Technische Analyse der Finanzmärkte von John J. Murphy: lohnt sich die Bibel der Charttechnik noch?

Zuletzt aktualisiert: 25. August 2026

|

17 Min

Christian Möhrer

Überprüft von

Christian Möhrer

Investment Akademie: Live-Online-Seminar zum Vermögensaufbau am 20. September 2026
Investment Akademie: Live-Online-Seminar zum Vermögensaufbau am 20. September 2026

Kaum ein Buch wird unter Tradern so oft empfohlen wie „Technische Analyse der Finanzmärkte“ von John J. Murphy. 656 Seiten, ein Workbook im Anhang, seit Jahrzehnten inhaltlich unverändert. Viele nennen es die Bibel der Charttechnik. Genauso viele kaufen es, stellen es ins Regal und kommen nie über die ersten fünfzig Seiten hinaus.

Am 7. Februar 2026 ist Murphy im Alter von 83 Jahren gestorben. Sein Werk bleibt, und mit ihm die Frage, ob sich die Anschaffung im Jahr 2026 noch lohnt. In diesem Artikel steht, was von dem Buch heute noch trägt, was gealtert ist, welche Ausgabe du kaufen solltest und für wen sich die Anschaffung nicht rentiert. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.

Technische Analyse der Finanzmärkte:
das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Standardwerk der Charttechnik: Murphy fasste 1999 erstmals alle Märkte in einem Lehrbuch zusammen. Die deutsche Ausgabe erscheint seit 2006 beim FinanzBuch Verlag, inhaltlich unverändert.
  • 656 Seiten plus Workbook: Das Arbeitsbuch mit Prüfungsfragen steckt im Band. Ein separater Kauf entfällt.
  • 49,90 Euro für das Hardcover: Das E-Book kostet 44,99 Euro, gebraucht geht es ab rund 41 Euro los. Ein kostenloses PDF gibt es nicht auf legalem Weg.
  • John J. Murphy starb am 7. Februar 2026: Der Autor wurde 83 Jahre alt. Eine überarbeitete Neuauflage ist damit unwahrscheinlich geworden.

Was ist „Technische Analyse der Finanzmärkte“?

„Technische Analyse der Finanzmärkte“ ist ein Lehr- und Nachschlagewerk des US-Chartanalysten John J. Murphy. Es erklärt auf 656 Seiten, wie Trader Kursverläufe, Chartmuster und Indikatoren lesen, und gilt seit den Neunzigerjahren als Standardwerk der technischen Analyse.

Die Geschichte des Buches erklärt seinen Aufbau. Murphy schrieb 1986 zunächst ein reines Futures-Lehrbuch, „Technical Analysis of the Futures Markets“. Damals war die Charttechnik vor allem ein Werkzeug der Rohstoff- und Terminhändler. Dreizehn Jahre später zog er die Konsequenz aus der Praxis: Dieselben Regeln funktionierten auch an den Aktienmärkten. 1999 erschien die überarbeitete Fassung unter dem heutigen Titel.

Technische Analyse der Finanzmärkte von John J. Murphy, Buchcover der deutschen Ausgabe
Technische Analyse der Finanzmärkte von John J. Murphy

Neu hinzu kamen damals drei Kapitelblöcke, die das Buch bis heute tragen: japanische Candlesticks, Intermarket-Beziehungen und die Sektorrotation am Aktienmarkt. Diese Erweiterung machte aus einem Fachbuch für Terminhändler ein Grundlagenwerk für alle Märkte. Wer die technische Analyse von Grund auf verstehen will, findet hier die vollständige Systematik an einem Ort.

Ein Hinweis zur Erwartungshaltung: Murphy schrieb ein Nachschlagewerk, keinen Kurs. Das Buch nimmt dich nicht an die Hand und baut auch keinen Lernpfad auf. Es erklärt Werkzeuge. Was du damit machst, bleibt deine Sache.

John J. Murphy: wer hinter dem Standardwerk steht

John J. Murphy (17. August 1942 bis 7. Februar 2026) war ein US-amerikanischer Chartanalyst. Er leitete die technische Analyse bei Merrill Lynch, arbeitete sieben Jahre als Chartanalyst für den Sender CNBC und war zuletzt über 15 Jahre Chief Technical Analyst bei StockCharts.

Murphy war kein Theoretiker, sondern Analyst mit Handelshintergrund. Er begann bei der CIT Financial Corporation, wechselte Anfang der Siebziger in die Rohstoffabteilung von Merrill Lynch und übernahm dort später die Leitung der technischen Analyse. Parallel unterrichtete er abends am New York Institute of Finance. Aus diesen Kursen entstand der Stoff, der später in seinen Büchern landete.

Bekannt wurde er einem breiten Publikum über das Fernsehen. Sieben Jahre lang erklärte er bei CNBC Charts vor laufender Kamera, zu einer Zeit, als die meisten Anleger den Begriff Chartanalyse noch nie gehört hatten. Seine zweite große Leistung war die Intermarket-Analyse, also die Untersuchung, wie Anleihen, Rohstoffe, Währungen und Aktien sich gegenseitig beeinflussen. Dafür bekam er 1992 eine Auszeichnung der International Federation of Technical Analysts und 2002 den Jahrespreis der Market Technicians Association.

Zuletzt schrieb er über 15 Jahre für StockCharts, wo er als Chefanalyst die tägliche Marktkommentierung verantwortete. Am 7. Februar 2026 starb er nach einem Schlaganfall im Alter von 83 Jahren, wie sein Nachruf bei StockCharts festhält. Für Käufer hat das eine praktische Folge: Eine inhaltlich überarbeitete Neuauflage wird es aller Voraussicht nach nicht mehr geben. Was heute im Buch steht, bleibt der Stand.

Welche Ausgabe du kaufen solltest: Preise, Formate und PDF

Die deutsche Ausgabe von „Technische Analyse der Finanzmärkte“ kostet als Hardcover 49,90 Euro und umfasst 656 Seiten inklusive Workbook (ISBN 978-3-89879-062-8). Als E-Book im PDF-Format verlangt der FinanzBuch Verlag 44,99 Euro.

Beim Kauf gibt es mehr Auswahl, als die meisten erwarten. Die Übersicht zeigt die Varianten, die im deutschsprachigen Handel verfügbar sind, samt Umfang und Preis.

AusgabeUmfangPreis
Deutsch, Hardcover (FinanzBuch Verlag)656 Seiten inkl. Workbook49,90 €
Deutsch, E-Book als PDF656 Seiten44,99 €
Englisch, „Technical Analysis of the Financial Markets“576 Seiten83,99 €
Deutsch, gebraucht (z. B. Medimops)656 Seitenab ca. 41 €
Kurzfassung „Technische Analyse: schnell und einfach erklärt“96 Seiten12,00 €
Preise Stand 10. August 2026 nach Verlags- und Händlerangaben.

Die deutsche Ausgabe ist das bessere Geschäft. Sie ist umfangreicher als das englische Original, weil das Workbook mit im Band steckt, und kostet trotzdem deutlich weniger. Die Übersetzung von Hartmut Sieper liest sich sauber. Nur wer die Terminologie ohnehin auf Englisch braucht, greift zur Originalfassung. Das Hardcover gibt es bei Amazon, die E-Book-Fassung führt der FinanzBuch Verlag direkt.

Zur PDF-Frage, weil sie am häufigsten gestellt wird: Kostenlose PDF-Dateien des Buches kursieren auf Dokumenten-Portalen und tauchen sogar in den Suchergebnissen auf. Das sind ungenehmigte Kopien eines urheberrechtlich geschützten Werks. Legal digital lesen kannst du das Buch über das E-Book des Verlags. Es ist ein echtes PDF mit Wasserzeichen statt hartem Kopierschutz, läuft also auf jedem Gerät. Bei einem Buch, das zu großen Teilen aus Charts besteht, ist das Format ohnehin die bessere Wahl als ein umgebrochenes E-Pub.

Gebraucht kaufen lohnt sich kaum. Weil der Text seit 2006 unverändert ist, ist jede gebrauchte Ausgabe inhaltlich aktuell. Der Preisvorteil bleibt allerdings klein: rund 41 Euro gebraucht gegenüber 49,90 Euro neu. Achte darauf, dass das Workbook nicht bereits ausgefüllt ist.

Ein Hörbuch der deutschen Ausgabe gibt es nicht. Eine englische Hörfassung existiert, ersetzt das gedruckte Buch wegen der Grafiken aber nicht. Diese Einschränkung gilt für fast alle Hörbücher zur Chartanalyse.

Wer erst einmal hineinschnuppern will, findet mit „Technische Analyse: schnell und einfach erklärt“ eine 96 Seiten starke Kurzfassung von Murphy. Sie ersetzt das Hauptwerk nicht, gibt aber einen ehrlichen Vorgeschmack auf den Stoff.

So liest sich das Buch: Stil, Aufbau und Workbook

Die ausführliche Kapitel-Rezension in diesem Artikel stammt von Stefan Lenhart, der die 14. Auflage von 2018 für uns komplett durchgearbeitet hat. Meine eigene Einordnung folgt im Fazit.

Murphy schreibt sachlich und ohne Effekthascherei. Der Ton ist nüchtern, die Struktur streng: erst das Konzept, dann die Grafik, dann das Beispiel. Für Einsteiger wirkt das anfangs zäh, zahlt sich aber ab dem dritten Kapitel aus, weil jedes Chartmuster und jeder Oszillator demselben Erklärmuster folgt. Man weiß nach kurzer Zeit, wo im Kapitel welche Information steht.

Die Stärke des Buches liegt in den Abbildungen. Praktisch jede Aussage wird an einem realen Chart gezeigt, nicht an einer idealisierten Zeichnung. Das ist der Unterschied zu vielen Konkurrenztiteln: Wer eine Kopf-Schulter-Formation nur als Lehrbuchskizze kennt, erkennt sie im echten Chart trotzdem nicht. Murphy zeigt beides nebeneinander.

Das Workbook ist der unterschätzte Teil. Auf 144 Seiten stehen Multiple-Choice-Fragen, Zuordnungsaufgaben und Lückentexte, jeweils mit Verweis auf das passende Kapitel. Wer nur liest, überschätzt regelmäßig, was hängen geblieben ist. Stefan Lenhart hat das Arbeitsbuch nach Jahren erneut durchgearbeitet und dabei Lücken gefunden, die ihm beim reinen Lesen nicht aufgefallen wären. Genau dafür ist es gedacht.

Der Inhalt: was in den 656 Seiten steht

Zu Beginn geht Murphy auf die Anfänge und die Grundphilosophie der technischen Analyse ein. Seine Kernaussage steht schon auf den ersten Seiten: Märkte bewegen sich in Trends. Alles Weitere baut darauf auf. Die Methode gilt dabei marktübergreifend, ob im Aktienhandel oder an den Futuremärkten.

Die Dow-Theorie ist das älteste Regelwerk der Charttechnik. Charles Dow formulierte sie um die Jahrhundertwende in Artikeln für das Wall Street Journal. Aus ihr stammt die Grundannahme jeder technischen Analyse: Kurse bewegen sich in Trends, und diese Trends lassen sich im Chart erkennen.

Murphy nimmt sich für diese Ursprünge Zeit. Charles Dow und Edward Jones gründeten 1882 Dow Jones & Company, Dow veröffentlichte seine Gedanken anschließend in einer Artikelserie für das Wall Street Journal. Die meisten Charttechniker nutzen seine Grundideen bis heute, ohne die Quelle zu kennen. Trotz moderner Rechenleistung und einer Flut neuerer technischer Indikatoren bleibt die Dow-Theorie das Fundament.

Die weiteren Kapitel arbeiten den Stoff systematisch ab: Aufbau von Charts, das Trendkonzept, Umkehrformationen, Fortsetzungsformationen, gleitende Durchschnitte, Oszillatoren und am Ende Money Management und Handelstaktiken. Diese Reihenfolge ist kein Zufall, sondern folgt der Logik, in der ein Trader die Werkzeuge tatsächlich braucht.

FinMent Börsenwebinar

Ein Trend ist die vorherrschende Richtung eines Kursverlaufs. Die Charttechnik unterscheidet drei Formen: Aufwärtstrend, Abwärtstrend und Seitwärtstrend.

Das Trendkonzept ist der Kern des gesamten Buches. Alle Hilfsmittel, die ein Chartanalyst benutzt, von Trendlinien bis zum gleitenden Durchschnitt, haben nur eine Aufgabe: die Richtung des Marktes bestimmen, damit man an ihr teilhaben kann. Sätze wie „the trend is your friend“ stammen aus dieser Denkweise.

Wichtig ist der dritte Fall, den Anfänger gern übersehen. Kurse bewegen sich konservativ gerechnet in mindestens einem Drittel der Zeit seitwärts, in einer sogenannten Trading Range. Das ist eine Phase, in der Angebot und Nachfrage sich ungefähr die Waage halten. Wer Trendfolge-Werkzeuge in einer solchen Phase einsetzt, produziert Fehlsignale am laufenden Band.

Trendkonzept nach John J. Murphy mit Aufwärtstrend, Abwärtstrend und Seitwärtsphase im Chart
Das grundlegende Konzept des Trends

Technische Analyse der Finanzmärkte, Grafik zu Aufwärtstrend, Abwärtstrend und Seitwärtstrend
Der Trend hat drei Richtungen

An solchen Grafiken zeigt Murphy, was er im Text meint. Trends erkennen, Trendlinien einzeichnen, mit Unterstützungen und Widerständen arbeiten: Jeder Schritt wird erst erklärt und anschließend im Chart gezeigt. In den Unterkapiteln hat der Autor sämtliche gängigen Chartformationen untergebracht.

Lesetipp: Elliott Wave Trading Software: meine Erfahrungen (2026)

Umkehr- und Fortsetzungsformationen

Nach den Grundlagen folgt der umfangreichste Teil des Buches. Murphy trennt sauber zwischen Mustern, die einen Trend beenden, und Mustern, die ihn fortsetzen. Diese Unterscheidung ist die wichtigste Weichenstellung in der Chartanalyse, weil sie über die Handelsrichtung entscheidet.

Zuerst kommen die Umkehrformationen, also Muster, die einen Trendwechsel ankündigen:

  • Kopf-Schulter-Formation: das bekannteste Umkehrmuster, ausführlich hergeleitet im Leitfaden zur Kopf-Schulter-Formation.
  • Inverse Kopf-Schulter-Formation: dasselbe Muster am Ende eines Abwärtstrends.
  • Doppel-Spitzen und Doppel-Böden: zwei Hochs oder Tiefs auf gleichem Niveau, erklärt beim Double Top und Double Bottom.
  • Dreifach-Spitzen und Dreifach-Böden: die seltenere Variante mit drei Anläufen an dieselbe Marke.
  • Untertassen und V-Formationen: die langsame Wendung gegenüber der abrupten Umkehr.

Danach folgen die Fortsetzungsformationen, also Muster, die nur eine Pause im bestehenden Trend markieren:

  • Symmetrisches Dreieck: Kurse laufen zwischen zwei zulaufenden Linien zusammen, Details im Artikel zum Dreieck-Chartmuster.
  • Aufsteigendes und absteigendes Dreieck: die gerichteten Varianten mit klarer Vorzugsrichtung.
  • Flaggen und Wimpel: kurze Verschnaufpausen, ausführlich bei der Bull Flag und beim Wimpel.
  • Keil und Rechteck: Konsolidierungen mit unterschiedlicher Steigung.

Murphy untermauert die Formationen konsequent mit dem Volumen. Ob der Umsatz während der Formation zurückgeht und beim Ausbruch anzieht, entscheidet darüber, ob ein Muster Bestand hat. Dieser Punkt ist der Grund, warum das Buch nach Jahrzehnten noch empfohlen wird: Es trennt das Muster von seiner Bestätigung.

Gleitende Durchschnitte und Oszillatoren

Ein gleitender Durchschnitt ist der über eine feste Anzahl von Perioden gemittelte Kurs. Er glättet Schwankungen und macht die Richtung eines Trends sichtbar, reagiert dafür aber immer mit Verzögerung.

Der gleitende Durchschnitt ist das meistgenutzte Werkzeug der technischen Analyse. Murphy führt das auf zwei Eigenschaften zurück: Er lässt sich exakt berechnen und damit auch exakt testen. Aus dieser Testbarkeit sind die meisten Trendfolgesysteme entstanden, die heute im Umlauf sind.

Bei den Oszillatoren wird das Buch am praktischsten. Oszillatoren sind Indikatoren, die zwischen festen Grenzen schwingen und überkaufte oder überverkaufte Zustände anzeigen. Murphy warnt ausdrücklich davor, sie als eigenständige Handelssignale zu lesen. Sie ergänzen die Trendanalyse, sie ersetzen sie nicht. Wer diesen einen Satz mitnimmt, hat den Kaufpreis schon wieder drin.

Gleitende Durchschnitte im Chart, Beispielgrafik aus Technische Analyse der Finanzmärkte
Gleitende Durchschnitte

Oszillatoren in der technischen Analyse mit überkauften und überverkauften Zonen
Oszillatoren und Contrary Opinion

Lesetipp: Diese 10 technischen Indikatoren sollte jeder Trader kennen

Trading-Grundlagenkurs mit über 25 Videos, kostenlos anmelden
Trading-Grundlagenkurs mit über 25 Videos, kostenlos anmelden

Japanische Candlesticks und die Elliott-Wellen

Diese beiden Kapitel kamen erst mit der Fassung von 1999 hinzu und gehören zu den stärksten des Buches. Murphy erklärt die Grundformen der Candlesticks und zeigt über 60 verschiedene Kerzenformationen, jeweils bullisch und bärisch gegenübergestellt. Wer tiefer einsteigen will, findet die wichtigsten Candlestick-Chartmuster in unserem eigenen Überblick. Als Einstieg in die japanische Charttechnik reicht Murphys Kapitel vollkommen aus.

Die Elliott-Wellen-Theorie beschreibt Kursverläufe als wiederkehrendes Muster aus fünf Impulswellen in Trendrichtung und drei Korrekturwellen dagegen.

Ralph Nelson Elliott entwickelte sie ursprünglich für große Aktienindizes, allen voran den Dow Jones Industrial Average. Die Wellen laufen dabei ineinander verschachtelt: Jede Impulswelle besteht aus kleineren Wellen derselben Bauart.

An dieser Stelle wird es persönlich. Ende der Achtzigerjahre habe ich die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter als Erster ins Deutsche übersetzt. Ich kenne die Theorie also nicht aus zweiter Hand. Heute handle ich nicht mehr danach, weil die Wellenzählung im laufenden Markt zu viele gleichwertige Deutungen zulässt. Genau deshalb finde ich Murphys Umgang damit gelungen: Er stellt die Elliott-Wellen-Analyse als eines von mehreren Werkzeugen vor, nicht als Weltformel. Diese Zurückhaltung fehlt der meisten Elliott-Literatur.

Vorteile und Nachteile von „Technische Analyse der Finanzmärkte“

Das Buch hat einen festen Platz in praktisch jeder Empfehlungsliste. Das heißt nicht, dass es für jeden das richtige ist. Die Gegenüberstellung fasst zusammen, was in der Praxis für und gegen den Kauf spricht.

Vorteile des Buches

  • Vollständigkeit: Von der Chartkonstruktion bis zum Money Management steht alles in einem Band. Kein zweites deutschsprachiges Werk deckt die Charttechnik so lückenlos ab.
  • Reale Charts statt Idealbilder: Fast jede Aussage wird an echten Kursverläufen gezeigt, nicht an sauber gezeichneten Schemata.
  • Workbook inklusive: 144 Seiten Prüfungsfragen mit Kapitelverweisen, ohne Aufpreis.
  • Als Nachschlagewerk unschlagbar: Der strenge Kapitelaufbau macht es leicht, Jahre später gezielt eine Formation nachzuschlagen.
  • Zurückhaltung bei Versprechen: Murphy verkauft keine Methode, er beschreibt Werkzeuge samt ihrer Grenzen.

Nachteile des Buches

  • Inhaltlich auf dem Stand von 1999: Order-Flow, Marktstruktur-Trading und algorithmischer Handel kommen nicht vor. Nach Murphys Tod im Februar 2026 wird sich daran nichts mehr ändern.
  • Kein Lernpfad: Das Buch erklärt Werkzeuge, gibt aber keine Reihenfolge vor, in der ein Anfänger sie sich aneignen sollte.
  • Zäher Einstieg: Die ersten Kapitel sind trocken. Wer beim Lernen Motivation braucht, springt hier ab.
  • Risiko bleibt zu knapp: Money Management steht am Ende und fällt kurz aus, obwohl es für das Überleben am Markt wichtiger ist als jede Formation.

Für wen sich das Buch lohnt und für wen nicht

Kaufen solltest du es, wenn du Charttechnik systematisch lernen und dauerhaft nachschlagen willst. Das gilt besonders für Trader, die sich die Grundlagen bisher aus Videos und Foren zusammengesucht haben und merken, dass das Fundament löchrig ist. Murphy schließt diese Lücken zuverlässig, weil er nichts voraussetzt.

Auch für Anleger, die keine Trader werden wollen, ist das Buch brauchbar. Wer eine Aktienposition besser timen möchte, braucht weder Oszillatoren noch Candlestick-Formationen. In den Kapiteln zu Trend, Unterstützung und Widerstand stehen genau die drei Werkzeuge, die dafür reichen.

Nicht kaufen solltest du es in drei Fällen. Erstens, wenn du eine fertige Handelsstrategie erwartest: Das Buch liefert Bausteine, keine Regeln für Einstieg und Ausstieg. Zweitens, wenn dein Schwerpunkt auf modernen Ansätzen wie Order-Flow oder Smart-Money-Konzepten liegt, denn die stehen schlicht nicht drin. Drittens, wenn du beim Lernen einen roten Faden brauchst. Dann ist ein strukturierter Weg über Traden lernen der bessere Einstieg, und Murphy kommt später als Nachschlagewerk dazu.

Eine ehrliche Einschränkung gehört dazu: Ein Buch allein hat noch niemanden zum profitablen Trader gemacht. Ohne eigene Chartarbeit und ohne geführtes Journal bleibt der Inhalt Theorie. Wer weitere Titel sucht, findet sie in unserer Übersicht der wichtigsten Trading-Bücher.

Forex Signale von Profi-Trader Karsten Kagels, 14 Tage testen
forex signale karsten mb

Fazit: ein Nachschlagewerk, kein Lehrgang

„Technische Analyse der Finanzmärkte“ bleibt das vollständigste deutschsprachige Werk zur Charttechnik. Daran hat sich seit 2006 nichts geändert, und daran wird sich nach Murphys Tod im Februar 2026 auch nichts mehr ändern. Für den Preis bekommst du 656 Seiten plus Workbook, sauber übersetzt und mit einer Bilddichte, die kein Konkurrenztitel erreicht.

Meine Einordnung nach über vier Jahrzehnten am Markt: Der Wert des Buches liegt nicht im Lesen, sondern im Nachschlagen. Ich habe es nie am Stück durchgearbeitet und halte das auch nicht für sinnvoll. Wenn mir im Chart eine Formation begegnet, bei der ich unsicher bin, schlage ich nach. Genau dafür ist die strenge Kapitelstruktur gebaut. Als Buch für den Feierabend taugt es dagegen wenig.

Was gealtert ist, sollte man ehrlich benennen. Order-Flow, Marktstruktur und der gesamte algorithmische Handel spielen bei Murphy keine Rolle, weil es sie in der heutigen Form 1999 noch nicht gab. Die Grundlagen darunter sind davon unberührt. Ein Doppeltop funktioniert 2026 genauso wie 1986, weil dahinter kein Indikator steckt, sondern menschliches Verhalten an einem Preis. Wer genau dieses Verhalten bei sich selbst verstehen will, findet in der Tradingpsychologie von Norman Welz die passende Ergänzung.

Wenn du nur ein einziges Buch zur Charttechnik kaufst, dann dieses. Stell es aber nicht ins Regal, sondern neben deinen Trading-PC.

Häufige Fragen zu Technische Analyse der Finanzmärkte

Lohnt sich „Technische Analyse der Finanzmärkte“ heute noch?

Als Nachschlagewerk ja, als Lehrgang nur eingeschränkt. Die Grundlagen zu Trends, Chartmustern und Indikatoren sind zeitlos und funktionieren unverändert. Moderne Ansätze wie Order-Flow oder Marktstruktur-Trading fehlen dagegen komplett, weil der Text auf dem Stand von 1999 steht.

Gibt es das Buch legal als PDF oder E-Book?

Ja, als offizielles E-Book des FinanzBuch Verlags für 44,99 Euro. Es ist ein echtes PDF mit Wasserzeichen statt hartem Kopierschutz und läuft auf jedem Gerät. Kostenlose PDF-Dateien, die auf Dokumenten-Portalen kursieren, sind ungenehmigte Kopien.

Was kostet die deutsche Ausgabe?

Das Hardcover kostet 49,90 Euro. Dafür bekommst du 656 Seiten inklusive des 144-seitigen Workbooks. Gebraucht startet die Ausgabe bei rund 41 Euro, der Preisvorteil fällt also überschaubar aus.

Ist die deutsche oder die englische Ausgabe besser?

Für deutschsprachige Leser ist die deutsche Ausgabe die bessere Wahl. Sie enthält das Workbook, umfasst 656 statt 576 Seiten und kostet 49,90 statt 83,99 Euro. Zur englischen Fassung greifst du nur, wenn du die Fachbegriffe im Original brauchst.

Gibt es „Technische Analyse der Finanzmärkte“ als Hörbuch?

Eine deutsche Hörbuchfassung existiert nicht. Eine englische Hörfassung gibt es, sie ersetzt das gedruckte Buch aber nicht, weil ein großer Teil des Inhalts aus Charts und Grafiken besteht.

Ist das Buch für Anfänger geeignet?

Ja, es setzt kein Vorwissen voraus. Der Einstieg ist allerdings trocken, und das Buch gibt keinen Lernpfad vor. Anfänger fahren am besten, wenn sie parallel einen strukturierten Kurs nutzen und Murphy zum Nachschlagen danebenlegen.

Wer war John J. Murphy?

Murphy war einer der einflussreichsten Chartanalysten der USA. Er leitete die technische Analyse bei Merrill Lynch, arbeitete sieben Jahre für CNBC und war zuletzt Chefanalyst bei StockCharts. Er starb am 7. Februar 2026 im Alter von 83 Jahren.

Über den Autor: Karsten Kagels

Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer der Kagels Trading GmbH und diskretionärer Price-Action-Trader seit 1978. Er handelt Forex, Aktienindizes, Rohstoffe und Zinsmärkte und arbeitet ohne technische Indikatoren, allein auf Basis von Kursverlauf und Marktstruktur.

Ende der Achtzigerjahre übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter ins Deutsche. Über 17 Jahre vertrat er Joe Ross in Deutschland und übersetzte und verlegte dessen 10 Bücher. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.

Murphys Standardwerk begleitet ihn seit dessen Erscheinen. Die Einordnung in diesem Artikel stammt aus der täglichen Arbeit am Chart, nicht aus einer Leseliste. Die ausführliche Kapitel-Rezension steuerte Stefan Lenhart bei, der die 14. Auflage von 2018 vollständig durchgearbeitet hat.

Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.

Kagels Trading GmbH 267 Bewertungen auf ProvenExpert.com