Die meisten Trader kennen Mark Minervini über sein Buch. Deutlich spannender als die Buchvorstellung ist aber die Frage, was er dort eigentlich beschreibt: ein festes Regelwerk, das jede Aktie durch dieselben acht Prüfpunkte schickt, bevor sie überhaupt auf die Watchlist darf. Genau dieses Regelwerk hat ihm 2021 einen Rekord in der US Investing Championship eingebracht, den vorher niemand in der Nähe hatte.
Dieser Artikel erklärt die SEPA-Methode, das Trend Template und das VCP-Muster so, dass du sie an einem eigenen Chart nachvollziehen kannst. Dazu kommt eine ehrliche Einordnung, welche Teile seines Ansatzes sich für deutsche Trader überhaupt umsetzen lassen und welche an fehlenden Datenquellen scheitern. Am Ende steht die Rezension seines Buchs „Handeln wie ein Market Wizard”. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.
Mark Minervini: das Wichtigste in 30 Sekunden
- Zweifacher US Investing Champion: Minervini gewann den Wettbewerb 1997 mit 155 Prozent und 2021 mit 334,8 Prozent. Der zweite Sieg brach den bisherigen Rekord von 119,1 Prozent deutlich.
- SEPA steht für Specific Entry Point Analysis und ist sein Auswahlsystem. Es kombiniert fundamentale Filter mit charttechnischem Timing und lässt nur Aktien in einem bestätigten Aufwärtstrend zu.
- Das Trend Template prüft acht Bedingungen an den gleitenden Durchschnitten, am 52-Wochen-Hoch und an der relativen Stärke. Alle acht müssen gleichzeitig erfüllt sein.
- Das VCP-Muster zeigt schrumpfende Rücksetzer vor dem Ausbruch. Typisch sind drei bis vier Konsolidierungen, deren Tiefe von Welle zu Welle abnimmt, etwa von 18 auf 12 auf 6 Prozent.
- Sein Risikomanagement ist strenger als die Aktienauswahl. Verluste werden früh geschnitten, die Positionsgröße richtet sich am maximal akzeptierten Verlust aus, nicht an der Überzeugung.
Wer ist Mark Minervini?
Mark Minervini ist ein US-amerikanischer Aktienhändler, Autor und zweifacher Gewinner der US Investing Championship, der mit seiner selbst entwickelten SEPA-Methode auf Wachstumsaktien in bestätigten Aufwärtstrends setzt.
Minervini nennt selbst regelmäßig seine Vorbilder. Neben William O’Neil taucht dort immer wieder der Spekulant Jesse Livermore auf, dessen Vorrang des übergeordneten Trends Minervini im Trend Template in acht messbare Kriterien übersetzt hat.
Minervini handelt seit den 1980er Jahren an der Wall Street und hat keinen klassischen Ausbildungsweg hinter sich. Er brach die Schule früh ab und brachte sich das Handwerk über Jahre selbst bei, unter anderem, indem er in Bibliotheken Börsenliteratur kopierte und Passagen von Hand abschrieb. Bekannt wurde er durch seinen Auftritt in Jack Schwagers Buchreihe Stock Market Wizards.
Heute betreibt er die Plattform Minervini Markets 360, über die Mitglieder unter dem Namen Minervini Private Access Zugang zu seinen Handelsentscheidungen bekommen. Dazu kommen Workshops und das Master Trader Program, in denen er seine Methodik unterrichtet. Wer sich ein Bild machen will, findet die Angebote auf seiner offiziellen Website.
Wichtig für die Einordnung: Minervini ist kein Daytrader. Seine Haltedauer liegt typischerweise bei Wochen bis Monaten, er handelt Einzelaktien am US-Markt und arbeitet ausschließlich auf der Long-Seite. Wer Intraday auf Indizes oder Devisen unterwegs ist, wird aus seinem System die Auswahlkriterien mitnehmen können, nicht aber den Handelsrhythmus.
Minervinis Rendite: was die Zahlen zeigen und was nicht
Die US Investing Championship ist ein Wettbewerb für Trader mit echtem Kapital, bei dem die Depotentwicklung über ein Kalenderjahr verglichen wird und die erzielten Renditen von den Veranstaltern geprüft werden.
Minervini gewann diesen Wettbewerb zweimal. 1997 trat er mit 250.000 Dollar eigenem Kapital an und beendete das Jahr mit 155 Prozent. Der zweite Sieg kam 2021 in der Millionen-Dollar-Kategorie: 334,8 Prozent in einem Jahr, geprüft und offiziell veröffentlicht. Der bis dahin gültige Rekord lag bei 119,1 Prozent aus dem Jahr 2020.
Deutlich häufiger zitiert wird eine andere Zahl, und die verdient eine Einordnung. In seinem Buch nennt Minervini eine Gesamtrendite von 33.500 Prozent über fünfeinhalb Jahre, was rechnerisch etwa 220 Prozent im Jahresschnitt entspricht. Diese Angabe stammt aus eigener Darstellung und ist nicht in derselben Weise durch einen Wettbewerb geprüft wie die beiden Championship-Ergebnisse. Sie ist deshalb kein Beleg, sondern eine Behauptung des Autors.
Für die Bewertung seiner Methode ist das trotzdem kein Ausschlusskriterium. Die beiden Championship-Jahre sind unabhängig dokumentiert, und sie zeigen zwei Dinge: Der Ansatz funktioniert in starken Marktphasen außergewöhnlich gut, und er funktioniert in unterschiedlichen Jahrzehnten. Was die Zahlen nicht zeigen, sind die Jahre dazwischen. Ein Wettbewerbsjahr ist eine Momentaufnahme, kein Track Record über 30 Jahre.
Was ist die SEPA-Strategie?
SEPA steht für Specific Entry Point Analysis und bezeichnet Minervinis Auswahlsystem, das Aktien zuerst nach fundamentalen und charttechnischen Kriterien filtert und den Einstieg erst an einem eng definierten Punkt zulässt.
Die Abkürzung wird oft falsch aufgelöst. Sie steht nicht für Stock Market Entry Point Analysis, sondern für Specific Entry Point Analysis, also die Analyse eines ganz bestimmten Einstiegspunkts. Der Name ist Programm: Nicht die Aktie allein entscheidet, sondern die Kombination aus Aktie und Zeitpunkt.
SEPA stützt sich auf fünf Bausteine, die alle zusammenpassen müssen. Ein einzelner starker Baustein reicht nicht aus, solange ein anderer fehlt:
- Trend: Die Aktie muss sich in einem bestätigten Aufwärtstrend befinden. Das ist der Filter, den das Trend Template prüft, und der erste Ausschlussgrund für die große Mehrheit aller Kandidaten.
- Fundamentaldaten: Gewinn und Umsatz sollen wachsen, idealerweise beschleunigt und über den Erwartungen. Minervini sucht Unternehmen, bei denen die Zahlen vor dem großen Kursanstieg bereits gedreht haben.
- Katalysator: Es braucht einen Auslöser, der institutionelles Geld anzieht. Das kann ein neues Produkt sein, eine Zulassung, ein Vertragsabschluss oder eine deutliche Gewinnüberraschung.
- Einstieg: Der Kauf erfolgt an einem definierten Punkt, meist am Ausbruch aus einer engen Konsolidierung. Wer zu früh kauft, sitzt in einer Basis fest, die noch nicht fertig ist.
- Ausstieg: Vor dem Kauf steht fest, wo die Position aufgelöst wird. Diesen Punkt behandelt Minervini als Teil der Auswahl, nicht als nachgelagerte Entscheidung.
Der Kern des Ansatzes ist ein Gedanke, den Minervini Reverse Factor Modeling nennt. Statt zu fragen, welche Aktie gerade günstig aussieht, hat er historische Gewinneraktien untersucht und nach deren Gemeinsamkeiten in der Zeit vor dem Anstieg gesucht. Aus diesen Gemeinsamkeiten wurden die Filterkriterien. Für die Trendlogik hat er sich bei Stan Weinsteins Stage Analysis bedient, die den Kursverlauf einer Aktie in vier Phasen einteilt.
Das Trend Template: acht Kriterien für einen bestätigten Aufwärtstrend
Das Trend Template ist Minervinis Filter aus acht technischen Bedingungen, die eine Aktie gleichzeitig erfüllen muss, damit er sie als Kandidat in einem bestätigten Aufwärtstrend akzeptiert.
Dieser Filter ist der praktisch nützlichste Teil seiner Arbeit, weil er sich vollständig in Zahlen ausdrücken lässt. Jede Bedingung ist objektiv prüfbar, es gibt keinen Interpretationsspielraum. Die Kriterien stützen sich auf drei gleitende Durchschnitte sowie auf die Lage des Kurses im 52-Wochen-Bereich.
- Kurs über der 150- und der 200-Tage-Linie: Der aktuelle Kurs notiert über beiden langfristigen Durchschnitten. Damit fallen alle Aktien heraus, die sich in einer Abwärtsbewegung befinden.
- 150-Tage-Linie über der 200-Tage-Linie: Die mittlere Linie liegt oberhalb der langen. Das zeigt, dass die jüngere Kursentwicklung stärker ist als die ältere.
- 200-Tage-Linie steigt: Sie muss seit mindestens einem Monat aufwärts zeigen, besser seit vier bis fünf Monaten. Eine flache Linie reicht nicht.
- 50-Tage-Linie über beiden längeren Linien: Der kurze Durchschnitt liegt über dem mittleren und dem langen. Diese Staffelung ist das klassische Bild eines intakten Trends.
- Kurs über der 50-Tage-Linie: Auch kurzfristig darf die Aktie nicht unter ihren Durchschnitt gefallen sein.
- Mindestens 25 Prozent über dem 52-Wochen-Tief: Die Aktie hat sich bereits deutlich vom Boden gelöst. In „Handeln wie ein Market Wizard” nennt Minervini hier 30 Prozent, in seinem späteren Buch 25 Prozent.
- Höchstens 25 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch: Je näher am Hoch, desto besser. Minervini kauft bewusst Stärke und nicht den Rücksetzer.
- Relative-Stärke-Rang von mindestens 70: Die Aktie muss zu den stärksten 30 Prozent des Gesamtmarkts gehören. Ideal sind Werte über 90.
Der Relative-Stärke-Rang misst, wie sich der Kurs einer Aktie im Vergleich zu allen anderen Aktien des Marktes entwickelt hat, und drückt das Ergebnis als Rangplatz zwischen 1 und 99 aus.
Hier liegt die größte praktische Hürde für deutsche Trader. Der von Minervini genannte Relative-Stärke-Rang stammt aus dem Datenangebot von Investor’s Business Daily und ist im deutschsprachigen Raum nicht ohne Weiteres verfügbar. Er misst die Kursentwicklung einer Aktie im Vergleich zu allen anderen und drückt das Ergebnis als Rangplatz von 1 bis 99 aus.
Verwechsle diesen Wert nicht mit dem RSI, dem Relative Strength Index. Der RSI ist ein Oszillator, der Aufwärts- gegen Abwärtsbewegungen derselben Aktie aufrechnet und dabei nur ihre eigene Historie betrachtet. Minervinis Rang vergleicht dagegen eine Aktie mit dem gesamten Markt. Beide tragen ein ähnliches Kürzel und messen völlig Verschiedenes. Wer keinen Zugriff auf ein Ranking hat, kann sich behelfen, indem er die prozentuale Kursentwicklung über sechs bis zwölf Monate gegen einen Index wie den S&P 500 stellt.
Die übrigen sieben Kriterien lassen sich dagegen problemlos abbilden. Jeder Aktienscreener, der Filter auf gleitende Durchschnitte und den 52-Wochen-Bereich zulässt, bildet den Rest des Trend Templates ab.
Das VCP-Muster: wenn die Schwankungen vor dem Ausbruch schrumpfen
Das Volatility Contraction Pattern, kurz VCP, ist ein Chartmuster, bei dem eine Aktie mehrere Konsolidierungen durchläuft, deren Rücksetzer von Mal zu Mal flacher ausfallen, bevor sie nach oben ausbricht.
Während das Trend Template die Vorauswahl trifft, liefert das VCP das Timing für den Einstieg. Die Idee dahinter ist eine Aussage über das Angebot: Bei jedem Rücksetzer geben ungeduldige Halter ihre Stücke ab. Wird der nächste Rücksetzer flacher, bedeutet das, dass weniger Verkäufer übrig sind. Irgendwann trifft eine geringe Angebotsmenge auf normale Nachfrage, und der Kurs löst sich nach oben.
Typisch sind drei bis vier Kontraktionen in Folge. Ein Beispiel für den Verlauf der Rücksetzertiefen: erst 18 Prozent, dann 12 Prozent, dann 6 Prozent. Die genauen Werte sind nicht in Stein gemeißelt, entscheidend ist die Richtung. Parallel dazu sollte das Handelsvolumen in den Konsolidierungen abnehmen.
Den Ausbruch selbst bestätigt Minervini über das Volumen. Er sucht einen Anstieg von 40 bis 50 Prozent über dem Durchschnittsvolumen am Ausbruchstag. Ohne diesen Schub fehlt der Hinweis, dass institutionelle Käufer hinter der Bewegung stehen, und das Risiko eines Fehlausbruchs steigt deutlich.
Wer das Muster in der Praxis sucht, merkt schnell die Verwandtschaft zum Cup-and-Handle-Muster. Der Henkel ist im Grunde die letzte Kontraktion: eine kurze, flache Beruhigung direkt unter dem Ausbruchsniveau. Auch die klassische Breakout-Logik mit Volumenbestätigung ist dieselbe. Das VCP ist damit kein exotisches Konstrukt, sondern eine präzisere Beschreibung dessen, was viele Trader ohnehin handeln.
Risikomanagement: der Teil, den die meisten überlesen
Minervini widmet dem Umgang mit Verlusten in seinem Buch gleich zwei Kapitel, und das ist kein Zufall. Seine Position dazu ist kompromissloser als seine Aktienauswahl. Wer nur die Einstiegskriterien übernimmt und den Rest weglässt, hat die Methode nicht verstanden, sondern halbiert.
Die Positionsgröße ist im Risikomanagement der Betrag, der sich aus dem maximal akzeptierten Verlust und dem Abstand zwischen Einstiegskurs und Stop-Loss errechnet.
Der zentrale Gedanke: Die Positionsgröße ergibt sich aus dem Abstand zum Stop, nicht aus der Überzeugung. Steht der Stop weit entfernt, wird die Position kleiner. Der maximal akzeptierte Verlust je Trade bleibt konstant, unabhängig davon, wie gut das Setup aussieht. Diese Rechnung ist der Grund, warum eine hohe Trefferquote gar nicht nötig ist.
Dazu kommt eine Haltung, die im deutschsprachigen Raum selten so deutlich formuliert wird: Ein Verlust ist kein Beleg für einen Fehler, sondern normaler Bestandteil des Geschäfts. Fehlerhaft ist erst, den Stop zu verschieben oder eine Verlustposition nachzukaufen. Wer die typischen Trading-Fehler kennt, findet hier fast alle davon in Minervinis Warnliste wieder, und auch seine Regeln zum Ausstieg aus einem Trade folgen dieser Logik.
Die Bücher von Mark Minervini im Überblick
Minervini hat vier Bücher veröffentlicht, von denen bislang nur eines auf Deutsch vorliegt. Für deutschsprachige Leser ist die Auswahl damit überschaubar:
- Trade Like a Stock Market Wizard (2013): Das Grundlagenwerk zur SEPA-Methode. Es liegt als „Handeln wie ein Market Wizard” auf Deutsch vor und ist die Basis für die Rezension weiter unten.
- Think & Trade Like a Champion (2017): Die Fortsetzung mit Schwerpunkt auf Ausführung und Disziplin. Hier steht auch die heute geläufige Fassung des Trend Templates. Eine deutsche Übersetzung existiert nach aktuellem Stand nicht.
- Momentum Masters (2015): Ein Interviewband mit mehreren Tradern, darunter David Ryan und Dan Zanger. Nur auf Englisch verfügbar.
- Mindset Secrets for Winning (2017): Ein Buch über mentale Stärke, das über das Trading hinausgeht. Nur auf Englisch verfügbar.
Wer tiefer einsteigen will, kommt an der englischen Ausgabe von „Think & Trade Like a Champion” kaum vorbei. Dort steht die heute gebräuchliche Fassung des Trend Templates. Weitere Empfehlungen findest du in unserer Übersicht der besten Trading-Bücher.
„Handeln wie ein Market Wizard” im Detail
Das Buch erschien im FinanzBuch Verlag und liegt inzwischen in der vierten Auflage vor. Es umfasst 336 Seiten im Hardcover und kostet 28,00 €, die E-Book-Ausgabe liegt bei 22,99 €. Enthalten sind mehr als 160 Beispielcharts sowie zahlreiche Fallstudien. Hier mehr über das Buch erfahren
Der Aufbau: von der Auswahl zum Risiko
Die dreizehn Kapitel folgen einer klaren Linie. Die ersten beiden liefern Werdegang und Grundhaltung, ab Kapitel 3 kommt mit SEPA der Kern. Die Kapitel 4 bis 8 arbeiten die fundamentale Seite ab, die Kapitel 9 bis 11 die charttechnische, und die letzten beiden gehören dem Risikomanagement. Diese Reihenfolge ist bewusst gewählt: Erst wird gefiltert, dann getimt, dann abgesichert.
Warum Minervini das KGV ablehnt
In Kapitel 4 räumt der Autor mit einer verbreiteten Annahme auf. Ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis ist für ihn kein Kaufargument, ein hohes kein Verkaufsargument. Wachstumsaktien tragen fast immer ein hohes KGV, weil der Markt künftige Gewinne vorwegnimmt. Sein Bild dazu: Der Preis eines Van-Gogh-Gemäldes hat nichts mit den Materialkosten für Leinwand und Farbe zu tun.
Ebenso deutlich fällt seine Kritik am günstigen Einstieg nach einem Kursrutsch aus. Ein deutlicher Trendbruch deutet für ihn auf eine Neubewertung durch die Anleger hin, nicht auf ein Schnäppchen. In den meisten Fällen fällt der Kurs weiter oder verharrt jahrelang auf der Stelle.
Die vier Phasen einer Aktie
Kapitel 5 führt das Trendmodell ein, das Minervini 1990 in einem Gespräch mit Stan Weinstein kennengelernt hat. Aktien durchlaufen demnach vier Phasen: Bodenbildung, Aufwärtstrend, Topbildung und Abwärtstrend.
Phase 2 bezeichnet die Aufwärtsphase einer Aktie, in der institutionelle Käufer den Kurs über steigende gleitende Durchschnitte tragen, und ist die einzige Phase, in der Minervini kauft.
Gekauft wird also ausschließlich in Phase 2, dem bestätigten Aufwärtstrend. Bemerkenswert ist Minervinis Beobachtung, dass der Phasenwechsel meist mit einer Veränderung der Fundamentaldaten zusammenfällt.

Charts, Primärbasis und die Grenzen der Theorie
Die Kapitel 9 bis 11 widmen sich dem Chartbild. Minervini beginnt mit einer Abrechnung mit der Hypothese effizienter Märkte und begründet, warum Charts für ihn unverzichtbar sind. Besondere Aufmerksamkeit bekommt die Primärbasis: die erste größere Konsolidierung eines jungen Unternehmens nach dem Börsengang, die häufig den Startpunkt einer langen Aufwärtsbewegung markiert.

Lesbarkeit und Übersetzung
Die deutsche Übersetzung ist gelungen und trifft den Ton des Originals, auch bei den bildhaften Vergleichen, für die Minervini bekannt ist. Der Text ist verständlich geschrieben und setzt keine Vorkenntnisse in Bilanzanalyse voraus. Für Leser, die gerade erst anfangen, ist das Buch damit zugänglicher als die meisten Werke zur Aktienauswahl. Wer sich vorher einen Überblick verschaffen will, findet in unserem Leitfaden zum Traden lernen die Grundlagen.
Was du von Minervini übernehmen kannst und was nicht
Nicht jeder Teil des Ansatzes lässt sich vom deutschen Schreibtisch aus umsetzen. Diese Punkte funktionieren in der Praxis gut:
- Das Trend Template als Vorfilter: Sieben der acht Kriterien lassen sich mit jedem brauchbaren Screener abbilden. Schon dieser Filter reduziert eine Kandidatenliste drastisch und verhindert Käufe in Abwärtstrends.
- Die Volumenbestätigung beim Ausbruch: Der Blick auf das Volumen am Ausbruchstag kostet nichts und filtert einen Teil der Fehlausbrüche heraus.
- Die Stop-Logik vor dem Einstieg: Position erst dimensionieren, wenn der Ausstiegspunkt feststeht. Das ist unabhängig von Markt und Zeitrahmen anwendbar.
An diesen Stellen wird es dagegen schwierig bis unmöglich:
- Der Relative-Stärke-Rang: Die Datenquelle aus den USA ist hierzulande nicht ohne Weiteres zugänglich. Eine Eigenberechnung gegen einen Index ist möglich, liefert aber nicht dieselben Werte.
- Die Fundamentaldaten in Minervinis Tiefe: Quartalsweise Gewinn- und Umsatzbeschleunigung über mehrere Perioden zu verfolgen, kostet Zeit und setzt einen guten Datenanbieter voraus.
- Die Übertragung auf deutsche Nebenwerte: Das System wurde für den liquiden US-Markt entwickelt. Bei dünn gehandelten Werten sind Volumensignale und Ausbrüche deutlich weniger verlässlich.
- Der Zeitaufwand: Minervini handelt hauptberuflich. Wer nebenbei tradet, wird die tägliche Marktbeobachtung in dieser Form nicht leisten können.
Ein grundsätzlicher Vorbehalt bleibt. Minervinis Ansatz ist eine Schönwettermethode für steigende Märkte. Er handelt ausschließlich long und geht in schwachen Phasen in Cash. Wer erwartet, dass ihm dieses System in einem Bärenmarkt Gewinne liefert, hat es missverstanden. Die Kunst liegt dann darin, nicht zu handeln. Wie unterschiedlich Marktphasen wirken, zeigt auch unser Artikel zum Momentum Trading, das derselben Grundidee folgt.
Fazit: ein Regelwerk, das mehr taugt als seine Renditezahlen
Der bleibende Wert von Minervinis Arbeit liegt nicht in den 334,8 Prozent von 2021 und auch nicht in den vielzitierten 33.500 Prozent. Er liegt darin, dass hier jemand eine vollständig ausformulierte Aktienauswahl offengelegt hat, die sich Punkt für Punkt nachprüfen lässt. Das Trend Template ist eines der wenigen Regelwerke, bei denen zwei Trader unabhängig voneinander zum selben Ergebnis kommen.
Christian Möhrer hat das Buch zuerst im englischen Original gelesen und hält es für eines der wenigen Werke, die fundamentale und charttechnische Auswahl sauber verbinden, ohne eine der beiden Seiten zur Nebensache zu machen. Seine Einschränkung: Die Renditeangaben aus eigener Darstellung sollte man von der Methode trennen. Die Methode trägt auch ohne sie.
Das Buch lohnt sich für Aktienhändler mit Blick auf den US-Markt und einem Zeithorizont von Wochen bis Monaten. Es lohnt sich nicht für Daytrader, für reine Indexanleger und für alle, die eine Methode für fallende Märkte suchen. Wer Aktien mit dem Potenzial zur Verzehnfachung sucht, findet die Statistik dazu in unserem Artikel über Tenbagger.
Häufige Fragen zu Mark Minervini
Wer ist Mark Minervini?
Mark Minervini ist ein US-amerikanischer Aktienhändler und Autor, der die US Investing Championship zweimal gewonnen hat, 1997 mit 155 Prozent und 2021 mit 334,8 Prozent. Bekannt wurde er durch seine SEPA-Methode und durch Jack Schwagers Buchreihe Stock Market Wizards.
Was ist die SEPA-Strategie von Mark Minervini?
SEPA steht für Specific Entry Point Analysis und bezeichnet sein Auswahlsystem für Aktien. Es verbindet fundamentale Filter mit charttechnischem Timing und lässt Käufe nur in bestätigten Aufwärtstrends zu. Die Methode stützt sich auf fünf Bausteine: Trend, Fundamentaldaten, Katalysator, Einstieg und Ausstieg.
Was ist das Trend Template?
Das Trend Template ist ein Filter aus acht technischen Bedingungen, die eine Aktie gleichzeitig erfüllen muss. Geprüft werden die Lage des Kurses zur 50-, 150- und 200-Tage-Linie, die Staffelung dieser Linien untereinander, der Abstand zum 52-Wochen-Hoch und -Tief sowie ein Relative-Stärke-Rang von mindestens 70.
Was bedeutet VCP im Trading?
VCP steht für Volatility Contraction Pattern. Gemeint ist ein Chartmuster, bei dem die Rücksetzer von Welle zu Welle flacher werden, typischerweise über drei bis vier Konsolidierungen. Das sinkende Angebot kündigt einen Ausbruch an, den Minervini über ein um 40 bis 50 Prozent erhöhtes Volumen bestätigt.
Welche Bücher hat Mark Minervini geschrieben?
Minervini hat vier Bücher veröffentlicht. Auf Deutsch liegt bislang nur „Handeln wie ein Market Wizard” vor, die Übersetzung von „Trade Like a Stock Market Wizard”. Die Titel „Think & Trade Like a Champion”, „Momentum Masters” und „Mindset Secrets for Winning” gibt es nach aktuellem Stand nur auf Englisch.
Wie hoch war Minervinis Rendite wirklich?
Geprüft und dokumentiert sind die beiden Championship-Ergebnisse von 155 und 334,8 Prozent. Die häufig zitierte Gesamtrendite von 33.500 Prozent über fünfeinhalb Jahre stammt aus eigener Darstellung im Buch und ist nicht in gleicher Weise durch einen Wettbewerb belegt.
Lässt sich Minervinis Strategie in Deutschland umsetzen?
Weitgehend ja, mit einer Einschränkung. Sieben der acht Trend-Template-Kriterien lassen sich mit einem gewöhnlichen Screener prüfen. Der Relative-Stärke-Rang von Investor’s Business Daily ist hierzulande nicht ohne Weiteres verfügbar und muss näherungsweise gegen einen Index selbst berechnet werden.
Über den Autor: Christian Möhrer
Christian Möhrer ist technischer Analyst und Options-Trader und seit 2014 aktiv an den Märkten. Bei Kagels Trading verantwortet er tägliche Marktprognosen, betreut einen Signaldienst und hat einen Videokurs zum Optionshandel entwickelt.
Sein Schwerpunkt liegt auf der nüchternen Auswertung von Chartbildern und Kennzahlen. Er arbeitet mit festen Regelwerken statt mit Bauchentscheidungen, was ihm den Zugang zu regelbasierten Ansätzen wie der SEPA-Methode erleichtert. Neben der technischen Analyse beschäftigt er sich mit Volatilität und deren Auswirkungen auf die Positionsgröße.
Für diesen Artikel hat er das Buch „Handeln wie ein Market Wizard” vollständig im Original und in der Übersetzung gelesen und die acht Kriterien des Trend Templates gegen beide Bücher Minervinis abgeglichen. Die genannten Renditeangaben hat er getrennt nach geprüften Wettbewerbsergebnissen und Eigenangaben des Autors ausgewiesen.
Dieser Artikel wurde von Karsten Kagels final geprüft.















