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Turtle Trading: die Original-Handelsregeln von Richard Dennis

Zuletzt aktualisiert: 16. September 2026

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17 Min

Christian Möhrer

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Christian Möhrer

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1983 wettete ein Rohstoffhändler aus Chicago, dass sich Trading lernen lässt wie ein Handwerk. Richard Dennis suchte per Zeitungsanzeige Menschen ohne Börsenerfahrung, schulte 13 von ihnen zwei Wochen lang und gab ihnen echtes Geld. Über die folgenden vier Jahre erzielte die Gruppe im Mittel 80 Prozent Rendite pro Jahr. Das Regelwerk dahinter ist bis heute das bekannteste mechanische Handelssystem der Börsengeschichte.

Dieser Beitrag schreibt dieses Regelwerk vollständig aus, statt es nur zu erwähnen. Grundlage ist das Originaldokument „The Original Turtle Trading Rules”, das der ehemalige Turtle Curtis M. Faith 2003 gemeinsam mit weiteren Teilnehmern kostenlos veröffentlicht hat. Du findest hier die Einstiegssignale, die Berechnung der Positionsgröße, die Stopp-Regel und die Ausstiege, jeweils mit den Zahlen aus dem Original. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.

Turtle Trading: das Wichtigste in 30 Sekunden

Turtle Trading ist ein regelbasiertes Trendfolgesystem, das beim Ausbruch aus einem 20- oder 55-Tage-Kursband einsteigt und die Positionsgröße über die durchschnittliche Tagesschwankung berechnet. Es lässt dem Trader keine einzige eigene Entscheidung. Alle folgenden Werte stammen aus dem Originaldokument von 2003:

  • Zwei Einstiegssysteme: System 1 kauft beim Ausbruch über das 20-Tage-Hoch, System 2 über das 55-Tage-Hoch. Short läuft spiegelbildlich über das Tief.
  • Die Volatilitätseinheit N: Die Positionsgröße hängt an einem 20-Tage-Durchschnitt der True Range, heute als ATR bekannt. Dennis und Eckhardt nannten diesen Wert N.
  • Eine Unit: Eine Positionseinheit wird so bemessen, dass eine Bewegung von 1 N genau 1 Prozent des Kontokapitals ausmacht.
  • Stopp bei 2N: Kein einzelner Trade durfte mehr als 2 Prozent Risiko tragen. Der Stopp lag deshalb 2 N unter dem Einstieg.
  • Aufstockung in Halb-N-Schritten: Läuft der Trend, kommen weitere Units im Abstand von 0,5 N dazu, höchstens vier je Markt.
  • Ausstieg gegen den Trend: System 1 verlässt die Position beim 10-Tage-Tief, System 2 beim 20-Tage-Tief.
  • Positionslimits: Maximal 4 Units je Markt, 6 in eng korrelierten Märkten, 10 in lose korrelierten und 12 je Richtung.
  • Das belegte Ergebnis: Faith beziffert die Rendite der Gruppe über vier Jahre mit durchschnittlich 80 Prozent pro Jahr.

Was ist Turtle Trading?

Turtle Trading ist ein regelbasiertes Trendfolgesystem, bei dem eine Position beim Ausbruch aus einem 20- oder 55-Tage-Kursband eröffnet und ihre Größe über die durchschnittliche Tagesschwankung des jeweiligen Marktes berechnet wird.

Der Name geht auf eine Bemerkung von Richard Dennis zurück. Er hatte in Singapur Schildkrötenfarmen gesehen und sagte, er werde Trader genauso züchten. Die Teilnehmer hießen von da an Turtles. Wer hinter dem Experiment stand und welche Zahlen zu seiner Karriere wirklich belegt sind, steht im Porträt über Richard Dennis.

Neu erfunden hat die Gruppe das Prinzip nicht. Der Kern, also Einstieg beim Ausbruch aus einer Konsolidierung und Nachkauf nur im Gewinn, findet sich bereits in den Handelsregeln von Jesse Livermore aus den 1920er Jahren. Dennis machte daraus ein mechanisches System, das ohne eigenes Urteil funktioniert.

Wichtig ist die Abgrenzung zu dem, was heute unter diesem Namen verkauft wird. Das Original ist ein reines Futures-System für 20 bis 25 Terminmärkte. Es war nie für Aktien, Krypto oder den Intraday-Handel gedacht. Wer es auf andere Märkte überträgt, handelt eine Abwandlung und nicht mehr die Turtle-Regeln.

Turtle Trading Regelwerk: Signal, Positionsgröße, Stopp, Aufstocken und Ausstieg im Überblick
Die fünf Bausteine des Turtle Trading Systems mit den Zahlen aus dem Originaldokument von 2003.

Die Turtle Trading Regeln im Überblick

Faith beschreibt das System als vollständiges Handelssystem. Damit meint er, dass es jede Frage beantwortet, die sich ein Trader stellen muss: was, wann, wie viel und wo wieder raus. Die Grafik über diesem Abschnitt zeigt die fünf Bausteine im Ablauf, die Tabelle fasst sie mit den Originalwerten zusammen, und die Einzelheiten stehen darunter.

BausteinRegel im OriginalBedeutung
Märkte20 bis 25 liquide TerminmärkteStreuung über Rohstoffe, Zinsen, Devisen
Positionsgröße1 Unit = 1 % Konto je 1 NVolatile Märkte bekommen kleinere Positionen
Einstieg20-Tage- oder 55-Tage-AusbruchZwei Systeme, frei kombinierbar
Aufstockenje 0,5 N, maximal 4 UnitsNachkaufen nur im Gewinn
Stopp2 N vom Einstieg, 2 % RisikoFester Wert, keine Ausnahme
Ausstieg10-Tage-Tief (S1), 20-Tage-Tief (S2)Gewinne laufen lassen bis zur Umkehr

Die Märkte

Die Turtles handelten ausschließlich liquide Terminkontrakte. Dazu zählten Zinsprodukte, Devisen, Rohstoffe wie Heizöl, Rohöl, Gold und Silber sowie Aktienindizes. Was ein Terminkontrakt genau ist, erklärt der Beitrag zum Futures-Handel.

Die breite Streuung ist kein Beiwerk, sondern Teil der Rechnung. Faith schreibt, die meisten Gewinne eines Jahres stammten aus zwei oder drei großen Trades. Wer nur wenige Märkte beobachtet, verpasst genau diese Ausreißer und behält die vielen kleinen Verluste.

Positionsgröße: die Volatilitätseinheit N

N ist der wichtigste Begriff des ganzen Systems. Faith beschreibt ihn als den 20-Tage-Durchschnitt der True Range, also der tatsächlichen Tagesspanne einschließlich Kurslücken. Heute ist diese Größe als Average True Range bekannt, kurz ATR.

True Range = Maximum aus (Hoch − Tief), (Hoch − Vortagesschluss), (Vortagesschluss − Tief)
N = (19 × N des Vortages + heutige True Range) / 20

Aus N ergibt sich die Positionsgröße. Zuerst wird die Dollar-Volatilität bestimmt, also N mal Wert eines Punktes im jeweiligen Kontrakt. Danach folgt die Einheit, die die Turtles Unit nannten.

Unit = 1 % des Kontokapitals / (N × Wert eines Punktes)

Der Sinn dahinter ist eine Normierung über alle Märkte hinweg. Eine Unit Gold und eine Unit Heizöl bewegen das Konto an einem durchschnittlichen Tag um denselben Betrag, obwohl beide Märkte völlig unterschiedlich schwanken. Erst dadurch wird die Streuung über viele Märkte vergleichbar. Wie sich Positionsgrößen allgemein bestimmen lassen, steht im Beitrag zur Positionsgröße im Trading.

Der Einstieg: System 1 und System 2

Die Turtles bekamen zwei Einstiegssysteme und durften frei wählen. Beide beruhen auf dem Kanalausbruch nach Richard Donchian. Manche Teilnehmer handelten ausschließlich System 2, andere teilten ihr Kapital hälftig auf.

  • System 1: Einstieg, sobald der Kurs das Hoch der letzten 20 Tage um einen einzigen Tick überschreitet. Short beim Unterschreiten des 20-Tage-Tiefs.
  • System 2: Einstieg beim Überschreiten des Hochs der letzten 55 Tage, entsprechend short am 55-Tage-Tief.

Ein Detail entscheidet über die Umsetzbarkeit. Die Turtles handelten den Ausbruch sofort im Tagesverlauf und warteten nicht auf den Schlusskurs. Eröffnete ein Markt mit einer Kurslücke jenseits der Marke, stiegen sie zur Eröffnung ein. Das Kursband selbst und seine Berechnung beschreibt der Beitrag zum Donchian Channel.

Der Filter, der System 1 erst brauchbar macht

Diese Regel fehlt in fast jeder Darstellung des Systems, und ohne sie funktioniert System 1 nicht. Ein 20-Tage-Ausbruch wurde übersprungen, wenn der vorherige Ausbruch im selben Markt ein Gewinn gewesen wäre. Gehandelt wurde also nur nach einem Fehlsignal.

Als Verlust galt ein Ausbruch, wenn der Kurs danach 2 N gegen die Position lief, bevor der reguläre Ausstieg über das 10-Tage-Tief griff. Die Richtung spielte dabei keine Rolle: Ein gescheiterter Short erlaubte den nächsten Long.

Damit die Turtles keine großen Bewegungen verpassten, gab es ein Sicherheitsnetz. Wurde ein Einstieg wegen dieses Filters ausgelassen, stiegen sie spätestens beim 55-Tage-Ausbruch ein. Faith nennt diesen Punkt den Failsafe Breakout.

Linda Bradford Raschke hat diese Logik später umgedreht. Ihre Strategie Turtle Soup handelt genau die gescheiterten 20-Tage-Ausbrüche, an denen die Turtles Geld verloren. Ihre Handelsgrundsätze stehen in den 50 Trading-Regeln.

Aufstocken in Halb-N-Schritten

Die Turtles stiegen mit einer einzigen Unit ein und bauten die Position erst im Gewinn aus. Jede weitere Unit kam nach einer Bewegung von 0,5 N dazu, gemessen am tatsächlichen Ausführungspreis der vorherigen Order. Maximal vier Units waren je Markt erlaubt.

SchrittKurs im Original-Beispiel GoldAbstand
Erste Unit310,00Ausbruch 55 Tage
Zweite Unit311,25+ 0,5 N
Dritte Unit312,50+ 0,5 N
Vierte Unit313,75+ 0,5 N

Bei schnellen Bewegungen konnten alle vier Units an einem einzigen Tag zusammenkommen. Das ist der Kern des Systems: In einem starken Trend steht die volle Position, in einer Seitwärtsphase bleibt es bei einer einzelnen Unit. Im Beispiel liegt N bei 2,50.

Der Stopp bei 2N

Hier steht die Zahl, die am häufigsten falsch wiedergegeben wird. Faith schreibt wörtlich, kein Trade habe mehr als 2 Prozent Risiko tragen dürfen. Da eine Kursbewegung von 1 N genau 1 Prozent des Kontos ausmacht, ergibt sich daraus ein Stopp von 2 N unter dem Einstieg, bei Short-Positionen 2 N darüber.

Kamen weitere Units dazu, wanderten die alten Stopps mit. Sie wurden je Aufstockung um 0,5 N angehoben, sodass am Ende alle Stopps auf demselben Kurs lagen, gemessen 2 N von der zuletzt gekauften Unit. Das begrenzt das Risiko der Gesamtposition, statt es mit jeder Unit wachsen zu lassen.

Es gab eine dokumentierte Alternative namens Whipsaw. Dabei lag der Stopp bei nur 0,5 N, also 0,5 Prozent Risiko. Faith schreibt, diese Variante sei profitabler gewesen, aber schwerer durchzuhalten, weil sie deutlich mehr Verlusttrades erzeugt. Mehr zur Systematik dahinter steht im Beitrag zum Risikomanagement.

Eine weitere Regel greift auf Kontoebene. Verlor ein Turtle 10 Prozent, handelte er weiter, als hätte sein Konto nur noch 80 Prozent der Größe. Nach weiteren 10 Prozent Verlust wurde erneut um ein Fünftel reduziert. Das System verkleinert sich also selbst, wenn es nicht funktioniert.

Der Ausstieg: die schwerste Regel des Systems

Ausgestiegen wurde nicht bei einem Kursziel, sondern am Gegenausbruch. System 1 verlässt eine Long-Position beim 10-Tage-Tief, System 2 beim 20-Tage-Tief. Bei Shorts gelten die entsprechenden Hochs. Ein Kursziel gibt es im ganzen Regelwerk nicht.

Faith nennt diesen Punkt selbst den schwierigsten Teil des Systems. Er schreibt, das Warten auf ein neues 10- oder 20-Tage-Tief bedeute oft, 20, 40 oder sogar 100 Prozent eines aufgelaufenen Buchgewinns wieder abzugeben. Genau daran scheitern die meisten, die das System nachbauen. Weitere Ansätze für den Ausstieg stehen im Beitrag über zehn Arten der Gewinnmitnahme.

Turtle Trading Trade: Ausbruch über das 55-Tage-Hoch mit vier Units und 2N-Stopp
Schematischer Ablauf nach System 2: Einstieg am 55-Tage-Hoch, vier Units im Abstand von 0,5 N, Stopp bei 2 N, Ausstieg am 10-Tage-Tief.

Die Positionslimits

Vier Obergrenzen begrenzten das Gesamtrisiko über alle Märkte hinweg. Sie verhindern, dass sich mehrere Positionen zu einer einzigen großen Wette addieren.

EbeneMaximumBeispiel aus dem Original
Einzelner Markt4 Units4 Units Japanischer Yen
Eng korreliert6 Units je RichtungHeizöl und Rohöl, Gold und Silber
Lose korreliert10 Units je RichtungGold und Kupfer
Eine Richtung12 Units12 long und gleichzeitig 12 short möglich

Für den vollen Bestand in einem Markt benutzten die Turtles das Wort „loaded“. Vier Units Yen hießen also voll geladen im Yen. Wer die Zahlen zusammenrechnet, sieht die eigentliche Belastung: Vier Units bedeuten bei 2 N Stopp ein Risiko von rund 8 Prozent des Kontos in einem einzigen Markt.

Ein Rechenbeispiel aus dem Originaldokument

Faith rechnet die Unit-Größe an Heizöl vor. Ich übernehme sein Beispiel unverändert, weil es zeigt, wie klein die Einheit trotz eines Kontos von einer Million Dollar ausfällt.

GrößeWert
MarktHeizöl, Kontrakt März 2003
N am 4. Dezember 20020,0141
Kontogröße$1.000.000
Wert eines Punktes$42.000 (42.000 Gallonen)
Rechnung(0,01 × $1.000.000) / (0,0141 × 42.000)
Ergebnis16,88, abgerundet auf 16 Kontrakte

Zwei Dinge fallen an dieser Rechnung auf. Erstens wird abgerundet, weil sich Teilkontrakte nicht handeln lassen. Zweitens bekamen die Turtles die Unit-Größen einmal pro Woche auf einem Blatt Papier, jeweils montags. Niemand rechnete täglich neu.

Für ein privates Konto ergibt sich daraus ein unbequemer Befund. Bei $50.000 Kapital wäre dieselbe Rechnung unter einem Kontrakt gelandet. Das Original-System braucht entweder viel Kapital oder kleinere Kontraktgrößen, sonst lässt sich die Positionsgröße nicht sauber abbilden.

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Das Experiment: Richard Dennis und die Wette

Mitte 1983 stritten sich zwei Freunde über eine alte Frage. Richard Dennis war überzeugt, er könne Trading unterrichten. Sein Partner William Eckhardt hielt Begabung für entscheidend. Um die Sache zu klären, wollten sie Anfänger ausbilden und ihnen echte Konten geben.

Die Anzeige lief in Barron’s, im Wall Street Journal und in der New York Times. Über 1.000 Bewerbungen gingen ein, Dennis führte 80 Gespräche. Übrig blieben 10 Kandidaten, zu denen er drei ihm bekannte Personen hinzunahm. Diese 13 Menschen bildeten die erste Klasse und wurden Ende Dezember 1983 zwei Wochen lang geschult.

Ab Januar handelten sie kleine Konten, ab Februar richtige. Faith nennt Größen zwischen $500.000 und $2.000.000 je Teilnehmer. Eine zweite Klasse folgte 1984, weshalb in vielen Darstellungen die Gesamtzahl von 21 oder 23 Turtles auftaucht.

Zum Ergebnis nennt das Originaldokument genau eine Zahl. Über die folgenden vier Jahre erzielte die Gruppe eine durchschnittliche jährliche Rendite von 80 Prozent. Die oft zitierten „über 100 Millionen Dollar Gewinn” stehen dort nicht; sie stammen aus späteren Büchern und lassen sich aus dem Dokument nicht belegen.

Dennis selbst zog daraus ein nüchternes Fazit. Das Wall Street Journal zitierte ihn mit dem Satz, Trading sei noch besser lehrbar gewesen, als er angenommen habe, und das sei auf seltsame Weise demütigend. Eine knappe Übersicht der Beteiligten führt auch Wikipedia zu den Turtle Tradern. Weitere Händler mit dokumentierter Handelsgeschichte stehen in unserer Übersicht der Trading-Experten.

Funktioniert Turtle Trading heute noch?

Die ehrliche Antwort lautet: nicht unverändert. Faith schreibt schon 2003 im Vorwort, die meisten ehemaligen Turtles handelten inzwischen bessere Regeln. Das Dokument wurde bewusst veröffentlicht, weil die Autoren nicht glaubten, dass seine Veröffentlichung vielen Menschen zum Erfolg verhilft.

Zwei Gründe nennt er dafür ausdrücklich. Erstens seien die Regeln für die meisten Käufer gar nicht klar genug dargestellt gewesen. Zweitens, und das wiegt schwerer, seien die meisten schlicht nicht in der Lage, sie einzuhalten. Wer beim dritten Fehlausbruch in Folge aussetzt, handelt ein anderes System.

Was am Turtle-System bis heute trägt

  • Volatilitätsbasierte Positionsgröße: Die Stückzahl an der Schwankungsbreite auszurichten, ist heute Standard in fast jedem professionellen Ansatz.
  • Fester Stopp vor dem Einstieg: Der Ausstiegskurs steht fest, bevor die Position existiert. Das nimmt die Entscheidung aus dem laufenden Trade heraus.
  • Aufstocken nur im Gewinn: Nachkaufen im Verlust ist der häufigste Weg, ein Konto zu ruinieren. Das System verbietet es strukturell.
  • Vollständig prüfbar: Jede Regel ist eindeutig. Damit lässt sich das System testen, statt darüber zu diskutieren.

Woran das Original heute scheitert

  • Hoher Kapitalbedarf: Die Unit-Rechnung braucht ein Konto, das 20 Terminmärkte gleichzeitig tragen kann. Mit fünfstelligem Kapital lässt sich das nicht abbilden.
  • Lange Verlustserien: Trendfolge liefert viele kleine Verluste und wenige große Gewinne. Faith nennt Phasen, in denen ein Großteil des Buchgewinns wieder abgegeben wird.
  • Bekanntheit der Marken: 20- und 55-Tage-Ausbrüche sind seit über 20 Jahren öffentlich. Ob sie deshalb schlechter funktionieren, ist umstritten, aber sie sind kein Vorsprung mehr.
  • Kein Intraday-Einsatz: Das System arbeitet auf Tagesbasis. Für kurzfristige Ansätze wie Scalping ist es nicht gedacht.

Wer die Regeln testen will, braucht Tagesdaten und Geduld. Ein sauberer Test bildet den Filter aus System 1 mit ab, sonst misst er ein anderes System. Welche Werkzeuge sich dafür eignen, steht in der Übersicht zur Trading-Software. Wer den Ansatz automatisieren möchte, findet die Grundlagen unter Auto-Trading.

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Curtis M. Faith: Die Strategien der Turtle Trader

Curtis Faith war 1983 der jüngste Teilnehmer des Experiments und schrieb später das ausführlichste Buch darüber. Die deutsche Ausgabe heißt „Die Strategien der Turtle Trader”. Ich habe sie gelesen und ordne sie hier ein, weil sie regelmäßig zusammen mit den Regeln gesucht wird.

Das Buch ist kein Regelbuch, sondern ein Erfahrungsbericht. Wer die reinen Handelsregeln sucht, findet sie kompakter im Originaldokument weiter unten. Faiths Stärke liegt woanders: Er beschreibt, warum Teilnehmer mit identischen Regeln völlig unterschiedliche Ergebnisse erzielten.

Turtle Trading Buch: Chart mit Unterstützungen und Widerständen im Kaffee-Future
Abbildung aus „Die Strategien der Turtle Trader”: Unterstützungen und Widerstände im Kaffee-Future, Mai bis November 2000.

Der lehrreichste Teil betrifft die Abweichler. Faith schreibt, die Turtles mit den besten Ergebnissen hätten die Einstiegsregeln konsequent befolgt. Wer aus dem Programm flog, hatte Signale ausgelassen. Das ist der eigentliche Befund des Experiments und wichtiger als jede einzelne Zahl im Regelwerk.

Ein zweiter Abschnitt behandelt den Handelsvorteil. Faith argumentiert, ein Vorteil entstehe nicht aus einem geheimen Signal, sondern aus dem Erwartungswert über viele Trades. Was das konkret bedeutet, steht im Beitrag zur Trading Edge.

Meine Einordnung nach der Lektüre: lesenswert für alle, die verstehen wollen, warum Disziplin schwerer wiegt als Signalqualität. Wer dagegen eine Schritt-für-Schritt-Anleitung erwartet, wird enttäuscht. Weitere Empfehlungen stehen in unserer Übersicht der Trading-Bücher.

Die Original-Regeln als PDF

Das vollständige Regelwerk ist frei verfügbar und liegt auf dieser Seite zum Download. Curtis Faith und weitere ehemalige Turtles haben es 2003 unter dem Namen „The Original Turtle Trading Rules” veröffentlicht, ausdrücklich kostenlos. Anlass war, dass ein früherer Teilnehmer die Regeln für viel Geld verkaufte.

Richard Dennis und William Eckhardt waren daran nicht beteiligt. Das Dokument hält ausdrücklich fest, dass beide vor dem Verkauf der Regeln nicht gefragt wurden und daran auch nichts verdient haben. Die vertragliche Schweigepflicht der Turtles endete Ende 1993.

Beide Dateien stammen aus dem Projekt der ehemaligen Turtles selbst. Die Autoren halten die Regeln bis heute unter originalturtles.org bereit. Wer lieber dort lädt, bekommt dieselbe Fassung.

Ein Hinweis zur Übersetzung: Sie stammt nicht von den Autoren und ist nicht autorisiert. Bei Zweifeln an einer Formulierung gilt das englische Original. Alle Zahlen in diesem Beitrag habe ich gegen die englische Fassung geprüft.

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Fazit: das Regelwerk ist wichtiger als die Zahlen

Das Turtle Trading System ist kein Geheimnis mehr, sondern ein Lehrstück. Sein Wert liegt heute weniger in den konkreten Marken 20 und 55 als in der Bauweise: Positionsgröße aus der Volatilität, fester Stopp vor dem Einstieg, Nachkauf nur im Gewinn, Ausstieg nach Regel statt nach Gefühl.

Wer die Regeln unverändert übernehmen will, braucht Kapital für 20 Terminmärkte und die Nerven, große Buchgewinne wieder abzugeben. Das schaffen die wenigsten, und Faith sagt das in seinem eigenen Dokument deutlich. Der realistische Weg führt darüber, einzelne Bausteine in den eigenen Ansatz zu übernehmen.

Der eigentliche Befund des Experiments betrifft nicht die Regeln. Dennis hat bewiesen, dass sich Trading lernen lässt. Gescheitert sind die Teilnehmer, die von den Regeln abwichen, nicht die, denen es an Talent fehlte. Woran das im Alltag scheitert, steht im Beitrag über die häufigsten Trading-Fehler.

Häufige Fragen zum Turtle Trading

Wie viel Risiko ging ein Turtle pro Trade ein?

Höchstens 2 Prozent des Kontokapitals. Eine Kursbewegung von 1 N entspricht 1 Prozent des Kontos, der Stopp lag bei 2 N vom Einstieg. Die häufig zitierte Angabe von 1 Prozent pro Trade steht so nicht im Originaldokument.

Worin unterscheiden sich System 1 und System 2?

In der Länge des Kursbands. System 1 steigt beim Ausbruch über das 20-Tage-Hoch ein und beim 10-Tage-Tief wieder aus, System 2 nutzt das 55-Tage-Hoch und steigt beim 20-Tage-Tief aus. System 1 hat zusätzlich einen Filter: Es überspringt einen Ausbruch, wenn der vorherige gewinnbringend gewesen wäre.

Was bedeutet N bei den Turtles?

N ist die durchschnittliche Tagesschwankung eines Marktes. Gemeint ist der 20-Tage-Durchschnitt der True Range, heute als Average True Range oder ATR bekannt. Aus N ergeben sich sowohl die Positionsgröße als auch der Stopp.

Wie viele Turtles gab es?

Die erste Klasse von Ende 1983 bestand aus 13 Personen. Dennis wählte 10 aus rund 1.000 Bewerbungen aus und nahm drei Bekannte dazu. 1984 folgte eine zweite Klasse, weshalb häufig Gesamtzahlen von 21 oder 23 genannt werden.

Wie erfolgreich war das Experiment wirklich?

Das Originaldokument nennt 80 Prozent Rendite pro Jahr über vier Jahre. Absolute Gewinnsummen wie „über 100 Millionen Dollar” stammen aus späteren Büchern und stehen nicht im Regelwerk der Turtles selbst.

Lässt sich das System auf Aktien oder Krypto übertragen?

Nur mit Abstrichen. Das Original ist ein reines Futures-System für 20 bis 25 Terminmärkte. Eine Übertragung ist technisch möglich, verändert aber die Grundlagen, weil Kontraktwerte, Handelszeiten und Liquidität andere sind. Das Ergebnis ist dann eine Abwandlung und nicht mehr das Turtle-System.

Wo bekomme ich die Original-Turtle-Regeln?

Kostenlos, direkt auf dieser Seite. Das Dokument „The Original Turtle Trading Rules” von Curtis M. Faith aus dem Jahr 2003 steht hier als englisches Original mit 38 Seiten und als deutsche Übersetzung zum Herunterladen bereit.

Über den Autor: Karsten Kagels

Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer der Kagels Trading GmbH. Er ist seit 1980 aktiver Trader an den internationalen Finanzmärkten mit Schwerpunkt auf Forex, Aktienindizes und Rohstoffen und handelt diskretionär nach Price Action.

Diesen Beitrag hat er selbst verfasst. Grundlage ist das Originaldokument „The Original Turtle Trading Rules” von Curtis M. Faith aus dem Jahr 2003, das er Kapitel für Kapitel gegen den Bestandstext gehalten hat. Dabei wurden mehrere Angaben der Vorfassung korrigiert, darunter das Risiko je Trade und die Teilnehmerzahl der ersten Klasse.

Geprüft wurde der Beitrag von Christian Möhrer, technischer Analyst und Options-Trader im Team von Kagels Trading. Er hat die Formeln zu N, Unit und Stopp sowie die Systemparameter gegen die englische Originalfassung kontrolliert.

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