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André Kostolany: Leben, Börsenlehre und Zitate des Spekulanten

Zuletzt aktualisiert: 04. September 2026

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9 Min

Heiko Zeh

Autor

Heiko Zeh

Karsten Kagels

Überprüft von

Karsten Kagels

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André Kostolany wollte Kunstkritiker werden und wurde der bekannteste Spekulant des deutschsprachigen Raums. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte, ging auf Wunsch seines Vaters an die Pariser Börse und verdiente dort 1929 sein erstes Vermögen. Verloren hat er es kurz darauf wieder. Genau diese Mischung aus Erfolg, Rückschlag und einem Satz, den sich jeder merken kann, hat ihn zur Legende gemacht.

Dieser Artikel trennt das Belegbare vom Anekdotischen. Du erfährst, wie Kostolany tatsächlich reich wurde, was hinter dem Ei des Kostolany und den zittrigen Händen steckt und welche seiner Regeln einen Markt mit Algorithmen und Sekundenhandel überstanden haben. Wo Quellen sich widersprechen, steht das im Text. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.

André Kostolany: das Wichtigste in 30 Sekunden

  • André Kostolany (1906 bis 1999) war Spekulant, Buchautor und Kolumnist. Geboren wurde er als Endre Kosztolányi in Budapest, gestorben ist er in Paris.
  • Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte und wollte Kunstkritiker werden. Erst auf Wunsch seines Vaters ging er 1924 nach Paris und lernte bei dem Börsenmakler Adrien Perquel.
  • Reich wurde er zweimal: 1929 mit einer Wette auf fallende Kurse und nach dem Krieg mit deutschen Auslandsanleihen. Dazwischen hat er sein Vermögen verloren.
  • 1940 floh er aus Paris über San Sebastián und Madrid in die USA. Von 1941 bis 1950 war er dort Generaldirektor und Hauptaktionär der G. Ballai and Cie Financing Company.
  • Seine Börsenlehre steht auf drei Begriffen: dem Ei des Kostolany, den zittrigen und hartgesottenen Händen und den vier G (Geld, Gedanken, Geduld, Glück).
  • Er schrieb 13 Bücher, die in acht Sprachen übersetzt und rund drei Millionen Mal verkauft wurden, dazu 414 Kolumnen für das Magazin Capital.
  • Ein belastbarer Vermögenswert existiert nicht. Weder Kostolany selbst noch seine Erben haben je eine Zahl genannt.

Wer war André Kostolany?

André Kostolany war ein ungarischstämmiger Börsenspekulant, Buchautor und Kolumnist mit US-amerikanischer Staatsbürgerschaft, der von 1906 bis 1999 lebte und die Börse im deutschsprachigen Raum als Erster einem Massenpublikum verständlich erklärte.

Der Begriff Börsenguru trifft ihn nur halb. Kostolany hat keinen Fonds gemanagt, keine Bank geführt und keine Anlagegesellschaft aufgebaut, die fremdes Geld verwaltete. Er spekulierte mit eigenem Geld, und er verdiente ab den 1960er Jahren zunehmend mit dem, was er darüber schrieb und erzählte. Diese Doppelrolle als Marktteilnehmer und Erklärer ist der Grund, warum man ihn bis heute zitiert.

Seine Bekanntheit in Deutschland verdankt er dem Fernsehen. Kostolany war Gast beim Weltwirtschaftsforum in Davos und in der Harald Schmidt Show, er trat in Talkshows auf und warb Ende der 1990er Jahre in einem Audi-Werbespot mit dem Satz, man möge doch einmal über Aluminiumaktien nachdenken. Ein Börsenexperte in der Unterhaltungssendung war damals neu.

MerkmalAngabe
Geboren9. Februar 1906 in Budapest, Österreich-Ungarn
GeburtsnameEndre Kosztolányi
Gestorben14. September 1999 in Paris, im Alter von 93 Jahren
AusbildungStudium Philosophie und Kunstgeschichte, Lehre bei einem Börsenmakler
TätigkeitSpekulant, Buchautor, Kolumnist, Vortragsredner
Bücher13, in 8 Sprachen, rund 3 Millionen verkaufte Exemplare
Bekannt fürEi des Kostolany, zittrige und hartgesottene Hände, vier G

André Kostolanys Leben

Kostolany kam 1906 als viertes Kind einer wohlhabenden jüdischen Industriellenfamilie in Budapest zur Welt. Sein Vater produzierte Magenbitter unter der Marke Herkules und exportierte ihn vor dem Ersten Weltkrieg in großen Mengen nach Amerika. Das Unternehmen gab es seit 1830. Kostolany selbst beschrieb den Haushalt später als sehr wohlhabend, mit Dienstboten und einer österreichischen Gouvernante.

Sein erster Berufswunsch hatte mit Geld nichts zu tun. Er wollte Kunstkritiker werden und studierte deshalb Philosophie und Kunstgeschichte. An die Börse kam er auf Wunsch seines Vaters, der ihm Mitte der 1920er Jahre eine Lehre bei dem befreundeten französischen Börsenmakler Adrien Perquel vermittelte. Dafür zog Kostolany 1924 nach Paris, mitten in die europäische Inflationszeit. Danach arbeitete er als Makler und Berater bei Amerongen & Compagnie.

Der Bruch kam 1940. Kostolany war katholisch getauft, aber jüdischer Herkunft. Kurz vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Paris floh er über San Sebastián und Madrid in die USA. Dort nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an und übernahm 1941 den Posten des Generaldirektors und Präsidenten der G. Ballai and Cie Financing Company, deren Hauptaktionär er zugleich war. Diese Position hatte er bis 1950 inne.

Eine verbreitete Darstellung dreht diese Reihenfolge um. Oft liest man, Kostolany sei vor den Nationalsozialisten nach Frankreich geflohen. Das stimmt nicht: Er lebte da bereits seit 16 Jahren in Paris, und zwar aus beruflichen Gründen. Geflohen ist er aus Frankreich.

Einige Jahre nach Kriegsende kehrte er nach Paris zurück. Dort lernte er Françoise Russell kennen, die er im Alter von 58 Jahren heiratete. Nebenwohnsitze richtete er sich in München und an der Côte d’Azur ein. Sich selbst bezeichnete er als engagierten ungarischen Patrioten.

1971 gründete er mit Gottfried Heller die Münchener Vermögensverwaltung Fiduka. Damit war er erstmals an einem Haus beteiligt, das fremdes Geld verwaltet. Heller führte das Unternehmen, Kostolany blieb das Gesicht nach außen.

Kostolany starb am 14. September 1999 in Paris. Todesursache war Herzversagen infolge einer Lungenentzündung. Beerdigt wurde er dort am 21. September 1999. Sein bekanntestes Buch, Die Kunst, über Geld nachzudenken, erschien erst posthum im Februar 2000.

André Kostolany mit Gottfried Heller bei der Fiduka 1997
André Kostolany (links) mit seinem Geschäftspartner Gottfried Heller bei der Fiduka, 1997. Foto: Bennys Buidl Fabrik, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.

Wie wurde André Kostolany reich?

Kostolany hat sein Vermögen nicht mit einer Strategie gemacht, sondern mit zwei einzelnen Wetten. Beide sind gut dokumentiert, und beide haben wenig mit dem geduldigen Langfristanleger zu tun, als der er heute zitiert wird. Die erste Wette lief gegen den Markt, die zweite gegen die allgemeine Erwartung.

1929: die Wette auf fallende Kurse

Als junger Makler in Paris setzte Kostolany 1929 auf sinkende Kurse. Er lag richtig, der Börsenkrach kam, und er war schlagartig reich. Kurz darauf verlor er den Gewinn mit einer falschen Spekulation wieder. Diese Erfahrung ist der Kern seiner späteren Lehre: Er hat Übertreibung und Zusammenbruch nicht theoretisch studiert, sondern am eigenen Konto erlebt.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gelang ihm eine weitere große Spekulation. Dieses Kapital nahm er mit auf die Flucht in die USA. Es ist der Grund, warum er dort nicht bei null anfangen musste, sondern binnen eines Jahres Hauptaktionär einer Finanzgesellschaft war.

Nach dem Krieg: der Coup mit deutschen Anleihen

Der bekannteste Trade seines Lebens waren deutsche Auslandsanleihen. Nach Kriegsende galten Papiere eines zerstörten und geteilten Landes als praktisch wertlos. Kostolany kaufte sie in Paris zu 250 Franc das Stück. Einige Jahre später verkaufte er sie für rund 35.000 Franc. Das ist das 140-Fache des Einstands.

Der Gedanke dahinter war keine Kursanalyse, sondern eine Einschätzung über Menschen. Kostolany hielt es für unwahrscheinlich, dass ein Land mit dieser Industrie und dieser Bevölkerung seine Schulden dauerhaft nicht bedient. Er brauchte dafür weder Bilanzen noch Charts, sondern Geduld und die Bereitschaft, gegen die vorherrschende Meinung zu stehen. Genau das nannte er später spekulieren.

Was Kostolany besessen hat, ist nicht bekannt

Zu seinem Vermögen kursieren Zahlen, belegt ist keine davon. Kostolany hat sich zu seinem Kontostand nie geäußert, seine Erben ebenfalls nicht, und es gibt weder eine Pflichtveröffentlichung noch eine Fondsbilanz, aus der sich etwas ableiten ließe. Wer eine konkrete Summe liest, sollte nach der Quelle fragen. Wir nennen hier bewusst keine Zahl, weil wir keine haben.

Aussagekräftiger als eine Vermögensangabe ist ohnehin seine eigene Warnung. Er hat den schnellen Reichtum ausdrücklich nicht als Ziel ausgegeben, sondern als Weg in die Pleite beschrieben.

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie man schnell reich wird; ich kann Ihnen aber sagen, wie man schnell arm wird: indem man nämlich versucht, schnell reich zu werden.

Kostolanys Börsenlehre in drei Begriffen

Kostolany hat kein Regelwerk hinterlassen, sondern drei Denkbilder. Sie stehen in seinem letzten Buch und tauchen bis heute in jeder Börsendiskussion auf. Wichtig ist, was sie nicht sind: Keines davon liefert ein Einstiegssignal oder einen Kurswert. Sie helfen beim Einordnen einer Marktphase, nicht beim Timing eines Trades.

Das Ei des Kostolany: sechs Phasen im Kreislauf

Das Ei des Kostolany beschreibt den Börsenzyklus als geschlossenen Kreislauf aus sechs Abschnitten: Hausse und Baisse durchlaufen jeweils die drei Phasen Korrektur, Anpassung und Übertreibung.

Die Phasen unterscheiden sich darin, wer gerade kauft und verkauft. In der Korrektur sind Umsatz und Beteiligung niedrig, es passiert scheinbar nichts. In der Anpassung laufen Kurse und Umsätze parallel nach oben, die Entwicklung folgt der Wirtschaftslage. In der Übertreibung steigen Umsatz und Zahl der Teilnehmer stark an, und die Kurse lösen sich von allem, was sie begründen könnte. Danach kippt die Bewegung, und dasselbe Muster läuft abwärts.

Praktisch nutzbar ist daran eine einzige Frage. Nicht „wie hoch steht der Markt”, sondern „wer hält die Papiere gerade”. Kaufen auffällig viele Menschen ohne Marktbezug plötzlich Aktien, ist das nach Kostolany ein Merkmal der Übertreibung. Ein Datum oder ein Kursziel lässt sich daraus nicht ableiten, und Kostolany hat das auch nie behauptet.

Ei des Kostolany mit den sechs Phasen des Börsenzyklus und den passenden Handlungen
Kostolany teilt Hausse und Baisse in je drei Phasen. Gekauft wird am Tiefpunkt und in der Panik, verkauft in der Übertreibung.

Zittrige und hartgesottene Hände

Zittrige Hände sind nach Kostolany Anleger ohne Geduld, Geld oder eigene Meinung, die bei jeder Bewegung reagieren. Hartgesottene halten ihre Papiere durch und kaufen dann, wenn die Zittrigen verkaufen.

Der Begriff beantwortet, warum Kurse sich ohne Nachrichten bewegen. Nach einem starken Anstieg liegt der Großteil der Aktien bei den Zittrigen, die auf den fahrenden Zug aufgesprungen sind. Der Markt gilt Kostolany dann als überkauft, weil schon eine kleine Störung eine Verkaufswelle auslöst. Umgekehrt sind in einem überverkauften Markt die Hartgesottenen an der Reihe: Sie besitzen die Papiere, und es ist niemand mehr da, der verkaufen müsste.

Kostolany hat den Unterschied nicht am Vermögen festgemacht. Wer viel Geld hat, aber bei jedem Rücksetzer verkauft, ist für ihn zittrig. Entscheidend sind vier Dinge: Geld, Gedanken, Geduld und Nerven. Fehlt eines davon, gehört man zur Gegenseite.

Die vier G und die Formel für die Kurse

Für den erfolgreichen Spekulanten nannte Kostolany vier Voraussetzungen. Geld meint eigenes Kapital, das man nicht kurzfristig braucht und für das man keine Kredite aufnimmt. Gedanken meint eine eigene Meinung, die man begründen kann. Geduld meint die Bereitschaft, jahrelang falsch auszusehen. Glück hat er ausdrücklich dazugezählt, was ihn von den meisten Ratgebern seiner Zeit unterscheidet.

Über die Kurstreiber selbst dachte er in drei Zeithorizonten. Kurzfristig entscheidet die Verteilung der Papiere zwischen zittrigen und hartgesottenen Händen. Mittelfristig hielt er die Geldversorgung der Wirtschaft und die Börsenpsychologie für die wichtigsten Faktoren. Erst langfristig laufen Aktienkurse nach seiner Überzeugung mit der wirtschaftlichen Entwicklung und der Gewinnsituation der Unternehmen.

Der mittlere Punkt erklärt, warum er so oft auf Zinsen angesprochen wurde. Geldversorgung heißt in der Praxis: Wie leicht kommen Unternehmen und Anleger an Kapital, und was kostet es. Sinkende Zinsen machen Aktien gegenüber Anleihen und Tagesgeld attraktiver und spülen Geld in den Markt, steigende Zinsen ziehen es ab. Diesen Zusammenhang hat Kostolany Jahrzehnte vor seiner heutigen Popularität zum Kern seiner Einschätzungen gemacht.

Aus derselben Überlegung stammt seine Ablehnung von Gold als Anlage. Er nannte es totes Kapital, weil es der Wirtschaft Liquidität entziehe, ohne investiert zu werden. In den 1980er Jahren war er damit ein lautstarker Gegner der Goldlobby. Diese Position ist bis heute umstritten und war schon zu seinen Lebzeiten eine Minderheitenmeinung.

Die Börsenwelt zu André Kostolanys Zeiten

Wer Kostolanys Regeln einordnen will, muss wissen, womit er arbeitete. Als er 1924 an der Pariser Börse anfing, trugen Laufburschen die Kurszettel durch den Saal. Aufträge wurden per Handzeichen und Zuruf gegeben, so wie man es aus alten Aufnahmen des Frankfurter Parketthandels kennt. Einen Kurs in Echtzeit gab es nicht, nur den Preis, den jemand im Saal gerade rief.

Auch das Angebot war ein anderes. Gehandelt wurden vor allem Aktien, Anleihen und Rohstoffe, dazu Optionen. Kostolany selbst handelte nach eigener Darstellung Aktien, Rohstoffe und Optionen. Investmentfonds für Privatanleger setzten sich in Deutschland erst ab etwa 1950 durch, spielten für ihn also frühestens in der zweiten Hälfte seiner Laufbahn eine Rolle.

ETFs hat er nur noch als späte Erscheinung erlebt. Der erste börsengehandelte Indexfonds kam 1990 in Kanada an den Markt, der bekanntere SPDR auf den S&P 500 folgte 1993 in den USA. In Deutschland waren ETFs erst ab 2000 handelbar. Kostolany war da bereits gestorben. Die verbreitete Angabe, es habe ETFs schon in den 1970er Jahren gegeben, verwechselt sie mit den ersten Indexfonds, die 1976 in den USA für Privatanleger geöffnet wurden.

Seine Informationsquellen waren Zeitung und Gespräch. Es gab kein Internet, keine Quartalszahlen per Mausklick und keine Kursalarme. Kostolany hat das nicht als Mangel beschrieben, sondern als Vorteil: Wer wenige Informationen hat, muss sie durchdenken. Ob er unter der heutigen Informationsflut genauso gelassen geblieben wäre, lässt sich nicht beantworten.

Bekannt ist er auch für seine Warnungen vor Produkten. In den 1970er Jahren wetterte er gegen die Schwindelfonds der Investors Overseas Services, in den 1990ern gegen den Neuen Markt und gegen Garantiefonds, die er in einer Capital-Ausgabe von 1996 als Irreführung der Anleger bezeichnete. Wer sich dafür interessiert, welche Regeln daraus als Börsenweisheiten überlebt haben, findet dort die bekanntesten im Überblick.

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Die bekanntesten Zitate von André Kostolany

Kostolanys Sätze haben überlebt, weil sie ein Bild benutzen. Hund und Spaziergänger, Straßenbahn, Schlaftabletten: Wer das einmal gehört hat, erinnert sich daran. Das ist die Stärke dieser Zitate und zugleich ihre Schwäche, denn ein Bild lässt sich in jede Richtung deuten. Unten steht jeweils, was der Satz bedeutet und wo seine Grenze liegt.

Die Logik an der Börse ist, dass man oft unlogisch sein muss und das ist die große Kunst des Spekulierens und der Börsenanalyse.

Der Satz meint keine Willkür, sondern die Abkehr von der Mehrheitsmeinung. Wenn alle dasselbe erwarten, ist diese Erwartung bereits im Kurs enthalten. Aus meiner eigenen Praxis kenne ich das gut: Die Positionen, die mir beim Einstieg unangenehm waren, haben häufiger funktioniert als die, bei denen ich mich bestätigt fühlte.

Spekulieren kann jeder. Es zur richtigen Zeit zu tun das ist die Kunst.

Kostolany trennt hier Zugang und Können. An den Markt kommt heute jeder mit einem Depot in wenigen Minuten. Der Unterschied liegt im Zeitpunkt, und der verlangt Warten. Hektisches Handeln passt weder zu seinem Ansatz noch zu einem langfristigen Depot.

Der Börsenkurs verhält sich zur Wirtschaft wie der Hund zum Spaziergänger. Er läuft voraus und kommt aber immer wieder zurück.

Das ist sein Bild für die Trennung von Kurs und Unternehmenslage. Kurse laufen der wirtschaftlichen Entwicklung voraus und übertreiben dabei in beide Richtungen. Auf lange Sicht kehren sie zu ihr zurück. Wie weit der Hund läuft und wie lange er wegbleibt, sagt das Bild allerdings nicht, und genau daran scheitert es als Handelssignal.

Einer Straßenbahn und einer Aktie darf man nie nachlaufen. Nur Geduld: Die nächste kommt bestimmt.

Der praktischste seiner Sätze. Eine verpasste Bewegung verleitet zum Einstieg auf einem Kurs, den man vorher selbst als zu teuer bezeichnet hätte. Kostolany liefert die Gegenmaßnahme gleich mit: abwarten. Zu prüfen ist beim nächsten Anlauf allerdings, ob die Gründe für den Kauf überhaupt noch gelten.

An der Börse sind 2 mal 2 niemals 4, sondern 5 minus 1. Man muss nur die Nerven haben, das Minus 1 auszuhalten.

Hier beschreibt er den Weg zum Ziel, nicht das Ziel. Ein Kurs läuft nie geradlinig auf eine Marke zu, dazwischen liegen Rücksetzer. Wer diese Schwankung nicht aushält, steigt im ungünstigsten Moment aus. Das ist derselbe Gedanke wie bei den zittrigen Händen, nur aus der Sicht des Einzelnen formuliert.

Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten, und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden Sie sehen: Sie sind reich.

Sein bekanntester und zugleich am häufigsten verkürzter Satz. Er richtet sich an Langfristanleger, nicht an Trader, und er setzt eine breite Streuung voraus. Auf eine Einzelaktie angewendet ist der Rat gefährlich: Unternehmen verschwinden, Indizes nicht.

Haben André Kostolanys Börsenweisheiten noch Gültigkeit?

Die ehrliche Antwort lautet: teilweise. Kostolanys Aussagen über menschliches Verhalten haben gehalten, seine Aussagen über Marktmechanik sind teilweise überholt. Diese Trennung nimmt kaum jemand vor, obwohl sie den ganzen Unterschied ausmacht.

Was weiterhin trägt

Das Verhalten der Marktteilnehmer hat sich nicht geändert. Anleger kaufen weiterhin nach starken Anstiegen und verkaufen nach Rückgängen. Übertreibungen entstehen weiterhin dann, wenn Menschen einsteigen, die sich sonst nicht für die Börse interessieren. Wer 2021 die Debatte um Meme-Aktien verfolgt hat, hat Kostolanys Übertreibungsphase in Echtzeit gesehen, nur mit anderen Werkzeugen.

Auch der Zusammenhang von Geldversorgung und Kursen ist geblieben. Die Zinsentscheidungen der Notenbanken sind heute der wohl meistbeachtete Einzelfaktor an den Märkten. Kostolany hat diesen Punkt zu einer Zeit betont, als die Aufmerksamkeit stärker auf Unternehmensbilanzen lag.

Was so nicht mehr stimmt

Aktien kaufen, Schlaftabletten nehmen, abwarten ist der Problemfall. Für ein breit gestreutes Depot bleibt der Rat vertretbar. Für eine Einzelaktie ist er es nicht, und zwar unabhängig vom Zeitalter: Ein Unternehmen kann insolvent gehen, ein Index nicht. Wer die Papiere jahrelang nicht ansieht, merkt einen Substanzverlust erst, wenn er nicht mehr zu reparieren ist. Ein Stop-Loss oder ein fester Prüftermin ersetzt die Schlaftablette.

Seine Café-Methode funktioniert heute nicht mehr. Kostolany hat nach eigener Darstellung in Cafés mit einer Zeitschrift in der Hand die Nachbartische belauscht, um die Stimmung einzufangen. Was er damals mühsam sammelte, liefern heute Stimmungsindikatoren, Positionierungsdaten und Auswertungen sozialer Netzwerke. Der Gedanke dahinter ist derselbe, das Werkzeug ist ein anderes.

Und seine Ablehnung von Gold ist eine Meinung, keine Regel. Kostolany hielt Gold für totes Kapital. Seit 1999 hat sich der Goldpreis vervielfacht, und viele Anleger nutzen das Metall bewusst als Baustein gegen Krisen. Seine Begründung war volkswirtschaftlich gemeint, sie taugt nicht als Anlageempfehlung gegen eine Beimischung.

Die Tradition der bildhaften Börsensprache ist nicht abgerissen. Robert Halver arbeitet bis heute mit Wortspielen und Vergleichen, und die Baader Bank nennt seinen rheinischen Humor auf der eigenen Seite ausdrücklich als Markenzeichen.

Bücher, Kolumnen und Fernsehauftritte

Kostolany hat 13 Bücher geschrieben. Sie wurden in acht Sprachen übersetzt und rund drei Millionen Mal verkauft. Dazu kommen 414 Kolumnen allein für das Magazin Capital, für das er über 30 Jahre schrieb. Diese Zahlen erklären seine Bekanntheit besser als jede Anekdote: Er war über Jahrzehnte in einer Reichweite präsent, die kein anderer Börsenautor im deutschsprachigen Raum hatte.

Für den Einstieg sind vor allem zwei Titel gebräuchlich. Sein letztes Buch fasst die Börsenlehre zusammen und erschien erst nach seinem Tod. Der Sammelband bündelt mehrere ältere Werke.

Die Kunst, über Geld nachzudenken gibt es auch als Hörfassung. Wo sie im Vergleich zu anderen Börsen-Hörbüchern steht, ist dort eingeordnet.

Sehenswert sind vor allem seine Fernsehauftritte. Sie zeigen etwas, das in den Büchern fehlt: wie er argumentiert hat, wenn ihm jemand widersprach. Zwei Aufzeichnungen sind besonders bekannt.

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Fazit: Was von André Kostolany bleibt

Kostolanys bleibender Beitrag ist nicht eine Methode, sondern eine Haltung. Er hat die Börse als Verhalten von Menschen beschrieben, zu einer Zeit, als das unüblich war. Wer verstehen will, warum Kurse übertreiben, findet bei ihm bis heute die verständlichste Erklärung. Wer ein Einstiegssignal sucht, findet bei ihm nichts.

Sein Lebenslauf ist dabei der ehrlichere Lehrmeister als seine Zitate. Er war zweimal reich und dazwischen wieder am Anfang. Seine großen Gewinne kamen aus zwei Wetten gegen die Mehrheitsmeinung, nicht aus einem System, das sich wiederholen lässt. Das gehört zu einem fairen Bild dazu, gerade weil er heute meist als geduldiger Langfristanleger zitiert wird.

Aus meiner Sicht als Trader ist er kein Vorbild für die Ausführung. Ohne Risikobegrenzung und ohne festen Prüfzyklus wäre sein Schlaftabletten-Rat an einer Einzelaktie heute grob fahrlässig. Als Korrektiv gegen Hektik ist er dagegen kaum zu übertreffen. Beides gleichzeitig zu denken ist möglich, und genau darin liegt der Wert seiner Bücher.

Seine Fernsehauftritte haben meine eigene Börsenlaufbahn geprägt. Das grundsolide Auftreten und die Art, wie er seine Aussagen gegen Widerspruch verteidigt hat, sind mir bis heute in Erinnerung. Seine Bücher stehen seit Jahrzehnten in meinem Regal, und ich nehme sie in hektischen Marktphasen bewusst wieder zur Hand, um Ereignisse neu einzuordnen.

Wer sich mit ihm beschäftigen will, fängt am besten bei den Videos an. Sie sind kürzer als die Bücher und zeigen die Person. Danach lohnt Die Kunst, über Geld nachzudenken, weil dort alle drei Denkbilder an einer Stelle stehen. Ein Lesen zwischen den Zeilen sei dabei angeraten.

Häufige Fragen zu André Kostolany

Wie viel Vermögen hatte André Kostolany?

Eine belastbare Zahl gibt es nicht. Kostolany hat sich zu seinem Vermögen nie geäußert, und es existiert keine Pflichtveröffentlichung. Belegt sind dagegen die beiden Quellen seines Reichtums: 1929 setzte er als junger Makler in Paris auf fallende Kurse und wurde mit dem Börsenkrach schlagartig reich, verlor den Gewinn danach aber wieder. Nach dem Zweiten Weltkrieg kaufte er deutsche Auslandsanleihen für 250 Franc das Stück und verkaufte sie einige Jahre später für rund 35.000 Franc.

Hat André Kostolany studiert?

Ja, er studierte Philosophie und Kunstgeschichte. Sein Ziel war der Beruf des Kunstkritikers. Erst danach absolvierte er auf Wunsch seines Vaters ab Mitte der 1920er Jahre eine Lehre bei dem französischen Börsenmakler Adrien Perquel in Paris.

Was ist das Ei des Kostolany?

Das Ei ist Kostolanys Bild für den Börsenzyklus. Hausse und Baisse durchlaufen jeweils drei Phasen: Korrektur, Anpassung und Übertreibung. Zusammen ergeben die sechs Abschnitte einen geschlossenen Kreislauf. Das Modell hilft beim Einordnen einer Marktphase, liefert aber weder Kursziele noch Zeitpunkte.

Was meinte Kostolany mit zittrigen Händen?

Zittrige Hände sind Anleger ohne Geduld, Geld oder eigene Meinung. Sie reagieren auf jede Bewegung. Liegt der Großteil der Aktien bei ihnen, gilt der Markt als überkauft. Das Gegenstück sind die Hartgesottenen: Sie halten durch und kaufen dann, wenn die Zittrigen verkaufen.

Wofür stehen die vier G von Kostolany?

Die vier G stehen für Geld, Gedanken, Geduld und Glück. Geld meint eigenes Kapital ohne Kredit, Gedanken eine begründete eigene Meinung, Geduld die Bereitschaft, lange falsch auszusehen. Dass er Glück ausdrücklich mitgezählt hat, unterscheidet ihn von vielen Ratgebern seiner Zeit.

Woran ist André Kostolany gestorben?

Kostolany starb an Herzversagen infolge einer Lungenentzündung. Der Tod trat am 14. September 1999 in Paris ein, im Alter von 93 Jahren. Beerdigt wurde er dort am 21. September 1999.

War André Kostolany verheiratet?

Ja, er war mit Françoise Russell verheiratet. Geheiratet hat er sie im Alter von 58 Jahren, die Ehe bestand bis zu seinem Tod 1999. Kinder sind in den öffentlich zugänglichen Quellen nicht dokumentiert.

Welches Buch von Kostolany sollte man zuerst lesen?

Die Kunst, über Geld nachzudenken ist der beste Einstieg. Das Buch erschien posthum im Februar 2000 und fasst seine Börsenlehre zusammen: Ei, zittrige Hände und die vier G stehen dort an einer Stelle. Wer mehrere Werke auf einmal möchte, greift zum Sammelband Der große Kostolany.

Über den Autor: Heiko Zeh

Heiko Zeh ist Profi-Trader und leitender Analyst bei Kagels Trading. Sein Schwerpunkt liegt auf Hebelprodukten und der praktischen Bewertung von Optionsscheinen, Knock-Outs und Zertifikaten.

Mit über 30 Jahren Markterfahrung hat er Kostolanys Fernsehauftritte noch selbst verfolgt. Seine eigene Börsenlaufbahn begann in den Jahren, in denen Kostolany in deutschen Talkshows auftrat. Als Signalgeber für das Optionsschein- und Zertifikate-Swingtrading arbeitet er heute mit Werkzeugen, die es zu dessen Zeit nicht gab.

Die Einordnung der Zitate in diesem Artikel stammt aus dieser Praxis. Alle biografischen Angaben wurden gegen Primärquellen und Bibliografien geprüft, abweichende Darstellungen sind im Text benannt. Heikos Einordnung: Kostolany ist ein Korrektiv gegen Hektik, kein Vorbild für die Ausführung.

Dieser Artikel wurde von Karsten Kagels final geprüft.

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