist dann selbst das höchste Hoch. Das Band liegt exakt auf der Kerze und ein Ausbruch ist rechnerisch unmöglich. In den Charts dieses Artikels bilden wir den Kanal aus den 20 Perioden vor der aktuellen Kerze, sonst gäbe es nichts zu messen.
Eine zweite Eigenheit ist die Treppenform. Die Linien bewegen sich nicht laufend, sondern springen genau dann, wenn ein altes Extrem aus dem Rückblickfenster herausfällt. Der Kanal kann sich also verengen, obwohl im Markt gerade gar nichts passiert ist, nur weil ein hoher Wert von vor 21 Tagen nicht mehr mitzählt. Wer das nicht weiß, hält solche Sprünge fälschlich für ein Marktsignal.
Kauf- und Verkaufssignale am Donchian Channel
Ein Donchian-Ausbruch liegt vor, wenn ein Schlusskurs über dem höchsten Hoch oder unter dem tiefsten Tief der festgelegten Rückblickperiode notiert.
Die klassische Lesart ist in einem Satz erzählt. Schließt der Kurs über der oberen Linie, gilt das als Einstieg auf der Long-Seite. Schließt er unter der unteren Linie, als Einstieg auf der Short-Seite. Entscheidend ist dabei der Schlusskurs, nicht das kurzzeitige Antippen der Linie im Verlauf. Ein Docht, der über den Kanal hinausragt und wieder zurückfällt, ist kein Signal, sondern das genaue Gegenteil davon.
Für den Ausstieg gibt es zwei gebräuchliche Wege. Der eine nutzt einen kürzeren Kanal in der Gegenrichtung: Eine Long-Position wird geschlossen, sobald der Kurs unter das Tief der letzten zehn Perioden fällt. Der andere nimmt die Mittellinie als Grenze. Der kurze Gegenkanal lässt Trends länger laufen, die Mittellinie gibt weniger Gewinn zurück, beendet aber auch gute Positionen früh. Alle Zahlen in diesem Artikel beziehen sich auf die erste Variante.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt der folgende DAX-Ausschnitt. Er ist bewusst nicht als Erfolgsbeispiel gewählt: Zwei Signale hintereinander liefen ins Leere, bevor das dritte den eigentlichen Trend erwischte. Genau dieses Muster ist der Normalfall bei der Trendfolge und der Grund, warum viele Trader den Ansatz nach wenigen Wochen wieder aufgeben.

Die Mittellinie hat neben der Ausstiegsfunktion einen zweiten Nutzen. Solange der Kurs sie in einem Aufwärtstrend nicht mehr unterschreitet, ist die Struktur intakt. Fällt er darunter zurück, ist die Bewegung mindestens in eine Konsolidierung übergegangen. Als Filter taugt die Mittellinie deshalb besser denn als Ausstiegsregel.
Die Donchian-Strategie im Test: 289 Ausbrüche aus zehn Jahren
Die Donchian-Channel-Strategie ist ein Trendfolgeansatz, der beim Ausbruch aus einem 20-Perioden-Kanal einsteigt und beim Gegen-Extrem eines 10-Perioden-Kanals wieder aussteigt.
Behauptungen über Indikatoren gibt es reichlich. Wir haben deshalb selbst gerechnet, statt zu referieren. Grundlage sind Tagesschlusskurse von August 2016 bis August 2026 aus vier Märkten, die unterschiedlicher kaum sein könnten: DAX, S&P 500, Gold und EUR/USD. Die Regel war in allen vier Märkten identisch und wurde nicht nachträglich angepasst.
- Einstieg: Schlusskurs über dem Hoch der letzten 20 Perioden (long) oder unter dem Tief der letzten 20 Perioden (short).
- Ausstieg: Schlusskurs jenseits des 10-Perioden-Extrems in der Gegenrichtung. Es gab keinen zusätzlichen Stop und kein Gewinnziel.
- Rechenweise: jede Position mit gleichem Gewicht, Ergebnis in Prozent vom Einstiegskurs. Gebühren, Spreads und Slippage sind nicht abgezogen, das reale Ergebnis läge also niedriger.
Über alle vier Märkte entstanden so 289 abgeschlossene Positionen. Die Trefferquote lag bei 34,6 %, die mittlere Haltedauer bei 25 Tagen. Zwei von drei Ausbrüchen waren also Fehlsignale, und getragen wurde das Ergebnis allein davon, dass der durchschnittliche Gewinner mit +4,2 % deutlich größer ausfiel als der durchschnittliche Verlierer mit −2,4 %.

Der wichtigste Befund steckt nicht in der Trefferquote, sondern in der Richtung. Die 162 Long-Signale trafen zu 42,6 % und summierten sich auf +126 Prozentpunkte. Die 127 Short-Signale trafen nur zu 24,4 % und kosteten 156 Prozentpunkte. Der Indikator war auf beiden Seiten derselbe, das Ergebnis war es nicht.
Am deutlichsten zeigte sich das im S&P 500: Dort trafen nur 16,1 % der Short-Ausbrüche, während die Long-Seite auf 54,3 % kam. Der Grund liegt nicht am Kanal, sondern am Markt. Ein Aktienindex mit langfristiger Aufwärtsdrift produziert reihenweise Abwärtsausbrüche, die nach wenigen Tagen wieder eingesammelt werden. In Gold und EUR/USD war das Bild weniger einseitig, im EUR/USD war die Short-Seite sogar die bessere.
Über alle vier Märkte summierte sich der 20er-Kanal auf minus 31 Prozentpunkte, vor Kosten. Das reine Standardsystem hat in diesem Jahrzehnt also nicht getragen, und das ist ein Befund, den wir hier bewusst stehen lassen. Wer den Donchian Channel einsetzen will, braucht mindestens einen Filter, eine andere Periodenlänge oder eine Beschränkung auf die Trendrichtung. Alle drei Wege behandeln die nächsten Abschnitte.
Die richtige Periodenlänge: 20, 55 oder kürzer
Die Periodenlänge des Donchian Channels legt fest, wie viele vergangene Perioden für Hoch und Tief herangezogen werden. Gebräuchlich sind 20 Perioden im Tageschart und 52 Perioden im Wochenchart.
Die 20 Perioden sind der Voreinstellungswert fast jeder Plattform, aber sie sind keine Naturkonstante. Die Periodenlänge steuert eine einzige Größe, und die entscheidet alles: wie weit der Kurs laufen muss, bevor er als Ausbruch zählt. Ein kurzer Kanal liegt eng am Kurs und meldet häufig. Ein langer Kanal meldet selten, dafür bei größeren Bewegungen.
Denselben Test mit 55 Perioden Einstieg und 20 Perioden Ausstieg gerechnet, kippt das Ergebnis. Die Zahl der Signale halbierte sich auf 135, die Trefferquote stieg auf 43,0 % und die Summe drehte von minus 31 auf plus 21 Prozentpunkte. Die mittlere Haltedauer wuchs von 25 auf 54 Tage. Weniger Handel war in unserem Test besser als mehr Handel, und zwar in drei der vier Märkte.
| Markt | Kanal 20/10 | Kanal 55/20 |
|---|---|---|
| DAX | 32,2 % | 35,7 % |
| S&P 500 | 39,0 % | 55,9 % |
| Gold | 35,1 % | 40,0 % |
| EUR/USD | 31,1 % | 41,7 % |
| Alle vier zusammen | 34,6 % | 43,0 % |
Diese Zahlen sind kein Argument dafür, immer 55 zu wählen. Sie zeigen einen Zusammenhang, keine Regel: Je länger der Kanal, desto seltener das Signal und desto seltener der Fehlausbruch. Der Preis dafür ist ein deutlich späterer Einstieg. Wer im S&P 500 auf ein 55-Tage-Hoch wartet, ist bei einem schnellen Trend erst dabei, wenn ein gutes Stück der Bewegung gelaufen ist.
Für die Praxis lässt sich das an den Zeitrahmen knüpfen. Im Daytrading auf Minuten- und Stundencharts sind kurze Kanäle zwischen 10 und 20 Perioden üblich, weil sonst am Handelstag kein Signal mehr entsteht. Im Swingtrading auf dem Tageschart sind 20 bis 55 Perioden der gängige Bereich. Für den langfristigen Blick lohnt der 52-Perioden-Kanal im Wochenchart, weil er neue Jahreshochs und Jahrestiefs sofort sichtbar macht.
Der Donchian Channel im Turtle-System
Turtle Trading ist ein regelbasiertes Trendfolgesystem aus dem Jahr 1983, das den Donchian-Ausbruch als Einstiegssignal nutzt und die Positionsgröße an der Schwankungsbreite des Marktes ausrichtet.
Die bekannteste Anwendung des Kanals stammt nicht von Donchian selbst. Richard Dennis und William Eckhardt stritten 1983 darüber, ob sich Trading erlernen lässt, und entschieden die Frage mit einem Experiment: Sie bildeten eine Gruppe Anfänger aus, die später als Turtles bekannt wurde. Das Regelwerk, das sie bekamen, war im Kern ein Donchian-Ausbruchssystem.
- System 1: Einstieg beim 20-Tage-Ausbruch, Ausstieg am 10-Tage-Gegenextrem. Ein Signal wurde übersprungen, wenn der vorherige Ausbruch profitabel gewesen wäre.
- System 2: Einstieg beim 55-Tage-Ausbruch, Ausstieg am 20-Tage-Gegenextrem. Dieses Signal wurde immer gehandelt.
- Risiko statt Stückzahl: Die Positionsgröße richtete sich nach der Schwankungsbreite des Marktes, gemessen an der Average True Range berechnen. Volatile Märkte bekamen kleinere Positionen.
Genau diese zwei Systeme haben wir oben nachgerechnet, und die Reihenfolge des Ergebnisses passt zum Original: Das langsamere System 2 lieferte in unserem Zehnjahresfenster die bessere Trefferquote. Der entscheidende Unterschied zum Bestandteil „Indikator” liegt aber woanders. Die Turtles handelten den Kanal nie allein, sondern eingebettet in Positionsgrößen-Regeln, eine Obergrenze für korrelierte Märkte und einen harten Stop-Loss.
Wer den Donchian Channel heute nutzt und sich auf die Turtle-Historie beruft, sollte das im Kopf behalten. Der Kanal war das Signalwerkzeug, das Risikomanagement war das System. Die vollständigen Regeln inklusive Nachkauf-Logik und Ausnahmen stehen in unserem Beitrag zu den Turtle-Handelsregeln.
Donchian Channel, Bollinger Bänder und Keltner Channel im Vergleich
Der Unterschied zwischen Donchian Channel und Bollinger Bändern liegt in der Datenquelle. Der Donchian-Kanal liest Hoch und Tief vergangener Perioden ab, Bollinger Bänder berechnen eine Standardabweichung um einen gleitenden Durchschnitt.
Drei Indikatoren zeichnen ein Band um den Kurs, und sie werden regelmäßig verwechselt. Der Unterschied liegt nicht im Aussehen, sondern in der Datenquelle: Der Donchian-Kanal liest Extremwerte ab, die beiden anderen berechnen eine Schwankungsbreite um einen Durchschnitt. Daraus folgt alles Weitere.

Im Chart ist der Unterschied sofort sichtbar. Der Donchian-Kanal läuft in waagerechten Stufen und bleibt oft wochenlang unverändert. Bollinger Bänder rechnen mit der Standardabweichung der Schlusskurse und weiten sich beim Kurssturz im April 2025 explosionsartig. Der Keltner Channel nutzt die Average True Range statt der Standardabweichung und reagiert dadurch ruhiger. Für dieselbe Marktphase liefern die drei Werkzeuge damit sehr unterschiedliche Grenzen.
| Kanal | Grundlage | Reaktion |
|---|---|---|
| Donchian | Hoch und Tief | sprunghaft |
| Bollinger | Streuung der Kurse | schnell |
| Keltner | mittlere Spanne | ruhig |
Für die Auswahl gibt es eine brauchbare Faustregel. Willst du wissen, ob der Kurs eine bekannte Spanne verlassen hat, nimm den Donchian-Kanal. Willst du wissen, ob eine Bewegung im Verhältnis zur jüngsten Schwankungsbreite übertrieben ist, nimm Bollinger oder Keltner. Die einen beantworten eine Ja-Nein-Frage, die anderen eine Frage nach dem Ausmaß.
Neben diesen dreien gibt es noch die handgezeichneten Kanäle, die an der Price Action ansetzen statt an einer Formel. Dazu zählen der Trendkanal aus zwei Parallelen und Andrews Pitchfork. Sie verlangen mehr Erfahrung, passen sich dafür der tatsächlichen Struktur des Marktes an. Eine Einordnung aller gängigen Werkzeuge findest du in unserer Übersicht der wichtigsten Trading-Indikatoren.
Vorteile und Nachteile des Donchian Channels
Ein Fehlausbruch am Donchian Channel entsteht, wenn ein Schlusskurs außerhalb des Kanals notiert, der Kurs aber kurz darauf in die alte Handelsspanne zurückkehrt.
Der Kanal hat eine sehr klare Stärke und eine ebenso klare Schwäche, und beide folgen aus derselben Eigenschaft: Er misst ausschließlich Extremwerte und weiß nichts über den Zustand des Marktes. Die folgende Gegenüberstellung stützt sich auf die oben gerechneten 289 Signale.
Vorteile des Donchian Channels
- Eindeutig statt auslegbar: Ein Schlusskurs liegt außerhalb des Kanals oder nicht. Es gibt keinen Ermessensspielraum und damit auch keinen Streit mit sich selbst über die Signalqualität.
- Kein Repainting: Der Kanal wird aus abgeschlossenen Perioden gebildet und ändert sich nachträglich nicht. Ein Backtest liefert deshalb belastbare Werte, anders als bei Regressionskanälen.
- Ein einziger Parameter: Nur die Periodenlänge ist einzustellen. Das begrenzt die Kurvenanpassung erheblich, weil es kaum Schrauben gibt, an denen man eine Historie schönrechnen könnte.
- Verpasst keinen großen Trend: Jede ausgedehnte Bewegung beginnt zwangsläufig mit einem neuen Extremwert. In unserem Test brachte der beste Einzeltrade +19,4 %.
Nachteile des Donchian Channels
- Niedrige Trefferquote: Über 289 Signale traf nur jedes dritte, im Standardkanal 34,6 %. Wer eine hohe Quote braucht, um dabeizubleiben, hält diesen Ansatz psychologisch nicht durch.
- Fehlsignale in der Seitwärtsphase: In engen Spannen liegen die Linien dicht am Kurs, und jede etwas größere Kerze löst ein Signal aus, das umgehend wieder kassiert wird.
- Später Einstieg: Das Signal entsteht per Definition erst nach der Bewegung. Beim Kauf am 20-Tage-Hoch ist der beste Teil des Impulses bereits gelaufen.
- Blind für die Marktrichtung: Der Kanal behandelt Long und Short gleich. Unsere Short-Signale trafen nur zu 24,4 % und kosteten in Summe 156 Prozentpunkte.
- Ohne Risikoregeln unbrauchbar: Das reine Ausbruchssystem lag in unserem Test über zehn Jahre bei minus 31 Prozentpunkten, und das noch vor Gebühren und Slippage.
Den Donchian Channel mit anderen Indikatoren kombinieren
Aus dem Test folgt eine klare Aufgabe: Der Kanal braucht etwas, das ihm sagt, wann er schweigen soll. Er erkennt einen Ausbruch, aber nicht, ob überhaupt ein Trend existiert, in dem sich der Ausbruch fortsetzen kann. Genau diese Lücke füllen die folgenden drei Ergänzungen, und alle drei greifen an unterschiedlichen Punkten an.
- Trendstärke als Schalter: Der ADX misst, wie ausgeprägt eine Richtung ist. Ein gängiger Filter lässt Ausbrüche nur zu, solange der ADX über 20 bis 25 notiert, und blendet die Seitwärtsphasen aus, in denen die Fehlsignale entstehen.
- Übergeordnete Richtung als Sperre: Ein langer gleitender Durchschnitt über 100 oder 200 Perioden legt fest, welche Seite überhaupt gehandelt wird. Das ist die direkte Antwort auf den Short-Befund aus unserem Test.
- Schwung als Bestätigung: Der RSI oder der MACD zeigen, ob hinter dem Ausbruch Kraft steckt. Ein neues Hoch bei nachlassendem Schwung ist der typische Fehlausbruch.
Der Richtungsfilter ist dabei der wirksamste Hebel, und er kostet nichts. Hätten wir im Test nur die Long-Seite gehandelt, wäre aus minus 31 ein Plus von 126 Prozentpunkten geworden. Das ist keine Optimierung im Nachhinein, sondern die Folge einer Eigenschaft der Märkte: Aktienindizes steigen über lange Zeiträume, und ein symmetrisches Ausbruchssystem kämpft dagegen an.
Bei der Kombination gilt eine Grenze, die oft übergangen wird. Zwei Indikatoren, die dasselbe messen, sind kein Filter, sondern eine Wiederholung. Ein Donchian-Ausbruch zusammen mit einem Breakout-Signal aus einem zweiten Kanal bestätigt nichts. Ein Filter ist nur dann einer, wenn er eine andere Frage beantwortet als das Einstiegssignal. Aus demselben Grund taugt die Kumo-Wolke des Ichimoku nicht als Ergänzung, sondern nur als Ersatz: Sie wird aus Hoch-Tief-Mittelwerten über 26 und 52 Perioden gebildet und misst damit fast dasselbe wie der Donchian Channel.
Für den Ausstieg lohnt sich ein Blick auf den volatilitätsbasierten Stop. Er koppelt den Abstand an die aktuelle Schwankungsbreite, statt eine feste Prozentzahl zu setzen. In ruhigen Märkten sitzt der Stop damit enger, in hektischen weiter, was zum Charakter eines Trendfolgesystems deutlich besser passt als ein starrer Wert.
Donchian Channel in TradingView, MetaTrader und NinjaTrader
Der Indikator gehört bei den meisten Plattformen zur Grundausstattung und muss nicht nachinstalliert werden. Die Bezeichnungen unterscheiden sich allerdings, und das führt regelmäßig zu einer erfolglosen Suche. Am häufigsten läuft er unter „Donchian Channels” im Plural.
- TradingView: im Indikatoren-Dialog als Donchian Channels (DC) hinterlegt, Standardlänge 20. Wer die Plattform noch nicht nutzt, findet in unserem Vergleich der TradingView-Alternativen die Optionen mit demselben Funktionsumfang.
- MetaTrader 4 und 5: Der Kanal ist nicht vorinstalliert und wird als kostenloser Indikator aus dem Marktbereich nachgeladen. Eine Übersicht der Anbieter steht in unserer Liste der MetaTrader-5-Broker.
- NinjaTrader: ab Werk als Donchian Channel enthalten, inklusive einstellbarer Mittellinie. Details zur Plattform stehen in unserem Beitrag zu NinjaTrader.
Beim Einrichten lohnt ein Blick in die Einstellungen. Prüfe, ob die Plattform die laufende Kerze mitrechnet, denn davon hängt ab, ob überhaupt Ausbrüche entstehen können. Ein Kanal, der auf jeder neuen Kerze exakt auf deren Hoch liegt, ist falsch parametriert und liefert nie ein Signal.
Fazit: einfach heißt nicht einfach zu handeln
Der Donchian Channel hält, was seine Konstruktion verspricht. Er zeigt zuverlässig und ohne Ermessensspielraum an, wann ein Markt seine jüngste Spanne verlässt. Als Anzeige ist er ehrlicher als fast jeder andere Indikator, weil er nichts glättet und nichts nachträglich verändert.
Die Zahlen aus unserem Test zeigen aber ebenso deutlich, wo die Grenze verläuft. 34,6 % Trefferquote im Standardkanal und ein Gesamtergebnis von minus 31 Prozentpunkten sind kein Argument für ein Handelssystem. Der Kanal ist ein Signalgeber, kein Verfahren. Erst mit einem Richtungsfilter, einer längeren Periode oder einer Positionsgrößen-Regel wird daraus etwas, das man handeln kann. Genau so haben es auch die Turtles gemacht.
Ich handle selbst diskretionär und kein mechanisches Ausbruchssystem, und genau deshalb halte ich die Zahlen oben für den nützlichsten Teil dieses Artikels. Sie zeigen, was ein Kanal leisten kann und was nicht. Er markiert die Stelle, an der ein Markt seine bisherige Spanne verlässt. Ob die Bewegung dann trägt, entscheidet der Kontext und nicht die Linie.
Wer den Indikator zum ersten Mal einsetzt, sollte deshalb bei zwei Dingen anfangen. Erstens die Periodenlänge bewusst wählen statt die Voreinstellung zu übernehmen. Zweitens vorab festlegen, in welche Richtung überhaupt gehandelt wird. Diese beiden Entscheidungen haben in unserer Auswertung mehr bewegt als jede Feinheit der Signallogik.
Als Werkzeug für den Trendwechsel ist der Kanal einer von mehreren. Eine Gegenüberstellung mit acht weiteren Ansätzen und ihrer jeweiligen Signalzeit findest du in unserem Beitrag dazu, wie sich eine Trendumkehr erkennen lässt. Für den Einstieg in die zugrunde liegende Denkweise eignet sich unsere Einführung in die Price Action.
Quelle: Die Übersicht der verschiedenen Kanaltypen in diesem Artikel geht auf einen Originalbeitrag von Galen Woods zurück, der die Grundlagen des Price-Action-Tradings auch in einem eigenen Kurs zum Daytrading behandelt. Berechnung, Auswertung und Einordnung stammen aus der Redaktion von kagels-trading.de.
Häufige Fragen zum Donchian Channel
Was ist der Donchian Channel?
Der Donchian Channel ist ein Indikator der technischen Analyse. Er zeichnet zwei Linien in den Chart: das höchste Hoch und das tiefste Tief einer festgelegten Zahl vergangener Perioden. Dazwischen liegt die Mittellinie als Durchschnitt beider Werte. Er glättet nichts und rechnet nichts, sondern liest reine Extremwerte ab. Entwickelt hat ihn Richard Donchian, ein Wegbereiter der Managed Futures.
Wie wird der Donchian Channel berechnet?
Die Berechnung braucht nur einen Parameter, die Zahl der Perioden N. Die obere Linie ist das höchste Hoch der letzten N Perioden, die untere das tiefste Tief, die Mittellinie der Durchschnitt aus beiden. Wichtig ist, ob deine Plattform die laufende Kerze mitrechnet: Tut sie es, liegt die obere Linie immer auf dem aktuellen Hoch und ein Ausbruch ist rechnerisch unmöglich.
Welche Periodenlänge sollte ich für den Donchian Channel wählen?
Der Standard sind 20 Perioden, aber das ist nur eine Voreinstellung. In unserer Auswertung von zehn Jahren Tagesdaten lieferte der längere Kanal mit 55 Perioden Einstieg und 20 Perioden Ausstieg die bessere Trefferquote: 43,0 Prozent gegenüber 34,6 Prozent beim Standard. Je länger der Kanal, desto seltener das Signal und desto seltener der Fehlausbruch. Im Wochenchart sind 52 Perioden gebräuchlich, weil sie neue Jahreshochs sichtbar machen.
Wie zuverlässig sind die Signale des Donchian Channels?
Wir haben 289 Ausbrüche aus zehn Jahren in DAX, S&P 500, Gold und EUR/USD ausgewertet. Die Trefferquote lag beim Standardkanal bei 34,6 Prozent, zwei von drei Signalen waren also Fehlausbrüche. Getragen wird ein solches System allein vom Verhältnis der Gewinngröße zur Verlustgröße, im Test +4,2 Prozent gegenüber −2,4 Prozent im Durchschnitt. Ohne Richtungsfilter und Risikoregeln reicht das nicht.
Was ist der Unterschied zwischen Donchian Channel und Bollinger Bändern?
Beide zeichnen ein Band um den Kurs, ziehen ihre Werte aber aus verschiedenen Quellen. Der Donchian Channel liest Hoch und Tief vergangener Perioden ab und bewegt sich deshalb in Stufen. Bollinger Bänder berechnen eine Standardabweichung um einen gleitenden Durchschnitt und weiten sich bei steigender Schwankungsbreite sofort. Der Donchian-Kanal beantwortet eine Ja-Nein-Frage, Bollinger eine Frage nach dem Ausmaß.
Ist der Donchian Channel für Anfänger geeignet?
Von der Bedienung her ja, denn es gibt nur einen Parameter und die Signale sind eindeutig. Psychologisch ist er eher schwierig: Bei einer Trefferquote um ein Drittel folgen regelmäßig mehrere Verluste hintereinander, und wer dann die Regeln ändert, verliert genau die wenigen großen Gewinner, von denen der Ansatz lebt. Wer damit anfängt, sollte zuerst auf einem Demokonto üben.
Über den Autor: Karsten Kagels
Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer der Kagels Trading GmbH und handelt seit 1978 als diskretionärer Price-Action-Trader. Seine Märkte sind Forex, Aktienindizes, Rohstoffe und Zinsmärkte.
In den späten 1980er-Jahren übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter. Über 17 Jahre war er Repräsentant von Joe Ross in Deutschland und brachte dessen zehn Bücher ins Deutsche. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.
Seine Sicht auf den Donchian Channel ist die eines diskretionären Traders: Ein Kanal zeigt, wo der Markt seine bisherige Spanne verlässt, er trifft aber keine Entscheidung. Die 289 ausgewerteten Ausbrüche in diesem Artikel sind eigene Berechnungen aus echten Tagesdaten, ebenso die drei Chartgrafiken.
Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.












