Wenn eine Aktie einbricht, steht schnell der Verdacht im Raum, dass Leerverkäufer dahinterstecken. Meistens lässt sich das sogar nachprüfen: In Deutschland müssen große Wetten auf fallende Kurse öffentlich gemeldet werden, und jeder kann kostenlos nachlesen, welcher Fonds bei welchem Unternehmen wie stark short ist.
Genau diese Meldepflicht ist der Teil, den die meisten Erklärtexte auslassen. Sie beschreiben den Leihvorgang und hören dort auf. Dabei sind es die Meldeschwellen, die Leerverkaufsverbote und die Frage, wer eigentlich shortet, an denen sich zeigt, wie ernst der Gesetzgeber dieses Geschäft nimmt.
Dieser Artikel behandelt den Leerverkauf von der regulatorischen Seite: wie er funktioniert, ab welcher Schwelle gemeldet wird, wo du die Daten findest, wann Verbote greifen und was Leerverkäufer tatsächlich mit Kursen machen. Wie du selbst auf fallende Kurse setzt, steht im Artikel zur Short-Position. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.
Leerverkäufe: das Wichtigste in 30 Sekunden
- Definition: Beim Leerverkauf verkauft jemand Wertpapiere, die er sich geliehen hat, und kauft sie später zurück. Fällt der Kurs dazwischen, ist die Differenz sein Gewinn.
- Meldeschwelle 0,1 Prozent: Erreicht eine Netto-Leerverkaufsposition 0,1 Prozent des Aktienkapitals, geht eine Meldung an die BaFin. Die Schwelle gilt seit dem 31. Januar 2022 dauerhaft, vorher lag sie bei 0,2 Prozent.
- Ab 0,5 Prozent wird es öffentlich: Diese Positionen erscheinen mit Namen im Bundesanzeiger. Du kannst dort kostenlos nachsehen, welcher Fonds bei welcher Aktie short ist.
- Ungedeckt ist verboten: Wer verkauft, muss die Stücke geliehen oder ihre Beschaffung abgesichert haben. Grundlage ist die EU-Leerverkaufsverordnung 236/2012.
- Einzelverbote sind selten: Die BaFin hat in ihrer Geschichte erst einmal Leerverkäufe einer einzelnen Aktie verboten — 2019 bei Wirecard. Das Unternehmen war ein Betrugsfall und ging 2020 insolvent.
- Auch im Crash kein Verbot: Im März 2020 untersagten Italien, Spanien, Frankreich, Belgien und Österreich Leerverkäufe. Die BaFin sah keinen Handlungsbedarf.
- Wirkung auf den Markt: Leerverkäufer beschleunigen Abwärtsbewegungen, lösen sie aber nach heutigem Stand nicht aus. Sie tragen zur Preisfindung bei und decken Bilanzprobleme auf.
- Für Privatanleger: Echte Leerverkäufe brauchen ein Margin-Depot. Die meisten deutschen Broker bieten stattdessen nur Derivate an.
Was ist ein Leerverkauf?
Ein Leerverkauf ist der Verkauf von Wertpapieren, die der Verkäufer nicht besitzt, sondern sich geliehen hat. Er spekuliert darauf, sie später günstiger zurückkaufen und an den Verleiher zurückgeben zu können. Die Differenz abzüglich Gebühren ist sein Gewinn.
Der englische Begriff Short Selling meint denselben Vorgang. Ein Unterschied zwischen Leerverkauf und Short Selling besteht nicht, es sind zwei Wörter für dieselbe Sache. Im deutschen Recht heißt es Leerverkauf, im Handelsalltag sagen die meisten shorten. Ihren eigentlichen Zweck erfüllen Leerverkäufe in einem Bärenmarkt, wo sie als Absicherung eines bestehenden Depots dienen.
Der Ablauf in vier Schritten
Der Vorgang ist immer gleich, egal ob ihn ein Hedgefonds oder ein Privatanleger ausführt. Entscheidend ist, dass am Anfang eine Leihe steht und am Ende eine Rückgabe — dazwischen liegt das eigentliche Geschäft.
- Leihen: Der Leerverkäufer leiht sich die Aktien, meist über seinen Broker aus einem Bestand von Fonds oder Versicherungen. Dafür zahlt er eine Leihgebühr.
- Verkaufen: Die geliehenen Stücke gehen sofort zum aktuellen Kurs an den Markt. Der Erlös wird dem Konto gutgeschrieben.
- Zurückkaufen: Später kauft er dieselbe Zahl Aktien wieder — hoffentlich billiger. Dieser Schritt heißt Eindecken.
- Zurückgeben: Die Stücke gehen an den Verleiher zurück. Was von der Kursdifferenz nach Leihgebühr und Kosten übrig bleibt, ist der Gewinn oder der Verlust.
Aus Schritt eins folgt die wichtigste Eigenschaft dieses Geschäfts: Der Leerverkäufer steht in der Pflicht. Er hat eine Rückgabeverpflichtung, und die bleibt bestehen, egal wie der Kurs läuft. Steigt er, muss er trotzdem eindecken — nur eben teurer.
Gedeckt und ungedeckt
Ob die Stücke vor dem Verkauf tatsächlich geliehen wurden, ist der juristisch entscheidende Punkt. Beim gedeckten Leerverkauf liegt die Leihe vor, beim ungedeckten nicht — dort wird verkauft, was noch niemand besorgt hat.
Ungedeckte Leerverkäufe in Aktien und Staatsanleihen sind in der EU verboten. Grundlage ist Artikel 12 der Verordnung (EU) Nr. 236/2012, der Leerverkaufsverordnung.
Der Grund ist nicht der Schutz des Spekulanten, sondern die Sicherheit der Abwicklung. Wer verkauft, ohne liefern zu können, riskiert, dass das Geschäft platzt. In der Finanzkrise 2008 wurde das zum Problem, und die EU zog daraus 2012 die Konsequenz. Erlaubt bleibt der gedeckte Leerverkauf, bei dem die Leihe nachgewiesen oder verbindlich zugesagt ist.
Wer shortet welche Aktie? So liest du es nach
Das ist die praktisch nützlichste Eigenschaft des deutschen Regelwerks und zugleich die unbekannteste. Große Leerverkaufspositionen sind meldepflichtig, und ein Teil davon wird mit Namen veröffentlicht — kostenlos einsehbar, ohne Anmeldung, tagesaktuell.
Die zwei Schwellen
Gemeldet wird die Netto-Leerverkaufsposition: alle Short-Positionen eines Investors in einer Aktie, verrechnet mit seinen Long-Positionen. Übrig bleibt die tatsächliche Wette gegen das Unternehmen, und für die gelten zwei Stufen.
| Schwelle | Was passiert | Wer sieht es |
|---|---|---|
| 0,1 % des Aktienkapitals | Meldung an die BaFin bis zum nächsten Handelstag | nur die Aufsicht |
| 0,5 % des Aktienkapitals | zusätzlich Veröffentlichung im Bundesanzeiger | jeder, kostenlos |
| je weitere 0,1 Prozentpunkte | erneute Meldung beim Über- oder Unterschreiten | je nach Höhe |
Die untere Schwelle lag ursprünglich bei 0,2 Prozent und wurde in der Corona-Krise vorübergehend gesenkt. Seit dem 31. Januar 2022 gilt die Absenkung auf 0,1 Prozent dauerhaft, festgeschrieben in der Delegierten Verordnung (EU) 2022/27. Viele Ratgeber im Netz nennen bis heute den alten Wert.
Wo die Daten stehen
Die Veröffentlichungen laufen über den Bundesanzeiger, der dafür eine eigene Rubrik führt. Dort lässt sich nach Emittent suchen, also nach dem Unternehmen, und die historisierten Daten sind ebenfalls abrufbar — man sieht also nicht nur den heutigen Stand, sondern auch, wann eine Position auf- oder abgebaut wurde.
Jede Veröffentlichung nennt vier Dinge: den Positionsinhaber, den Emittenten, die Höhe in Prozent und das Datum. Aus der Abfolge mehrerer Meldungen zum selben Titel liest sich ab, ob ein Fonds seine Position gerade vergrößert oder abbaut.
Was eine hohe Leerverkaufsquote aussagt
Sie ist ein Warnsignal in beide Richtungen, und das macht ihre Auswertung anspruchsvoll. Einerseits haben professionelle Investoren einen Grund für ihre Wette, oft eine Bilanzanalyse, die andere noch nicht gemacht haben. Andererseits ist eine hoch geshortete Aktie der klassische Kandidat für einen Short Squeeze.
Was die Zahl nicht aussagt, ist ebenso wichtig. Ein Teil der gemeldeten Positionen ist gar keine Wette auf fallende Kurse, sondern Absicherung: Wer eine Wandelanleihe hält oder als Market Maker Optionen stellt, hält Gegenpositionen aus rein technischen Gründen. Eine hohe Quote allein ist deshalb kein Verkaufssignal.
Wann Leerverkäufe verboten werden
Aufsichtsbehörden dürfen Leerverkäufe untersagen, wenn sie erhebliche Marktstörungen befürchten. Sie tun es in Deutschland aber ausgesprochen selten — und die beiden Fälle, an denen sich das zeigt, sagen mehr über das Instrument aus als jede Debatte darüber.
Wirecard 2019: das bisher einzige Einzelverbot
Am 18. Februar 2019 untersagte die BaFin per Allgemeinverfügung, neue Netto-Leerverkaufspositionen in Wirecard-Aktien aufzubauen oder bestehende zu vergrößern. Das Verbot lief am 18. April 2019 aus, galt also zwei Monate. Es war das erste und bis heute einzige Mal, dass die BaFin Leerverkäufe einer einzelnen Aktie verboten hat.
Die Begründung lautete damals, das Unternehmen werde durch Berichte unter Druck gesetzt und eine Short-Attacke stehe bevor. Im Rückblick schützte das Verbot ein Unternehmen, das ein Betrugsfall war: Wirecard räumte im Juni 2020 ein, dass 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten nicht existierten, und meldete Insolvenz an. Die Leerverkäufer, gegen die sich das Verbot richtete, hatten recht behalten.
Für die Bewertung von Leerverkäufen ist dieser Fall der wichtigste deutsche Beleg. Wer gegen ein Unternehmen wettet, hat nicht automatisch unlautere Absichten — er kann auch schlicht früher hingesehen haben. Das Bundestags-Untersuchungsverfahren zum Fall Wirecard hat sich unter anderem mit genau dieser Frage befasst.
Corona 2020: fünf Länder verboten, Deutschland nicht
Im März 2020 brach der Markt weltweit ein. Mehrere europäische Aufsichtsbehörden reagierten mit Verboten: Italien, Spanien, Frankreich, Belgien und Österreich untersagten den Aufbau von Netto-Leerverkaufspositionen. Die BaFin sah keinen Handlungsbedarf, und die Deutsche Börse lehnte ein Verbot ab.

Der Chart zeigt, warum diese Entscheidung im Nachhinein vertretbar aussieht. Der DAX verlor zwischen dem 19. Februar und dem 18. März 2020 rund 38,8 Prozent — und der Boden lag vor dem Beginn der Verbotsphase in den Nachbarländern, nicht danach. Die Erholung setzte in Deutschland ohne Verbot genauso ein wie anderswo mit.
Wissenschaftliche Auswertungen kamen später zu einem ähnlichen Schluss. Leerverkaufsverbote verschlechtern messbar die Liquidität und vergrößern die Spreads, während der erhoffte kursstützende Effekt sich nicht belegen lässt. Das ist der Grund, warum die BaFin zurückhaltend bleibt.
Was Leerverkäufe dem Markt bringen und kosten
Kaum ein Börsengeschäft hat einen schlechteren Ruf. Die ökonomische Bilanz fällt trotzdem gemischt aus, nicht negativ — und beide Seiten lassen sich an konkreten Fällen zeigen.
Was Leerverkäufe dem Markt nützen
- Sie decken Probleme auf: Bei Wirecard waren Leerverkäufer und Journalisten Jahre vor der Aufsicht auf der richtigen Spur.
- Sie verbessern die Preisfindung: Ohne Leerverkäufer bilden Kurse nur die Meinung der Optimisten ab. Skepsis braucht einen Weg in den Preis.
- Sie erhöhen die Liquidität: Leerverkäufer sind zusätzliche Verkäufer und später zwingend Käufer. Beides verengt die Spanne zwischen An- und Verkaufskurs.
- Sie ermöglichen Absicherung: Ein großer Teil der gemeldeten Positionen dient dem Hedging und ist gar keine Wette gegen das Unternehmen.
Was gegen Leerverkäufe spricht
- Sie beschleunigen Abwärtsbewegungen: In einem fallenden Markt verstärkt zusätzlicher Verkaufsdruck die Bewegung, auch wenn er sie nicht auslöst.
- Öffentliche Attacken können sich selbst erfüllen: Ein prominenter Short-Report bewegt den Kurs, bevor seine Behauptungen geprüft sind.
- Der Squeeze trifft Unbeteiligte: Wenn Leerverkäufer eindecken müssen, entstehen Kursausschläge, die mit dem Unternehmenswert nichts zu tun haben.
- Die Datenlage bleibt lückenhaft: Veröffentlicht wird erst ab 0,5 Prozent — viele kleinere Positionen sieht nur die Aufsicht.
Wie Leerverkäufer Kurse bewegen
Zwei Begriffe fallen dabei immer wieder, und sie beschreiben gegensätzliche Vorgänge. Die Short-Attacke drückt einen Kurs, der Short Squeeze treibt ihn — und beide gehen von derselben Gruppe aus.
Die Short-Attacke
Ein Investor baut eine große Short-Position auf und veröffentlicht anschließend eine Analyse, warum das Unternehmen überbewertet oder betrügerisch sei. Der Bericht selbst ist Teil des Geschäfts: Er soll den Kurs bewegen, an dem die bereits bestehende Position verdient.
Rechtlich ist das nicht per se verboten, solange die Behauptungen zutreffen und die eigene Position offengelegt wird. Die Grenze zur Marktmanipulation ist erreicht, wenn wissentlich Falsches verbreitet wird. Genau darüber wird bei jedem prominenten Fall gestritten, und die Antwort fällt erst Jahre später.
Der Short Squeeze
Der umgekehrte Fall entsteht, wenn viele Leerverkäufer gleichzeitig eindecken müssen. Weil Eindecken Kaufen bedeutet, treibt es den Kurs weiter nach oben und zwingt den nächsten zum Kauf. Aus der Verkäuferseite wird schlagartig die Käuferseite — nachzulesen im Artikel zum Short Squeeze.
Der Auslöser ist meist eine hohe Leerverkaufsquote gemessen am frei handelbaren Bestand. Genau deshalb ist die Bundesanzeiger-Liste in beide Richtungen lesbar: Sie zeigt, wo professionelle Investoren Probleme sehen — und wo es eng werden könnte, wenn sie sich irren.
Drei Fälle, die den Ruf geprägt haben
Der Streit über Leerverkäufe ist fast hundert Jahre alt, und er wird an Personen geführt. Drei Fälle tauchen in dieser Debatte immer wieder auf, und sie stehen für drei verschiedene Antworten auf die Frage, ob Leerverkäufer nützen oder schaden.
Jesse Livermore und der Crash von 1929
Jesse Livermore verdiente im Wall-Street-Crash vom Oktober 1929 mit Leerverkäufen geschätzte 100 Millionen Dollar und wurde dafür in der Presse als „Great Bear of Wall Street” beschimpft. Die Debatte, ob Leerverkäufer einen Crash verursachen oder ihn nur früher erkennen, ist damit so alt wie der Crash selbst.
Florian Homm
Der deutsche Hedgefonds-Manager Florian Homm steht für die andere Seite. Sein Fonds Absolute Capital Management kollabierte 2007, Anleger verloren nach Schätzungen rund 200 Millionen Dollar. Homm tauchte unter, wurde 2013 in Florenz festgenommen und 2021 vom Schweizer Bundesstrafgericht zu 36 Monaten teilbedingter Haft verurteilt. Der Fall zeigt, wie schnell aus professionellem Short-Handel ein Strafverfahren wird.
Wirecard
Der dritte Fall ist der lehrreichste, weil er beide Positionen widerlegt. Die Aufsicht schützte das Unternehmen und lag falsch, die Leerverkäufer griffen es an und lagen richtig. Wie teuer eine öffentlich geführte Short-Position auf der anderen Seite werden kann, zeigt dagegen der jahrelange Herbalife-Short von Bill Ackman, der 2018 mit deutlichem Verlust endete — gegen die Gegenposition von Carl Icahn.
Was das für Privatanleger heißt
Die Regeln oben gelten für alle, gemeldet wird aber praktisch nur von Institutionellen. Eine Position von 0,1 Prozent des Aktienkapitals erreicht ein Privatanleger nicht — bei einem DAX-Konzern wären das mehrere hundert Millionen Euro. Die Meldepflicht ist für dich also eine Datenquelle, keine Pflicht.
Praktisch relevant ist eine andere Hürde: Ein echter Leerverkauf setzt ein Margin-Depot voraus, und das bieten in Deutschland nur wenige Broker an. Bei Trade Republic und Scalable Capital ist er nicht möglich; dort läuft die Spekulation auf fallende Kurse über Derivate. Was ein solches Konto ausmacht und welche Regeln dort gelten, erklärt der Beitrag zum Margin-Konto und seinen Anforderungen.
Welche fünf Wege es gibt, was sie kosten und wo dein Verlust begrenzt ist, steht im Artikel zur Short-Position, den du oben verlinkt findest. Für den Einstieg sind die Wege mit begrenztem Verlust die vernünftigeren — eine gekaufte Verkaufsoption kostet höchstens die Prämie, ein echter Leerverkauf hat nach oben keine Grenze.
Fazit: Reguliert, messbar und schlechter beleumundet als verdient
Der Leerverkauf ist das am genauesten vermessene Geschäft an der deutschen Börse. Kein Aktienkauf muss ab einer bestimmten Größe öffentlich gemeldet werden, eine Short-Position schon — ab 0,5 Prozent mit Namen im Bundesanzeiger. Wer wissen will, wer gegen ein Unternehmen wettet, kann es nachlesen.
Der schlechte Ruf hält der Prüfung nur teilweise stand. Leerverkäufer beschleunigen Abwärtsbewegungen, aber die Belege dafür, dass sie Kurse erst zum Fallen bringen, fehlen. Der wichtigste deutsche Fall spricht sogar gegen die verbreitete Sichtweise: Bei Wirecard schützte das Verbot einen Betrugsfall, und die Angegriffenen hatten recht.
Für dich als Anleger bleiben zwei praktische Punkte. Die Bundesanzeiger-Liste ist eine Informationsquelle, die kaum jemand nutzt — sie zeigt, wo professionelle Investoren Probleme sehen. Und eine hohe Leerverkaufsquote ist immer zweideutig: Sie kann eine begründete Warnung sein oder der Zündstoff für einen Short Squeeze. Welche der beiden Lesarten stimmt, entscheidet sich erst hinterher.
Häufige Fragen zu Leerverkäufen
Was ist ein Leerverkauf?
Ein Leerverkauf ist der Verkauf geliehener Wertpapiere. Der Verkäufer spekuliert darauf, sie später günstiger zurückzukaufen und dem Verleiher zurückzugeben. Die Differenz abzüglich Leihgebühr und Kosten ist sein Gewinn. Der englische Begriff dafür ist Short Selling.
Sind Leerverkäufe in Deutschland legal?
Ja, gedeckte Leerverkäufe sind erlaubt. Verboten sind ungedeckte Leerverkäufe in Aktien und Staatsanleihen, bei denen die Stücke nicht geliehen wurden. Grundlage ist Artikel 12 der EU-Leerverkaufsverordnung 236/2012.
Ab wann muss ein Leerverkauf gemeldet werden?
Ab 0,1 Prozent des ausgegebenen Aktienkapitals geht eine Meldung an die BaFin, ab 0,5 Prozent folgt die Veröffentlichung im Bundesanzeiger. Die 0,1-Prozent-Schwelle gilt seit dem 31. Januar 2022 dauerhaft, vorher lag sie bei 0,2 Prozent.
Wo sehe ich, welche Aktien geshortet werden?
Im Bundesanzeiger, in der Rubrik für Netto-Leerverkaufspositionen. Die Abfrage ist kostenlos und nach Unternehmen durchsuchbar, auch historisierte Daten sind abrufbar. Zu sehen sind alle Positionen ab 0,5 Prozent samt Name des Investors.
Wann hat die BaFin schon einmal Leerverkäufe verboten?
Einmal für eine einzelne Aktie: vom 18. Februar bis 18. April 2019 für Wirecard. Im Corona-Crash 2020 verzichtete sie auf ein Verbot, während Italien, Spanien, Frankreich, Belgien und Österreich eines verhängten.
Drücken Leerverkäufer die Kurse?
Sie beschleunigen Abwärtsbewegungen, lösen sie aber nach heutigem Kenntnisstand nicht aus. Kurse fallen wegen schlechter Zahlen oder Krisen. Umgekehrt tragen Leerverkäufer zur Preisfindung bei, weil ohne sie nur die Optimisten den Kurs bestimmen.
Können Privatanleger leerverkaufen?
Nur mit einem Margin-Depot, das in Deutschland wenige Broker anbieten. Bei Trade Republic und Scalable Capital ist ein echter Leerverkauf nicht möglich. Dort und bei den meisten Direktbanken läuft die Short-Spekulation über Derivate.
Über den Autor: Karsten Kagels
Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer von Kagels Trading und handelt seit 1978 an den Finanzmärkten. Er arbeitet diskretionär nach Price Action und ist in Forex, Aktienindizes, Rohstoffen und Zinsmärkten aktiv.
Ende der 1980er-Jahre übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter ins Deutsche. Über 17 Jahre war er Repräsentant von Joe Ross in Deutschland und übersetzte und verlegte dessen zehn Bücher. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.
Für diesen Artikel hat er die Meldeschwellen an der EU-Leerverkaufsverordnung gegengelesen und dabei korrigiert, dass der Bestandstext seit Jahren die alte Schwelle von 0,2 Prozent nannte. Der DAX-Chart zum Corona-Crash ist aus Xetra-Schlusskursen selbst gerechnet; die Verbotszeiträume stammen von den nationalen Aufsichtsbehörden.
Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.












