Das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) gehört zu den meistzitierten Begriffen im Trading — und gleichzeitig zu den am häufigsten missverstandenen. Viele Einsteiger glauben, ein möglichst hohes CRV sei automatisch gut. Andere hören, man solle nur Trades mit einem CRV von mindestens 2:1 oder 3:1 eingehen, und befolgen diese Regel blind. Beides führt in die Irre.
In diesem Artikel erkläre ich, was das Chance-Risiko-Verhältnis wirklich bedeutet, wie du es korrekt berechnest — und warum es erst im Zusammenspiel mit der Trefferquote eine echte Aussagekraft bekommt. Außerdem zeige ich dir das praktische TradingView-Tool, mit dem du das CRV direkt im Chart ablesen kannst.
Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) – das Wichtigste vorweg:
- Das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) ist ein wichtiges Konzept beim Trading, um das Verhältnis zwischen möglichen Gewinnen und Verlusten zu bewerten. Das CRV ist das Verhältnis zwischen dem erwarteten Gewinn und dem möglichen Verlust. Wenn das CRV positiv ist, bedeutet dies, dass der erwartete Gewinn größer ist als der mögliche Verlust.
- Ein höheres CRV bedeutet nicht immer eine höhere Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Trades. Stattdessen sollten Trader das CRV in Verbindung mit anderen Faktoren wie der Eintrittswahrscheinlichkeit des Trades (Trefferquote) und der Markttendenz betrachten.
- Es ist wichtig, das CRV in Bezug auf das Risikomanagement zu berücksichtigen. Trader sollten immer eine Stop-Loss-Order platzieren, um mögliche Verluste zu begrenzen und sicherzustellen, dass das CRV positiv bleibt.
Ist das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) im Trading totaler Blödsinn oder ist es doch der heilige Gral? In diesem Artikel werden wir uns näher mit dem CRV beschäftigen und ich werde Euch aufzeigen, dass beides seine Berechtigung hat.
Was ist das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV)?
Das CRV gibt, wie der Name schon sagt, das Verhältnis von Chance und Risiko an. Es gehört zu den Grundlagen des Risiko- und Moneymanagements, welches, wie jeder Trader weiß, das Fundament für langfristigen Börsenerfolg darstellt. Wie der Hedgefonds Manager Larry Hite schon richtig sagte:
Ich sehe nicht die Märkte; ich sehe die Risiken, Chancen und das Geld.
- Potenzielles Risiko: Differenz zwischen dem Einstiegskurs und dem Stop Loss
- Potenzielle Chance: Differenz zwischen dem Einstiegskurs und dem Take Profit.
Bildet man nun den Quotienten zwischen der potenziellen Chance (Gewinn) und dem potenziellen Risiko (Verlust) erhält man den CRV.
Beträgt zum Beispiel der potenzielle Gewinn 20 Pips und der Stop Loss 10 Pips, so hat man ein Chance-Risiko-Verhältnis von 2:1. Das bedeutet in dem Fall, dass der mögliche Gewinn das Doppelte des möglichen Verlustes beträgt. Man erhält also im Gewinnfall für jeden eingesetzten Euro zwei Euro zurück.
Ein Beispiel für das CRV im Trading anhand von GBPJPY
Als Beispiel nehmen wir einmal einen Trade in dem Währungspaar GBPJPY.
Wir gehen also Short im GBPJPY. Das Entrysignal ist in diesem Beispiel eine bärische Umkehrformation, nämlich das Bearish Harami. Dieses bildet sich am 50er Fibonaccilevel aus. Der Entry erfolgt dann nach Ausbilden des Bearish Harami, z. B. am 38,2er Fibolevel. Der Stopp wird oberhalb des Widerstandes mit etwas Distanz zum Entry, z. B. am 61,8er Fibolevel platziert. Das Target (Kursziel) ist dann der nächste Support (Unterstützung), was hier das 0er Fibolevel ist.
- Potenzielle Chance: Target (142.275) – Entry (142.351) = 7,6 Pips
- Potenzielles Risiko: Stop Loss (142.397) – Entry (142.351) = 4,6 Pips
- CRV = Potenzielle Chance (7,6) / Potenzielles Risiko (4,6) = 1,65
Dieser Trade bietet also ein CRV von 7,6:4,6 bzw. 1,65:1.
Berechne dein CRV direkt hier: Trage Einstieg, Stop-Loss und Kursziel ein — der Rechner zeigt dir sofort das Chance-Risiko-Verhältnis und die benötigte Mindest-Trefferquote.
Warum das CRV alleine nicht funktioniert
Viele Trader machen es sich allerdings zu einfach. In vielen Büchern findet man oft die Empfehlung, keine Trades mit einem Chance-Risiko-Verhältnis kleiner als 2:1 oder sogar 3:1 einzugehen. Jedes Buch, das diese Empfehlung beinhaltet, kann getrost in den Mülleimer geworfen werden und zeigt auch, warum diejenige Person ein Buch über das Trading geschrieben hat. Denn diese Person hat wahrscheinlich das Trading nicht verstanden und muss daher den Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Büchern verdienen, anstatt selber erfolgreich zu handeln. Ein CRV alleine hat keinerlei Aussagekraft.
Genauso ist es unrealistisch, einfach immer ein CRV von 10:1 nehmen. Das klingt zwar schön, dass die Gewinne theoretisch immer das 10fache des Risikos betragen, aber die Frage ist, wie realistisch das ist? Wie viele von Euch haben schon einmal einen Trade mit einem CRV von 10:1 erzielt? Und wenn ja, wie oft?
Es gibt keine guten und schlechten CRV’s
Es ist somit ein Mythos, dass es gute und schlechte CRVs gibt. Ob ein CRV sinnvoll ist oder nicht, kann nämlich erst mit Zuhilfenahme der Trefferquote geklärt werden.
Auch ist es ein Fehler, wenn Trader einen Trade planen und dabei einfach ihr Target ausweiten und/oder den Stop Loss verkleinern, um so ein vermeintlich besseres CRV zu erhalten. In der Theorie erhalten sie ein besseres CRV, aber wie oft wird dies dann auch in der Praxis erreicht?
Genauso ist es ein Fehler, dass manche Trader denken, man könnte einen Verlusttrade leicht wieder ausgleichen, indem man beim nächsten Trade einfach das Target erhöht. Trading ist nämlich keine reine Mathematik, das wäre zu einfach. Es ist ein Spiel von Wahrscheinlichkeiten. So auch beim CRV. Man muss die Wahrscheinlichkeiten des eigenen Handelssystems kennen.
CRV in Kombination mit der Trefferquote
Wenn man sich mit seiner Tradingstrategie näher beschäftigt, bekommt man schnell ein Gefühl für ein realistisches CRV und kann somit sehr leicht die benötigte Trefferquote bzw. das zu erwartende Chance-Risiko-Verhältnis berechnen. Die Formel zur Berechnung der Mindest-Trefferquote, also um Break-even (an der Gewinnschwelle) zu handeln, sieht so aus:
- Mindest Trefferquote: 1 / (1 + CRV)
Wenn Sie Ihre Trefferquote kennen, können Sie anhand der folgenden Formel das benötigte Chance-Risiko-Verhältnis berechnen, um zumindest Break-even zu sein:
- Benötigter CRV: (1 / Trefferquote) – 1

Man sieht anhand der Grafik, dass bei einem CRV von 1,5 eine Trefferquote von 40 % ausreichend ist, um Break-Even (an der Gewinnschwelle) zu sein.
Die folgende Tabelle zeigt, welche Mindest-Trefferquote du benötigst, um bei einem bestimmten CRV zumindest Break-even zu handeln:
| CRV (Chance : Risiko) | Benötigte Mindest-Trefferquote (Break-even) | Bedeutung |
|---|---|---|
| 0,5 : 1 | 67 % | Jeder zweite Trade muss klar gewonnen werden |
| 1 : 1 | 50 % | Gewinn- und Verlusttrades müssen sich ausgleichen |
| 1,5 : 1 | 40 % | 40 % Trefferquote reicht zum Break-even |
| 2 : 1 | 33 % | Nur jeder dritte Trade muss ein Gewinner sein |
| 3 : 1 | 25 % | Drei Verlusttrades pro Gewinntrade sind tragbar |
| 5 : 1 | 17 % | Hohe Verlusttoleranz, aber wenige Setups realistisch |
Formel zur Berechnung der Mindest-Trefferquote: 1 / (1 + CRV)
Formel für das benötigte CRV bei bekannter Trefferquote: (1 / Trefferquote) – 1
Das einfachste Beispiel ist natürlich ein CRV von 1. Hierbei braucht man also eine Trefferquote größer als 50 %, um profitabel zu sein bzw. 50 %, um Break-Even zu sein.
Nehmen wir einmal an, unser System generiert im Monat 100 Trades und wir haben ein CRV von 1. Die Trefferquote beträgt 50 % und wir riskieren pro Trade 500 €.
Dann wäre der Gesamtprofit pro Monat 0 €, wie Sie anhand der folgenden Formel sehen können (Anzahl der Trades * Trefferquote * Risiko pro Trade * CRV):
Gewinntrades – Verlusttrades
(100 * 0,5 * 500 * 1) – (100 * 0,5 * 500 * 1) = 0 €
Bei gleicher Trefferquote, aber einem CRV von 1,5:1 würde der Trader mit selbem Risiko und Tradeanzahl einen Gesamtprofit von 12.500 € erzielen:
Gewinntrades – Verlusttrades
(100 * 0,5 * 500 * 1,5) – (100 * 0,5 * 500 * 1) = 12.500€
Was ist der Unterschied zwischen CRV und R-Multiple ?
Es ist beides ziemlich ähnlich. Normalerweise beträgt die Differenz zwischen dem Entry und dem Stop Loss 1 R.
Das bedeutet, dass dies der maximale Betrag ist, den man pro Trade riskieren möchte.
In dem oben genannten Beispiel waren das 500 €. Wenn man nur mit einem Trade 1.000 € verdient, so hatte der Trade 2R (1.000 €/500 €). Das Gleiche geht aber auch mit Pips oder Punkten.
Wenn man sagt, das Anfangsrisiko waren 10 Pips und man hat 18 Pips verdient, so betrug der Trade 1,8 R (18 Pips/10 Pips).
R-Multiple beziehen sich somit immer auf das Anfangsrisiko.
Das CRV ist somit mehr ein potenzielles Performancemaß, während R-Multiple die aktuelle Performance beschreibt. Im Prinzip haben aber beide das gleiche Ziel, und daher kann man auch nur mit R-Multiple arbeiten, da man dies auch bei der Tradeplanung berücksichtigen kann.
Ich arbeite daher nur mit R-Multiple. Das Wichtige ist aber, dass man seine Trades im Voraus fest plant und somit auch immer weiß, wie hoch das Risiko pro Trade ist und wie man dieses definiert. Einer der Schlüsselprinzipien im Trading ist, dass man bei jeder Positionseröffnung schon im Voraus weiß, wann man wieder bereit ist, die Position zu schließen. Zum einen, wenn es für einen läuft, und zum anderen, wenn es gegen einen läuft. Man sollte daher schon im Voraus sämtliche Szenarien im Kopf durchgespielt haben und genau wissen, wo man was macht.
Tool zur Bestimmung des CRV
Um mein Chance-Risiko-Verhältnis immer automatisch ausrechnen zu lassen, benutze ich das CRV-Tool von Tradingview.
Hier hat man die geniale Möglichkeit, sich das CRV anzeigen zu lassen.
Dabei kann man auch auswählen, wie hoch das aktuelle Tradingkapital ist und wie viel Prozent pro Trade riskiert werden soll.
Ich finde das Tool, sowie auch Tradingview, einfach genial.
Für einen Longtrade kann man sich das CRV einfach über das Tool Long-Position, für einen Shorttrade mit dem Tool Short-Position, bestimmen lassen.
Wir sehen hier ein Beispiel auf Tagesbasis.
- Einstieg erfolgt bei 1,21121, als nach dem Trendbruch die Trendlinie erneut am Support berührt wird. Zusätzlich gibt es zuvor eine positive Candlestickformation (in diesem Fall ein Doji und eine grüne Bestätigungscandle).
- Den Stop platzieren wir beim letzten Retracementtief bei 1,19919.
- Das Target ist der nächste Widerstand im Tagesbereich bei 1,23720.
Das Tradingkapital beträgt 10.000 € und das Risiko ist 1 % pro Trade.
TradingView zeigt daher beim Stop einen Betrag von 9.900 € an. Denn das wäre unser Tradingkapital, wenn der Stopp-Loss erreicht wird.
Dagegen würde das Tradingkapital 10.216 € betragen, wenn das Target erreicht wird.
Das CRV wird auch automatisch berechnet. Dies beträgt in diesem Fall 2,16 (Chance: 0,02599, Risiko: 0,01202 => CRV = 0,02599/0,01202 = 2,16).
Der Gewinn wäre somit 216 € (100 € Risk x 2,16).
Mein Fazit zu CRV, Trefferquote und r-multiple
Auch wenn das CRV alleine keine Aussagekraft hat, ist es eines der grundlegenden Komponenten des Tradings. Denn man sollte jeden Trade planen, bevor man diesen eingeht. Dazu gehört auch das Chance-Risiko-Verhältnis. Denn die einzige Komponente, auf die man im Trading immer einen Einfluss hat, ist das Risiko.
Zusammen mit der Trefferquote und einem guten Moneymanagement hat man so sehr gute Chancen, langfristig profitabel zu handeln. Daher ist eine Auseinandersetzung mit dem CRV unabdingbar. George Soros sagte schon richtigerweise:
„Es geht nicht darum, ob man richtig oder falsch liegt, das ist unwichtig. Es geht darum, wie viel Geld man verdient, wenn man richtig liegt und wie viel man verliert, wenn man falsch liegt.“
FAQ zum Chance-Risiko-Verhältnis (CRV)
Was ist das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV)?
Das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) gibt an, in welchem Verhältnis der potenzielle Gewinn eines Trades zum potenziellen Verlust steht. Es wird berechnet, indem die Differenz zwischen Einstieg und Kursziel (Chance) durch die Differenz zwischen Einstieg und Stop-Loss (Risiko) geteilt wird. Ein CRV von 2 bedeutet: der mögliche Gewinn ist doppelt so groß wie der mögliche Verlust.
Wie berechne ich das Chance-Risiko-Verhältnis?
Die Formel lautet: CRV = (Kursziel – Einstieg) / (Einstieg – Stop-Loss) beim Long-Trade. Beim Short-Trade entsprechend umgekehrt. Beispiel: Einstieg bei 100 €, Stop-Loss bei 95 €, Kursziel bei 110 € → CRV = (110–100) / (100–95) = 10/5 = 2,0. Das TradingView Long/Short-Position-Tool berechnet das CRV automatisch im Chart.
Was ist ein gutes Chance-Risiko-Verhältnis?
Es gibt kein universell “gutes” CRV — das hängt immer von der Trefferquote deiner Strategie ab. Ein CRV von 1,5 kann sehr profitabel sein, wenn deine Trefferquote 50 % beträgt. Ein CRV von 3,0 bringt nichts, wenn du nur jeden zehnten Trade gewinnst. Entscheidend ist die Kombination: CRV × Trefferquote muss einen positiven Erwartungswert ergeben.
Was ist der Unterschied zwischen CRV und R-Multiple?
Das CRV ist ein geplantes Performancemaß vor dem Trade — es beschreibt das potenzielle Verhältnis von Gewinn zu Verlust. Das R-Multiple beschreibt die tatsächlich erzielte Performance nach dem Trade, gemessen am Anfangsrisiko (1R). Verdienst du beim einem Trade das Doppelte deines Anfangsrisikos, hat er 2R erzielt. Beide Konzepte verfolgen dasselbe Ziel — du kannst auch ausschließlich mit R-Multiple arbeiten.
Welche Mindest-Trefferquote brauche ich bei einem CRV von 2:1?
Bei einem CRV von 2:1 benötigst du eine Mindest-Trefferquote von 33 %, um Break-even zu handeln. Formel: 1 / (1 + 2) = 0,33. Das bedeutet: nur jeder dritte Trade muss ein Gewinner sein. Jede Trefferquote über 33 % führt bei einem CRV von 2:1 zum Gewinn.
Kann ich einen schlechten Trade durch ein höheres CRV beim nächsten ausgleichen?
Nein — das ist ein häufiger Denkfehler. Trading basiert auf Wahrscheinlichkeiten, nicht auf Mathematik einzelner Trades. Wer nach einem Verlust das Gewinnziel des nächsten Trades einfach erhöht, um “das CRV zu verbessern”, verschiebt nur das Ziel auf dem Papier — ohne dass der Markt das honouriert. Die einzige sinnvolle Reaktion auf einen Verlust ist die konsequente Fortführung der eigenen Strategie.
Wie hilft das CRV beim Risikomanagement?
Das CRV erzwingt eine vollständige Tradeplanung vor dem Einstieg: Wo ist der Stop-Loss? Wo ist das Kursziel? Ist der mögliche Gewinn den möglichen Verlust wert? Diese Disziplin verhindert impulsive Trades ohne definiertes Verlustlimit. Kombiniert mit einer festen Positionsgröße (z. B. max. 1–2 % Kontoverlust pro Trade) bildet das CRV das Fundament des Risikomanagements.




