Wenn du Optionen handelst, bestimmt eine Kennzahl deinen Erfolg stärker als jede Kurs-Prognose: die implizite Volatilität. Sie entscheidet, ob eine Option gerade teuer oder günstig ist. Wer sie ignoriert, kauft im schlechtesten Moment und wundert sich über Verluste trotz richtiger Marktmeinung.
In diesem Beitrag erkläre ich dir die implizite Volatilität (IV) und den IV Rank (IVR) aus der Praxis. Ich zeige dir die Formel, ein aktuelles Beispiel aus der TWS und meine persönlichen Faustregeln für den Einsatz im Optionshandel. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.
Implizite Volatilität: das Wichtigste in 30 Sekunden
- Implizite Volatilität (IV): die vom Optionsmarkt erwartete Schwankungsbreite eines Basiswerts. Sie wird aus den aktuellen Optionspreisen abgeleitet, nicht gemessen.
- Wirkung auf den Preis: steigt die IV, werden Optionen teurer. Fällt sie, verlieren Optionen an Wert, auch bei unverändertem Kurs.
- IV Rank (IVR): ordnet die aktuelle IV in die 52-Wochen-Spanne ein. 0 = Jahrestief, 100 = Jahreshoch.
- Faustregel: Optionen kaufen bei niedrigem IVR (unter 30), Optionen verkaufen bei hohem IVR (über 40).
Was ist die implizite Volatilität (IV)?
Die implizite Volatilität (IV) ist die vom Optionsmarkt erwartete Schwankungsbreite eines Basiswerts für die Zukunft. Sie wird nicht gemessen, sondern aus den aktuellen Optionspreisen abgeleitet: Je teurer die Optionen, desto höher die implizite Volatilität.
Die IV ist damit eine Momentaufnahme der Unsicherheit. Vor Quartalszahlen, Notenbank-Terminen oder politischen Entscheidungen steigt sie regelmäßig an. Nach dem Ereignis fällt sie oft schlagartig zurück. Diesen Effekt kennst du vielleicht als Volatility Crush.
Ein Beispiel mit aktuellen Zahlen, Stand 18. Juli 2026: Die Apple-Aktie notiert bei rund 333 Dollar, knapp unter ihrem 52-Wochen-Hoch. Die implizite Volatilität liegt bei etwa 30 Prozent und damit am oberen Ende ihrer 52-Wochen-Spanne. Der Optionsmarkt erwartet also überdurchschnittlich große Kursbewegungen.
Implizite und historische Volatilität im Vergleich
Beide Kennzahlen messen Schwankung, aber in unterschiedliche Zeitrichtungen. Die historische Volatilität blickt zurück: Sie misst, wie stark der Kurs tatsächlich geschwankt hat. Die implizite Volatilität blickt nach vorn: Sie zeigt, welche Schwankung der Markt ab heute erwartet. Bei Apple liegen beide aktuell nah beieinander, rund 29 Prozent historisch zu 30 Prozent implizit.
VIX und VDAX-NEW: die Volatilität ganzer Märkte
Für ganze Indizes gibt es eigene Volatilitäts-Barometer. Der VIX misst die implizite Volatilität von Optionen auf den S&P 500. Sein deutsches Gegenstück ist der VDAX-NEW für den DAX. Beide gelten als Angstbarometer: Hohe Werte zeigen Stress im Markt, niedrige Werte Sorglosigkeit.
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Was ist der IV Rank (IVR)? Formel und Berechnung
Der IV Rank (IVR) ordnet die aktuelle implizite Volatilität in die Spanne zwischen dem höchsten und dem tiefsten IV-Wert der letzten 52 Wochen ein. Ein IVR von 100 bedeutet: Die IV steht am Jahreshoch. Ein IVR von 0 bedeutet: Sie steht am Jahrestief.
Der IVR löst ein praktisches Problem: Eine IV von 30 Prozent ist bei einem trägen Versorger extrem hoch, bei einer Biotech-Aktie extrem niedrig. Erst der Vergleich mit der eigenen Historie macht den Wert einordbar.
Die IVR-Formel
Die Berechnung braucht nur drei Werte aus der Options-Historie. Einleitend die Formel, danach die Rechnung mit den echten Apple-Werten aus meiner TWS, Stand 20. Juli 2026:
- IVR = (aktuelle IV − 52-Wochen-Tief) × 100 ÷ (52-Wochen-Hoch − 52-Wochen-Tief)
- Werte aus dem TWS-Screenshot unten: aktuelle IV 30,6 %, 52-Wochen-Tief 16,743 %, 52-Wochen-Hoch 33,856 %
- Rechnung: (30,6 − 16,743) × 100 ÷ (33,856 − 16,743) = 80,97. Gerundet ergibt das den IVR 81 aus der Spalte „52-Wochen IV-Ranking”.
Ein IVR von 81 heißt also: Die aktuelle IV notiert im oberen Fünftel ihrer Jahresspanne. Optionen sind im historischen Vergleich teuer. Für Prämien-Verkäufer ist das ein attraktives Umfeld, für Käufer ein Grund zur Vorsicht.

In der Trader Workstation musst du nichts selbst rechnen. Die TWS zeigt das 52-Wochen-IV-Ranking direkt als Spalte an. Auch die Einzelwerte, aktuelle IV plus Jahreshoch und Jahrestief, lassen sich als Spalten einblenden. So prüfst du die Formel jederzeit selbst nach.
Wie entsteht die IV? Angebot und Nachfrage bei Optionen
Häufig kursiert das Missverständnis, eine hohe implizite Volatilität mache die Optionen teuer. Es ist genau umgekehrt: Erst steigen die Optionspreise durch Nachfrage, daraus errechnet sich dann die höhere IV. Die drei Schritte dahinter schauen wir uns jetzt an.
Warum Anleger ihre Aktien absichern
Wer Aktien besitzt, trägt das Risiko fallender Kurse. Fonds können große Positionen nicht schnell abstoßen, Privatanleger wollen Gewinne nicht abgeben. Die bewährte Lösung ist eine Absicherung über Optionen: Der Kauf eines Puts sichert die Position unterhalb eines gewählten Basispreises ab.
Gesucht sind dabei vorwiegend Strikes an markanten charttechnischen Marken. Unterstützungen, gleitende Durchschnitte und alte Hochs ziehen die meisten Absicherungs-Orders an. An diesen Basispreisen steigt die Nachfrage zuerst.
Der Market-Maker passt die Preise an
An der Terminbörse stellt der Market-Maker für jede Option An- und Verkaufskurse. Er ist verpflichtet, zu diesen Preisen zu handeln. Steigt die Nachfrage nach bestimmten Optionen, gerät sein Bestand ins Ungleichgewicht. Seine Antwort ist marktwirtschaftlich simpel: Er hebt die Preise an. Mehr zur Funktionsweise findest du im Artikel zur Terminbörse.
Vom Optionspreis zur impliziten Volatilität
Aus dieser Preisveränderung der Optionen wird die implizite Volatilität errechnet. Optionspreismodelle wie Black-Scholes lösen die Gleichung rückwärts auf: Bekannt sind Optionspreis, Kurs, Basispreis, Restlaufzeit und Zins. Die einzige Unbekannte ist die erwartete Schwankung, eben die IV. Deshalb heißt sie implizit: Sie steckt im Preis und wird aus ihm abgeleitet.

In meinen TWS-Charteinstellungen lasse ich die erste Standardabweichung als erwartete Kursspanne anzeigen. So lese ich relevante Strikes direkt aus dem Chart ab, ohne zusätzliche Rechnung.
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IV und Vega: So reagiert der Optionspreis
Wie stark eine Option auf IV-Änderungen reagiert, misst der Options-Grieche Vega. Ein Vega von 0,10 bedeutet: Steigt die IV um einen Prozentpunkt, gewinnt die Option 10 Cent je Anteil. Fällt die IV, verliert sie entsprechend.
Für dich als Käufer eines Long Calls heißt das konkret: Du kannst mit der Marktrichtung richtig liegen und trotzdem verlieren. Kaufst du bei hoher IV, etwa direkt vor den Quartalszahlen, kann der anschließende IV-Rückgang den Kursgewinn auffressen. Deshalb gehört der Blick auf IVR und Vega vor jeden Optionskauf.
IV und IVR im Optionshandel nutzen
Aus den beiden Kennzahlen lässt sich ein Screening-Prozess bauen. Ich nutze dafür zwei Werkzeuge: die TWS-Spalten aus dem Beispiel oben und den kostenlosen Options-Screener von Barchart. Dort filterst du den US-Markt gezielt nach Aktien mit der höchsten impliziten Volatilität.
Hohe implizite Volatilität hebt die Prämien, was die Covered-Call-Strategie besonders attraktiv macht.
Wie stark die implizite Volatilität über Gewinn und Verlust entscheidet, siehst du besonders deutlich bei Long und Short Strangle: Beide Positionen bestehen nur aus Zeitwert.
Hoher IVR: die Basis für Stillhalter-Strategien
Strategien, die vom Zeitwertverfall profitieren, funktionieren bei hohen Prämien am besten. Als Stillhalter verkaufst du Optionen und kassierst die Prämie. Ein Einstieg bei hohem IVR bringt dir zwei Vorteile. Beide hängen direkt an der Prämienhöhe:
- Bei hohen Prämien liegt der Breakeven weiter vom aktuellen Kurs entfernt, dein Risikopuffer wächst
- Die Chance auf einen Rückgang der IV ist bei hohem IVR statistisch größer, die Position profitiert dann doppelt
Welche Kombinationen sich dafür eignen, von Short Put bis Iron Condor, zeigt dir der Überblick zu den Optionsstrategien.
Kann der IVR über 100 steigen?
Nein, das verhindert die Konstruktion der Kennzahl. Erreicht die IV ein neues Jahreshoch, wird genau dieser Wert zum neuen Maximum der Spanne. Der IVR steht dann exakt bei 100, nicht darüber. Auch bei einem IVR von 80 kann die IV also noch kräftig weiterlaufen.
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Video: IV und IVR im Optionshandel erklärt
Ergänzend zum Artikel erkläre ich dir beide Kennzahlen auch im kurzen Video, mit Beispielen direkt aus der Handelsplattform:
Weiterlesen: Die Artikelreihe „Optionen handeln“
Dieser Beitrag ist Teil 7 unserer Serie zum Optionshandel. Alle weiteren Folgen im Überblick:
- #01: Optionen handeln, der erfolgreiche Einstieg
- #02: Der Long Call
- #03: Der Long Put
- #04: Der Short Call
- #05: Der Short Put
- #06: Die Standardabweichung
- #07: Implizite Volatilität und das IVR
- #08: Optionsuniversum, Vorstellung der GuV-Software
- #09: Jens Rabe, Portrait des Optionshändlers
- #10: Tastytrade, der US-Broker für Optionen, Aktien, Futures
- #11: Optionsstrategien
- #12: Trader Workstation (TWS), Optionen handeln
Fazit: Meine Faustregeln für IV und IVR
Für den Handel mit Optionen haben sich bei mir zwei einfache Faustregeln bewährt. Sie bilden den ersten Filter in jedem Screening:
- Kauf von Optionen bei niedrigem IVR, optimal sind Werte unter 30
- Verkauf von Optionen bei hohem IVR, optimal sind Werte über 45
Starr sind diese Grenzen nicht. Bei einem überzeugenden Chartbild nehme ich auch einen IVR um die 37 in Kauf. Wichtig ist mir die Kombination: Kennzahl plus Charttechnik, nie die Kennzahl allein.
Zusätzlich achte ich auf den Abstand zu binären Ereignissen. Der Verfallstag meiner Basisstrategien liegt grundsätzlich vor dem Earnings-Termin oder anderen relevanten Nachrichten. So vermeide ich, dass ein einzelnes Ereignis die kalkulierte Prämie entwertet.
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Häufige Fragen zur impliziten Volatilität
Was ist die implizite Volatilität (IV)?
Die implizite Volatilität ist die vom Optionsmarkt erwartete Schwankungsbreite eines Basiswerts. Sie wird aus den aktuellen Optionspreisen abgeleitet und blickt in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit.
Was sagt eine hohe implizite Volatilität aus?
Der Markt erwartet große Kursbewegungen, die Optionen sind entsprechend teuer. Für Prämien-Verkäufer ist das attraktiv, für Optionskäufer ein Warnsignal wegen des möglichen IV-Rückgangs.
Wie wird die implizite Volatilität berechnet?
Optionspreismodelle wie Black-Scholes werden rückwärts aufgelöst. Aus dem beobachteten Optionspreis und den bekannten Größen wie Kurs, Basispreis und Restlaufzeit ergibt sich die IV als einzige Unbekannte.
Was ist der Unterschied zwischen historischer und impliziter Volatilität?
Die historische Volatilität misst die tatsächlichen Kursschwankungen der Vergangenheit. Die implizite Volatilität zeigt die vom Markt erwarteten Schwankungen der Zukunft.
Was ist der IV Rank (IVR)?
Der IVR ordnet die aktuelle IV in die Spanne zwischen dem tiefsten und dem höchsten IV-Wert der letzten 52 Wochen ein. Werte laufen von 0 (Jahrestief) bis 100 (Jahreshoch).
Wie nutze ich den IVR im Handel?
Als Filter für die Strategie-Wahl: Ein hoher IVR spricht für den Verkauf von Optionen mit Prämieneinnahme, ein niedriger IVR für den Kauf. Die TWS zeigt den IVR als eigene Spalte an.
Kann die implizite Volatilität die Marktrichtung vorhersagen?
Nein. Die IV misst nur die erwartete Schwankungsbreite, nicht die Richtung. Für Richtungsentscheidungen brauchst du zusätzliche Werkzeuge wie die Charttechnik.
Über den Autor: Christian Möhrer
Christian Möhrer ist technischer Analyst und Options-Trader im Team von Kagels Trading. Er verantwortet neben den regelmäßigen Kursprognosen für Rohstoffe, Indizes und Devisen auch den Optionsbereich der Seite.
Als Options-Trader seit 2014 verbindet Christian klassische Chartanalyse mit einem zahlenorientierten, nüchternen Blick auf die Märkte. Neben seinen täglichen Analysen betreibt er einen Videokurs zum Optionshandel und stellt Handelssignale bereit.
Die implizite Volatilität prüft Christian vor jedem einzelnen Trade. Als Stillhalter verkauft er bevorzugt bei hohem IVR und legt Prämienziel und Ausstieg fest, bevor die Position eröffnet wird. Genau diese Screening-Praxis aus der TWS steckt in den Faustregeln dieses Artikels.
Dieser Artikel wurde von Karsten Kagels final geprüft.



