Jesse Livermore war der bekannteste Börsenspekulant der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er begann mit 14 Jahren als Kurstafel-Junge in einem Bostoner Maklerbüro und verdiente im Crash von 1929 geschätzte 100 Millionen Dollar. Dreimal meldete er dazwischen Privatkonkurs an.
Genau diese Doppelnatur macht ihn bis heute lehrreich. Livermore hatte ein System aus wenigen, harten Regeln, und er brach diese Regeln immer wieder selbst. Wer seine Geschichte liest, lernt an einem einzigen Leben beides: was Trendfolge und Risikobegrenzung leisten und was passiert, wenn Disziplin nachlässt.
Dieser Artikel zeigt dir Livermores Werdegang mit Jahreszahlen, seine Handelsregeln von den Pivotal Points bis zum Pyramidisieren, fünf konkrete Lehren aus seinen Aufzeichnungen und eine geordnete Übersicht der deutschen und englischen Ausgaben seiner Bücher. Dazu eine ehrliche Einordnung, welche seiner Prinzipien heute noch tragen. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.
Jesse Livermore: das Wichtigste in 30 Sekunden
- Person: Jesse Lauriston Livermore, geboren am 26. Juli 1877 in Massachusetts, gestorben am 28. November 1940 in New York. Spitzname an der Wall Street: Boy Plunger.
- Aufstieg: Mit 14 notierte er Kurse an der Tafel bei Paine Webber in Boston. Sein erster eigener Trade brachte ihm 3,12 Dollar Gewinn bei 5 Dollar Einsatz. Mit 20 hatte er rund 10.000 Dollar.
- Die großen Trades: Im Crash von 1907 baute er ein Vermögen von rund 3 Millionen Dollar auf. Im Crash von 1929 verdiente er mit Leerverkäufen geschätzte 100 Millionen Dollar.
- Die Abstürze: Livermore meldete dreimal Privatkonkurs an, unter anderem 1915 und 1934. Die Anmeldung von 1934 nannte 2,5 Millionen Dollar Schulden gegen 84.000 Dollar Vermögen.
- Seine Methode: Trendfolge ohne Charts. Er las die Lochstreifen mit den Kursen, stieg an Pivotal Points ein und vergrößerte nur Positionen, die schon im Gewinn standen.
- Die Bücher: Sein Leben steht in „Das Spiel der Spiele“ von Edwin Lefèvre, seine Methode in seinem eigenen Buch „How to Trade in Stocks“ von 1940. Beide gibt es auf Deutsch.
- Das Ende: Am 28. November 1940 nahm sich Livermore in einem New Yorker Hotel das Leben. Sein Nachlass lag trotz der Konkurse noch über 5 Millionen Dollar.
Wer war Jesse Livermore?
Jesse Livermore war ein US-amerikanischer Börsenspekulant, der zwischen 1892 und 1940 an der Wall Street handelte. Bekannt wurde er durch Leerverkäufe in den Börsencrashs von 1907 und 1929, bei denen er nach zeitgenössischen Schätzungen rund 100 Millionen Dollar verdiente.
Livermore war kein Analyst und kein Vermögensverwalter, sondern Spekulant im wörtlichen Sinn. Er handelte ausschließlich eigenes Geld, meist in wenigen großen Positionen. Charts benutzte er nicht. Die Kurse kamen als Zahlenkolonne auf einem Lochstreifen aus dem Ticker, und Livermore las darin die Geschwindigkeit und die Größe der Umsätze mit. Heute nennt man das Price Action Trading.
Der Spitzname „Boy Plunger“ stammt aus seiner Zeit in den Bucket Shops. Bucket Shops waren Wettbüros auf Aktienkurse: Der Kunde setzte auf steigende oder fallende Notierungen, an der Börse wurde dabei nichts gehandelt. Livermore gewann dort so regelmäßig, dass ihn die Bostoner Läden nach und nach aussperrten. Das zwang ihn an den echten Markt, wo Orders den Kurs bewegen und die Ausführung Zeit kostet.
Über seinen Geburtsort gehen die Quellen auseinander. Die englische Wikipedia und Googles Wissenspanel nennen Shrewsbury in Massachusetts, die deutsche Wikipedia nennt South Acton, ebenfalls Massachusetts. Das Geburtsdatum, der 26. Juli 1877, ist dagegen in allen Quellen identisch.
Livermores Ruf war zeitlebens zwiespältig. Die Presse machte ihn nach 1929 zum „Great Bear of Wall Street“ und gab ihm eine Mitschuld am Crash. Belegt ist, dass er in Kurspools mitwirkte, also in abgesprochenen Käufergruppen, die einen Kurs gemeinsam hochtrieben. Solche Absprachen waren damals legal und sind heute als Marktmanipulation verboten. Wer Livermore liest, liest damit auch über einen Markt ohne Aufsicht.
Ein Zeitgenosse zog aus denselben Jahren eine andere Lehre. Der Spekulant André Kostolany erlebte den Crash von 1929 in Paris und machte dabei sein erstes Vermögen. Anders als Livermore setzte er danach nicht auf feste Handelsregeln, sondern auf Geduld und die Psychologie der Masse.
Livermores Werdegang: vom Kurstafel-Jungen zum Boy Plunger
Livermores Laufbahn verlief in Wellen, nicht in einer Linie. Auf jeden großen Gewinn folgte ein tiefer Rückschlag, und zwischen den Stationen liegen jeweils Jahre. Die folgende Übersicht ordnet die belegten Eckpunkte, damit die berühmten Zahlen ihren zeitlichen Zusammenhang bekommen.
| Jahr | Station | Vermögensstand |
|---|---|---|
| 1877 | Geburt in Massachusetts am 26. Juli | — |
| 1891 | Kurstafel-Junge bei Paine Webber in Boston, 5 Dollar Wochenlohn | 14 Jahre |
| 1892 | Erster eigener Trade im Bucket Shop auf Chicago, Burlington and Quincy | 3,12 Dollar Gewinn |
| 1897 | Aus den Bucket Shops verbannt, Wechsel an die reguläre Börse | rund 10.000 Dollar |
| 1901 | Positionierung in Northern Pacific Railway | rund 500.000 Dollar |
| 1906 | Leerverkauf Union Pacific vor dem Erdbeben von San Francisco | rund 250.000 Dollar |
| 1907 | Panik an der Wall Street, Gewinn von rund 1 Million Dollar an einem Tag | rund 3 Millionen Dollar |
| 1915 | Erster Privatkonkurs | Schulden |
| 1929 | Leerverkäufe im Oktober-Crash | rund 100 Millionen Dollar |
| 1934 | Dritter Privatkonkurs: 2,5 Millionen Dollar Schulden gegen 84.000 Dollar Vermögen | Schulden |
| 1940 | „How to Trade in Stocks“ erscheint im März, Tod am 28. November | Nachlass über 5 Millionen Dollar |
Die Spanne zwischen 1929 und 1934 ist der interessanteste Teil. Innerhalb von fünf Jahren wurde aus dem größten Gewinn seines Lebens der dritte Konkurs. Livermore selbst hat nie öffentlich erklärt, wie das passierte. In seinen Aufzeichnungen taucht immer wieder derselbe Grund für Verluste auf: Er hielt sich nicht an seine eigenen Regeln. Die typischen Muster dahinter beschreiben wir gesammelt unter Trading-Fehler.
Bemerkenswert ist der Nachlass. Trotz der Konkurse hinterließ Livermore über 5 Millionen Dollar, größtenteils in Trusts für seine Familie. Die verbreitete Erzählung vom mittellos gestorbenen Spekulanten stimmt in dieser Form also nicht. Sein Zusammenbruch war persönlicher Natur, nicht rein finanzieller.
Die Bücher von und über Jesse Livermore
Livermore hat genau ein Buch selbst geschrieben, berühmt wurde er durch ein anderes. Diese Unterscheidung ist der häufigste Irrtum: „Reminiscences of a Stock Operator“ stammt nicht von ihm, sondern vom Journalisten Edwin Lefèvre. Wer Livermores Methode sucht, greift zum falschen Buch, wenn er nur dieses liest.
„Das Spiel der Spiele“ von Edwin Lefèvre
„Das Spiel der Spiele“ ist die deutsche Ausgabe von Edwin Lefèvres „Reminiscences of a Stock Operator“ aus dem Jahr 1923. Das Buch erzählt Livermores Handelsleben als Roman in der Ich-Form, wobei die Hauptfigur nicht Livermore heißt, sondern Larry Livingston.
Lefèvre war Journalist und hat Livermore für eine Artikelserie ausführlich interviewt. Daraus wurde ein Buch, das seit über hundert Jahren als Börsenklassiker gilt. Alan Greenspan, von 1987 bis 2006 Chef der US-Notenbank, nannte es in seinem Buch „The Age of Turbulence“ eine Quelle der Weisheit für Anleger.
Die deutsche Ausgabe erscheint im TM Börsenverlag. Sie liegt in der 18. Auflage von 2022 vor, umfasst 486 Seiten, trägt die ISBN 978-3-930851-04-1 und kostet gebunden 39,95 €. Erhältlich ist sie unter anderem im boerse.de-Shop und als gebundene Ausgabe bei Amazon.
Die ehrliche Grenze: Wer in diesem Buch eine Handelsanleitung sucht, wird enttäuscht. Es enthält keine Einstiegsregeln, keine Positionsgrößen und keine Stopp-Logik. Es ist eine Erzählung über Marktverhalten und über den Umgang mit Geld, Gier und Angst. Als Lehrbuch taugt es nicht, als Buch über Trading-Psychologie sehr wohl.
„How to Trade in Stocks“: Livermores eigenes Buch
Livermore veröffentlichte sein einziges Buch im März 1940, acht Monate vor seinem Tod. Der volle Titel lautet „How to Trade in Stocks: The Livermore Formula for Combining Time Element and Price“, erschienen bei Duell, Sloan and Pearce. Darin steht die Methode: Pivotal Points, das Führen einer Kursliste und die Regeln zum Aufstocken von Positionen.
Auf Deutsch erschien es 1997 unter dem Titel „Mein Schlüssel zu Börsengewinnen“. Auch diese Ausgabe kommt vom TM Börsenverlag, hat 180 Seiten und die ISBN 978-3-930851-07-2. Sie ist im Buchhandel vergriffen und nur noch gebraucht oder über Antiquariate zu bekommen. Im Original ist das Buch als englische Neuauflage dauerhaft lieferbar.
Die ehrliche Grenze: Das Buch ist schmal und stellenweise sprunghaft. Livermore erklärt seine Kurstabelle über mehrere Seiten in einer Notation, die heute niemand mehr so führt. Die deutsche Übersetzung von 1997 gilt zudem als unvollständig: Mehrere Leser bemängeln, dass Passagen zum Positionsaufbau fehlen. Wer die Methode genau nachlesen will, ist mit der englischen Fassung besser bedient.
Die kommentierten und weiterführenden Ausgaben
Von „Reminiscences“ gibt es eine kommentierte Fassung, die den historischen Kontext ergänzt. Die Annotated Edition stellt neben den Originaltext die tatsächlichen Kursverläufe, Zeitungsausschnitte und Namen der realen Personen hinter den Romanfiguren. Das Vorwort stammt von Paul Tudor Jones, der Livermores Regeln zu Risiko und Ausstieg bis heute in seinem eigenen Handel verwendet.
Zwei weitere Titel sind für Trader relevant. Richard Smittens „Traden wie Jesse Livermore“ fasst Livermores System auf 272 Seiten zusammen und ist die einzige durchgehend deutschsprachige Methodendarstellung (ISBN 978-3-938350-30-0, 24,90 €). Ergänzend beschreibt Richard Wyckoff in „Jesse Livermore’s Methods of Trading in Stocks“ schon 1922, wie Livermore seine Positionen führte.
Die ehrliche Grenze bei Smitten: Der Autor betrieb ab 2003 ein Unternehmen, das ein „Jesse Livermore Trading System“ verkaufte. Das Buch ist damit nicht neutral, sondern hat einen kommerziellen Hintergrund. Als geordnete Zusammenfassung ist es brauchbar, als unabhängige Quelle nicht.
Livermores Titel sind nur ein Ausschnitt. Wo sie neben Schwager, Elder und den übrigen Standardwerken stehen, zeigt unsere Übersicht der besten Trading-Bücher. Einzelne seiner Sätze haben es außerdem in unsere Sammlung der bekanntesten Trading-Zitate geschafft.
Livermores Handelsregeln: Pivotal Points, Pyramidisieren, Verlustbegrenzung
Livermores Methode passt auf eine Seite. Sie besteht aus drei Bausteinen: einem definierten Einstiegspunkt, einer Regel zum Vergrößern der Position und einer harten Regel zum Aussteigen. Alles andere in seinen Aufzeichnungen ist Begründung.
Pivotal Points: der Einstiegspunkt
Ein Pivotal Point ist bei Jesse Livermore der Kurspunkt, an dem eine Aktie aus einer längeren Seitwärtsphase ausbricht und eine neue Bewegung beginnt. Livermore kaufte erst an diesem Punkt, nie vorher.
Der Gedanke dahinter ist Geduld statt Prognose. Livermore versuchte nicht, den Tiefpunkt zu erraten. Er wartete, bis der Markt seine Richtung selbst zeigte, und stieg erst dann ein. In modernen Begriffen ist das ein Ausbruchshandel mit vorher festgelegtem Auslösekurs. Wie sich solche Punkte am Chart bestimmen lassen, zeigen Unterstützung und Widerstand.
Pyramidisieren: nur Gewinner vergrößern
Pyramidisieren bedeutet, eine bereits im Gewinn stehende Position schrittweise zu vergrößern. Livermore kaufte nur nach, wenn der erste Teil der Position Gewinn zeigte, und niemals in einen Verlust hinein.
Das ist die Umkehrung dessen, was die meisten Anfänger tun. Wer bei fallenden Kursen nachkauft, verbilligt den Einstand und vergrößert das Risiko im selben Zug. Livermore machte es andersherum: Die größte Positionsgröße erreichte er erst, wenn der Markt ihm längst recht gegeben hatte. Die Rechenlogik dahinter beschreiben wir unter Money Management.
Verlustbegrenzung: die 10-Prozent-Regel
Livermore arbeitete mit einer festen Verlustschwelle. Fiel eine Position mehr als etwa zehn Prozent unter seinen Einstand, verkaufte er. Ohne Diskussion, ohne Nachdenken über den Grund. Diese Schwelle war für ihn keine Empfehlung, sondern eine Bedingung, um überhaupt weiterhandeln zu dürfen. Der praktische Umbau in ein modernes Regelwerk steht unter Stop-Loss-Order setzen.
Verluste haben mich nie gestört. Was mich gestört hat, war das Festhalten an ihnen.
Genau an dieser Regel ist er selbst mehrfach gescheitert. Die Konkurse von 1915 und 1934 gehen auf gehaltene Verlustpositionen und zu große Einsätze zurück. Livermore wusste das und hat es aufgeschrieben. Sein Regelwerk war nicht das Problem, sein Umgang damit war es. Wer den Unterschied zwischen Regel und Ausführung verstehen will, findet bei ihm den lehrreichsten Fall der Börsengeschichte.
Vierzig Jahre später baute jemand dasselbe Prinzip als festes System. Richard Dennis gab seinen Schülern mit den Turtle-Regeln Ausbruchsignale und Verlustschwellen schriftlich vor. Der Unterschied zu Livermore ist die Mechanik: Dennis nahm dem Trader die Entscheidung ab, Livermore traf sie jedes Mal neu.
Lehre 1: Beginne mit dem breiten Trend des Marktes
Ich glaube, ich bin in meiner Trading-Ausbildung einen großen Schritt vorangekommen, als mir schließlich klar wurde, dass der alte Herr Partridge zu seinen Kunden immer wieder sagte: „Also, Sie wissen doch, dass dies ein Bullenmarkt ist!“ Damit wollte er ausdrücken, dass sich das große Geld nicht in den einzelnen Kursschwankungen engagiert, sondern in den großen Kursbewegungen.
Livermores Punkt ist eine Reihenfolge, keine Meinung. Erst die Großwetterlage, dann das Einzelinstrument. Wer die Richtung des Gesamtmarkts nicht kennt, handelt jede Aktie blind gegen einen Strom, den er nicht sieht.
Praktisch heißt das drei Dinge.
- Von oben nach unten arbeiten: Beginne die Analyse mit dem Index. Wenn du Aktien handelst, bestimme zuerst den Trend im Aktienindex und erst danach den der Einzelaktie.
- Den Trend messbar machen: Nutze Trendlinien sowie Trendfolgestrategien, statt die Richtung nach Gefühl einzuschätzen.
- Gegen den Strom nur bewusst: Ein Trade gegen die übergeordnete Richtung ist erlaubt, aber er braucht einen eigenen Grund und eine kleinere Positionsgröße.
Diese Rangfolge hat bis heute Bestand. Mark Minervini macht sie in seiner SEPA-Strategie zur Grundregel: Der übergeordnete Trend entscheidet, ob eine Einzelaktie überhaupt geprüft wird.
Lehre 2: Richte dich auf große und dynamische Swings aus
Mir wurde klar, dass sich das große Geld zwangsläufig in den großen Swings engagieren muss.
Ein Swing ist eine zusammenhängende Kursbewegung zwischen zwei Wendepunkten. Livermore suchte den nächsten großen Swing, statt sich in kleine Schwankungen zu verbeißen. Der Grund ist rechnerisch: Kleine Bewegungen tragen die Handelskosten kaum, große tragen sie leicht.
So findest du Positionen mit echtem Bewegungsraum.
- Freien Raum voraussetzen: Suche Long-Setups, wenn der nächste Widerstandsbereich weit entfernt liegt, und Short-Setups, wenn die nächste Unterstützung weit entfernt liegt.
- Den Ausstieg passend bauen: Wer große Swings handeln will, braucht eine Ausstiegsregel, die das zulässt. Ein fester kleiner Zielgewinn schneidet genau die Bewegungen ab, auf die es ankommt.
- Gewinne laufen lassen: Nachziehende Stopps halten die Position im Markt, solange der Trend läuft. Sie ersetzen die Frage „Wann nehme ich mit?“ durch eine Regel.
Lehre 3: Unterscheide zwischen Trend und Timing
Irrte ich mich grundlegend, indem ich bärisch orientiert war, oder irrte ich mich nur zeitweilig, indem ich zu früh mit dem Leerverkauf begann?
Es gibt zwei völlig verschiedene Arten von falschen Trades. Entweder liegst du beim Trend falsch, dann ist die ganze Idee verkehrt. Oder du liegst beim Timing falsch, dann stimmt die Richtung und nur der Einstiegszeitpunkt war zu früh. Beide fühlen sich im Verlust identisch an und verlangen entgegengesetzte Reaktionen.
Trennen lassen sich die beiden Fälle nur vorher, nicht im Verlust.
- Vor dem Einstieg festlegen: Schreibe auf, welches Kursniveau deine Trendannahme widerlegt. Wird es erreicht, war die Idee falsch. Wird es nicht erreicht, war nur das Timing daneben.
- Den Einstieg an ein Muster binden: Nutze Chartformationen und Candlestick-Muster, um den Zeitpunkt zu bestimmen, statt am Wunschkurs einzusteigen.
- Den Stopp aus dem Muster ableiten: Ein musterbasierter Stopp liegt knapp unter einer bullischen oder knapp über einer bärischen Formation. Damit definiert das Chartbild den Verlust, nicht dein Kontostand.
Lehre 4: Handle nicht exzessiv
Niemand kann alle Kursschwankungen erwischen.
Price-Action-Trader arbeiten mit wenigen oder gar keinen Indikatoren. Sie beobachten stattdessen jeden Tick, jeden Kursstab und jeden Swing. Genau diese ständige Beobachtung verführt zu dem Fehlschluss, man müsse auch jede Bewegung handeln.
Der Versuch, jeden Swing mitzunehmen, ist nicht nur anstrengend, sondern unmöglich. Was daraus entsteht, heißt Overtrading: viele Trades mit dünnem Vorteil, deren Handelskosten und kleine Verluste sich zu einer spürbaren Reduktion des Kapitals summieren.
Die Handelsfrequenz begrenzt du mit Regeln, nicht mit Vorsätzen.
- Die Einsicht akzeptieren: Selbst Livermore hat nicht alle Bewegungen erwischt. Kein Regelwerk der Welt deckt jeden Swing ab.
- Klare Einstiegsregeln festschreiben: Was nicht der Regel entspricht, wird nicht gehandelt. Ein Trading-Plan macht diese Grenze überprüfbar.
- Die Anzahl deckeln: Setze ein Limit pro Zeitraum. Daytrader, die zu viel handeln, sollten auf einen guten Trade pro Tag zielen statt auf zehn mittelmäßige.
Sichtbar wird die eigene Frequenz erst schriftlich. Wer jeden Trade mit Grund und Ergebnis notiert, erkennt nach wenigen Wochen, welche Einstiege der Regel entsprachen und welche aus Langeweile entstanden. Wie so eine Aufzeichnung aussieht, zeigt unser Beitrag zum Trading-Journal.
Lehre 5: Vermeide Trendwende-Trades
Offensichtlich ist es wichtig, sich in einem bullischen Markt bullisch und in einem bärischen Markt bärisch zu orientieren.
Der Satz klingt banal und wird trotzdem täglich verletzt. Ein Trendwende-Trade wettet darauf, dass eine laufende Bewegung genau jetzt endet. Das kommt vor, aber es kommt selten, und der Einstieg liegt naturgemäß gegen die aktuelle Kraftrichtung.
Auf der Seite des Marktes bleibst du mit drei Gewohnheiten.
- Mit dem Trend handeln: Solange kein Bruch der Trendstruktur vorliegt, gilt die bestehende Richtung. Ein überdehnter Kurs ist kein Verkaufsgrund.
- Langsame Werkzeuge nutzen: Langfristige gleitende Durchschnitte und Trendlinien an den wichtigen Swing-Punkten zeigen den vorherrschenden Zustand, ohne bei jedem Rücksetzer zu drehen.
- Die Wende erst bestätigen lassen: Warte auf einen gebrochenen Swing-Punkt statt auf ein Bauchgefühl. Das kostet die ersten Prozent der neuen Bewegung und spart die meisten Fehlsignale.
Was Trader heute von Livermore lernen können, und was nicht
Livermore handelte in einem Markt, den es so nicht mehr gibt. Keine Aufsicht, keine Echtzeitkurse für alle, keine elektronische Ausführung. Manche seiner Prinzipien überstehen den Zeitsprung mühelos, andere sind an Bedingungen geknüpft, die heute fehlen. Die folgende Trennung ist deshalb wichtiger als jede Zitatsammlung.
Was von Livermore heute noch trägt
- Trendfolge vor Prognose: Erst handeln, wenn der Markt die Richtung gezeigt hat. Dieses Prinzip ist heute besser belegt als zu Livermores Zeit.
- Verluste hart begrenzen: Eine feste Ausstiegsschwelle vor dem Einstieg zu definieren, ist Kern jedes Risikomanagements geblieben.
- Nur Gewinner vergrößern: Positionen aufstocken, die im Gewinn stehen, statt in Verluste nachzukaufen. Gilt unverändert.
- Wenige, große Gelegenheiten: Die Konzentration auf große Bewegungen statt auf viele kleine ist heute wegen der Handelskosten sogar wichtiger.
- Der eigene Kopf als Hauptrisiko: Livermores Konkurse gingen auf gebrochene eigene Regeln zurück, nicht auf falsche Regeln.
Was heute nicht mehr übertragbar ist
- Der Tape-Reading-Vorteil: Livermores Kante beruhte darauf, Kursbewegungen schneller zu lesen als andere. Diesen Informationsvorsprung gibt es bei elektronischen Märkten nicht mehr.
- Kurspools und Absprachen: Ein Teil seiner Gewinne stammte aus abgestimmten Käufergruppen. Das ist heute verbotene Marktmanipulation.
- Die Positionsgrößen: Livermore setzte Beträge ein, die einzelne Kurse bewegten. Privatanleger operieren in einer völlig anderen Größenordnung.
- Die 10-Prozent-Regel als Zahl: Die Schwelle passte zu seinen Aktien und seinem Kapital. Übertragbar ist das Prinzip, nicht der Prozentwert.
Ein Punkt wird beim Lesen fast immer übersehen. Livermore hat sein Vermögen mehrfach verloren, obwohl er die richtigen Regeln kannte und aufgeschrieben hatte. Das ist keine Nebenbemerkung, sondern die eigentliche Lehre: Ein Regelwerk wirkt nur, solange es ausgeführt wird. Sein Leben ist der teuerste Beleg dafür, den die Börsengeschichte zu bieten hat.
Fazit: Livermore lohnt sich, aber nicht als Vorbild
Ich lese Livermore seit Jahrzehnten, und ich lese ihn anders als früher. Am Anfang faszinierten mich die Zahlen: 100 Millionen Dollar in wenigen Oktobertagen 1929. Heute interessiert mich die andere Hälfte der Geschichte, nämlich die fünf Jahre danach bis zum dritten Konkurs. Dort steckt der Lernwert.
Livermores Regeln sind gut, sein Beispiel ist es nicht. Trendfolge, harte Verlustbegrenzung und das Aufstocken nur im Gewinn arbeite ich in meinem eigenen Handel seit 1980 in ähnlicher Form. Was ich von ihm gerade nicht übernehme, ist die Größe der Einsätze und die Neigung, ein funktionierendes Regelwerk im entscheidenden Moment beiseitezuschieben.
Für den Einstieg würde ich mit „Das Spiel der Spiele“ beginnen und die Methodenbücher danach lesen. Das Erzählte bleibt hängen, die Regeln erschließen sich dann von selbst. Wer nur die Technik will, kommt mit 30 Seiten aus „How to Trade in Stocks“ weiter als mit dem ganzen Roman.
Und eine Einordnung zum Schluss: Livermore hat in einem Markt gehandelt, in dem Absprachen erlaubt und Informationen ungleich verteilt waren. Wer seine Erfolge eins zu eins auf ein Privatdepot überträgt, überträgt auch die Bedingungen, unter denen sie zustande kamen. Nimm die Prinzipien mit, nicht die Anekdoten.
Häufige Fragen über Jesse Livermore
Wofür ist Jesse Livermore bekannt?
Jesse Lauriston Livermore war ein US-amerikanischer Börsenspekulant, geboren am 26. Juli 1877 und gestorben am 28. November 1940. Er handelte ab 1892 zunächst in Bostoner Bucket Shops und später an der New Yorker Börse. Bekannt wurde er durch Leerverkäufe in den Crashs von 1907 und 1929.
Welches Buch von Jesse Livermore sollte man lesen?
Livermore hat nur ein einziges Buch selbst geschrieben: „How to Trade in Stocks“ aus dem Jahr 1940. Dort steht seine Methode. Das berühmtere Buch „Reminiscences of a Stock Operator“ stammt dagegen von Edwin Lefèvre und erzählt Livermores Leben als Roman.
Gibt es „Reminiscences of a Stock Operator“ auf Deutsch?
Ja, unter dem Titel „Jesse Livermore: Das Spiel der Spiele“. Verlag ist der TM Börsenverlag, aktuell in der 18. Auflage. Gebunden kostet das Buch 39,95 € und ist über den Buchhandel lieferbar. Eine kostenlose deutsche PDF-Fassung gibt es nicht, das Werk steht noch unter Urheberrechtsschutz.
Wie viel Geld hat Jesse Livermore verdient?
Im Crash von 1907 baute er ein Vermögen von rund 3 Millionen Dollar auf, im Crash von 1929 verdiente er nach zeitgenössischen Schätzungen etwa 100 Millionen Dollar. Bei seinem Tod 1940 lag sein Nachlass trotz dreier Konkurse noch über 5 Millionen Dollar.
Warum ist Jesse Livermore mehrfach pleitegegangen?
Livermore meldete dreimal Privatkonkurs an, unter anderem 1915 und 1934. Die Gründe waren zu große Positionen und das Halten von Verlusten entgegen seinen eigenen Regeln. Die Anmeldung von 1934 wies 2,5 Millionen Dollar Schulden gegenüber 84.000 Dollar Vermögen aus.
Was ist ein Pivotal Point nach Livermore?
Ein Pivotal Point ist der Kurspunkt, an dem eine Aktie aus einer Seitwärtsphase ausbricht und eine neue Bewegung beginnt. Livermore kaufte erst an diesem Punkt, nie davor. In heutiger Sprache handelt es sich um einen Ausbruchshandel mit vorab definiertem Auslösekurs.
Wie ist Jesse Livermore gestorben?
Livermore nahm sich am 28. November 1940 in der Garderobe des Sherry-Netherland Hotels in New York das Leben. Er litt nach heutiger Einschätzung an einer bipolaren Störung. Seine finanzielle Lage war zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren angespannt.
Sind Livermores Handelsregeln heute noch anwendbar?
Die Prinzipien ja, die konkreten Zahlen nicht. Trendfolge, feste Verlustbegrenzung und das Aufstocken nur laufender Gewinne funktionieren unverändert. Sein Vorsprung beim Lesen der Kursbänder ist dagegen durch elektronische Märkte verschwunden, und die damals erlaubten Kurspools sind heute verbotene Marktmanipulation.
Über den Autor: Karsten Kagels
Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer von Kagels Trading. Er handelt seit 1980 als diskretionärer Price-Action-Trader und arbeitet in Forex, Aktienindizes, Rohstoffen und Zinsmärkten.
Seine Verbindung zur Trading-Literatur reicht weit zurück. Ende der 1980er übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter ins Deutsche. Über 17 Jahre vertrat er Joe Ross in Deutschland und übersetzte und verlegte dessen sämtliche zehn Bücher. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.
Livermore begleitet ihn seit den Anfängen. Die Prinzipien aus „Das Spiel der Spiele“ und „How to Trade in Stocks“ hat Karsten an eigenen Positionen geprüft und weiß deshalb, welche davon im heutigen Marktumfeld noch tragen. Die fünf Lehren in diesem Artikel gehen auf eine Textfassung von Galen Woods zurück, die Karsten gemeinsam mit Gaby Boutaud ins Deutsche übertragen und für diese Fassung überarbeitet hat.
Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.














