Richard Dennis: wie der „Prince of the Pit“ die Turtle Trader erschuf und Millionen verlor

Zuletzt aktualisiert: 25. Juli 2026

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Im Jahr 1970 lieh sich ein 21-Jähriger aus Chicago 1.600 Dollar von seiner Familie. 1.200 Dollar gingen sofort für einen Sitz an der MidAmerica Commodity Exchange drauf, übrig blieben 400 Dollar Handelskapital. Vier Jahre später verdiente derselbe Mann an einer einzigen Sojabohnen-Position rund 500.000 Dollar. Sein Name ist Richard Dennis, und die Börsenwelt kennt ihn bis heute als „Prince of the Pit“.

Berühmt wurde Dennis aber nicht wegen seiner Gewinne, sondern wegen einer Wette: Er behauptete, Trading lasse sich anlernen wie ein Handwerk. Aus dieser Wette entstanden 1983 die Turtle Trader. Dieser Artikel zeigt Dir, was an den kursierenden Zahlen wirklich belegt ist, wie das System funktionierte, warum Dennis selbst 1987 und 1988 zweistellige Millionenbeträge verlor und was Du als Trader daraus mitnehmen kannst. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.

Richard Dennis: das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Start mit 400 Dollar: Dennis lieh sich 1.600 Dollar, zahlte 1.200 Dollar für den Börsensitz und handelte mit dem Rest. 1973 überschritt sein Kapital erstmals 100.000 Dollar.
  • Das Turtle-Experiment begann Ende 1983: 13 Anfänger bekamen zwei Wochen Schulung und danach echte Konten zwischen 500.000 und 2 Millionen Dollar. Über die folgenden vier Jahre erzielten sie laut den Original-Regeln 80 % durchschnittliche Jahresrendite.
  • Der Absturz kam 1987 und 1988: Am Schwarzen Montag verlor Dennis berichtete 10 Millionen Dollar, in beiden Jahren zusammen rund 50 Millionen Dollar. Im Frühjahr 1988 zog er sich aus der Verwaltung fremden Geldes zurück.
  • Vermögensangaben sind unbelegt: Die im Netz kursierenden Summen von 200 bis 400 Millionen Dollar stammen aus Sekundärquellen. Keine Primärquelle bestätigt sie, deshalb findest Du hier keine Vermögenszahl als Fakt.

Wer ist Richard Dennis?

Richard Dennis ist ein US-amerikanischer Rohstoff-Trader, der ab 1970 aus 400 Dollar Handelskapital ein Millionenvermögen an den Chicagoer Terminbörsen aufbaute und 1983 mit dem Turtle-Experiment zeigte, dass sich regelbasiertes Trading anlernen lässt.

Geboren wurde er am 9. Januar 1949 in Chicago. Er studierte Philosophie an der DePaul University, ein Stipendium für ein Aufbaustudium in Tulane schlug er aus. Sein Handwerk lernte er nicht an der Universität, sondern im Parketthandel: Dennis handelte Rohstoff-Futures, also standardisierte Terminkontrakte auf Waren wie Sojabohnen, Mais oder Zinspapiere. Sein Spitzname „Prince of the Pit“ stammt aus dieser Zeit im Handelsring.

Eine Verwechslung solltest Du kennen: Googles Wissensdatenbank vermischt den Trader gelegentlich mit einem gleichnamigen Ökonomen, dem geldpolitische Fachbücher zugeschrieben werden. Wenn Du auf Buchtitel zur Geldpolitik stößt, gehören die nicht zum Trader Richard Dennis. Wie er im Vergleich zu anderen Legenden einzuordnen ist, zeigt unsere Übersicht zu den besten Tradern der Welt.

Vom Laufburschen zum Millionär: Dennis’ Weg durch die Chicagoer Pits

Mit 17 Jahren fing Dennis als Laufbursche an der Chicago Mercantile Exchange an. Für den eigenen Handel war er zu jung, die Börse verlangte ein Mindestalter von 21 Jahren. Also handelte er an der kleineren MidAmerica Commodity Exchange und ließ die Order offiziell über seinen Vater laufen. Diese Konstruktion verschaffte ihm vier Jahre Vorsprung in der Praxis, während Gleichaltrige noch studierten.

Der Handelsring, im Englischen Pit genannt, war der Bereich einer Terminbörse, in dem Händler ihre Kontrakte per Zuruf und Handzeichen direkt untereinander abschlossen.

Die Kapitalkurve der frühen Jahre ist gut dokumentiert. Aus den 400 Dollar wurden 1970 rund 3.000 Dollar. Bis 1973 überschritt sein Konto 100.000 Dollar. Im Jahr 1974 folgte der Durchbruch mit einem Gewinn von etwa 500.000 Dollar im Sojabohnen-Handel, womit Dennis vor seinem 26. Geburtstag Millionär war. Ende der 1970er-Jahre kaufte er eine Vollmitgliedschaft am Chicago Board of Trade.

Diese Karriere ist ein Kind ihrer Zeit. Im Parketthandel der 1970er-Jahre entschied Schnelligkeit im Ring über den Gewinn, nicht die Rechenleistung eines Servers. Ein solcher Aufstieg wäre unter heutigen Marktbedingungen kaum wiederholbar, weil dieselbe Nische heute von Algorithmen im Millisekundenbereich besetzt ist. Was ein Trader damals an Vorsprung aus Präsenz zog, muss er sich heute anders erarbeiten.

Richard Dennis Karriere im Zeitstrahl von 1966 bis 2000 mit Kapitalmarken, Turtle-Experiment und Verlustjahren
Vom Laufburschen mit 400 Dollar bis zur Schließung des letzten Fonds im Jahr 2000: die belegten Stationen im Überblick.

Die Wette mit William Eckhardt: wie die Turtle Trader entstanden

Mitte 1983 stritt Dennis mit seinem langjährigen Freund und Geschäftspartner William Eckhardt, einem Mathematiker, über eine simple Frage: Werden große Trader geboren oder gemacht? Eckhardt hielt Veranlagung für entscheidend. Dennis war überzeugt, er könne Menschen ohne jede Vorerfahrung zu erfolgreichen Tradern ausbilden. Statt weiterzudiskutieren, machten die beiden ein Experiment daraus.

Das Turtle-Experiment war ein Ausbildungsversuch von Richard Dennis und William Eckhardt, bei dem ab Dezember 1983 angelernte Anfänger nach zwei Wochen Schulung echtes Geld nach einem festen Trendfolge-Regelwerk handelten.

Der Ablauf ist in den Original-Regeln dokumentiert, die einige der Teilnehmer im Jahr 2003 veröffentlichten und die wir als Original Turtle Trading Rules hier bereitstellen. Diese Fassung ist die einzige Primärquelle zum Ablauf des Experiments. Dennis schaltete Anzeigen in Barron’s, dem Wall Street Journal und der New York Times. Es meldeten sich über 1.000 Bewerber, 80 davon lud er zum Gespräch, übrig blieben 10 Ausgewählte. Weil Dennis drei Bekannte hinzunahm, startete die erste Klasse mit 13 Personen. In einer Aufstellung des Wall Street Journal aus dem Jahr 1989 werden 14 Turtles geführt, weil dort ein Teilnehmer der zweiten Gruppe mitgezählt ist. Geschult wurde Ende Dezember 1983 in Chicago, ab Januar 1984 handelten die Teilnehmer kleine Konten, ab Februar 1984 dann 500.000 bis 2 Millionen Dollar. Ein Jahr später folgte eine zweite Gruppe.

Den Namen lieferte eine Reise: Dennis beschrieb sein Vorhaben nach der Rückkehr aus Asien mit dem Satz, man werde Trader heranziehen wie auf einer Schildkrötenfarm in Singapur. Auf dieses Bild geht auch die deutschsprachige Einordnung bei Wikipedia zurück. Das Wall Street Journal zitierte ihn 1989 zusätzlich mit dem Eingeständnis, Trading sei noch besser lehrbar gewesen, als er selbst erwartet hatte. Über die folgenden vier Jahre erzielten die Turtles laut den Original-Regeln eine durchschnittliche jährliche Rendite von 80 %. Wie das Regelwerk im Detail funktioniert und was der Turtle Curtis Faith später darüber schrieb, liest Du in unserem Beitrag zu den Turtle Trading Handelsregeln.

Das Turtle-System in fünf Bausteinen

Turtle Trading ist ein vollständig mechanisches Trendfolgesystem für Terminmärkte, das Ausbrüche aus 20- oder 55-Tage-Hochs kauft, die Positionsgröße über die Marktschwankung steuert und jede Entscheidung durch eine feste Regel ersetzt.

N ist im Turtle-System das Maß für die Marktschwankung: der Durchschnitt der True Range über 20 Tage. Eine Bewegung von 1 N entspricht dabei genau 1 % des Kontokapitals.

Dennis gab seinen Schülern kein Bauchgefühl mit, sondern ein geschlossenes Regelwerk. Diese fünf Bausteine tragen es:

  • Märkte: Gehandelt wurden ausschließlich liquide Terminmärkte, darunter Zinsfutures, Devisen, Metalle, Energie und Agrarrohstoffe. Illiquide Kontrakte fielen raus, weil dort die Ausführung den Vorteil frisst.
  • Einstieg: Gekauft wurde beim Ausbruch über das 20-Tage-Hoch (System 1) oder das 55-Tage-Hoch (System 2), verkauft spiegelbildlich unter dem Tief. Die Idee geht auf die Kanaltechnik von Richard Donchian zurück, die wir im Beitrag zum Donchian Channel ausführlich erklären.
  • Positionsgröße: Die Turtles rechneten mit N, einem Volatilitätsmaß auf Basis der True Range. Eine Positionseinheit wurde so bemessen, dass eine Bewegung von 1 N genau 1 % des Kontos ausmacht. Damit stand die Größe jeder Position fest, bevor irgendjemand eine Meinung zum Markt hatte.
  • Stop: Der Ausstieg im Verlustfall lag bei 2 N, also bei rund 2 % Kontorisiko je Einheit. Ergänzend galten Obergrenzen von 4 Einheiten je Markt, 6 in eng korrelierten Märkten und 12 in einer Richtung. Wie sich solche Grenzen im eigenen Handel umsetzen lassen, zeigt unser Leitfaden zum Risikomanagement im Trading.
  • Ausstieg im Gewinn: System 1 stieg beim 10-Tage-Gegenausbruch aus, System 2 beim 20-Tage-Gegenausbruch. Genau dieser Baustein war laut den Turtles der schwerste, weil er verlangt, große Buchgewinne teilweise wieder abzugeben.

Die Grenze des Systems steckt in diesem letzten Punkt. Wer die Ausstiege nicht aushält, handelt kein Turtle-System mehr, sondern eine willkürliche Abwandlung davon. Genau daran scheitern die meisten Nachahmer, nicht an der Formel.

Turtle Trading Einstieg am 20-Tage-Hoch mit Anfangsstop bei 2 N im Schema
Der Einstieg der Turtles war ein reiner Ausbruch: ein Tick über dem Hoch der letzten 20 Tage genügte als Signal.

Was Richard Dennis wirklich verdient hat: die Zahlen im Quellenvergleich

Über kaum einen Trader kursieren so viele Zahlen wie über Dennis, und die wenigsten davon haben eine belastbare Quelle. Deshalb sortieren wir sie hier nach Herkunft statt nach Höhe. Die biografischen Eckdaten stützen sich auf den englischsprachigen Wikipedia-Eintrag, der seine Angaben zu den Verlustjahren ausdrücklich als berichtet kennzeichnet. Nur die Angaben aus dem Original-Regelwerk und aus der belegten Biografie behandeln wir als Fakten, alles andere bleibt eine Zuschreibung.

AngabeQuelleWert
Handelskapital zum Start (1970)Wikipedia, biografischer Beleg400 Dollar
Gewinn im Sojabohnen-Handel (1974)Wikipedia, biografischer Beleg500.000 Dollar
Turtle-Konten ab Februar 1984Original Turtle Rules500.000 bis 2 Mio. Dollar
Rendite der Turtles über vier JahreOriginal Turtle Rules80 % pro Jahr
Gewinn der Turtles über fünf JahreWikipedia, als „berichtet“ markiert175 Mio. Dollar
Jahresrendite über rund 19 JahreTrader-Literatur, nicht testiertrund 120 %
Vermögen um 1980deutschsprachige Sekundärquellen400 Mio. Dollar
Vermögen im HöchststandPortalseiten ohne Quellenangabe200 Mio. Dollar

Eine Zahl verdient dabei besondere Vorsicht. In der Trader-Literatur kursiert für Dennis eine durchschnittliche Jahresrendite von rund 120 % über etwa 19 Jahre, oft als höchster dokumentierter Langfristwert bezeichnet. Belegt ist diese Größenordnung durch Interviews und Branchenberichte, nicht durch einen testierten Track Record. Sie beschreibt außerdem nur die Zeit bis zu den Verlustjahren und blendet aus, was danach geschah.

Die beiden Vermögenszeilen widersprechen sich um den Faktor zwei, und keine der beiden Zahlen lässt sich auf eine Primärquelle zurückführen. Noch heikler sind die Angaben zu einem angeblich aktuellen Vermögen im niedrigen einstelligen Millionenbereich, die einzelne Portale nennen. Solche Werte stammen aus Net-Worth-Datenbanken, die Schätzungen voneinander abschreiben. Wir übernehmen sie nicht.

Ein Gefühl für die Größenordnung bekommst Du besser über den Vergleich mit anderen Legenden. Die Interviews von Jack Schwager mit Tradern derselben Ära zeigen: Spitzenjahre mit dreistelligen Prozentrenditen waren in den 1970er- und 1980er-Jahren an den Terminmärkten keine Seltenheit, dauerhafte Wiederholbarkeit dagegen schon.

1987 und 1988: als der Drawdown den Erfinder einholte

Der Oktober 1987 traf die Turtles an einer besonders empfindlichen Stelle. Sie waren nach dem Crash long in Zinsfutures positioniert, also in Eurodollar, T-Bills und Bonds. Als die US-Notenbank die Zinsen über Nacht kräftig senkte, um das Vertrauen zu stützen, kippten diese Positionen am Folgetag. Die Original-Regeln beziffern die Tagesverluste bei einzelnen Turtles auf 20 % bis 40 % des Kontokapitals. Ohne die eingebauten Positionsobergrenzen wäre der Schaden noch größer gewesen.

Dennis selbst verlor am Schwarzen Montag berichtete 10 Millionen Dollar. Für die Jahre 1987 und 1988 zusammen werden rund 50 Millionen Dollar Verlust genannt. Im Frühjahr 1988 stellte er die Verwaltung fremder Gelder ein, nachdem seine Kunden schwere Verluste erlitten hatten. Im November 1990 einigte er sich mit Anlegern auf einen Vergleich über mehr als 2,5 Millionen Dollar, ohne ein Fehlverhalten einzuräumen. Ein späterer Fonds lief in den 1990er-Jahren, im Sommer 2000 wurde auch dieser nach Verlusten geschlossen.

Ein Drawdown ist der Rückgang vom höchsten erreichten Kontostand bis zum tiefsten Punkt danach, gemessen in Prozent des Kapitals.

Für ein Trendfolgesystem ist ein tiefer Drawdown kein Betriebsunfall, sondern Teil der Bauart. Ein solches System verdient in wenigen großen Bewegungen und verliert dazwischen laufend kleine Beträge. Wer verstehen will, welche Rückgänge in welcher Systemklasse normal sind, findet die Kennzahlen im Beitrag zum Drawdown im Trading.

Den Herbst 1987 habe ich als aktiver Trader selbst erlebt. Was diese Phase so gefährlich machte, war nicht die Richtung der Kurse, sondern die Geschwindigkeit, mit der geordnete Märkte in Kurslücken übergingen. Ein mechanisches System kann in solchen Tagen seine eigenen Stopps nicht mehr zu den kalkulierten Preisen ausführen. Genau dort liegt der Unterschied zwischen einem Backtest und einem realen Konto.

Was Trader von Richard Dennis lernen können

Ich handle selbst diskretionär nach Price Action und nicht mechanisch, betrachte das Turtle-System also von außen. Gerade aus dieser Distanz bleiben fünf Punkte übrig, die unabhängig vom Stil tragen:

  • Regeln schlagen Meinungen, aber nur bei Disziplin: Das Experiment belegt, dass ein festes Regelwerk aus Anfängern brauchbare Trader machte. Es belegt nicht, dass jeder diese Regeln auch durchhält. Mehrere Turtles wichen ab und schnitten deutlich schlechter ab.
  • Die Positionsgröße ist der eigentliche Hebel: Der Kern der Turtle-Rechnung war nie das Einstiegssignal, sondern die Bindung jeder Einheit an 1 % Kontorisiko. Ein mittelmäßiges Signal mit sauberer Größensteuerung überlebt länger als ein gutes Signal ohne.
  • Ein System ohne Verlustplan ist kein System: Die Obergrenzen für korrelierte Märkte wirkten 1987 wie ein Airbag. Wer nur Einstiege definiert und Korrelationen ignoriert, hält im Ernstfall dieselbe Position fünfmal.
  • Der Erfolg hing an der Marktphase: Die Turtle-Jahre fielen in eine Zeit langer, sauberer Trends an den Rohstoff- und Zinsmärkten. Kein Regelwerk erzeugt Trends, es kann sie nur einsammeln, wenn es welche gibt.
  • Der Erfinder ist nicht der beste Anwender: Dennis verlor mit eigenem und fremdem Geld mehr, als die meisten seiner Schüler je verwalteten. Für die Bewertung eines Ansatzes zählt die Regel, nicht der Ruf ihres Urhebers.

Wenn Du diese Punkte auf Dein eigenes Handeln überträgst, landest Du automatisch bei der Frage nach dem statistischen Vorteil. Was das konkret bedeutet und wie Du ihn misst, steht im Beitrag zur Trading Edge. Eine kompakte Sammlung bewährter Leitplanken findest Du außerdem in unseren Trading-Regeln.

Funktioniert Turtle Trading heute noch?

Die ehrliche Antwort besteht aus zwei Teilen. Das Prinzip lebt: Trendfolge ist bis heute die Grundlage vieler professioneller Managed-Futures-Programme, und Ausbrüche aus mehrwöchigen Hochs erzeugen weiterhin Bewegungen. Das Original-Regelwerk in unveränderter Form ist dagegen kein Selbstläufer mehr.

Drei Dinge haben sich seit 1984 verschoben. Die Regeln sind seit 2003 öffentlich einsehbar, ein Vorsprung durch Wissen existiert nicht mehr. Viele Märkte laufen häufiger in Seitwärtsphasen, in denen ein Ausbruchssystem Fehlsignale produziert. Und die Kontogrößen der Turtles erlaubten eine Streuung über zwanzig und mehr Märkte, die mit einem kleinen Privatkonto nicht abbildbar ist. Wer ein Turtle-System mit 10.000 Euro auf drei Märkten fährt, handelt eine andere Strategie als 1984, auch wenn die Formeln identisch sind.

Für die praktische Umsetzung ist deshalb weniger die historische Vorlage interessant als das Prinzip dahinter. Welche Varianten der Trendfolge sich heute mit welchen Instrumenten umsetzen lassen, zeigt unsere Übersicht zu Trendfolgestrategien.

Fazit: eine Legende, die man richtig lesen sollte

Richard Dennis hat zwei Dinge bewiesen, und nur eines davon wird gern erzählt. Er hat gezeigt, dass sich Trading anlernen lässt, wenn das Regelwerk vollständig ist und die Schüler es einhalten. Er hat aber ebenso gezeigt, dass dieselben Regeln ihren Erfinder nicht vor einem zweistelligen Millionenverlust schützen, sobald die Marktbedingungen kippen.

Mich überzeugt an dieser Geschichte weniger die Rendite als die Struktur. Größenbestimmung über Volatilität, harte Obergrenzen für korrelierte Positionen und ein definierter Ausstieg sind Werkzeuge, die auch in einem diskretionären Ansatz funktionieren. Die Zahlen zu Dennis’ Vermögen dagegen solltest Du mit Abstand lesen: Sie sind Erzählung, nicht Beleg. Wer die Turtle-Geschichte auf „aus 400 Dollar wurden Millionen“ verkürzt, hat den lehrreichen Teil ausgelassen.

Häufige Fragen zu Richard Dennis

Wer ist Richard Dennis?

Richard Dennis ist ein US-amerikanischer Rohstoff-Trader, geboren am 9. Januar 1949 in Chicago. Er baute ab 1970 aus 400 Dollar Handelskapital ein Millionenvermögen an den Chicagoer Terminbörsen auf und startete 1983 das Turtle-Experiment.

Wie viel Geld hat Richard Dennis verdient?

Belegt sind ein Gewinn von rund 500.000 Dollar im Sojabohnen-Handel des Jahres 1974 und der Aufstieg zum Millionär vor seinem 26. Geburtstag. Angaben zu einem Gesamtvermögen von 200 oder 400 Millionen Dollar stammen aus Sekundärquellen und lassen sich nicht auf eine Primärquelle zurückführen.

Wer war William Eckhardt?

William Eckhardt ist Mathematiker und Dennis’ Geschäftspartner. Er vertrat in der Ausgangsfrage die Gegenposition und hielt Talent für entscheidend. Gemeinsam legten die beiden 1983 das Turtle-Experiment auf.

Warum wurden die Schüler „Turtles“ genannt?

Dennis beschrieb sein Vorhaben nach einer Asienreise mit dem Bild einer Schildkrötenfarm in Singapur: Man werde Trader heranziehen, wie dort Schildkröten gezüchtet würden. Der Spitzname blieb an der ersten Klasse von 13 Teilnehmern hängen.

Ist Turtle Trading heute noch profitabel?

Das Prinzip der Trendfolge funktioniert weiter, das Original-Regelwerk in unveränderter Form ist jedoch kein Selbstläufer. Die Regeln sind seit 2003 öffentlich, viele Märkte laufen häufiger seitwärts, und die nötige Streuung über zwanzig Märkte ist mit kleinen Konten nicht darstellbar.

Was geschah mit dem Fonds von Richard Dennis?

Nach schweren Kundenverlusten stellte Dennis im Frühjahr 1988 die Verwaltung fremden Geldes ein und einigte sich im November 1990 auf einen Vergleich über mehr als 2,5 Millionen Dollar. Ein späteres Fondsprojekt wurde im Sommer 2000 nach Verlusten geschlossen.

Welche Bücher gibt es über Richard Dennis?

Der bekannteste Titel stammt vom Turtle Curtis Faith, der das Experiment aus der Innensicht beschreibt. Weitere lesenswerte Werke zur Trendfolge und zu Tradern dieser Ära findest Du in unserer Übersicht der besten Trading-Bücher.

Über den Autor: Karsten Kagels

Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer der Kagels Trading GmbH und handelt seit 1978 als diskretionärer Price-Action-Trader. Seine Märkte sind Forex, Aktienindizes, Rohstoffe und Zinsmärkte.

In den späten 1980er-Jahren übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter. Über 17 Jahre war er Repräsentant von Joe Ross in Deutschland und brachte dessen zehn Bücher ins Deutsche. Zwischen 2000 und 2010 gab er Gruppenseminare und private Einzelschulungen.

Die Zeit, in der Richard Dennis seine bekanntesten Gewinne und Verluste machte, hat Karsten als aktiver Trader miterlebt. Aus dieser Erfahrung heraus ordnet er ein, welche Bausteine des Turtle-Systems auch heute noch tragen und wo die kursierenden Vermögenszahlen den Blick auf das Wesentliche verstellen.

Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.

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