Die Nachricht kommt fast immer zur Unzeit: eine Mail vom Broker oder ein roter Hinweis in der Handelsplattform. Dein Konto deckt die offenen Positionen nicht mehr. Der Margin Call ist für viele Trader der erste Moment, in dem aus einem abstrakten Risiko ein sehr konkretes Problem wird.
Dabei ist ein Margin Call kein Blitz aus heiterem Himmel. Er kündigt sich an, er folgt festen Regeln, und er lässt sich mit sauberem Risikomanagement fast immer verhindern. In diesem Artikel erkläre ich dir, wie ein Margin Call entsteht, was dann Schritt für Schritt passiert und welche Schutzregeln für dich als Kleinanleger in Deutschland gelten. Ich handle seit 1978 an den Märkten und habe Margin-Dynamik in jedem Crash seitdem live erlebt.
Am Ende weißt du, wie du dein Konto so aufstellst, dass der Broker dich nie zwangsliquidieren muss. Die vier Vermeidungsregeln am Schluss sind dieselben, nach denen ich meine eigenen Futures-Positionen manage. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.
Margin Call: das Wichtigste in 30 Sekunden
- Margin Call: Das ist die Aufforderung des Brokers, Kapital nachzuschießen oder Positionen zu schließen, weil dein Kontoguthaben unter die erforderliche Mindestsicherheit (Maintenance Margin) gefallen ist.
- Zwangsglattstellung: Reagierst du nicht, schließt der Broker deine Positionen selbst. Bei CFDs passiert das automatisch, sobald dein Eigenkapital unter 50 Prozent der hinterlegten Initial Margin fällt.
- Nachschusspflicht: Für Kleinanleger im CFD-Handel ist sie in Deutschland seit 2017 verboten. Bei Futures ist der Vertrieb mit Nachschussrisiko seit Anfang 2023 stark eingeschränkt.
- Vermeidung: Kleine Positionsgrößen, konsequente Stop-Loss-Orders und eine niedrige Margin-Auslastung machen einen Margin Call praktisch unmöglich.
Was ist ein Margin Call?
Ein Margin Call ist die Aufforderung des Brokers an einen Trader, zusätzliches Kapital einzuzahlen oder Positionen zu schließen, weil das Guthaben auf dem Handelskonto unter die erforderliche Mindestsicherheit (Maintenance Margin) gefallen ist.
Der Name stammt aus einer Zeit, in der der Broker tatsächlich zum Telefonhörer griff. Heute kommt der „Anruf” als Mail, als Push-Nachricht oder schlicht als roter Warnhinweis in der Plattform. Bei den meisten modernen Brokern entfällt sogar die Warnung: Das System stellt automatisch glatt, sobald die Schwelle gerissen ist.
Um den Mechanismus zu verstehen, brauchst du nur einen Begriff: die Margin. Die Margin ist die Sicherheitsleistung, die du beim gehebelten Handel hinterlegst. Du bewegst also mehr Kapital, als auf deinem Konto liegt. Wie dieses Prinzip im Detail funktioniert, liest du im Guide zum Margin-Trading, die Mechanik des Hebels erklärt der Artikel zum Hebel-Trading. Hier geht es nur um den Moment, in dem diese Sicherheit nicht mehr ausreicht.
Die Maintenance Margin ist die Mindestsicherheit, die dauerhaft auf dem Konto liegen muss, um eine offene Position zu halten.
Festgelegt wird diese Schwelle bei börsengehandelten Futures von der Börse beziehungsweise ihrem Clearinghaus, etwa der CME mit ihrem SPAN-Modell. Bei außerbörslichen Produkten wie CFDs setzt der Broker die Margin selbst fest. Wichtig für dich: Der Broker darf die Anforderung der Börse jederzeit erhöhen, um sein eigenes Risiko abzudecken. Genau das passiert regelmäßig vor Wahlen, Notenbankterminen oder in Crash-Phasen.
Wie entsteht ein Margin Call? Ein Beispiel mit Zahlen
Ob dein Konto gefährdet ist, zeigt eine einzige Kennzahl: das Margin-Level. Die Formel ist simpel: Eigenkapital geteilt durch genutzte Margin, mal 100.
Das Margin-Level ist das Verhältnis von Eigenkapital zu genutzter Margin in Prozent. Es zeigt, wie nah ein Handelskonto am Margin Call ist.
Die Initial Margin ist die Sicherheitsleistung, die beim Eröffnen einer gehebelten Position hinterlegt werden muss.
Rechnen wir das an einem realistischen Fall durch. Du hast 10.000 Euro auf dem Konto und kaufst einen DAX-CFD mit Hebel 20:1 im Gegenwert von 100.000 Euro. Wie der CFD-Handel grundsätzlich funktioniert, setze ich hier voraus. Die Rechnung sieht so aus:
- Initial Margin: 5 Prozent von 100.000 Euro. Du hinterlegst also 5.000 Euro als Sicherheit, die anderen 5.000 Euro sind freie Margin.
- Der Markt fällt um 3 Prozent: Deine Position verliert 3.000 Euro. Dein Eigenkapital sinkt auf 7.000 Euro, das Margin-Level auf 140 Prozent. Noch kein Alarm, aber der Puffer schmilzt.
- Der Markt fällt um 7,5 Prozent: Der Verlust beträgt jetzt 7.500 Euro, dein Eigenkapital nur noch 2.500 Euro. Das sind exakt 50 Prozent der hinterlegten Initial Margin: Ab hier muss dein CFD-Broker die Position automatisch schließen.

Halte kurz inne bei diesem Ergebnis: Ein Rückgang von 7,5 Prozent im Index hat 75 Prozent deines Kontos vernichtet. Das ist die Kehrseite des Hebels, und sie ist der eigentliche Grund, warum Margin Calls existieren.
Margin Call trotz profitablem Trade?
Ja, das gibt es, und es verwirrt viele Trader. Der Margin Call bezieht sich nämlich auf dein gesamtes Konto, nicht auf die einzelne Position. Drei typische Auslöser:
- Andere Positionen ziehen das Konto runter: Dein Gold-Trade liegt vorn, aber zwei Verlustpositionen fressen das Eigenkapital. Das Margin-Level kennt keine Einzeltrades.
- Der Broker erhöht die Margin-Anforderung: In volatilen Phasen steigen die Margins oft über Nacht. Deine Position ist unverändert profitabel, braucht aber plötzlich mehr Sicherheit.
- Buchgewinne sind keine realisierten Gewinne: Ein Wochenend-Gap oder eine schnelle Gegenbewegung kann einen Buchgewinn in Minuten in einen Verlust drehen, bevor du reagieren kannst.
Was passiert bei einem Margin Call?
Der Ablauf folgt bei fast allen Brokern demselben Muster in drei Stufen, nur das Tempo unterscheidet sich:
- Warnung: Das Margin-Level nähert sich der kritischen Schwelle. Viele Plattformen markieren das Konto gelb oder rot und verschicken eine Nachricht. Jetzt kannst du noch selbst entscheiden: Kapital nachschießen oder Positionen reduzieren.
- Margin Call: Die Schwelle ist erreicht. Ab jetzt läuft die Zeit, und zwar oft kürzer, als du denkst. Manche Broker geben Stunden, viele gar keine Frist.
- Zwangsglattstellung: Der Broker schließt Positionen, bis die Margin wieder gedeckt ist. Welche Position zuerst fällt, entscheidet sein System, nicht du.
Eine Zwangsglattstellung (Liquidation) ist das automatische Schließen offener Positionen durch den Broker, sobald die Margin-Deckung auf dem Handelskonto nicht mehr ausreicht.
Ein Punkt steht in fast jeder Brokervereinbarung und wird trotzdem ständig überlesen: Der Broker ist nicht verpflichtet, dich vorzuwarnen. Interactive Brokers etwa liquidiert grundsätzlich automatisiert und ohne Anruf, sobald die Anforderungen verletzt sind. Die Verantwortung, das eigene Konto zu überwachen, liegt zu 100 Prozent bei dir.
Im Futures-Handel kommt eine Besonderheit dazu: Positionen werden täglich abgerechnet (Mark to Market). Verluste verlassen dein Konto also jeden Abend real, nicht erst beim Schließen der Position. Ein Margin Call kann dich hier auch treffen, wenn du die Position eigentlich durchhalten wolltest.
Wie schnell es ernst wird, zeigt der Flash Crash vom 6. Mai 2010: Der S&P 500 verlor innerhalb von Minuten rund 6 Prozent, bevor er sich erholte. Wer an diesem Tag mit hoher Margin-Auslastung unterwegs war, wurde glattgestellt, und zwar zu den schlechtesten Kursen des Tages. Die Erholung danach fand ohne diese Trader statt.

Nachschusspflicht in Deutschland: Was BaFin und ESMA regeln
Die Angst, nach einem Margin Call auf einem Schuldenberg zu sitzen, stammt aus einer anderen Zeit. Für dich als Kleinanleger hat der Gesetzgeber hier klare Schutzmauern eingezogen.
Die Nachschusspflicht ist die Verpflichtung, Verluste über das eingezahlte Kapital hinaus aus eigener Tasche auszugleichen. Für Kleinanleger im CFD-Handel ist sie in Deutschland seit 2017 verboten.
Die BaFin hat CFDs mit Nachschusspflicht für Privatkunden bereits im Mai 2017 untersagt und dieses Verbot mit ihrer Allgemeinverfügung vom 23. Juli 2019 dauerhaft festgeschrieben. Sie übernahm damit die ESMA-Schutzstandards in deutsches Recht. Konkret gelten drei Regeln:
- Negativsaldoschutz: Du kannst nie mehr verlieren, als auf deinem CFD-Konto liegt. Rutscht das Konto durch eine Kurslücke ins Minus, trägt der Broker die Differenz.
- 50-Prozent-Glattstellungsregel: Fällt dein Eigenkapital unter die Hälfte der hinterlegten Initial Margin, muss der Broker Positionen schließen. Diese Regel ist nicht verhandelbar.
- Hebelbegrenzung: Die maximale Hebelwirkung ist je Basiswert gedeckelt, damit die Margin-Spirale gar nicht erst außer Kontrolle gerät.
Die Hebelgrenzen im Überblick:
| Basiswert | Max. Hebel | Initial Margin |
|---|---|---|
| Große Währungspaare | 30:1 | 3,33 % |
| Übrige Währungspaare, Gold, große Indizes | 20:1 | 5 % |
| Andere Rohstoffe, übrige Indizes | 10:1 | 10 % |
| Einzelaktien und sonstige Werte | 5:1 | 20 % |
| Kryptowährungen | 2:1 | 50 % |
Eine Lücke bleibt: Diese Regeln gelten nur für Kleinanleger bei EU-regulierten Brokern. Wer sich als professioneller Kunde einstufen lässt oder bei einem Offshore-Broker handelt, verzichtet auf den kompletten Schutz, inklusive Negativsaldoschutz. Eine Übersicht seriöser Anbieter findest du unter Broker ohne Nachschusspflicht.
Für den Futures-Handel zog die BaFin zum 1. Januar 2023 nach: Ihre Allgemeinverfügung vom 30. September 2022 beschränkt den Vertrieb von Futures an Privatkunden. Broker dürfen dir Futures im Regelfall nur noch anbieten, wenn sie die Nachschusspflicht vertraglich ausschließen. Ausnahmen gelten für Hedging bestehender Grundgeschäfte und das Schließen offener Positionen.
So vermeidest du einen Margin Call
Nach über 45 Jahren an den Märkten kann ich dir sagen: Ich habe noch nie einen Margin Call erhalten. Das ist kein Talent, sondern das Ergebnis von vier langweiligen, aber unverhandelbaren Regeln.
- Positionsgröße vor allem anderen: Riskiere pro Trade nur 1 bis 2 Prozent deines Kontos. Wer nach dieser Regel handelt, kommt rechnerisch gar nicht in die Nähe eines Margin Calls. Die Formeln dazu findest du im Guide zum Risikomanagement.
- Jede Position hat einen Stop: Eine Stop-Loss-Order begrenzt den Verlust, bevor die Margin ins Spiel kommt. Ehrliche Grenze: Bei Kurslücken kann der Stop schlechter ausgeführt werden als gesetzt. Er ist ein Sicherheitsgurt, kein Airbag.
- Margin-Auslastung niedrig halten: Nutze höchstens 30 bis 50 Prozent deiner verfügbaren Margin, der Rest bleibt als Puffer liegen. Freie Margin ist keine verschwendete Rendite, sondern deine Überlebensreserve für den Tag, an dem der Markt verrücktspielt.
- Volatile Phasen ernst nehmen: Vor Notenbankterminen, Wahlen und über das Wochenende steigen Margin-Anforderungen oft sprunghaft. Positionen vorher verkleinern ist billiger, als hinterher dem Broker beim Liquidieren zuzusehen.
Der rote Faden dahinter ist konsequentes Money Management: Du steuerst dein Risiko aktiv, statt den Broker als letzte Instanz entscheiden zu lassen. Der Margin Call ist im Kern nämlich genau das: die Auslagerung deines Risikomanagements an jemanden, dem dein Konto egal ist.
Lesetipp: Wie du Stops an die Schwankungsbreite des Marktes anpasst, zeigt der Artikel zum ATR Stop Loss.
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Fazit: Ein Margin Call ist ein Warnsignal, kein Schicksal
Ein Margin Call ist die letzte Eskalationsstufe eines Problems, das viel früher begonnen hat: zu große Positionen auf zu wenig Kapital. Die Mechanik ist transparent, die Schwellen sind bekannt, und die deutschen Schutzregeln nehmen dir das schlimmste Szenario der Nachschusspflicht ab.
Was sie dir nicht abnehmen: die Zwangsglattstellung zum ungünstigsten Zeitpunkt. Genau deshalb ist die beste Antwort auf den Margin Call, ihn gar nicht erst entstehen zu lassen. Kleine Positionen, feste Stops, niedrige Margin-Auslastung. Wer diese drei Dinge beherzigt, liest über Margin Calls nur noch in Artikeln wie diesem.
Häufige Fragen zum Margin Call
Was passiert bei einem Margin Call?
Der Broker fordert dich auf, Kapital nachzuschießen oder Positionen zu schließen. Reagierst du nicht rechtzeitig, stellt er deine Positionen zwangsweise glatt, bis die erforderliche Margin wieder gedeckt ist. Eine Vorwarnung ist dabei nicht verpflichtend.
Bedeutet ein Margin Call, dass ich Geld schulde?
In der Regel nein. Als Kleinanleger im CFD-Handel schützt dich der Negativsaldoschutz: Du kannst nicht mehr verlieren, als auf dem Handelskonto liegt. Vorsicht gilt bei Offshore-Brokern und bei der Einstufung als professioneller Kunde, dort kann ein negatives Konto zur echten Schuld werden.
Kann ich trotz profitablem Trade einen Margin Call bekommen?
Ja. Der Margin Call bewertet dein gesamtes Konto, nicht den einzelnen Trade. Verluste anderer Positionen, eine Margin-Erhöhung durch den Broker in volatilen Phasen oder ein Wochenend-Gap können das Margin-Level auch dann unter die Schwelle drücken, wenn eine Position im Gewinn liegt.
Bei welchem Margin-Level kommt der Margin Call?
Das legt der Broker fest, üblich sind Warnungen ab etwa 100 Prozent Margin-Level. Bei CFDs für Kleinanleger ist die Zwangsglattstellung einheitlich geregelt: Sie greift, sobald dein Eigenkapital unter 50 Prozent der hinterlegten Initial Margin fällt.
Gibt es Margin Calls auch bei Aktien?
Beim klassischen Aktienkauf mit eigenem Geld nicht: Du kannst maximal deinen Einsatz verlieren. Ein Margin Call droht erst, wenn du Aktien auf Kredit über ein Margin-Konto kaufst oder über Derivate wie CFDs gehebelt handelst.
Was ist der Unterschied zwischen Margin Call und Nachschusspflicht?
Der Margin Call ist die Aufforderung, dein Konto wieder ausreichend zu decken, solange noch Guthaben da ist. Die Nachschusspflicht ginge darüber hinaus: Sie würde dich zwingen, Verluste über dein Guthaben hinaus auszugleichen. Genau diese Pflicht ist für Kleinanleger im CFD-Handel in Deutschland seit 2017 verboten.
Über den Autor: Karsten Kagels
Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer der Kagels Trading GmbH und handelt seit 1978 als diskretionärer Price-Action-Trader. Seine Märkte sind Forex, Aktienindizes, Rohstoffe und Zinsmärkte.
In den späten 1980er-Jahren übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter. Über 17 Jahre war er Repräsentant von Joe Ross in Deutschland und brachte dessen zehn Bücher ins Deutsche. Zwischen 2000 und 2010 gab er Gruppenseminare und private Einzelschulungen.
Mit Margin arbeitet Karsten seit seinem ersten Futures-Konto täglich. Die Regeln in diesem Artikel sind keine Theorie, sondern die Praxis aus über vier Jahrzehnten gehebeltem Handel, durch alle Crashs seit 1987, ohne einen einzigen Margin Call.
Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.




