Der Kagi-Chart ist der stillste unter den Charttypen ohne Zeitachse. Er zeichnet eine einzige durchgehende Linie, die nur die Richtung wechselt, wenn der Kurs sich um einen festgelegten Betrag gegen die laufende Bewegung dreht. Sein eigentliches Signal ist aber nicht die Richtung, sondern die Dicke der Linie.
Genau das unterscheidet ihn von Renko und Point and Figure. Am DAX gemessen: Bei einer Umkehrschwelle von 100 Punkten zeichnete der Kagi-Chart zehn Wendepunkte, aber nur vier Signalwechsel. Er zeigt also viel Bewegung und wenig Handlungsaufforderung. Dieser Artikel erklärt den Aufbau, die Wahl der Umkehrschwelle und zeigt im direkten Vergleich, wann welcher der drei zeitlosen Charttypen der richtige ist. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.
Kagi Charts erklärt in 30 Sekunden
- Keine Zeitachse: Die Linie bewegt sich nur, wenn sich der Kurs bewegt. Steht der Markt still, passiert im Chart nichts.
- Umkehrschwelle: Erst wenn der Kurs um den festgelegten Betrag gegen die laufende Richtung dreht, knickt die Linie ab. Alles darunter wird ignoriert.
- Schulter und Taille: Ein lokales Hoch der Linie heißt Schulter, ein lokales Tief Taille. Sie sind die Bezugspunkte für jedes Signal.
- Yang und Yin: Bricht die Linie über die letzte Schulter, wird sie dick und grün (Yang). Fällt sie unter die letzte Taille, wird sie dünn und rot (Yin). Dieser Wechsel ist das Signal, nicht die Richtung.
- Wenige Signale: Im DAX-Beispiel dieses Artikels standen zehn Wendepunkten nur vier Signalwechsel gegenüber.
- Herkunft: Der Chart stammt aus dem Japan des 19. Jahrhunderts, aus der Zeit der Reisbörsen, und ist damit ein Verwandter der Candlestick-Charts.
Was ist ein Kagi-Chart?
Ein Kagi-Chart ist eine Kursdarstellung ohne Zeitachse, die den Verlauf als eine einzige durchgehende Linie aus senkrechten und waagerechten Abschnitten zeichnet. Die Linie wechselt die Richtung erst, wenn der Kurs sich um eine festgelegte Umkehrschwelle gegen die laufende Bewegung dreht. Ihre Dicke zeigt an, ob zuletzt ein Hoch oder ein Tief gebrochen wurde.
Der Name stammt aus dem Japanischen und bezeichnet den Schlüssel, genauer den Schlüsselgriff, dessen Form die Linie nachzeichnet. Entwickelt wurde die Darstellung im 19. Jahrhundert an den japanischen Reisbörsen, in derselben Tradition wie die Candlestick-Charts.
Der praktische Unterschied zu einem Linienchart ist die Filterfunktion. Ein Linienchart verbindet Schlusskurse und zappelt mit jeder Bewegung mit. Der Kagi-Chart ignoriert alles, was unterhalb der Umkehrschwelle bleibt, und zeichnet erst weiter, wenn eine echte Gegenbewegung stattfindet.
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Wie der Kagi-Chart aufgebaut wird
Der Aufbau folgt zwei Regeln, die zusammen alles bestimmen. Die erste betrifft die Bewegung der Linie, die zweite ihre Dicke.
Schultern und Taillen
Solange der Kurs in die laufende Richtung weitergeht, verlängert sich die senkrechte Linie. Dreht er um mehr als die Umkehrschwelle, entsteht ein kurzer waagerechter Abschnitt, und die Linie läuft in die Gegenrichtung weiter. An dieser Stelle bleibt ein Wendepunkt stehen.
Diese Wendepunkte haben eigene Namen: Ein lokales Hoch heißt Schulter, ein lokales Tief Taille. Sie sind keine Verzierung, sondern die Bezugspunkte, an denen sich jedes Kagi-Signal entscheidet.

Yang-Linie und Yin-Linie
Jetzt kommt die Besonderheit, die den Kagi-Chart von allen anderen unterscheidet. Steigt die Linie über die letzte Schulter, wird sie dick und grün. Das ist die Yang-Linie. Fällt sie unter die letzte Taille, wird sie dünn und rot. Das ist die Yin-Linie.
Die Linie kann also nach oben laufen und trotzdem dünn und rot bleiben, solange sie die letzte Schulter nicht überschreitet. Genau darin liegt der Filter: Richtungswechsel gibt es viele, Signalwechsel wenige. Im Chart oben stehen zehn Wendepunkten nur vier Wechsel zwischen Yang und Yin gegenüber.
Die Umkehrschwelle richtig wählen
Die Umkehrschwelle ist beim Kagi-Chart der einzige Parameter, vergleichbar mit der Boxgröße bei Point and Figure oder der Ziegelgröße bei Renko. Sie legt fest, wie viel Gegenbewegung nötig ist, damit die Linie abknickt.
Üblich sind drei Wege: ein fester Betrag in Punkten, Pips oder Cent, ein Prozentsatz des Kurses oder der ATR als schwankungsabhängiger Wert. Der ATR hat den Vorteil, dass sich die Schwelle in ruhigen Phasen automatisch verengt und in hektischen weitet.

Die Wirkung ist eindeutig: Bei einer Schwelle von 60 Punkten zeichnete der DAX im Beispielzeitraum 20 Wendepunkte, bei 100 Punkten noch 10 und bei 150 Punkten nur noch 8. Wer die Schwelle zu klein wählt, bekommt einen unruhigen Chart und verliert den Vorteil der Methode. Wer sie zu groß wählt, sieht Umkehrungen erst, wenn ein guter Teil der Bewegung gelaufen ist.
Als Faustregel hat sich bewährt, die Schwelle in der Größenordnung des eigenen Stop-Abstands anzusetzen. Dann passt die Empfindlichkeit des Charts zu dem Risiko, das ohnehin je Trade getragen wird.
Kagi, Renko oder Point and Figure?
Alle drei kommen ohne Zeitachse aus, und alle drei filtern Kursrauschen. Trotzdem sind sie nicht austauschbar. Der folgende Chart zeigt denselben DAX-Verlauf in allen drei Darstellungen, jeweils mit demselben Wert von 25 Punkten.

Die Zahlen zeigen, wie unterschiedlich die drei mit denselben Vorgaben umgehen. Renko zeichnet mit Abstand am meisten Elemente, weil jeder volle Ziegel eine neue Spalte bekommt. Point and Figure fasst zusammen, solange die Richtung hält, und braucht für die Umkehr drei Boxen. Kagi liegt dazwischen, trennt aber als einziger zwischen Bewegung und Signal.
| Charttyp | Umkehr | Elemente im Beispiel |
|---|---|---|
| Point and Figure | frei wählbar, meist 3 Boxen | 41 Säulen |
| Renko | bauartbedingt 2 Ziegel | 71 Ziegel |
| Kagi | frei wählbar über die Schwelle | 39 Wendepunkte |
Daraus ergibt sich eine praktische Aufteilung. Der Renko-Chart eignet sich, wenn der Trendverlauf als Treppe sichtbar sein soll. Der Point-and-Figure-Chart ist stark bei Unterstützungen, Widerständen und der Kurszielbestimmung. Der Kagi-Chart spielt seine Stärke aus, wenn es um die Frage geht, ob ein Trend noch intakt ist, ohne dass jede Gegenbewegung gleich als Signal gilt.
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Wie du Kagi-Signale liest
Die Signallogik ist kurz erklärt, weil sie nur aus zwei Regeln besteht. Sie machen den Chart für Trendfolger interessant und für Umkehrjäger unbrauchbar.
- Kaufsignal: Die Linie überschreitet die letzte Schulter und wechselt von dünn und rot auf dick und grün. Erst dieser Wechsel zählt, nicht schon die Aufwärtsbewegung.
- Verkaufssignal: Die Linie unterschreitet die letzte Taille und wechselt von dick und grün auf dünn und rot.
- Kein Signal: Eine Aufwärtsbewegung, die unter der letzten Schulter bleibt, ändert nichts. Der Chart bleibt dünn und rot, obwohl der Kurs steigt.
Die dritte Regel ist die wichtigste und zugleich die, an der die meisten scheitern. Wer beim ersten grünen Abschnitt kauft, hat das Prinzip nicht verstanden: Die Farbe wechselt erst, wenn ein vorheriges Extrem gebrochen ist.
Praktisch heißt das: Steigende Schultern sprechen für einen intakten Aufwärtstrend, fallende Taillen für einen Abwärtstrend. Bleiben beide auf ähnlicher Höhe, liegt eine Seitwärtsphase vor, und die Signale wechseln sich in kurzem Abstand ab. Das ist die Situation, in der ein Kagi-Chart am meisten Geld kostet.
Vor- und Nachteile des Kagi-Charts
Wie jeder Filter gewinnt der Kagi-Chart an einer Stelle das, was er an anderer verliert. Die folgende Gegenüberstellung fasst zusammen, was das für die Praxis bedeutet.
Vorteile des Kagi-Charts
- Trennt Bewegung von Signal: Als einziger der drei zeitlosen Charttypen unterscheidet er zwischen Richtungswechsel und Handelssignal. Im Beispiel standen zehn Wendepunkten nur vier Signalwechsel gegenüber.
- Trendstärke auf einen Blick: Steigende Schultern und steigende Taillen zeigen einen intakten Aufwärtstrend, ohne dass eine Trendlinie gezeichnet werden muss.
- Sehr ruhige Darstellung: Die durchgehende Linie ohne Lücken lässt sich schneller erfassen als Säulen oder Ziegel, gerade über längere Zeiträume.
- Ein einziger Parameter: Nur die Umkehrschwelle ist einzustellen. Es gibt keine zweite Stellschraube, an der sich die Darstellung verbiegen ließe.
Nachteile des Kagi-Charts
- Späte Signale: Der Farbwechsel kommt erst, wenn ein vorheriges Extrem gebrochen ist. Bis dahin ist ein Teil der Bewegung gelaufen, oft mehr als beim Renko-Chart.
- Schwach in Seitwärtsphasen: Liegen Schultern und Taillen auf ähnlicher Höhe, wechselt die Farbe in kurzem Abstand hin und her. Jeder dieser Wechsel wäre ein Trade.
- Kein aktueller Kurs, keine OHLC-Daten: Wie Renko und Point and Figure zeigt der Chart weder den letzten gehandelten Kurs noch Eröffnung, Hoch, Tief und Schluss. Für die Orderaufgabe brauchst du einen zweiten Chart.
- Wenig verbreitet: Es gibt kaum deutschsprachige Literatur und wenige Trader, mit denen sich der Ansatz besprechen lässt. Wer einsteigt, arbeitet weitgehend allein.
Wo du Kagi-Charts bekommst
Kagi ist der seltenste der drei zeitlosen Charttypen und in weniger Plattformen enthalten als Renko. Diese vier bieten ihn an.
- TradingView: Kagi liegt im Chart-Typ-Menü der Supercharts. Die Umkehrschwelle lässt sich als fester Wert oder über den ATR berechnen. Mehr dazu im Test von TradingView.
- StockCharts.com: In der Chartansicht über Chart Attributes einstellbar, ähnlich wie bei StockCharts für Renko und Point and Figure.
- NinjaTrader und Sierra Chart: Beide bringen Kagi ab Werk mit. Bei Sierra Chart lässt sich die Schwelle zusätzlich in Ticks angeben.
- MetaTrader: Weder MT4 noch MT5 kennen Kagi im Standard. Es gibt Indikatoren im MQL5-Markt, deren Qualität schwankt allerdings stark.
Ein Hinweis zur Einstellung, der oft übersehen wird: Die meisten Plattformen berechnen den Kagi-Chart aus Schlusskursen, so auch laut der Dokumentation von TradingView. Wer stattdessen Hoch und Tief zugrunde legt, bekommt mehr Wendepunkte und frühere Farbwechsel. Beide Varianten sind zulässig, sie müssen nur konsequent beibehalten werden.
Fazit: für wen sich der Kagi-Chart lohnt
Der Kagi-Chart beantwortet eine einzige Frage, die aber sehr sauber: Ist der Trend noch intakt? Solange die Linie dick und grün bleibt, hat der Markt kein vorheriges Tief gebrochen. Alles andere, was zwischendurch passiert, blendet der Chart aus. Für einen Trendfolger ist das genau die richtige Reduktion.
Er ist damit kein Konkurrent zum Kerzenchart, sondern eine zweite Meinung. Ich selbst nutze diese Familie von Charts so: Der Kerzenchart entscheidet über den Einstieg, der zeitlose Chart darüber, ob ich überhaupt in Trendrichtung suche. Für den Einstieg brauchst du den Kagi-Chart nicht, denn er zeigt den aktuellen Kurs gar nicht an.
Wer ihn ausprobieren will, sollte mit einer Umkehrschwelle in Höhe des eigenen Stop-Abstands beginnen und den Chart zwei Wochen neben dem gewohnten laufen lassen. Kommen die Farbwechsel dabei regelmäßig zu spät, ist das kein Fehler der Methode. Es heißt, dass der eigene Handelshorizont kürzer ist als der, für den dieser Chart gebaut wurde. Dann ist der Candlestick-Chart die bessere Wahl.
Häufige Fragen zu Kagi Charts
Was ist ein Kagi-Chart?
Ein Kagi-Chart ist eine Kursdarstellung ohne Zeitachse. Er zeichnet den Verlauf als durchgehende Linie aus senkrechten und waagerechten Abschnitten. Die Richtung wechselt erst, wenn der Kurs sich um die festgelegte Umkehrschwelle gegen die laufende Bewegung dreht.
Woher kommt der Name Kagi?
Der Name stammt aus dem Japanischen und bezeichnet einen Schlüssel beziehungsweise dessen Griff, dessen Form die Linie nachzeichnet. Entwickelt wurde die Darstellung im 19. Jahrhundert an den japanischen Reisbörsen.
Was bedeuten dicke und dünne Linien im Kagi-Chart?
Die dicke grüne Linie heißt Yang-Linie und entsteht, sobald der Kurs die letzte Schulter überschreitet. Die dünne rote Linie heißt Yin-Linie und entsteht, sobald er unter die letzte Taille fällt. Dieser Wechsel ist das eigentliche Signal, nicht die Richtung der Linie.
Was sind Schultern und Taillen?
Ein lokales Hoch der Kagi-Linie heißt Schulter, ein lokales Tief Taille. An diesen beiden Punkten entscheidet sich jedes Signal: Der Bruch einer Schulter macht die Linie dick, der Bruch einer Taille macht sie dünn.
Wie wähle ich die Umkehrschwelle?
Möglich sind ein fester Betrag, ein Prozentsatz des Kurses oder der ATR. Als Faustregel hat sich die Größenordnung des eigenen Stop-Abstands bewährt. Im DAX-Beispiel dieses Artikels ergaben 60 Punkte Schwelle 20 Wendepunkte, 150 Punkte nur noch acht.
Was ist der Unterschied zwischen Kagi- und Renko-Charts?
Beide kommen ohne Zeitachse aus, unterscheiden sich aber in der Konstruktion. Der Renko-Chart setzt gleich große Ziegel diagonal an und braucht für die Umkehr zwei Ziegelhöhen. Der Kagi-Chart zeichnet eine durchgehende Linie mit frei wählbarer Schwelle und trennt als einziger zwischen Richtungswechsel und Signal. Im selben DAX-Zeitraum ergaben sich 71 Renko-Ziegel gegenüber 39 Kagi-Wendepunkten.
Für welchen Handelsstil eignet sich der Kagi-Chart?
Für trendfolgende Ansätze mit Haltedauern über mehrere Tage. In Seitwärtsphasen wechselt die Farbe in kurzem Abstand hin und her, was jeden Wechsel zu einem Fehlsignal macht. Für kurzfristiges Handeln ist er ungeeignet, weil er den aktuellen Kurs nicht anzeigt.
Über den Autor: Karsten Kagels
Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer von Kagels Trading. Er handelt seit 1978 an den Märkten, und zwar diskretionär nach Price Action, nicht nach mechanischen Systemen. Seine Schwerpunkte sind Forex, Aktienindizes, Rohstoffe und Zinsmärkte.
In den 80er-Jahren gab er den ersten Point-and-Figure-Chartdienst im deutschsprachigen Raum heraus, einen reinen Chartdienst ohne Handelsempfehlungen. Er übersetzte die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter und war über 17 Jahre Repräsentant von Joe Ross in Deutschland. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.
Für dieses Thema ist er einschlägig, weil er mit Charts ohne Zeitachse seit Jahrzehnten arbeitet. Die Charts und Messwerte in diesem Artikel stammen aus eigenen Berechnungen auf Basis aktueller DAX-Kursdaten.
Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.








