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Paul Tudor Jones: die Strategie hinter dem Trade des Jahrhunderts

Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2026

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17 Min

Christian Möhrer

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Christian Möhrer

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Am 19. Oktober 1987 verlor der Dow Jones 22,6 Prozent an einem einzigen Tag. Die meisten Marktteilnehmer verloren an diesem Montag Geld, viele ihr halbes Vermögen. Ein 33-jähriger Fondsmanager aus Memphis, der als Baumwollhändler angefangen hatte, verdiente in diesem Jahr geschätzt rund 100 Millionen Dollar. Er hatte den Einbruch nicht geahnt, sondern vorbereitet, mit einem Modell, einem Plan für den Ausstieg und einer Positionsgröße, die den Irrtum überlebt hätte.

Paul Tudor Jones ist deshalb interessant, weil sein Handwerk erklärbar bleibt. Er hat keinen geheimen Indikator, er nutzt Werkzeuge, die jedem Trader offenstehen: einen gleitenden Durchschnitt, ein festes Verhältnis von Chance zu Risiko und die Bereitschaft, eine Meinung innerhalb von Minuten aufzugeben. Genau das macht ihn für die Praxis brauchbarer als viele Legenden, deren Erfolg sich im Nachhinein niemand mehr erklären kann.

Dieser Artikel zeigt dir, wie Jones arbeitet, welche seiner Regeln du übernehmen kannst und wo die Legende dünner wird als ihr Ruf. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.

Paul Tudor Jones: das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Der Trade seines Lebens: Jones ging vor dem Börsencrash 1987 short und beendete das Jahr mit 125,9 Prozent Rendite nach Gebühren. Der geschätzte Gewinn lag bei rund 100 Millionen Dollar.
  • Sein Ansatz heißt Global Macro: Er leitet Positionen aus Zinsen, Währungen und Kapitalströmen ab und setzt sie über Futures um, nicht über einzelne Aktien.
  • Seine wichtigste Kennzahl: der 200-Tage-Durchschnitt. Fällt ein Markt darunter, reduziert er oder steigt aus.
  • Sein Risikorahmen: harte Verlustgrenzen für das ganze Depot statt eines festen Prozentsatzes pro Trade und ein angestrebtes Chance-Risiko-Verhältnis von 5:1. Damit darf er häufiger falsch als richtig liegen.
  • Sein Vermögen: 8,1 Milliarden Dollar laut Forbes (Echtzeit-Schätzung, Stand 19. Oktober 2026). Seine Tudor Investment Corporation verwaltet nach Forbes rund 17 Milliarden Dollar.
  • Heute: Jones hält Bitcoin für den besseren Inflationsschutz als Gold. Dem KI-Bullenmarkt gab er im Mai 2026 noch ein bis zwei Jahre, im Oktober 2026 nannte er 2027 ein sehr schwieriges Jahr für Aktien.

Wer ist Paul Tudor Jones?

Paul Tudor Jones II ist ein US-amerikanischer Hedgefonds-Manager, der 1980 die Tudor Investment Corporation gründete und durch seine Short-Positionen im Börsencrash vom Oktober 1987 bekannt wurde.

Geboren wurde er laut Wikipedia am 28. September 1954 in Memphis, Tennessee. Sein Studium der Volkswirtschaft schloss er 1976 an der University of Virginia ab. Eine Zusage der Harvard Business School nahm er später nicht an, weil er lieber weiter am Markt handeln wollte.

Die Tudor Investment Corporation ist die 1980 gegründete Vermögensverwaltung von Paul Tudor Jones mit Sitz in Stamford, Connecticut, die rund 17 Milliarden Dollar verwaltet.

Heute ist er Co-Chairman und Chief Investment Officer seines Hauses, der Tudor Investment Corporation. Die Kernstrategie hat nach Angaben von Tudor eine fast 40-jährige Geschichte, verwaltet werden nach Angaben von Forbes rund 17 Milliarden Dollar. Jones‘ persönliches Vermögen beziffert Forbes auf 8,1 Milliarden Dollar, Stand 19. Oktober 2026. Der Rang auf der weltweiten Milliardärsliste wechselt täglich und steht deshalb hier nicht.

Neben dem Handel ist er als Stifter aktiv. 1988 gründete er die Robin Hood Foundation gemeinsam mit Peter Borish, David Saltzman und Glenn Dubin.

Die Robin Hood Foundation ist eine 1988 in New York gegründete Stiftung zur Armutsbekämpfung, die Paul Tudor Jones mitgegründet hat.

2014 kam JUST Capital dazu, eine Organisation, die Unternehmen des Russell 1000 nach sozialen Kriterien bewertet.

Lesetipp: Die besten Trader der Welt: wer wirklich die höchste Trading-Performance hat

Vom Baumwollparkett zur eigenen Fondsgesellschaft

Jones‘ Laufbahn beginnt nicht an der Wall Street, sondern im Baumwollhandel. Sein Onkel Billy Dunavant, selbst einer der großen Baumwollhändler der USA (Jones nennt ihn im Gespräch mit Jack Schwager „my uncle“), schickte ihn 1976 zum Rohstoffmakler Eli Tullis in New Orleans. Tullis verschaffte ihm einen Platz an der New York Cotton Exchange.

Dort lernte Jones das Parketthandwerk in seiner härtesten Form. Tullis handelte große Positionen und blieb dabei äußerlich ruhig, auch wenn der Markt gegen ihn lief. Diese Kontrolle über die eigene Reaktion hat Jones nach der Darstellung von Jack Schwager an Tullis am stärksten beeindruckt. Das Arbeitsverhältnis endete abrupt: Laut Business Insider entließ Tullis ihn, nachdem Jones nach einer durchfeierten Nacht am Arbeitsplatz eingeschlafen war.

Mit etwa 24 Jahren wurde er Rohstoffbroker bei E. F. Hutton. Im Herbst 1980 ging er als selbstständiger Parketthändler an die New York Cotton Exchange und gründete im selben Jahr die Tudor-Gruppe. Zu seinen ersten Geldgebern gehörte die Commodities Corporation, die ihm 30.000 Dollar zur Verwaltung gab. Seinen ersten Fonds, den Tudor Futures Fund, legte er im September 1984 mit 1,5 Millionen Dollar auf. Die Commodities Corporation förderte damals auch andere Namen, die später berühmt wurden, unter anderem Ed Seykota und Michael Marcus.

Der 19. Oktober 1987: der Trade, der ihn berühmt machte

Die Grundlage für den bekanntesten Trade seiner Karriere lieferte nicht Jones selbst, sondern sein Forschungsleiter Peter Borish. Borish legte den Kursverlauf der Achtzigerjahre über den der Zwanzigerjahre, Monat für Monat. Die beiden Verläufe zeigten über weite Strecken eine bemerkenswerte Übereinstimmung, so beschreibt es Jack Schwager in „Magier der Märkte“.

Aus diesem Vergleich zog Jones eine Erwartung, keine Prognose mit Datum. Wenn sich das Muster fortsetzt, folgt auf die Übertreibung ein scharfer Bruch. Der genaue Zeitpunkt blieb offen, Borish selbst rechnete zunächst mit dem Frühjahr 1988. Entscheidend war deshalb nicht die Vorhersage, sondern die Positionierung: Jones hielt Short-Positionen mit definiertem Risiko und wartete, statt sich auf einen Termin festzulegen.

Der Black Monday war der 19. Oktober 1987, an dem der Dow Jones 22,6 Prozent an einem einzigen Handelstag verlor.

Für Tudor endete das Jahr 1987 mit 125,9 Prozent Rendite nach Gebühren. Der Gewinn des ganzen Jahres wird auf rund 100 Millionen Dollar geschätzt, im Oktober allein legte der Tudor Futures Fund 62 Prozent zu. Wichtig für die Einordnung: Diese Zahlen sind Monats- und Jahresrenditen, nicht das Ergebnis eines einzigen Handelstages. Der Crash war die Auflösung einer Position, die über Monate aufgebaut und laufend angepasst wurde. Zum Handelsschluss am 19. Oktober deckte Jones seine Shorts ein und baute am selben Tag seine bis dahin größte Anleiheposition auf.

Lehrreich an diesem Trade ist die Kombination aus These, Timing-Verzicht und Risikodeckel. Jones hat sich beim Zeitpunkt geirrt. Der Irrtum kostete ihn nichts, weil die Positionsgröße so gewählt war, dass sie das Warten aushielt.

Wie ein ganz anderer Ansatz denselben Crash erlebte, zeigt das Porträt über Peter Lynch mit dem Magellan-Fonds.

Lesetipp: Was ist ein Börsencrash? Ursachen, Muster und Lehren aus der Geschichte

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Global Macro: wie Paul Tudor Jones die Märkte liest

Global Macro bezeichnet einen Handelsansatz, bei dem Positionen aus gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen abgeleitet und über Anleihen, Währungen, Rohstoffe und Aktienindizes umgesetzt werden.

Jones sucht keine unterbewerteten Einzelaktien. Er fragt, wohin das Geld fließt: Was machen die Notenbanken, wie entwickeln sich Zinsen und Staatsverschuldung, wo entsteht Druck auf eine Währung. Aus dieser Lage leitet er ab, welcher Markt sich bewegen muss, und setzt die Idee über Futures um, weil er dort schnell und mit Hebel ein- und aussteigen kann.

Der zweite Teil seiner Arbeit ist rein technisch. Die makroökonomische These liefert die Richtung, der Chart liefert den Zeitpunkt und den Ausstieg. Jones hat mehrfach betont, dass er sich nicht auf seine Meinung verlässt, sondern auf das, was der Kurs tut. Bewegt sich ein Markt gegen ihn, ist die These für ihn erledigt, unabhängig davon, wie überzeugend sie klingt.

Diese Trennung von These und Signal ist der praktische Kern. Eine Makro-These ohne Chartsignal führt zu Positionen, die man ewig hält, weil man ja recht hat. Ein Chartsignal ohne Kontext führt zu Trades ohne Substanz. Jones braucht beides und steigt aus, sobald eines von beiden wegfällt.

Grenzen des Ansatzes: Global Macro braucht Kapital, Zugang zu Futures-Märkten und Zeit. Wer ein kleines Konto handelt, kann die Positionen nicht sinnvoll streuen und wird von einzelnen Ausschlägen aus dem Markt gedrängt. Für die meisten privaten Trader ist der Ansatz als Ganzes nicht kopierbar, wohl aber seine Risikologik. Dieselbe Trennung zwischen Ansatz und Risikologik beschreibt das Portrait über Ray Dalio und sein Allwetter-Portfolio.

Wie streng ein Makro-Haus die Verluste seiner Trader begrenzen kann, zeigt Michael Platt. Bei seinem Hedgefonds BlueCrest halbiert schon ein Verlust von 3 Prozent die Kapitalzuteilung eines Traders. Die Einzelheiten stehen im Porträt von Michael Platt.

Lesetipp: Global Macro: weltweite Anlagemöglichkeiten nutzen

Die Risikoregeln: 5:1, Verlustgrenzen und die 200-Tage-Linie

Jones‘ bekanntestes Werkzeug ist kein Indikator-Paket, sondern ein einzelner Durchschnitt. Sein Regelwerk passt auf eine Seite.

Der 200-Tage-Durchschnitt ist der Mittelwert der Schlusskurse der letzten 200 Handelstage und dient als Trennlinie zwischen Aufwärts- und Abwärtsphase.

Im Interview für Tony Robbins‘ Buch „Money: Master the Game“ (2014) sagte Jones wörtlich: „My metric for everything I look at is the 200-day moving average of closing prices.“ Fällt ein Markt unter diese Linie, reduziert er die Position oder steigt aus. Die Regel ist bewusst stumpf: Sie nimmt ihm die Entscheidung ab, wenn es unangenehm wird.

Die zweite Säule ist das Verhältnis von Gewinnpotenzial zu Risiko, und dort wird er ungewöhnlich wählerisch.

Die 5:1-Regel von Paul Tudor Jones bedeutet, dass er nur Trades eingeht, deren Gewinnpotenzial mindestens das Fünffache des riskierten Betrags beträgt.

Jones hat diese Regel in späteren Interviews beschrieben, oft zitiert wird sein Gespräch mit Tony Robbins von 2014. In Jack Schwagers „Magier der Märkte“ steht sie nicht. Der rechnerische Effekt ist erheblich: Bei einem Verhältnis von 5:1 darf ein Trader in vier von fünf Fällen falsch liegen und liegt nach fünf Trades trotzdem leicht im Plus. Ein Gewinn von fünf Risikoeinheiten steht vier Verlusten von je einer Einheit gegenüber, übrig bleibt eine Einheit. Die Gewinnschwelle liegt bei einem Treffer aus sechs Trades. Jones hat daraus die Haltung abgeleitet, dass die Trefferquote zweitrangig ist, solange die Verluste klein bleiben.

Dazu kommt die Positionsgröße. Einen festen Prozentsatz pro Trade nennt Jones nicht. Auf die Frage, wie viel er pro Trade riskiere, antwortete er Jack Schwager: „I don’t break it down trade by trade.“ Er steuert das Risiko über das ganze Depot: Fällt das Kapital an einem Tag um 1 bis 2 Prozent, stellt er unter Umständen alles glatt, dazu kommt eine monatliche Verlustgrenze, und einen zweistelligen Monatsverlust will er nie erleben. Nur wenn der einzelne Fehler klein bleibt, lässt sich eine These über Monate halten.

Die vierte Regel hat Jones gegenüber Jack Schwager knapp formuliert: „Don’t ever average losers.“ Ein handgeschriebenes Blatt mit dem Satz „Losers average losers“ an seiner Bürowand ist von einem bekannten Foto überliefert.

„Losers average losers“ ist Paul Tudor Jones‘ Grundsatz, eine Verlustposition niemals nachzukaufen.

Verbilligen fühlt sich nach Disziplin an, ist aber das Gegenteil. Wer nachkauft, vergrößert das Risiko genau dann, wenn die ursprüngliche Annahme bereits widerlegt ist. Für Jones ist das der einzelne Fehler, der Karrieren beendet.

Übertragbar sind diese vier Regeln auch mit kleinem Konto, weil keine davon Kapital voraussetzt:

  • Ein fester Risikodeckel pro Trade: Rechne die Positionsgröße aus dem Abstand zum Stop, nicht aus dem Bauchgefühl. Wie das konkret geht, zeigt der Beitrag zur Positionsgrößenberechnung.
  • Ein Mindest-Chance-Risiko-Verhältnis: Trades ohne ausreichendes Verhältnis gar nicht erst eingehen. Was das für den Erwartungswert bedeutet, rechnet die Trading-Mathematik an echten Trades vor.
  • Eine mechanische Ausstiegslinie: Der 200-Tage-Durchschnitt (GD 200) ist eine Möglichkeit, es geht auch mit einer anderen festen Marke. Wichtig ist, dass sie vor dem Einstieg feststeht.
  • Kein Nachkaufen im Verlust: Diese Regel braucht keine Ausnahme und verträgt auch keine.

Die Grafik fasst die vier Regeln so zusammen, wie sie im Zusammenspiel funktionieren. Keine davon wirkt allein: Der Ausstieg ohne Positionsgröße ist genauso wertlos wie ein gutes Chance-Risiko-Verhältnis, das im Verlust aufgeweicht wird.

Paul Tudor Jones Risikoregeln: 200-Tage-Durchschnitt, Chance-Risiko-Verhältnis 5:1, Verlustgrenzen für das ganze Depot und kein Nachkaufen im Verlust
Vier Regeln, die zusammengehören. Fällt eine weg, tragen die anderen drei nicht mehr.

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Was Paul Tudor Jones über Handelspsychologie sagt

Jones spricht auffällig selten über Gewinne und auffällig oft über Verlustvermeidung. Sein bekanntester Satz dazu lautet sinngemäß, er denke ständig ans Geldverlieren, nicht ans Geldverdienen. Die Aufgabe sei nicht, den nächsten großen Trade zu finden, sondern das Kapital zu schützen.

Daraus folgt eine Haltung, die vielen Tradern schwerfällt: Er behandelt seine eigene Meinung als Wegwerfartikel. Eine Position, die gegen ihn läuft, wird nicht verteidigt, sondern geschlossen. Danach darf dieselbe Idee auch wieder neu aufgesetzt werden, wenn der Markt es hergibt. Diese Trennung von Meinung und Position ist der Punkt, an dem die meisten privaten Trader scheitern.

Der dritte Baustein ist Demut gegenüber dem eigenen Erfolg. Nach großen Gewinnserien ist Jones laut Schwager besonders darauf bedacht, nicht übermütig zu werden. Seine Größenregel aus „Magier der Märkte“ lautet dabei: Positionen verkleinern, wenn es schlecht läuft, und vergrößern, wenn es gut läuft. Das Gegenmittel gegen Übermut ist also Wachsamkeit in guten Phasen, kein automatisches Verkleinern.

Wie ähnlich diese Gedanken bei ganz unterschiedlichen Tradern auftauchen, zeigt der Vergleich über die Generationen hinweg mit Jesse Livermore, der schon in den 1920er-Jahren zum selben Ergebnis kam und trotzdem daran scheiterte, sich selbst daran zu halten.

„Trader“: die Dokumentation, die er zurückziehen ließ

1987 begleitete ein Team von PBS den damals 32-jährigen Jones bei der Arbeit. Der Film mit dem Titel „Trader“ wurde vor dem Crash gedreht, einen gesicherten Sendetermin haben wir nicht gefunden. Er zeigt ihn im Büro, am Telefon und dabei, wie er einen Crash vorhersagt.

In den 1990er-Jahren ließ Jones den Film aus dem Verkehr ziehen. Eine eigene öffentliche Begründung von ihm ist nicht bekannt, die New York Times schrieb 2007, er wolle Abstand zu dieser Version seiner selbst. Kopien kursieren bis heute im Netz, offiziell verfügbar ist der Film nicht. Für Trader ist er trotzdem sehenswert, weil er etwas zeigt, das in Interviews systematisch fehlt: die Zeit zwischen den Trades, das Warten, das Zurücknehmen von Positionen, die Fehlgriffe.

Eine plausible Erklärung liefert der Film selbst. Er zeigt einen sehr jungen Mann, der Dinge sagt, die ein Milliardär mit Stiftung und öffentlicher Rolle so nicht mehr sagen würde. Belegt ist diese Deutung nicht, sie bleibt Spekulation.

Lesetipp: Börsenfilme, Finanzfilme und Wirtschaftsfilme: das komplette Verzeichnis

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Kritische Einordnung: was die Legende auslässt

Zur Ehrlichkeit gehört, dass die Erzählung vom unfehlbaren Macro-Trader an mehreren Stellen bröckelt. Vier Punkte gehören dazu.

Dieselbe nüchterne Betrachtung lohnt bei anderen Wall-Street-Legenden. Im Portrait über Carl Icahn steht am Ende ausgerechnet seine eigene Holding als Gegenbeispiel zu seiner eigenen Lehre.

Der Regelverstoß von 1994. Die US-Börsenaufsicht SEC warf Tudor Investment vor, im März 1994 gegen die damals geltende Short-Sale-Regel verstoßen zu haben. Konkret ging es um Leerverkäufe in 27 der 30 Dow-Werte an zwei Handelstagen. Das Verfahren wurde 1996 durch einen Vergleich ohne Schuldeingeständnis beendet. Die Einzelheiten nennt die Mitteilung der SEC vom 12. September 1996. Im November 2007 hob die SEC ihre Anordnung von 1996 auf Antrag von Tudor wieder auf.

Die Renditen sind nicht mehr die von 1987. Die spektakulären Jahre liegen in den Achtzigern und frühen Neunzigern. Ein Haus, das 17 Milliarden Dollar verwaltet, kann nicht mehr so agil handeln wie ein Fonds mit wenigen hundert Millionen. Das ist keine Kritik an Jones, sondern ein struktureller Effekt: Größe kostet Rendite.

Der 1987er-Trade wird überhöht. Das Modell stammte von Peter Borish, nicht von Jones. Der Zeitpunkt lag daneben. Ausgezeichnet hat ihn die Umsetzung und das Risikomanagement, nicht die Prognose. Wer die Geschichte als Beleg dafür liest, dass sich Crashs vorhersagen lassen, zieht die falsche Lehre.

Seine Marktaussagen sind keine Handelssignale. Jones äußert sich regelmäßig im Fernsehen. Was er dort sagt, ist eine Momentaufnahme seiner Positionierung, die er innerhalb von Tagen ändern kann und auch ändert. Wer eine solche Aussage als Einstiegssignal nimmt, handelt eine Position, deren Ausstieg er nicht kennt.

Paul Tudor Jones heute: Bitcoin, Gold und der KI-Bullenmarkt

Mit 72 Jahren ist Jones weiter aktiv und äußert sich häufiger öffentlich als früher. Drei Positionen prägen seine aktuellen Auftritte.

Bei Bitcoin ist er seit 2020 investiert, damals als Absicherung gegen die von ihm erwartete Geldentwertung. Im April 2026 ging er weiter und nannte Bitcoin im Podcast „Invest Like the Best“ den besten Inflationsschutz, mehr noch als Gold, wie CoinDesk berichtete. Begründung ist das begrenzte Angebot, während die Goldmenge jedes Jahr wächst.

Beim KI-Bullenmarkt ist seine Haltung zweigeteilt. Am 7. Mai 2026 sagte er bei CNBC, der Anstieg habe noch ein bis zwei Jahre, und zog den Vergleich mit 1999. Er ist investiert, hält die Bewertungen aber für hoch und rechnet mit scharfen Korrekturen am Ende. Sein Bild dafür stammt schon aus einem CNBC-Interview vom Oktober 2025: Wer mitspiele, brauche „happy feet“, müsse also jederzeit sprungbereit sein. Am 13. Oktober 2026 wurde er vorsichtiger und sagte bei CNBC, 2027 werde für den Aktienmarkt ein sehr schwieriges Jahr.

Dieses Nebeneinander ist typisch für ihn. Er handelt die Bewegung und misstraut ihr gleichzeitig, weil beides kein Widerspruch ist, solange der Ausstieg definiert bleibt. Wie sich der Kryptomarkt aktuell entwickelt, verfolgen wir laufend in der Bitcoin-Prognose.

Was du als Trader konkret übernehmen kannst

Nicht alles an Jones‘ Arbeit ist übertragbar. Sein Kapital, sein Research-Team und sein Marktzugang sind es nicht. Vier Dinge sind es sehr wohl.

  • Der Ausstieg wird vor dem Einstieg festgelegt. Jones weiß bei jeder Position, wo sie beendet ist. Diese Marke ist mechanisch und nicht verhandelbar, sobald der Trade läuft.
  • Das Risiko bestimmt die Größe, nicht die Überzeugung. Feste Verlustgrenzen für den Tag und den Monat sorgen dafür, dass keine einzelne Meinung das Konto gefährdet. Die Grundlagen dazu stehen im Risikomanagement im Trading.
  • Der Markt hat immer recht, die These nie. Läuft der Kurs gegen dich, ist die Annahme widerlegt. Neu einsteigen darfst du danach jederzeit, verteidigen nie.
  • Nach Gewinnserien wachsam bleiben. Der gefährlichste Moment ist nicht der Verlust, sondern die Serie von Gewinnen, die das Risikogefühl verschiebt.

Wer diese vier Punkte in ein eigenes Regelwerk gießt, hat den Kern dessen, was Jones von der Mehrheit unterscheidet. Ob daraus eine tragfähige Systematik wird, hängt daran, ob dein Ansatz überhaupt einen statistischen Vorteil hat. Wie du das prüfst, zeigt der Beitrag zur Trading Edge.

Lesetipp: Die besten Trading-Sprüche und Trading-Zitate

Fazit: warum Jones anders ist als die meisten Legenden

Ich habe die Ära, aus der Jones stammt, als aktiver Trader miterlebt. Der Crash von 1987 war für mich kein Kapitel in einem Buch, sondern ein Handelstag. Und ich erinnere mich gut daran, wie viele Marktteilnehmer damals hinterher erklärten, sie hätten es kommen sehen. Der Unterschied zu Jones ist, dass bei ihm die Position vorher da war, nicht die Erklärung hinterher.

An seinem Handwerk schätze ich die Nüchternheit. Jones benutzt einen gleitenden Durchschnitt, ein festes Chance-Risiko-Verhältnis und eine kleine Positionsgröße. Das hört jeder Anfänger in der ersten Woche, und fast niemand hält es über Jahre durch. Sein Vorsprung liegt nicht im Werkzeug, sondern in der Konsequenz.

Wovon ich abraten würde: Jones als Orakel zu behandeln. Seine Fernsehauftritte sind Momentaufnahmen, keine Signale, und die Geschichte von 1987 taugt nicht als Beleg dafür, dass sich Crashs vorhersagen lassen. Sie taugt als Beleg dafür, dass man mit einem falschen Timing und einem richtigen Risikorahmen trotzdem sehr gut abschneiden kann. Das ist die brauchbarere Lehre.

Häufige Fragen zu Paul Tudor Jones

Ist Paul Tudor Jones ein Milliardär?

Ja. Forbes beziffert sein Vermögen auf 8,1 Milliarden Dollar (Echtzeit-Schätzung, Stand 19. Oktober 2026). Der größte Teil stammt aus seiner Beteiligung an der Tudor Investment Corporation, die nach Forbes rund 17 Milliarden Dollar verwaltet.

Was machte Paul Tudor Jones berühmt?

Seine Short-Positionen vor dem Börsencrash am 19. Oktober 1987. Während der Dow Jones an diesem Tag 22,6 Prozent verlor, beendete sein Fonds das Jahr mit 125,9 Prozent Rendite nach Gebühren und einem geschätzten Gewinn von rund 100 Millionen Dollar.

Welche Strategie handelt Paul Tudor Jones?

Er handelt Global Macro: Die Richtung leitet er aus Zinsen, Währungen und Verschuldung ab, den Einstieg und den Ausstieg bestimmt er über den Chart. Umgesetzt werden die Ideen überwiegend über Futures, nicht über einzelne Aktien.

Welchen Indikator nutzt Paul Tudor Jones?

Den 200-Tage-Durchschnitt. Er hat ihn als seine Kennzahl für alles bezeichnet, was er sich ansieht. Fällt ein Markt unter diese Linie, reduziert er die Position oder steigt vollständig aus.

Wie viel riskiert Paul Tudor Jones pro Trade?

Einen festen Prozentsatz pro Trade nennt er nicht. In „Magier der Märkte“ sagt er, er rechne nicht Trade für Trade, sondern steuere das Risiko über das ganze Depot, mit Verlustgrenzen für den Tag und den Monat. Dazu kommt ein angestrebtes Chance-Risiko-Verhältnis von 5:1. Damit liegt ein Trader bei einem Treffer aus fünf Trades leicht im Plus, die Gewinnschwelle liegt bei einem Treffer aus sechs.

Was sagt Paul Tudor Jones über Bitcoin?

Er hält Bitcoin für den besten Inflationsschutz, auch gegenüber Gold. Investiert ist er seit 2020, damals als Absicherung gegen erwartete Geldentwertung. Seine Begründung ist das begrenzte Angebot von Bitcoin, während die Goldmenge jedes Jahr wächst.

Warum ist die Dokumentation „Trader“ nicht offiziell erhältlich?

Der Film entstand 1987 bei PBS und wurde vor dem Crash gedreht. In den 1990er-Jahren ließ Jones ihn aus dem Verkehr ziehen, eine eigene öffentliche Begründung von ihm ist nicht bekannt. Kopien kursieren im Netz, eine offizielle Veröffentlichung gibt es nicht.

Über den Autor: Karsten Kagels

Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer der Kagels Trading GmbH und handelt seit 1980 als diskretionärer Price-Action-Trader. Seine Märkte sind Forex, Aktienindizes, Rohstoffe und Zinsmärkte.

In den späten 1980er-Jahren übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter. Über 17 Jahre war er Repräsentant von Joe Ross in Deutschland und brachte dessen zehn Bücher ins Deutsche. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.

Den Crash von 1987, mit dem der Name Paul Tudor Jones bis heute verbunden ist, hat Karsten als aktiver Trader miterlebt. Dieselbe Phase prägte auch seine eigene Arbeit: Die Rohstofftrends der Siebziger und die Währungsverwerfungen der Achtzigerjahre waren sein Marktumfeld, als Jones seine ersten Fonds aufbaute.

Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.

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