An der Börse wird seit Jahrhunderten in Merksätzen gedacht. „Hin und her macht Taschen leer“, „The trend is your friend“, „Sell in May and go away“ – jeder dieser Sprüche behauptet, in wenigen Worten zu erklären, wie Märkte funktionieren. Das ist ihre Stärke und zugleich ihr Problem: Ein Satz, der sich gut merken lässt, ist deshalb noch nicht überprüft. Manche dieser Regeln halten einer Messung stand, andere zerfallen, sobald man Zahlen daneben legt.
Genau das habe ich für diesen Beitrag gemacht. Statt die acht bekanntesten Börsenweisheiten nur zu erklären, habe ich sie gegen Daten gestellt – 38 Jahre DAX für den Mai-Spruch, 9.272 Handelstage für den Trend-Spruch und eine der meistzitierten Studien zum Anlegerverhalten für die Frage, was häufiges Handeln wirklich kostet. Du erfährst also nicht nur, was ein Spruch bedeutet, sondern ob er im Depot etwas taugt und wo genau seine Grenze liegt. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.
Börsenweisheiten und ihre Bedeutung: das Wichtigste in 30 Sekunden
- Börsenweisheiten sind kurze Merksätze aus Beobachtung – keine geprüften Handelsregeln.
- Im Faktencheck halten die Sprüche zu Trend, Handelsfrequenz und Erwartungen stand, der Kalenderspruch nur zur Hälfte.
- „Hin und her macht Taschen leer“: Die aktivsten Privatanleger einer Studie mit 66.465 Haushalten kamen auf 11,4 Prozent pro Jahr, der Markt auf 17,9 Prozent.
- „Sell in May“: Der DAX-Sommer war seit 1988 im Schnitt schwächer, aber nicht negativ – wer trotzdem verkaufte, blieb hinter Buy & Hold zurück.
- „The trend is your friend“: Oberhalb des 200-Tage-Durchschnitts lief der DAX nicht doppelt so gut, aber mit rund halber Schwankung.
- Die Herkunft mancher Weisheit ist schlechter belegt als ihr Ruf – beim Kanonen-Spruch fehlt jeder zeitgenössische Nachweis.
Was sind Börsenweisheiten?
Eine Börsenweisheit ist ein kurzer Merksatz über das Verhalten von Anlegern und Kursen, der aus Beobachtung entstanden ist und keine überprüfte Handelsregel darstellt.
Sie verdichtet eine wiederkehrende Erfahrung auf einen Satz, den man sich unter Druck noch merken kann. Genau darin liegt ihr praktischer Wert: Im Moment einer Kursbewegung denkt kaum jemand in Wahrscheinlichkeiten, sondern in Impulsen. Ein eingeübter Satz wirkt dann wie eine Notbremse, die zwischen Reiz und Reaktion tritt. Deshalb halten sich diese Sprüche über Generationen, obwohl sie fachlich ungenau sind.
Die Grenze ist genauso wichtig. Eine Börsenweisheit nennt nie die Bedingungen, unter denen sie gilt – kein Zeitfenster, keinen Markt, keine Ausnahme. Wer sie wie eine Handelsregel behandelt, ergänzt diese Bedingungen unbewusst selbst, meist passend zur eigenen Position. Aus einer Merkhilfe wird dann eine Begründung für das, was man ohnehin tun wollte.
Warum Börsensprüche mehr als nur Phrasen sind
Viele dieser Sätze klingen abgegriffen, weil sie es sind. Trotzdem stehen hinter den meisten belegbare Muster des Anlegerverhaltens, nicht bloß Folklore. Die Verhaltensökonomie hat in den vergangenen dreißig Jahren genau die Effekte vermessen, die diese Sprüche in Alltagssprache beschreiben: Selbstüberschätzung, Verlustaversion und die Neigung, der Mehrheit zu folgen.
Der Unterschied zwischen Phrase und Werkzeug liegt in der Anwendung. Ein Spruch ersetzt keine Analyse, aber er kann eine Entscheidung verzögern – und diese Verzögerung ist im Handel oft mehr wert als jede zusätzliche Kennzahl. In meiner eigenen Praxis wirken solche Sätze deshalb nicht als Signal, sondern als Prüffrage vor dem Klick: Handle ich gerade nach Plan oder nach Stimmung?
Wer das systematisch nutzen will, braucht allerdings mehr als ein gutes Gedächtnis. Ein Trading-Journal zeigt nach wenigen Wochen schwarz auf weiß, welche der eigenen Fehler tatsächlich wiederkehren – und damit, welcher dieser Merksätze für dich persönlich überhaupt relevant ist. Für die meisten sind es zwei oder drei, nicht acht.
Die 8 bekanntesten Börsenweisheiten und ihre Bedeutung
Die folgenden acht Sprüche sind die im deutschsprachigen Raum meistzitierten. Jeder von ihnen steht hier zusammen mit einer Einordnung, ob er sich überprüfen lässt und was er praktisch bedeutet. Die Übersicht vorweg, die Details darunter.
| Börsenweisheit | Behauptung | Geprüft |
|---|---|---|
| Kanonen donnern | Krise ist Kaufchance | Ja, Herkunft offen |
| Hin und her | Vieltraden kostet | Ja, klar belegt |
| Trend is your friend | Mit dem Trend handeln | Ja, beim Risiko |
| Keine Einbahnstraße | Rücksetzer gehören dazu | Ja, trivial richtig |
| Fallendes Messer | Zu früh einsteigen kostet | Ja, Kriterium fehlt |
| Sell in May and go away | Sommer schwächer | Nur zur Hälfte |
| Buy the rumor, sell the news | Erwartung vor Fakten | Ja, gut dokumentiert |
| Keine schlechten Aktien | Der Preis entscheidet | Ja, nicht fürs Trading |
„Kaufe, wenn die Kanonen donnern.“
Der Spruch meint antizyklisches Handeln: einsteigen, wenn Panik den Kurs unter den Wert drückt. Antizyklisches Investieren bedeutet, gegen die vorherrschende Marktstimmung zu kaufen oder zu verkaufen. Der zweite Teil der Vollform wird meist weggelassen und lautet „verkaufen, wenn die Violinen spielen“.
Bei der Herkunft wird es dünn. Der Satz wird gern Rothschild zugeschrieben, doch für diese Zuschreibung gibt es keinen zeitgenössischen Nachweis. Die früheste bekannte Fassung ist eine Zeitungsanekdote von 1893, in der ein ungenannter Rothschild im Rückblick auf die Pariser Kommune von 1871 zitiert wird. Später wanderte die Zuschreibung weiter: 1973 an Lionel de Rothschild, 1990 in einer Zitatesammlung sogar an John D. Rockefeller. Auch die deutschsprachige Wikipedia stützt die Zuschreibung nur auf eine Zitatesammlung von 2007, nicht auf eine historische Quelle.
Praktisch bleibt der Satz trotzdem brauchbar, weil er die richtige Frage stellt und die falsche Sicherheit nimmt. Wer in einer Krise kauft, kauft gegen die eigene Angst – und braucht dafür einen Grund, der über „es ist billiger geworden“ hinausgeht. Ohne Bewertungsmaßstab oder Chartmarke ist der Spruch nur Mut ohne Risikomanagement. Wie du diesen Rahmen aufsetzt, steht im Beitrag zum Risikomanagement im Trading.
„Hin und her macht Taschen leer.“
Das ist die am besten belegte Weisheit dieser Liste. Die Standardstudie dazu stammt von Brad Barber und Terrance Odean, veröffentlicht 2000 im Journal of Finance. Sie werteten die Depots von 66.465 Haushalten eines US-Discountbrokers zwischen 1991 und 1996 aus.
Das Ergebnis ist eindeutig: Die aktivsten Händler kamen auf 11,4 Prozent Rendite pro Jahr, während der Markt im selben Zeitraum 17,9 Prozent brachte. Der durchschnittliche Haushalt lag bei 16,4 Prozent und tauschte pro Jahr rund 75 Prozent seines Depots aus. Der Portfolioumschlag gibt an, welcher Anteil eines Depots innerhalb eines Jahres verkauft und neu gekauft wird. Zwischen dem Durchschnitt und den Vieltradern lagen also fünf Prozentpunkte pro Jahr – nicht durch schlechtere Aktien, sondern durch die Frequenz.
Zwei Dinge gehören zur Einordnung. Erstens sind die Handelskosten seit den Neunzigern stark gefallen, ein Teil des damaligen Effekts ist heute kleiner. Zweitens verschwindet er dadurch nicht: Es bleiben Spread, Steuern und vor allem die Entscheidungen selbst, die unter hoher Frequenz schlechter werden. Was ein einzelner Trade unabhängig von der Gebühr kostet, zeigt der Beitrag zum Bid-Ask-Spread.
Für aktive Trader heißt das nicht „handle weniger“, sondern handle nur die Gelegenheiten, die deinem Plan entsprechen. Der Unterschied zwischen 200 geplanten und 200 spontanen Trades im Jahr ist genau der Unterschied, den Barber und Odean gemessen haben. Wie sich das rechnerisch auswirkt, steht in der Trading-Mathematik.
„The trend is your friend.“
Der Satz empfiehlt, in Richtung der bestehenden Bewegung zu handeln statt Wendepunkte zu erraten. Um zu prüfen, was das bringt, habe ich den DAX von 1990 bis heute in zwei Zustände geteilt: Tage, an denen der Index über seinem 200-Tage-Durchschnitt schloss, und Tage darunter. Ein Trendfilter ist eine Regel, die nur dann Positionen zulässt, wenn der Kurs auf der Trendseite eines gleitenden Durchschnitts steht.
| Zustand (9.272 Handelstage) | Rendite p. a. | Schwankung p. a. |
|---|---|---|
| DAX über dem GD 200 (6.313 Tage) | +12,5 % | 16,6 % |
| DAX unter dem GD 200 (2.758 Tage) | +7,4 % | 30,1 % |
Das Ergebnis ist ehrlicher als der Spruch. Unterhalb des Trendfilters verdiente man immer noch Geld – die Rendite war positiv, nicht negativ. Der eigentliche Unterschied liegt beim Risiko: Die Schwankung war fast doppelt so hoch, und Tage mit mehr als drei Prozent Verlust traten dort 131-mal auf gegenüber 62-mal im Aufwärtstrend, obwohl es nur knapp halb so viele Tage waren.
Übersetzt heißt das: Der Trend ist weniger ein Renditeversprechen als ein Ruhefilter. Wer nur in Trendrichtung handelt, verdient nicht dramatisch mehr, hält es aber leichter durch – und das entscheidet über Jahre mehr als jede Einstiegstechnik. Die Umsetzung im Detail steht bei den Trendfolgestrategien, die Messgröße dahinter im Beitrag zum Momentum Trading.
„Börse ist keine Einbahnstraße.“
Diese Weisheit ist die harmloseste der Liste und trotzdem die, an der die meisten scheitern. Sie sagt nur, dass auf Aufwärtsphasen Rücksetzer folgen – was sich nicht widerlegen lässt. Ihr Wert liegt nicht in der Aussage, sondern in dem, was sie verhindert.
Ein Beispiel aus derselben DAX-Auswertung: Selbst in den 6.313 Tagen oberhalb des 200-Tage-Durchschnitts gab es 62 Tage mit über drei Prozent Verlust. Ein Aufwärtstrend fühlt sich im Rückblick glatt an, im Erleben ist er es nie. Wer seine Position so groß wählt, dass ein normaler Rücksetzer wehtut, hat nicht den Markt falsch eingeschätzt, sondern die eigene Positionsgröße.
Praktisch heißt der Satz deshalb: Plane den Rücksetzer ein, bevor er kommt. Wie groß eine Position sein darf, damit ein üblicher Gegenlauf nicht zum Problem wird, klärt der Beitrag zum Money Management; wie tief solche Phasen historisch reichen, zeigt die Betrachtung zum Drawdown.
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„Greife nie in ein fallendes Messer.“
Die Warnung richtet sich gegen den Einstieg in einen ungebremsten Abwärtstrend. „Ein fallendes Messer“ bezeichnet einen Kurs, der ohne erkennbare Unterstützung fällt und bei dem jeder Einstieg ein Griff ins Ungewisse ist. Der Reiz entsteht durch den Vergleich mit früheren Kursen: Was gestern teuer war, wirkt heute günstig.
Der Haken am Spruch ist, dass er keinen Zeitpunkt nennt, ab wann das Messer liegt. Genau daran scheitert er in der Praxis. Ohne Kriterium bedeutet er entweder „nie kaufen“ oder „irgendwann kaufen“ – beides hilft nicht weiter. Brauchbar wird er erst mit einer objektiven Bedingung, an der sich das Ende des Falls ablesen lässt.
Ich verwende dafür die Bodenbildung. Eine Bodenbildung ist eine Kursphase, in der ein Abwärtstrend ausläuft und sich ein Unterstützungsbereich mehrfach bestätigt. Konkret heißt das: ein Bereich, der mindestens zweimal gehalten hat, und ein erstes höheres Tief – erst dann ist aus dem Fallen ein Seitwärts geworden. Wie du diese Zonen sauber einzeichnest, steht im Beitrag zu Unterstützung und Widerstand.
„Sell in May and go away.“
Der bekannteste Kalenderspruch stammt aus der City of London und lautet vollständig „Sell in May and go away; come back on St. Leger’s Day“. Gemeint ist das St-Leger-Pferderennen, das seit 1776 stattfindet und Mitte September läuft. Die vermögenden Anleger der viktorianischen Zeit verließen im Sommer die Stadt und kehrten zur Rennsaison zurück – der Spruch beschreibt also ursprünglich eine Gewohnheit, keine Marktregel. Die heute geläufige Fassung „bis September“ ist eine spätere amerikanische Variante.
Für den Faktencheck habe ich den DAX seit 1988 in Sommer- und Winterhalbjahre zerlegt, jeweils vom Monatsschluss Ende April bis Ende Oktober und zurück. Das Sommerhalbjahr brachte im Schnitt +2,1 Prozent und lag in 23 von 38 Jahren im Plus, das Winterhalbjahr +8,1 Prozent bei 30 von 38 Jahren. Das Muster existiert – und trotzdem ist die Handlungsempfehlung falsch.

Der Sommer war im Schnitt schwächer, aber nicht negativ, und deshalb kostet das Aussteigen Geld. Wer seit April 1988 nur im Winterhalbjahr investiert war, erreichte den 15,8-fachen Einsatz; wer einfach liegen blieb, den 23,3-fachen. Der Spruch beschreibt ein reales Muster und leitet daraus die falsche Konsequenz ab.
Ein methodisches Detail gehört dazu: Der DAX ist ein Performanceindex, er rechnet ausgeschüttete Dividenden mit ein, während ein Kursindex nur die reinen Kurse zeigt. Die Hauptversammlungssaison der DAX-Konzerne hat ihren Schwerpunkt im Mai und die Auszahlung folgt wenige Bankarbeitstage später, sodass der Großteil dieser Ausschüttungen in das hier gemessene Sommerhalbjahr fällt – die schwache Sommerrendite enthält die Dividenden also bereits, ohne sie fiele sie noch niedriger aus.
Zwei Details verschärfen das. Der schwächste DAX-Monat ist statistisch nicht der Mai mit −0,04 Prozent, sondern der August mit −1,96 Prozent – der Spruch trifft nicht einmal den richtigen Monat. Und in den vergangenen zwölf Sommern schlossen acht positiv. Ausführlich mit Backtest steht das Thema im Beitrag zur Halloween-Strategie, eingebettet in andere saisonale Muster.
„Buy the rumor, sell the news.“
„Buy the rumor, sell the news“ beschreibt, dass Kurse eine erwartete Nachricht vorwegnehmen und nach ihrer Bestätigung fallen, weil der Überraschungseffekt fehlt. Nicht das Ereignis bewegt den Kurs, sondern die Veränderung der Erwartung darüber.
Ein sauber datierbares Beispiel liefert die Zulassung der ersten Bitcoin-Spot-ETFs in den USA am 10. Januar 2024. In den Monaten davor stieg Bitcoin von rund 25.200 US-Dollar (Tief Mitte September 2023) auf knapp 47.000 US-Dollar am 8. Januar 2024, ein Plus von etwa 87 Prozent – getragen von der Erwartung der Zulassung. Nach der tatsächlichen Genehmigung fiel der Kurs bis zum 22. Januar auf 39.500 US-Dollar, rund 16 Prozent unter das Hoch der Zulassungswoche.
Für die Praxis folgt daraus eine unbequeme Regel: Das Ereignis, auf das alle warten, ist selten der richtige Einstiegszeitpunkt. Wer erst kauft, wenn die Nachricht bestätigt ist, kauft von denen, die auf die Erwartung gesetzt haben. Der Spruch sagt nichts über die Richtung nach der Nachricht – er sagt nur, dass die Bestätigung selbst kein Treibstoff mehr ist.
„Es gibt keine schlechten Aktien – nur schlechte Preise.“
Dieser Satz stammt aus der Value-Denkschule und ist der einzige der Liste, der nicht vom Verhalten handelt, sondern von der Bewertung. Er behauptet, dass jede Aktie bei einem hinreichend niedrigen Preis attraktiv wird und selbst ein erstklassiges Unternehmen bei zu hohem Einstieg ein schlechtes Investment ist.
Als Bewertungsgrundsatz ist das richtig und für Anleger nützlich. Der Beitrag zum Value Investing zeigt, mit welchen Kennzahlen sich das prüfen lässt. Zwei Einschränkungen gehören aber dazu: Es gibt sehr wohl Unternehmen ohne tragfähiges Geschäftsmodell, bei denen kein Preis niedrig genug ist, und der Satz enthält keinen Zeitrahmen – eine günstige Aktie kann jahrelang günstig bleiben.
Für kurzfristiges Handeln ist er ohnehin nicht gemacht. Wer im Tages- oder Wochenbereich arbeitet, handelt Kursbewegungen, nicht Bewertungen, und ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis hat noch keinen fallenden Chart gestoppt. Bewertung und Timing sind zwei verschiedene Fragen, und dieser Spruch beantwortet nur die erste.
Was Börsenweisheiten über die Psychologie der Märkte verraten
Fast alle diese Sätze beschreiben nicht den Markt, sondern die Menschen im Markt. Sie warnen vor Ungeduld, vor Selbstüberschätzung, vor der Neigung, der Mehrheit zu folgen. Deshalb überleben sie auch Jahrzehnte, in denen sich Handelsplätze, Gebühren und Instrumente vollständig verändert haben: Das Verhalten der Anleger ist die stabilste Größe an der Börse.
Barber und Odean nennen in ihrer Studie die Ursache beim Namen. Sie führen die schwache Rendite der Vieltrader auf Selbstüberschätzung zurück – auf die Annahme, mehr zu wissen als der Markt. Der Spruch „Hin und her macht Taschen leer“ ist also die Alltagsfassung eines gemessenen Effekts, nicht bloß eine Ermahnung zur Sparsamkeit. Wie sich Stimmungsextreme messbar machen lassen, zeigt der Fear and Greed Index.
Auch die Kehrseite gehört dazu: Eine Haltung kann selbst zum Fehler werden, wenn sie zum Prinzip erhoben wird. Der Börsenexperte Heiko Thieme hat sich den Satz „Der Pessimist ist der einzige Mist, auf dem nichts wächst“ zum Leitmotiv gemacht; geprägt wurde er ursprünglich von Theodor Heuss. Als Grundhaltung ist Optimismus nützlich, als Handelsregel ist er teuer: Wer aus ihm ein Prinzip macht, hält auch an Positionen fest, die längst gescheitert sind.
Achtung: Wenn Börsensprüche falsch interpretiert werden
Die häufigste Fehlanwendung ist nicht der falsche Spruch, sondern der richtige Spruch im falschen Moment. „Greife nie in ein fallendes Messer“ und „Kaufe, wenn die Kanonen donnern“ widersprechen einander direkt – welcher gilt, entscheidet sich nicht am Satz, sondern am Chart und am eigenen Zeithorizont. Wer erst im Nachhinein auswählt, welche Weisheit gepasst hätte, betreibt keine Analyse, sondern Rechtfertigung.
Die folgende Gegenüberstellung fasst zusammen, wofür diese Sätze taugen und wofür nicht. Sie ist der Maßstab, an dem du jeden weiteren Börsenspruch prüfen kannst, der dir begegnet.
Wofür Börsenweisheiten taugen
- Als Prüffrage vor dem Klick: Sie unterbrechen den Impuls, wenn eine Entscheidung emotional wird.
- Als Merkhilfe für wiederkehrende Fehler: Sie wirken dort, wo das Journal ein Muster zeigt.
- Als Einstieg in ein Konzept: Hinter jedem Spruch steht ein echtes Thema wie Trendfolge oder Positionsgröße.
- Als gemeinsame Sprache: Im Gespräch ist in vier Worten klar, worum es geht.
Wofür sie nicht taugen
- Als Handelssignal: Kein Spruch nennt Einstieg, Stopp oder Zeitfenster.
- Als Beleg für eine offene Position: Wer nachträglich den passenden Satz sucht, rechtfertigt nur.
- Als Ersatz für eigene Zahlen: „Sell in May“ wirkt plausibel und kostete im DAX trotzdem Rendite.
- Als historische Quelle: Die Zuschreibung ist oft schlechter belegt als der Ruf des Zitierten.
Ein zweites Muster ist die selektive Anwendung. „Buy the dip“ funktioniert in einem intakten Aufwärtstrend und richtet im Abwärtstrend Schaden an – der Satz selbst unterscheidet das nicht. Wer eine Weisheit benutzt, muss die Bedingung selbst mitliefern, unter der sie gelten soll, und zwar bevor die Position offen ist.
Weitere bekannte Börsenweisheiten kurz erklärt
Neben den acht Klassikern kursieren weitere Sätze, die regelmäßig zitiert werden. Sie folgen demselben Muster: ein richtiger Kern, verkürzt bis zur Ungenauigkeit. Die folgenden fünf begegnen dir am häufigsten, samt der Einschränkung, die dazugehört.
- „Lege nicht alle Eier in einen Korb.“ Der älteste Rat zur Streuung und der einzige, dessen Nutzen sich mathematisch zeigen lässt. Die Grenze liegt in der Gegenrichtung: Zu viele Positionen bedeuten nicht mehr Sicherheit, sondern weniger Überblick. Was ohne Streuung schiefgeht, steht beim Klumpenrisiko.
- „Politische Börsen haben kurze Beine.“ Gemeint ist, dass politische Ereignisse Kurse nur kurz bewegen. Das trifft auf Schlagzeilen zu, nicht auf Regeländerungen – Zölle, Sanktionen oder Zinsentscheide wirken über Jahre, weil sie Gewinne verändern und nicht nur Stimmung.
- „Gewinne laufen lassen, Verluste begrenzen.“ Die praktisch wichtigste Regel der Liste, weil sie als Einzige eine konkrete Handlung nennt. Umsetzbar wird sie erst mit einer definierten Ausstiegsmarke, siehe Stop-Loss-Order richtig setzen.
- „Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten.“ Der Klassiker von André Kostolany, gemünzt auf sehr lange Haltedauern. Für aktives Handeln ist er bewusst kein Ratschlag, sondern das Gegenmodell dazu.
- „Never catch a falling knife“ und „The trend is your friend“ gibt es nur auf Englisch. Das ist kein Zufall: Die Handelssprache der Märkte ist englisch, und viele Merksätze wurden nie übersetzt. Weitere Namen und ihre Sätze finden sich in der Übersicht der Börsenexperten.
Fazit: Zeitlose Orientierungshilfe oder veraltete Klischees?
Nach dem Faktencheck lässt sich die Frage klar beantworten: Die Sprüche zum Verhalten halten stand, die Sprüche zum Kalender nicht. „Hin und her macht Taschen leer“ ist durch eine Studie mit 66.465 Haushalten belegt, „The trend is your friend“ zeigt sich in 9.272 DAX-Handelstagen – wenn auch beim Risiko deutlicher als bei der Rendite. „Sell in May“ dagegen beschreibt ein echtes Muster und leitet daraus die falsche Handlung ab.
Der praktische Wert dieser Sätze liegt deshalb nicht dort, wo man ihn vermutet. Sie taugen nicht als Regel, sondern als Unterbrechung – als der eine Moment zwischen Impuls und Order, in dem man sich fragt, ob gerade der Plan handelt oder die Stimmung. Für diesen Zweck reichen zwei oder drei Sätze, die zu den eigenen dokumentierten Fehlern passen.
Wer mehr will als Orientierung, braucht Zahlen statt Sprüche: eine getestete Regel, eine definierte Positionsgröße und ein Journal, das zeigt, was tatsächlich passiert ist. Eine Börsenweisheit kann dabei der Anfang sein. Das Ende ist sie nie.
Häufige Fragen zu Börsenweisheiten
Was sind Börsenweisheiten?
Börsenweisheiten sind kurze Merksätze über das Verhalten von Anlegern und Kursen. Sie entstehen aus Beobachtung, nicht aus systematischen Tests, und nennen deshalb nie die Bedingungen, unter denen sie gelten. Als Erinnerung an typische Fehler sind sie nützlich, als Handelsregel reichen sie nicht aus.
Was bedeutet „Hin und her macht Taschen leer“?
Der Satz warnt davor, dass häufiges Kaufen und Verkaufen die Rendite aufzehrt – durch Gebühren, Spread und Steuern, vor allem aber durch schlechtere Entscheidungen unter hoher Frequenz. Belegt ist das durch die Studie von Barber und Odean aus dem Jahr 2000: Die aktivsten von 66.465 untersuchten Haushalten erzielten 11,4 Prozent pro Jahr, während der Markt 17,9 Prozent brachte.
Stimmt „Sell in May and go away“?
Nur zur Hälfte. Im DAX lag die durchschnittliche Sommerrendite seit 1988 bei 2,1 Prozent und damit klar unter den 8,1 Prozent des Winterhalbjahres. Sie war aber positiv – wer im Mai verkaufte, kam über den gesamten Zeitraum auf den 15,8-fachen Einsatz, wer investiert blieb, auf den 23,3-fachen.
Was heißt „Buy the rumor, sell the news“?
Der Satz beschreibt, dass Kurse eine erwartete Nachricht vorwegnehmen und nach ihrer Bestätigung häufig fallen, weil der Überraschungseffekt entfällt. Ein Beispiel ist die Zulassung der Bitcoin-Spot-ETFs am 10. Januar 2024: Bitcoin stieg vorher um rund 87 Prozent und verlor nach der Genehmigung binnen zwei Wochen etwa 16 Prozent.
Von wem stammt „Kaufe, wenn die Kanonen donnern“?
Das ist unklar. Der Satz wird gern der Familie Rothschild zugeschrieben, doch ein zeitgenössischer Beleg dafür fehlt. Die früheste bekannte Fassung ist eine Zeitungsanekdote von 1893; später wurde der Spruch verschiedenen Personen zugeordnet, unter anderem John D. Rockefeller.
Welche Börsenweisheiten sollte man als Trader kennen?
Praktisch relevant sind vor allem drei: „The trend is your friend“ für die Handelsrichtung, „Hin und her macht Taschen leer“ für die Frequenz und „Gewinne laufen lassen, Verluste begrenzen“ für den Ausstieg. Alle drei lassen sich in konkrete Regeln übersetzen – das unterscheidet sie von reinen Stimmungssätzen.
Kann man sich blind auf Börsenweisheiten verlassen?
Nein. Keiner dieser Sätze nennt Einstieg, Ausstieg oder Zeitfenster, und mehrere widersprechen einander direkt. Sie eignen sich als Prüffrage vor einer Entscheidung, ersetzen aber weder eine getestete Strategie noch ein festes Risikomanagement.
Über den Autor: Karsten Kagels
Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer von Kagels Trading und handelt seit 1978 an den Finanzmärkten. Er arbeitet diskretionär nach Price Action, also ohne mechanisches Handelssystem, und ist in Forex, Aktienindizes, Rohstoffen und Zinsmärkten aktiv.
Ende der 1980er-Jahre übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter ins Deutsche. Über 17 Jahre war er Repräsentant von Joe Ross in Deutschland und übersetzte und verlegte dessen zehn Bücher. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.
Für diesen Artikel hat er die Sommer- und Winterhalbjahre des DAX seit 1988 sowie 9.272 Handelstage am 200-Tage-Durchschnitt selbst ausgewertet und die Herkunft der zitierten Sprüche gegen die Quellenlage geprüft. Als Price-Action-Trader beurteilt er saisonale Muster von außen: Er handelt keine Kalenderregeln, kennt aber aus über vier Jahrzehnten Marktpraxis den Unterschied zwischen einem Muster und einer Handelsregel.
Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.

















