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Morning Star und Evening Star: wie zuverlässig die Sternformationen wirklich sind

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2026

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Am 14. November 2024 schloss der DAX bei 19.264 Punkten. Zwei Tage zuvor hatte eine lange rote Kerze den Index auf 19.034 gedrückt, danach folgte eine winzige Kerze, die kaum vom Fleck kam. Die dritte Kerze holte den Verlust komplett zurück. Wer das Lehrbuch kennt, hat hier ein Morning Star gesehen und auf die Umkehr gesetzt.

Fünf Handelstage später stand der DAX tiefer als beim Einstieg. Erst danach lief die Bewegung, und zwar bis auf 20.427 Punkte. Genau diese Lücke zwischen Lehrbuch und Chart ist der Grund für diesen Artikel. Ich habe die Formation über 10.164 Tageskerzen aus vier Märkten auswerten lassen und mit dem Zufall verglichen. Das Ergebnis fällt nüchterner aus, als der Ruf des Musters vermuten lässt. Du bekommst hier die messbaren Kriterien, drei echte Charts inklusive eines gescheiterten Signals und die Zahlen dahinter. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.

Morning Star: das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Dreiteiliges Umkehrmuster: Der Morning Star besteht aus einer langen Abwärtskerze, einer kleinen Sternkerze und einer Aufwärtskerze, die tief in die erste zurückläuft.
  • Der Kontext entscheidet: Ohne vorausgehenden Abwärtstrend ist die Formation bedeutungslos. Sie markiert eine Erschöpfung, keine beliebige Kerzenfolge.
  • Der statistische Vorsprung ist klein: In unserer Auswertung lagen die Kurse zehn Tage später in 60,6 % der Fälle höher. Der Zufallswert derselben Märkte liegt bei 59,6 %.
  • Im Devisenmarkt funktioniert es besser: Bei EUR/USD schlug das Muster den Zufall um 3,9 Prozentpunkte, im DAX lag es 2,6 Prozentpunkte darunter.
  • Vier von zehn Signalen scheitern: 39,4 % der Morning Stars standen nach zehn Tagen tiefer, im Mittel 2,59 % gegen die Signalrichtung.
  • Der Evening Star ist das Spiegelbild: Dieselbe Formation am Hoch, mit umgekehrten Vorzeichen und einem deutlicheren Vorsprung auf längere Sicht.

Was ist ein Morning Star?

Ein Morning Star ist ein dreiteiliges Kerzenmuster am Ende eines Abwärtstrends, bei dem auf eine lange Abwärtskerze eine kleine Sternkerze und anschließend eine Aufwärtskerze folgt, die mindestens bis zur Mitte der ersten Kerze zurückläuft.

Der Name stammt aus der japanischen Kerzenchart-Tradition, die Steve Nison in den Neunzigerjahren im Westen bekannt gemacht hat. Gemeint ist der Morgenstern, also die Venus, die vor Sonnenaufgang am Himmel steht. Das Bild trägt die ganze Aussage: Die Formation soll das Ende der Dunkelheit ankündigen.

Wichtig ist die Abgrenzung zu einem gleichnamigen Unternehmen. Morningstar in einem Wort ist ein amerikanisches Fondsanalysehaus, das Investmentfonds mit einem Sterne-Rating bewertet. Mit Kerzencharts hat es nichts zu tun. Wer nach dem Chartmuster sucht, meint Morning Star in zwei Wörtern.

Der eigentliche Vorgang hinter dem Muster ist simpel. Die erste Kerze zeigt Verkäufer in Kontrolle, die zweite zeigt, dass dieser Druck versiegt, und die dritte zeigt die Rückeroberung durch die Käufer. Die Formation beschreibt also einen Machtwechsel über drei Handelstage, nicht ein einzelnes Ereignis. Einen Überblick über die übrigen Formationen findest du in unserer Übersicht der wichtigsten Candlestick-Formationen.

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Anatomie: die drei Kerzen im Detail

Damit aus einer beliebigen Kerzenfolge ein Morning Star wird, müssen alle drei Kerzen ihre Rolle erfüllen. Die folgenden Kriterien sind bewusst messbar formuliert, weil vage Beschreibungen wie „eine kleine Kerze” im echten Chart zu beliebigen Ergebnissen führen. Genau diese Kriterien liegen auch der Auswertung weiter unten zugrunde.

Kerze 1: der bestehende AbwärtstrendAbwärtskerze, Körper mindestens so groß wie der Median der letzten 20 Kerzen
Kerze 2: die ErschöpfungKörper höchstens halb so groß wie bei Kerze 1, Farbe egal
Kerze 3: die RückeroberungAufwärtskerze, Schluss mindestens auf halber Höhe des Körpers von Kerze 1

Die zweite Kerze ist das Herzstück und wird am häufigsten missverstanden. Sie heißt Stern, weil sie im klassischen Lehrbuch nach unten aus dem Kurskörper heraussteht, also mit einer Kurslücke eröffnet. Ihre Farbe spielt keine Rolle. Ist ihr Körper praktisch nicht vorhanden, spricht man vom Morning Doji Star.

Ein Morning Doji Star ist ein Morning Star, dessen mittlere Kerze ein Doji ist, bei dem also Eröffnung und Schluss nahezu identisch sind. Diese Variante gilt als die deutlichere Form, weil das Gleichgewicht zwischen Käufern und Verkäufern besonders klar sichtbar wird.

Hier kommt allerdings ein Punkt dazu, den die meisten deutschsprachigen Darstellungen auslassen. Die Kurslücke ist in liquiden Märkten die Ausnahme. In unserer Auswertung erfüllten nur 45 von 226 Morning Stars die strenge Lehrbuchform, bei der der Sternkörper vollständig unter dem Schluss der ersten Kerze liegt. Das sind 20 %. Im DAX kam diese Form in zehn Jahren nur 13-mal vor.

Noch bemerkenswerter ist, dass die Strenge kaum etwas bringt. Die Lehrbuchform erreichte eine Trefferquote von 60,0 %, die abgeschwächte Form ohne Kurslücke kam auf 60,6 %. Wer also auf das perfekte Gap wartet, wartet meistens vergeblich und gewinnt dadurch nichts.

Morning Star im echten Chart: der DAX im November 2024

Morning Star im DAX Tageschart vom November 2024 mit den drei markierten Kerzen und dem Formationstief bei 18.839 Punkten
Der Morning Star im DAX vom 12. bis 14. November 2024. Der Ausbruch ließ auf sich warten. Chartdarstellung auf Basis von Tagesschlusskursen.

Dieses Beispiel habe ich bewusst gewählt, weil es nicht perfekt verläuft. Die Formation erfüllt alle drei Kriterien und sogar die strenge Lehrbuchform: Die Kerze vom 12. November fiel von 19.261 auf 19.034 Punkte, die Sternkerze am 13. November blieb mit einem Körper von 21 Punkten praktisch stehen und schloss unter dem Vortagesschluss. Die dritte Kerze holte am 14. November mit einem Schluss von 19.264 Punkten den gesamten Verlust zurück.

KerzeEröffnungSchluss
Kerze 1, 12.11.202419.26119.034
Kerze 2 (Stern), 13.11.202419.02419.003
Kerze 3, 14.11.202419.07219.264

Wer am Schluss der dritten Kerze kaufte, saß zunächst im Minus. Fünf Handelstage später notierte der DAX bei 19.146 Punkten, also 0,6 % unter dem Einstieg. Der Index testete die Tiefs ein zweites Mal, bevor die eigentliche Bewegung begann. Nach zwanzig Handelstagen stand er bei 20.427 Punkten und damit 6,0 % im Plus.

Daraus folgt die praktisch wichtigste Lehre dieses Musters. Der Morning Star markiert eine Zone, keinen Zeitpunkt. Das Formationstief bei 18.839 Punkten hielt, und genau darin lag die Information. Wer einen engen Stop direkt unter die dritte Kerze legte, wurde beim zweiten Test ausgestoppt, obwohl das Muster am Ende recht behielt.

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Evening Star: das bärische Spiegelbild

Ein Evening Star ist ein dreiteiliges Kerzenmuster am Ende eines Aufwärtstrends, bei dem auf eine lange Aufwärtskerze eine kleine Sternkerze und anschließend eine Abwärtskerze folgt, die mindestens bis zur Mitte der ersten Kerze zurückläuft.

Die Logik ist identisch, nur eben am Hoch. Der Abendstern kündigt die Dunkelheit an, während der Morgenstern das Licht bringt. Formal sind beide Muster exakt gespiegelt, in der Praxis unterscheiden sie sich aber deutlicher, als es die Symmetrie vermuten lässt. Dazu weiter unten mehr.

Evening Star im DAX Tageschart vom März 2026 mit Doji-Sternkerze am Hoch und anschließendem Kursrückgang
Der Evening Star im DAX vom 26. Februar bis 2. März 2026. Diese Formation entspricht dem Lehrbuch, inklusive Doji am Hoch. Chartdarstellung auf Basis von Tagesschlusskursen.

Dieses Beispiel aus dem März 2026 ist die Lehrbuchform in Reinkultur. Die mittlere Kerze ist ein nahezu perfektes Doji: Sie eröffnete bei 25.294 und schloss bei 25.284 Punkten, ein Körper von 10 Punkten bei einem Index über 25.000. Die dritte Kerze eröffnete mit einer Kurslücke nach unten bei 24.695 Punkten und schloss bei 24.638.

Danach ging es zügig abwärts. Nach fünf Handelstagen lag der DAX bei 23.409 Punkten, ein Rückgang von 5,0 %. Nach zwanzig Handelstagen notierte er bei 22.563 Punkten und damit 8,4 % unter dem Signalschluss. Das Hoch der Sternkerze bei 25.406 Punkten blieb in dieser Zeit unangetastet und lieferte die saubere Stop-Referenz für eine Short-Position.

Was die Sternformationen wirklich leisten: 10.164 Tageskerzen ausgewertet

An dieser Stelle wird es unbequem. Zwei gelungene Chartbeispiele beweisen gar nichts, weil sich zu jedem Muster passende Beispiele finden lassen. Deshalb habe ich die oben genannten Kriterien auf zehn Jahre Tageskerzen aus vier Märkten anwenden lassen und jedes einzelne Signal nachverfolgt.

Der Prüfaufbau: Ausgewertet wurden DAX, S&P 500, Nasdaq 100 und EUR/USD über jeweils rund zehn Jahre, insgesamt 10.164 Tageskerzen. Der Einstieg erfolgt rechnerisch zum Schluss der dritten Kerze. Als Erfolg zählt, wenn der Kurs fünf, zehn oder zwanzig Handelstage später in Signalrichtung steht. Gold und Silber flogen aus der Auswertung, weil die frei verfügbaren Tagesdaten dieser Märkte zu viele fehlerhafte Kerzen enthielten.

Entscheidend ist die Vergleichsgröße, und genau die fehlt in fast allen Darstellungen zu diesem Thema. Eine Trefferquote von 60 % klingt gut, ist aber wertlos, solange man nicht weiß, wie oft der Markt ohnehin steigt.

Die Zufallserwartung ist die Trefferquote, die man erreicht, wenn man an einem beliebigen Tag kauft und nach derselben Haltedauer wieder verkauft. Sie ist der Maßstab, an dem sich jedes Signal messen lassen muss.

HaltedauerMorning Star vs. ZufallVorsprung
5 Tage55,8 % vs. 57,3 %−1,6 Pp
10 Tage60,6 % vs. 59,6 %+1,0 Pp
20 Tage62,4 % vs. 61,2 %+1,2 Pp
Trefferquote des Morning Star gegen die Zufallserwartung derselben Märkte.

Der Vorsprung beträgt gut einen Prozentpunkt. Auf Sicht von fünf Tagen ist er sogar negativ. Das Muster liefert also keinen Vorteil, der einen Trade allein trägt. Es verschiebt die Wahrscheinlichkeiten minimal in die richtige Richtung, mehr nicht.

Noch aufschlussreicher wird es beim Blick auf die einzelnen Märkte. Der Morning Star funktioniert dort am schlechtesten, wo er am häufigsten gezeigt wird.

Markt (Signale)Treffer­quoteVorsprung
EUR/USD (28)53,6 %+3,9 Pp
Nasdaq 100 (66)66,7 %+2,2 Pp
DAX (71)56,3 %−2,6 Pp
S&P 500 (61)62,3 %−3,3 Pp
Trefferquote und Vorsprung jeweils nach zehn Handelstagen.

Im DAX und im S&P 500 schneidet die Formation schlechter ab als der Zufall. Der Grund dafür ist keine Schwäche des Musters, sondern eine Eigenschaft der Märkte: Aktienindizes haben einen strukturellen Aufwärtsdrift. Der S&P 500 stand in den vergangenen zehn Jahren nach zehn Tagen in 65,6 % aller Fälle höher, ganz ohne Signal. Vor diesem Hintergrund sieht jedes Long-Signal gut aus, und die 62,3 % des Morning Star sind eben doch kein Vorteil.

Im Devisenmarkt kehrt sich das Bild um. EUR/USD hat keinen Drift, die Zufallserwartung liegt bei 49,7 %. Hier bringt das Muster tatsächlich einen messbaren Vorsprung. Beim Evening Star fällt dieser Effekt noch deutlicher aus: 65,5 % der Signale liefen in die erwartete Richtung, gegenüber einer Zufallserwartung von 50,2 %. Diese Zahl beruht allerdings auf nur 29 Signalen und ist damit statistisch dünn. Ich führe sie als Hinweis auf, nicht als Beweis.

Beim Evening Star zeigt sich zusätzlich, dass die Haltedauer eine größere Rolle spielt. Nach zwanzig Handelstagen lag der Vorsprung bei 4,5 Prozentpunkten und damit deutlich über dem des Morning Star. Wer gegen den Aufwärtsdrift der Indizes arbeitet, braucht mehr Geduld.

Vorteile der Sternformationen

  • Klar messbar: Die drei Kerzen lassen sich in eindeutige Regeln fassen und damit auch prüfen. Das gilt nicht für jedes Chartmuster.
  • Sauberes Stop-Niveau: Das Formationstief liefert eine natürliche Absicherung, die nicht willkürlich gewählt werden muss.
  • Stärke im Devisenmarkt: Ohne strukturellen Aufwärtsdrift zeigt das Muster bei EUR/USD einen echten Vorsprung.
  • Früh am Wendepunkt: Die Formation entsteht am Tief eines Abwärtstrends und damit dort, wo das Chancen-Risiko-Verhältnis günstig ist.

Nachteile der Sternformationen

  • Sehr kleiner Vorsprung: Über alle Märkte hinweg schlägt der Morning Star den Zufall nur um einen Prozentpunkt.
  • Schwach in Aktienindizes: In DAX und S&P 500 liegt die Trefferquote unter der Zufallserwartung.
  • Vier von zehn Signalen scheitern: 39,4 % standen nach zehn Tagen gegen die Signalrichtung, im Extremfall über 30 %.
  • Kein Timing-Werkzeug: Die Formation markiert eine Zone, der Ausbruch kann Tage später kommen oder ganz ausbleiben.

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Wenn das Muster scheitert: der DAX im März 2020

Gescheiterter Morning Star im DAX Tageschart vom März 2020 mit anschließendem Kurseinbruch während des Corona-Crashs
Ein formal einwandfreier Morning Star im DAX vom 2. bis 4. März 2020. Danach verlor der Index 30 Prozent in zehn Handelstagen. Chartdarstellung auf Basis von Tagesschlusskursen.

Dieses Beispiel gehört in jeden ehrlichen Artikel über Kerzenmuster. Die Formation vom 2. bis 4. März 2020 erfüllte sämtliche Kriterien. Die erste Kerze fiel deutlich, die zweite blieb stehen, die dritte schloss bei 12.128 Punkten und holte den Verlust zurück. Ein Lehrbuchsignal.

Zehn Handelstage später stand der DAX bei 8.442 Punkten. Das entspricht einem Rückgang von 30,4 %. Der Corona-Crash hatte begonnen, und kein Kerzenmuster der Welt konnte das aus drei Tageskerzen ablesen.

Die Lehre daraus ist keine Kritik am Muster, sondern eine Feststellung über seine Reichweite. Ein Kerzenmuster beschreibt das Kräfteverhältnis der vergangenen drei Tage, nicht die Nachrichtenlage der kommenden Wochen. Wer im Februar 2020 die Nachrichtenlage ignorierte und rein auf die Kerzen schaute, bekam ein sauberes Signal in eine Katastrophe hinein. Genau deshalb steht der Marktkontext in meiner Arbeit immer vor dem Muster.

Morning Star, Bullish Engulfing und Hammer: die Unterschiede

Am Tief eines Abwärtstrends entstehen mehrere Umkehrmuster, die leicht verwechselt werden. Der Unterschied liegt in der Anzahl der Kerzen und im gezeigten Vorgang.

Morning Star (3 Kerzen)Verkaufsdruck versiegt über zwei Tage, dann Rückeroberung
Bullish Engulfing (2 Kerzen)Eine Aufwärtskerze umschließt die vorherige Abwärtskerze komplett
Hammer (1 Kerze)Innerhalb eines Tages werden tiefe Kurse abgelehnt
Bottoming Tail (1 Kerze)Langer unterer Docht, Schluss nahe dem Tageshoch

Der Morning Star braucht am meisten Zeit und liefert sein Signal deshalb zuletzt. Das ist Vor- und Nachteil zugleich: Die Bestätigung ist gründlicher, der Einstieg liegt aber höher über dem Tief. Ein Hammer oder ein Bottoming Tail signalisiert früher, dafür unsicherer.

In der Praxis treten diese Muster oft gemeinsam auf. Ist die dritte Kerze eines Morning Star gleichzeitig ein Bullish Engulfing, verstärkt das die Aussage. Wer beide Muster kennt, sieht dann nicht zwei Signale, sondern ein besonders deutliches.

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Wie du den Morning Star handelst

Aus den Zahlen oben folgt eine klare Konsequenz. Die Formation taugt nicht als alleiniger Einstiegsgrund. Bei einem Vorsprung von einem Prozentpunkt entscheidet alles andere über das Ergebnis: der Ort im Chart, die Positionsgröße und der Umgang mit dem Stop.

Der Ort im Chart ist wichtiger als das Muster. Ein Morning Star an einer bestehenden Unterstützung, an einem Vortagestief oder an einer runden Marke hat eine völlig andere Qualität als derselbe Kerzenverlauf mitten im Nirgendwo. Das Muster liefert das Timing, die Marke liefert den Grund.

Der Stop gehört unter das Formationstief, nicht unter die dritte Kerze. Das DAX-Beispiel von 2024 zeigt, warum: Der zweite Test der Tiefs hätte jeden engen Stop erwischt, obwohl die Formation am Ende recht behielt. Der weitere Stop kostet Risiko pro Position und muss über eine kleinere Positionsgröße ausgeglichen werden.

Die Haltedauer sollte zum Muster passen. Nach fünf Tagen war der Vorsprung in unserer Auswertung negativ, nach zehn und zwanzig Tagen positiv. Wer die Formation als Scalping-Signal verwendet, arbeitet gegen die eigene Statistik.

Ein Wort zur Bestätigungskerze. Viele Darstellungen empfehlen, den Schluss einer vierten Kerze abzuwarten. Das erhöht die Sicherheit und verschlechtert gleichzeitig den Einstiegspreis. Bei einem so kleinen statistischen Vorsprung frisst der schlechtere Einstieg den Zugewinn an Sicherheit schnell auf. Ich halte den Schluss der dritten Kerze für den besseren Kompromiss, sofern der Stop weit genug liegt.

Häufige Fehler beim Handel mit Sternformationen

  • Das Muster ohne Trend suchen: Ein Morning Star mitten in einer Seitwärtsphase ist eine beliebige Kerzenfolge. Ohne vorausgehenden Abwärtstrend fehlt die Erschöpfung, die das Muster beschreibt.
  • Auf die perfekte Kurslücke warten: Die strenge Lehrbuchform kommt nur in 20 % der Fälle vor und liefert kein besseres Ergebnis. Wer auf sie besteht, verpasst vier von fünf Signalen ohne Gegenwert.
  • Den Stop zu eng setzen: Direkt unter die dritte Kerze gelegt, wird der Stop von jedem zweiten Test der Tiefs erwischt. Das Formationstief ist die richtige Referenz.
  • Kleine Zeitrahmen überschätzen: Auf dem Fünf-Minuten-Chart entsteht dieselbe Form ständig und trägt kaum Information. Unsere Auswertung beruht auf Tageskerzen.
  • Den Marktkontext ausblenden: Der März 2020 zeigt, was passiert, wenn ein sauberes Muster auf eine Nachrichtenlage trifft, die es nicht kennen kann.
  • Die Trefferquote ohne Vergleichsgröße lesen: 60 % klingen stark, bis man erfährt, dass der Markt ohnehin in 59,6 % der Fälle steigt.
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Fazit: Was der Morning Star wirklich verrät

Der Morning Star ist ein nützliches, aber überschätztes Werkzeug. Er beschreibt einen echten Vorgang im Markt, nämlich den Übergang von Verkaufsdruck zu Rückeroberung über drei Handelstage. Diesen Vorgang zeigt er zuverlässig an.

Was er nicht leistet, ist eine belastbare Prognose. Ein Prozentpunkt Vorsprung gegenüber dem Zufall ist zu wenig, um darauf einen Trade zu bauen. In Aktienindizes verschwindet dieser Vorsprung ganz, weil der strukturelle Aufwärtsdrift jedes Long-Signal schmeichelhaft aussehen lässt. Im Devisenmarkt bleibt ein messbarer Rest übrig, und beim Evening Star wächst dieser Rest mit längerer Haltedauer.

Mein praktischer Umgang damit nach über vier Jahrzehnten am Chart lautet: Das Muster ist ein Hinweis, kein Auftrag. Es sagt mir, wo ich genauer hinsehen sollte. Ob ich handele, entscheiden die Marke, an der es entsteht, und der Marktkontext drumherum. Wer den Morning Star so verwendet, wird ihn nützlich finden. Wer ihn als Kaufsignal liest, wird die 39,4 % Fehlsignale sehr persönlich kennenlernen.

Häufige Fragen zu Morning Star und Evening Star

Was ist ein Morning Star im Trading?

Der Morning Star ist ein dreiteiliges Kerzenmuster, das am Ende eines Abwärtstrends eine mögliche Trendwende anzeigt. Auf eine lange Abwärtskerze folgt eine kleine Sternkerze und danach eine Aufwärtskerze, die mindestens bis zur Mitte der ersten Kerze zurückläuft.

Wie zuverlässig ist der Morning Star?

Weniger zuverlässig als sein Ruf. In unserer Auswertung über 10.164 Tageskerzen standen die Kurse zehn Tage nach dem Signal in 60,6 % der Fälle höher. Die Zufallserwartung derselben Märkte liegt bei 59,6 %, der Vorsprung beträgt also nur einen Prozentpunkt.

Was ist der Unterschied zwischen Morning Star und Evening Star?

Die beiden Muster sind exakt gespiegelt. Der Morning Star entsteht am Tief eines Abwärtstrends und deutet auf steigende Kurse, der Evening Star am Hoch eines Aufwärtstrends und deutet auf fallende Kurse. In unserer Auswertung zeigte der Evening Star auf zwanzig Handelstage den größeren Vorsprung.

Ist Morningstar dasselbe wie das Chartmuster Morning Star?

Nein, das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Morningstar in einem Wort ist ein amerikanisches Fondsanalysehaus, das Investmentfonds mit Sternen bewertet. Das Chartmuster heißt Morning Star in zwei Wörtern und stammt aus der japanischen Kerzenchart-Tradition.

Auf welchem Zeitrahmen funktioniert der Morning Star am besten?

Auf dem Tageschart. Unsere Auswertung beruht auf Tageskerzen, und die statistische Aussage gilt für diesen Zeitrahmen. Auf kleinen Zeitrahmen entsteht dieselbe Form deutlich häufiger und trägt entsprechend weniger Information.

Braucht der Morning Star eine Kurslücke?

Im Lehrbuch ja, in der Praxis kaum. Nur 20 % der von uns gefundenen Formationen erfüllten die strenge Form mit Kurslücke. Ihre Trefferquote lag mit 60,0 % sogar minimal unter der abgeschwächten Form, die Lücke ist für das Ergebnis also unerheblich.

Über den Autor: Karsten Kagels

Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer der Kagels Trading GmbH und diskretionärer Price-Action-Trader seit 1978. Er handelt Forex, Aktienindizes, Rohstoffe und Zinsmärkte und arbeitet ohne technische Indikatoren, allein auf Basis von Kursverlauf und Marktstruktur.

Ende der Achtzigerjahre übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter ins Deutsche. Über 17 Jahre vertrat er Joe Ross in Deutschland und übersetzte und verlegte dessen 10 Bücher. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.

Sternformationen gehören zu den Mustern, die er täglich im Chart sieht und selten allein handelt. Die statistische Auswertung in diesem Artikel entstand auf seine Anregung, weil ihm die übliche Darstellung des Musters zu unkritisch war. Die Chartbeispiele stammen aus DAX-Tagesdaten und wurden programmatisch anhand der im Artikel genannten Kriterien ausgewählt, nicht nachträglich passend gesucht.

Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.

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