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Bestimmung der Positionsgröße – Wichtigste Tradingregel

Stellen Sie sich ein Trading-Setup mit 99 % Gewinnchance von 100 $ und 1 % Verlustwahrscheinlichkeit von 100 $ pro gehandelten Kontrakt vor. Ich bin sicher, Sie stimmen mir zu, dass dies eine hervorragende Tradinggelegenheit ist.

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99 % Gewinn 100 $ pro Kontrakt – 1 % Verlust 100 % pro Kontrakt | Wie viele Kontrakte sollten sie traden?

Ich bin mir nicht sicher, was Sie anbelangt. Aber ich bin in die Versuchung gekommen, mir so viel Geld wie möglich von meiner Familie, von entfernten Verwandten, von Freunden und Freunden meiner Freunde und von meinem Banker auszuleihen. Ganz abgesehen davon, dass ich mein Rente verschachert habe und den höchsten Hebel, den mein Broker bietet, in Anspruch nahm. Ich bin in Versuchung geraten, mit so vielen Kontrakten wie möglich in den Markt einzusteigen.

Dies ist jedoch eine Versuchung, der ich widerstehen MUSS.

Und zwar deshalb, weil es eine Verlustwahrscheinlichkeit von 1 % gibt, dass ich alles verliere. Wenn dieser Verlust eintritt, ist dies ein solcher, von dem ich mich nie erholen kann. Nicht nur werden mein Broker und die Banker hinter mir her sein, sondern ich werde es mit Gläubigern anstelle von Freunden zu tun haben. Es ist ein katastrophaler Verlust.

Daher ist die Regel der zur Festlegung Ihrer Positiongröße die wichtigste Tradingregel. Sie bestimmt den Umfang Ihrer gehandelten Position. Sie gibt an, wie viele Aktien, Lots oder Kontrakte bei jedem Trade, den Sie eingehen, gekauft oder verkauft werden.

Der Aufgabe eines Modells für die Bestimmung der Positionsgröße

Die Bestimmung der Positionsgröße beinhaltet zwei Zielsetzungen.

Das erste Ziel ist der Schutz unseres Kapitals und die Vermeidung eines katastrophalen Verlustes. Katastrophale Verluste sind solche, von denen wir uns nie mehr erholen werden. Diese Zielsetzung hat Priorität, und wir dürfen es niemals zulasssen, unser Tradingkonto zu ruinieren.

Wenn es aber unser einziges Ziel ist, unser Kapital zu erhalten, dann ist die beste Lösung die, überhaupt nicht zu traden. Daher beinhaltet die Bestimmung der Positionsgröße ein zweites Ziel und zwar die Maximierung unserer Gewinne.

Wenn wir uns für eine Positionsgröße entscheiden, die zu groß ist, riskieren wir, pleite zu gehen. Wenn wir eine Positionsgröße traden, die zu klein ist, begrenzen wir unser Gewinnpotential. Also müssen wir den optimalen Ausgleich finden, indem wir unsere Gewinne maximieren und gleichzeitig unser Tradingkapital schützen.

Was wir mit der Bestimmung der Positionsgröße erreichen wollen, ist einfach zu verstehen. Wie wir das bewerkstelligen, ist der schwierige Teil davon.

Nun werden wir drei Modelle zur Bestimmung der Positionsgröße betrachten, die versuchen, den Gewinn zu maximieren und gleichzeitig den Totalverlust zu verhindern.

Modelle zur Bestimmung der Positionsgröße

1. Modell des festgelegten Prozentsatzes zur Bestimmung der Positionsgröße

Dieses Konzept besagt, dass ein festgelegter Prozentsatz Ihres Tradingkapitals (z.B. 2 %) pro Trade riskiert wird.

Basierend auf Ihrem festgelegten Verluststopp beträgt der größte Verlust pro gehandelten Kontrakt beispielsweise 100 $. Angenommen, Sie haben 50.000 $ auf Ihrem Tradingkonto.

Begrenzen Sie Ihr Risiko pro Trade auf 2 % Ihres Tradingkapitals.

Festgelegter Prozentsatz x Tradingkapital = Risiko pro Trade

  • 2 % x 50.000 = 1.000 $

Berechnen Sie Ihre Positionsgröße gemäß dem Betrag, den Sie riskieren können.

Positionsgröße (Anzahl der Kontrakte) = Risiko pro Trade / Risiko pro Kontrakt

  • 1.000 $ / 100 $ = 10

Also traden Sie 10 Kontrakte.

Dies ist ein gängiges Modell zur Bestimmung der Positionsgröße, weil es einfach zu verstehen und umzusetzen ist. Es ist auch anwenderfreundlich für Neulinge unter den Tradern, da dabei keine Tradinghistorie erforderlich ist (im Gegensatz zu den nachfolgend erörterten anderen beiden Modellen).

Außerdem wird bei diesem Modell Ihre Positionsgröße (in absoluten Werten) entsprechend dem Zuwachs Ihres Tradingkontos erhöht. Angenommen, Ihr Tradingkonto wächst aufgrund Ihrer Tradingkenntnisse, dann hängt Ihre Positionsgröße davon ab, wie gut Sie traden. Dies ist ein logischer Zusammenhang, da wir dann mehr verdienen, wenn wir bessere Trader werden.

Lesen Sie: Der logische Weg, wie Sie Ihr Stop Loss festlegen

2. Modell des maximalen Drawdown  zur Bestimmung der Positionsgröße

Wenn Sie die Kapitalkurve (Equity Curve) Ihres Tradingkontos betrachten, sehen Sie Hochs und Tiefs. Die Differenz zwischen jedem Hoch und Tief ist der sogenannte Drawdown (Kapitalschwund).

Drawdowns ruinieren Tradingkonten. Daher verwendet dieses Modell zur Bestimmung der Positionsgröße den maximalen Drawdown (den maximalen Minusstand), um zu ermitteln, wie viel riskiert werden soll.

tradingkonto-drawdown
Kontostand – Anzahl der Trades – Tradingkonto Drawdowns

Der grundlegende Gedanke lautet etwa so: Wenn Ihr größter Drawdown (größter Minusstand) pro Kontrakt 2.000 $ beträgt, können Sie einen Kontrakt für je 2.000 $ Ihres Tradingkontos handeln.

Positionsgröße (Anzahl der Kontrakte) = Tradingkapital / maximaler Drawdown pro Kontrakt

Das Hauptkriterium dieses Ansatzes ist der maximale Drawdown pro Kontrakt. Aber der größte Drawdown pro Kontrakt, der auf Ihre Tradingaufzeichnungen gründet, ist möglicherweise zu niedrig angesetzt.

Deshalb ist es notwendig, die Zahlenangabe des maximalen Drawdown anzupassen. Der einfachste Weg, um dies zu bewerkstelligen, ist der Einsatz eines Multiplikators. Ein großer Multiplikator entspricht einem eher konservativen Ansatz.

Als Beispiel betrachten wir einen maximalen Drawdown pro Kontrakt von 2.000 $ und einen Multiplikator von 2. In diesem Fall können wir einen Kontrakt für je 4.000 $ (2 x 2.000) unseres Tradingkontos handeln. Der Multiplikator hat faktisch unsere Positionsgröße halbiert.

(Eine weitere tolle Methode zur Anpassung des maximalen Drawdown ist die Monte-Carlo-Simulation, die auf dem eventuell größten Drawdown Ihrer Tradingaufzeichnungen gründet.)

Dieses Modell zur Bestimmung der Positionsgröße ist auf die maximalen Verlustphasen (Drawdowns) unserer Tradingstrategie ausgerichtet. Somit ist das Modell angesichts eines glaubwürdigen maximalen Drawdown sehr wirkungsvoll zur Vermeidung eines Totalverlustes.

3. Kelly-Formel (auch Kelly-Kriterium) zur Bestimmung der Positionsgröße

John Kelly, ein kluger Kopf, beschrieb das Kelly-Kriterium vor über 60 Jahren. Bei der Kelly-Formel geht es um die Bestimmung der opimalen Höhe bei Wetteinsätzen. Wetten und Trading-Positionen haben beide mit Wahrscheinlichkeiten zu tun. Deshalb ist die Kelly-Formel besonders interessant für die Bestimmung der Positionsgröße.

John Kelly

Kelly-Anteil = W – [(1 – W) / R ]

  • W = Gewinnwahrscheinlichkeit (Winning probability)
  • R = Gewinn-Verlust-Verhältnis (Win/loss ratio)

Anhand Ihrer Tradingaufzeichnungen können Sie Ihre Gewinnwahrscheinlichkeit und das Gewinn-Verlust-Verhältnis mühelos ausrechnen. Sie müssen diese Angaben einfach in die Gleichung einfügen.

Beispielsweise gewinnen Sie in 40 % der Fälle, und Ihr Gewinn-Verlust-Verhältnis beträgt 2.

Kelly-Anteil = 0,4 – [(1 – 0,4) / 2] = 0,1 (10%)

Kelly empfiehlt Ihnen, Ihre Positionsgröße auf 10% Ihres Tradingkapitals pro Trade zu begrenzen.

In der Theorie klingt die Kelly-Formel großartig.

Aber es gibt einen Vorbehalt. Die Kelly-Formel ist nur dann zuverlässig, wenn die Eingaben korrekt die Zukunft abbilden. Wir wissen, dass die Wahrscheinlichkeit und das Gewinn-Verlust-Verhältnis , die beide auf unseren Tradingaufzeichnungen gründen, Schätzungen sind. Daher könnten diese Schätzungen zu hoch angesetzt sein. Die Konsequenzen dessen sind fatal, da die sich daraus ergebende Kelly-Positionsgröße rasch unser Tradingkonto ruinieren kann.

Aufgrund der möglichen Fehler, die bei der Schätzung von Wahrscheinlichkeiten eintreten können, ist es empfehlenswert, nur solche Trades einzugehen, die auch mit einer etwas geringeren Wahrscheinlichkeit noch eine positive Gewinnerwartung aufzuweisen haben. Wichtig dabei ist, dass in diesem Fall nur die Hälfte des Kelly-Einsatzes angebracht ist, was bedeutet, dass nur 5 % (und nicht 10 %) des Kapitals pro Position eingesetzt werden sollten.

Die Anwendung eines Modells zur Bestimmung der Positionsgröße

Außer den bisher vorgestellten drei Modellen zur Bestimmung der Positionsgröße gibt es noch Dutzende weitere Möglichkeiten. Aber unabhängig davon, für welches Modell Sie sich entscheiden, sollten Sie auf folgendes achten:

Zuerst sollte die Stimmigkeit gewährleistet sein, um zu vermeiden, was kurz so ausgedrückt werden kann: „Wo man Müll hineinsteckt, kommt auch Müll heraus.“ Die meisten Modelle zur Bestimmung der Positionsgröße benötigen Inputs, die Ihrem Tradingjournal entnommen sind. (z.B. die Gewinnwahrscheinlichkeit und der maximale Drawdown.) Um verlässliche Inputs zu erhalten, sollten Sie Tradingaufzeichnungen des gleichen Marktes, Zeitrahmens und Tradingansatzes verwenden.

Benutzen Sie den gesunden Menschenverstand bei der Auswahl Ihres Modells zur Bestimmung der Positionsgröße und dessen Inputs. Stellen Sie sicher, dass es eine begründete Chance gibt, das zweifache Ziel von Kapitalschutz und Gewinnmaximierung zu erreichen. Stellen Sie sich folgende Fragen:

  • Wie verhindert dieses Modell zur Bestimmung der Positionsgröße den Totalverlust?
  • Wie maximiert dieses Modell zur Bestimmung der Positionsgröße meinen Tradinggewinn?
  • Sind die Inputs realistisch?

Wenn Sie ein Modell mit einem festgelegten Prozentsatz benutzen, das jedes Mal 50 % Ihres Kapitals riskiert, dann wird Ihr Tradingkonto nach zwei Verlusten hintereinander um 75 % geschrumpft sein. Das ist selbstmörderisch.

Letztlich ist ein Modell zur Bestimmung der Positionsgröße einer Tradingstrategie vergleichbar. Es gibt keine Vollkommenheit. Nach dem perfekten Modell zur Bestimmung der Positionsgröße zu suchen, ist nicht realistisch, da wir die genauen Wahrscheinlichkeiten des Marktes nicht kennen. Welches Modell zur Bestimmung der Positionsgröße Sie nutzen ist weniger wichtig, als ein Modell zu haben, das sinnvoll ist.

Ungeachtet Ihrer Wahl müssen Sie sich an die wichtigste Regel beim Trading halten: Die Regel zur Bestimmung der Positionsgröße.

Wenn Sie mehr über die verschiedenen Modelle zur Bestimmung der Positionsgröße erfahren wollen, fangen Sie mit folgenden Büchern an:

 

Dieser Artikel wurde im Original von Galen Woods auf seiner Webseite veröffentlich: Position Sizing – The most important Trading Rule

Deutsche Übersetzung von Karsten Kagels und Gaby Boutaud