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Gamma Exposure (GEX): wie die Absicherung der Market Maker den Kurs bewegt

Zuletzt aktualisiert: 03. November 2026

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12 Min

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Christian Möhrer

Überprüft von

Christian Möhrer

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Bei einer einzigen Aktie zu 200 Dollar müssen die Market Maker rund 800.000 Dollar bewegen, sobald der Kurs um ein Prozent steigt. Diese Zahl stammt aus dem Rechenbeispiel, das der Datenanbieter SpotGamma selbst veröffentlicht. Hochgerechnet auf einen ganzen Index erklärt derselbe Mechanismus, warum Kurse manchmal an einer Marke kleben und manchmal ohne Nachricht durchrutschen.

Dieser Artikel erklärt, was GEX misst, wie es berechnet wird und wo die Zahl herkommt. Du erfährst, was Gamma Flip, Call Wall und Put Wall bedeuten, welche Datenquellen es gibt und was sie kosten, und wo das Modell an seine Grenzen stößt. Dieser Artikel entspricht unseren redaktionellen Richtlinien.

Gamma Exposure in 30 Sekunden

Die wichtigsten Punkte vorweg, falls du den Rest des Artikels später liest:

  • Was GEX misst: Wie viele Aktien oder Kontrakte die Market Maker kaufen oder verkaufen müssen, wenn der Kurs sich um ein Prozent bewegt.
  • Die Formel: Gamma mal geschätzte Dealer-Position mal Kontraktgröße mal Kurs zum Quadrat mal 0,01. Bei einer 200-Dollar-Aktie mit Gamma 0,02 und 1.000 Kontrakten sind das 800.000 Dollar je Prozent.
  • Positives Gamma bremst, negatives verstärkt: Oberhalb des Gamma Flip wirken die Absicherungen wie ein Stoßdämpfer, unterhalb wie ein Verstärker.
  • Was es kostet: Bezahlte Dienste beginnen bei 50 US-Dollar im Monat (Unusual Whales). SpotGamma verlangt 99 US-Dollar für den Einstiegstarif, MenthorQ 129 und Volland 150 US-Dollar. Barchart, ein öffentliches SPX-Chart von SpotGamma und einzelne TradingView-Skripte liefern Grundwerte kostenlos.
  • Die größte Schwäche: Niemand weiß, wer welche Seite einer Option hält. Die Zuordnung zu den Dealern ist eine Konvention, keine Messung, und das Open Interest wird nur einmal täglich nach Handelsschluss veröffentlicht.
  • Gamma Squeeze ist seltener als gedacht: Selbst für den GameStop-Anstieg im Januar 2021 fand die US-Börsenaufsicht SEC keinen Beleg für einen Gamma Squeeze.

Was ist Gamma Exposure (GEX)?

Gamma Exposure, kurz GEX, schätzt, wie viele Aktien oder Kontrakte die Market Maker im Basiswert kaufen oder verkaufen müssen, wenn der Kurs sich um ein Prozent bewegt.

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Dahinter steckt eine Kette aus drei Gliedern. Erstens verkaufen Market Maker, also die Händler, die an der Börse ständig An- und Verkaufskurse stellen, einen Großteil der gehandelten Optionen. Zweitens wollen sie kein Kursrisiko tragen und sichern sich deshalb im Basiswert ab. Drittens ändert sich der nötige Absicherungsumfang laufend, weil sich das Delta der Optionen mit dem Kurs verschiebt.

Genau diese Verschiebung heißt Gamma. Delta sagt, wie stark eine Option auf eine Kursbewegung reagiert. Gamma sagt, wie stark sich das Delta dabei selbst verändert. Für einen einzelnen Kontrakt ist das eine Nachkommastelle. Über alle offenen Kontrakte eines Index summiert, sind es Milliardenbeträge, die je nach Kursstand gekauft oder verkauft werden müssen.

Am wichtigsten ist der Effekt dort, wo am meisten Optionen liegen: bei den SPX-Optionen der Cboe auf den S&P 500. Barchart führt GEX deshalb auch unter dem Namen Gamma Levels. Beide Begriffe meinen dasselbe: eine Karte der Kursmarken, an denen die Absicherungsgeschäfte am stärksten wirken. Wichtig ist, was GEX nicht ist. Es ist keine Prognose und kein Handelssignal, sondern eine Aussage über Marktmechanik.

Wie Gamma Exposure berechnet wird

Die gängige Formel stammt aus der Options-Mathematik und ist kürzer, als sie aussieht. SpotGamma, einer der bekanntesten Anbieter für solche Daten, rechnet so:

Dollar-GEX je 1 Prozent Kursbewegung = Gamma × geschätzte Dealer-Position × Kontraktgröße × Kurs² × 0,01

Ein Rechenbeispiel macht die Größenordnung greifbar. Angenommen, eine Aktie steht bei 200 Dollar, die betrachteten Optionen haben ein Gamma von 0,02, die Dealer halten geschätzt 1.000 Kontrakte long, und ein Kontrakt lautet wie in den USA üblich auf 100 Aktien.

SchrittRechnungErgebnis
Delta je 1 Dollar0,02 × 1.000 × 1002.000 Aktien
Ein Prozent Bewegung1 % von 200 Dollar2 Dollar
Delta je 1 Prozent2.000 × 24.000 Aktien
Dollar-GEX4.000 × 200 Dollar800.000 Dollar

Steigt der Kurs um ein Prozent, müssen die Dealer in diesem Beispiel also Aktien im Wert von 800.000 Dollar handeln, um neutral zu bleiben. Bei einem Index wie dem S&P 500 summiert sich derselbe Effekt über zehntausende Kontrakte, und aus der einzelnen Anpassung wird ein Strom aus Kauf- und Verkaufsorders, der den Kurs tatsächlich bewegt.

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Ein Punkt in der Formel verdient besondere Aufmerksamkeit: die geschätzte Dealer-Position. Die Börsen veröffentlichen, wie viele Kontrakte offen sind, aber nicht, wer auf welcher Seite steht. Alle frei verfügbaren Modelle nehmen deshalb an, dass Dealer Calls long und Puts short halten. SpotGamma schreibt dazu selbst, das sei eine vereinfachende Bestandskonvention und keine Regel der Options-Mathematik.

Vom einzelnen Strike zur GEX-Kurve: so entsteht das Zero-Gamma-Level

Ein Dashboard zeigt nie einen einzelnen Kontrakt, sondern die Summe über alle Ausübungspreise und Verfallstermine. Für jeden Strike läuft die Rechnung von oben einmal für die Calls und einmal für die Puts. Nach der üblichen Konvention zählen Calls positiv und Puts negativ. Die Summe je Strike ergibt das GEX-Profil, also die Balken, die du in fast jedem Tool siehst.

Das Zero-Gamma-Level entsteht aus einer Was-wäre-wenn-Rechnung. Das Modell setzt den Kurs nacheinander auf viele gedachte Werte ober- und unterhalb des aktuellen Stands. Für jeden dieser Kurse berechnet es das Gamma aller Optionen neu und zählt es zusammen. Wo die Summe ihr Vorzeichen wechselt, liegt der Gamma Flip. SpotGamma beschreibt genau dieses Vorgehen in seiner Methodik.

Deshalb liegen die Marken zweier Anbieter selten exakt gleich. Jeder entscheidet selbst, welche Verfallstermine er einbezieht und wie er die Dealer-Seite schätzt. Wer zwei Quellen vergleicht, prüft zuerst die Einheit: Manche Charts zeigen GEX je Dollar Kursbewegung, andere je Prozent. Beide Zahlen lassen sich nicht direkt nebeneinanderlegen.

Positives und negatives Gamma: warum Märkte mal ruhig und mal wild sind

Das Vorzeichen des Gamma Exposure entscheidet darüber, ob die Absicherungen eine Bewegung dämpfen oder anheizen. Das ist der praktisch wichtigste Teil des ganzen Konzepts. Die Grafik darunter zeigt beide Zustände untereinander.

Positives und negatives Gamma im Vergleich: über dem Gamma Flip handeln Dealer gegen die Bewegung, darunter mit ihr
Positives und negatives Gamma: oberhalb des Gamma Flip bremsen die Absicherungen, unterhalb verstärken sie die Bewegung. Zum Vergrößern antippen.

Positives Gamma: der Stoßdämpfer

Bei positivem Gamma handeln die Dealer gegen die Bewegung. Steigt der Kurs, verkaufen sie Aktien. Fällt er, kaufen sie zu. Jede Bewegung trifft also auf Gegenwind aus dem Absicherungsgeschäft. Typisch sind dann enge Handelsspannen, fallende Volatilität und Tage, an denen der Markt zwischen zwei Marken hin und her pendelt.

Negatives Gamma: der Verstärker

Bei negativem Gamma dreht sich das Vorzeichen um, und die Dealer handeln mit der Bewegung. Fällt der Kurs, müssen sie verkaufen und verstärken den Rutsch. Steigt er, müssen sie kaufen. Das sind die Tage, an denen Bewegungen unverhältnismäßig groß wirken und Rücksetzer sich beschleunigen, statt auszulaufen. Der Fachbegriff für die extreme Variante nach oben lautet Gamma Squeeze.

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Der Übergang zwischen beiden Zuständen ist keine Schwelle, die laut klickt. Er ist eine Zone, und je näher der Kurs ihr kommt, desto unzuverlässiger werden die Modelle. Genau deshalb geben seriöse Anbieter den Gamma Flip mit einem Band an und nicht mit einer einzigen Zahl.

Gamma Squeeze: wenn Absicherungskäufe den Kurs nach oben treiben

Ein Gamma Squeeze ist ein Kursanstieg, den die Market Maker selbst verstärken, weil sie für verkaufte Call-Optionen immer mehr Aktien zur Absicherung kaufen müssen.

Die Kette läuft in vier Schritten. Viele Anleger kaufen Calls, die Market Maker verkaufen sie ihnen und sichern sich mit Aktien ab. Steigt der Kurs, wächst das Delta der Calls, und die Market Maker müssen nachkaufen. Diese Käufe treiben den Kurs weiter, und der Kreis beginnt von vorn. Am stärksten wirkt das bei kurz laufenden Optionen nahe am aktuellen Kurs, weil ihr Gamma dort am höchsten ist.

Das bekannteste Beispiel hält der Prüfung nicht stand. Der Kurssprung von GameStop im Januar 2021 gilt bis heute als Paradefall. Die US-Börsenaufsicht hat die Handelsdaten ausgewertet und im Bericht der SEC vom 14. Oktober 2021 festgehalten, dass sie keinen Beleg für einen Gamma Squeeze gefunden hat. Das Optionsvolumen der Privatkunden stieg zwar von 58,5 Millionen Dollar am 21. Januar auf 2,4 Milliarden Dollar am 27. Januar. Gekauft wurden aber vor allem Puts, und die Market Maker kauften Calls, statt sie zu verkaufen.

Für deinen Handel heißt das: Ein steiler Anstieg mit viel Call-Volumen ist noch kein Gamma Squeeze. Die Erklärung trägt erst, wenn die Dealer tatsächlich short Gamma sind und das Modell negatives GEX zeigt. Das Gegenstück auf der Aktienseite, bei dem Leerverkäufer ihre Positionen eindecken müssen, ist der Short Squeeze. Beide werden in Schlagzeilen oft verwechselt.

Gamma Flip, Call Wall und Put Wall: die drei Marken im Chart

Wer ein GEX-Dashboard zum ersten Mal öffnet, sieht vor allem drei Begriffe. Sie beschreiben alle dasselbe Phänomen aus verschiedenen Blickwinkeln.

Der Gamma Flip ist der Kurs, an dem das gesamte Gamma Exposure des Marktes sein Vorzeichen wechselt und aus dem Stoßdämpfer ein Verstärker wird.

Oberhalb dieser Marke verhält sich der Markt statistisch ruhiger, unterhalb nervöser. Manche Anbieter nennen sie auch Zero Gamma. Sie ist die einzige der drei Marken, die etwas über den Charakter des Marktes sagt und nicht über eine konkrete Kursmarke.

Die Call Wall ist der Ausübungspreis mit der größten Konzentration an Call-Gamma und wirkt als Widerstandskandidat.

Der Mechanismus dahinter ist schlicht: Je näher der Kurs dieser Marke kommt, desto mehr müssen die Dealer gegen den Anstieg verkaufen. Die Marke ist deshalb kein Widerstand im Sinne der Charttechnik, sondern einer, der durch reale Orders entsteht.

Die Put Wall ist das Gegenstück auf der Unterseite: der Ausübungspreis mit der größten Put-Gamma-Konzentration, an dem Absicherungskäufe den Kurs stützen können.

Eine wichtige Einschränkung gilt für beide Wände: Sie sind nur so stabil wie die Positionierung dahinter. Nach einem großen Verfallstag, etwa dem Hexensabbat, werden die Karten neu gemischt, und Marken, die wochenlang gehalten haben, verschwinden über Nacht. Bei 0DTE-Optionen passiert dasselbe im Tagesrhythmus.

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Woher du GEX-Daten bekommst, und was sie kosten

Gamma Exposure lässt sich grundsätzlich selbst rechnen, denn das Open Interest ist öffentlich. In der Praxis nutzen die meisten Trader fertige Dienste, weil die Aufbereitung je Verfallsdatum und Strike aufwendig ist. Die Preise unterscheiden sich deutlich.

AnbieterPreisHinweis
BarchartkostenlosGEX je Strike für Indizes und US-Aktien
SpotGamma SPX-Chartkostenlosöffentliches GEX-Chart für den S&P 500
TradingView-Skripteteils kostenlosQualität schwankt stark, Quelle prüfen
Unusual Whalesab $50 / MonatGEX-Heatmap für alle US-Werte, gratis nur verzögert
SpotGamma Essential$99 / MonatKernlevels, Flow-Analyse, Community
MenthorQ Premium$129 / MonatGamma-Level auch für US-Futures
Volland Swing$150 / MonatGamma- und Vanna-Charts je Strike
SpotGamma Alpha$299 / Monatzusätzlich erweiterte Open-Interest-Daten

Ein technischer Punkt entscheidet über die Aussagekraft jeder dieser Quellen: Das Open Interest, also die Zahl der offenen Kontrakte, wird von den Börsen nur einmal täglich nach Handelsschluss veröffentlicht, nachzulesen in der Marktstatistik der Cboe. Alle Level, die du morgens siehst, beruhen damit auf dem Stand des Vorabends. Was im Lauf des Tages an neuen Positionen dazukommt, taucht erst am nächsten Morgen auf.

Teure Dienste begegnen dem mit eigenen Echtzeit-Schätzungen des Orderflusses. Das ist der eigentliche Unterschied zwischen den Tarifen und nicht die Zahl der Charts. Wer GEX nur als grobe Orientierung nutzt, kommt mit den kostenlosen Quellen aus. Wer intraday darauf handeln will, zahlt für die Aktualität.

SpotGamma, Unusual Whales, MenthorQ und Volland: worin sich die Dienste unterscheiden

SpotGamma ist auf den S&P 500 zugeschnitten. Der Einstiegstarif liefert Kernlevels für die großen US-Indizes, die sich laut Anbieter in gängige Handelsplattformen einbinden lassen. Dazu kommen ein Werkzeug für den Optionsfluss, Auswertungen für über 3.500 US-Aktien und eine Community auf Discord.

Bei Unusual Whales steht der Optionsfluss im Mittelpunkt, GEX ist ein Zusatz. Schon der kleinste Tarif für $50 im Monat enthält eine GEX-Heatmap in Echtzeit für alle US-Werte und die Market-Maker-Position im SPX, aktualisiert alle zehn Minuten. Der große Tarif für $120 aktualisiert jede Minute. Die kostenlose Stufe zeigt alles mit zwei Handelstagen Verzögerung und taugt damit nur zum Ausprobieren. GEX, Optionsfluss und einen Strategie-Builder für US-Werte in einem Abo bündelt SensaMarket, das wir in unseren SensaMarket Erfahrungen geprüft haben.

MenthorQ ist der Dienst für Futures-Trader. Er rechnet Gamma-Level nicht nur für Aktien und Indizes, sondern auch für US-Futures wie den E-mini S&P 500 (ES), den Nasdaq-Future (NQ), Gold und Rohöl. Grundlage sind die Optionsketten der CME-Börsen. Die Level lassen sich in TradingView, NinjaTrader und MetaTrader einblenden. Premium kostet $129 im Monat, der Pro-Tarif mit Live-Sessions $349. Kosten, Datenverzögerung und Bewertungen haben wir in unseren MenthorQ Erfahrungen geprüft.

Volland zeigt mehr als nur Gamma. Der Dienst rechnet zusätzlich Vanna, also wie sich der Absicherungsbedarf verschiebt, wenn die Volatilität steigt oder fällt. Für 0DTE-Optionen gibt es eine eigene Auswertung des Zeitzerfalls. Die Daten beruhen laut Anbieter auf dem Echtzeit-Feed der US-Optionsbörsen. Die Exposure-Charts beginnen beim Tarif Swing für $150 im Monat, die Pakete reichen bis $5.000 für institutionelle Kunden.

Für Trader aus Deutschland haben alle vier Dienste denselben Haken. Sie stammen aus den USA, rechnen in US-Dollar ab und sind auf US-Werte ausgelegt. Wer vor allem den DAX handelt, prüft vor dem Abo, ob der Dienst Eurex-Optionen überhaupt abdeckt. Wer US-Indizes oder US-Futures handelt, testet am besten erst einen Monat, bevor er ein Jahresabo abschließt.

Auch im deutschsprachigen Raum ist das Thema angekommen. Deepcharts führt Gamma-Daten in seiner Orderflow-Plattform, und Markus Herfert behandelt GEX in seinen Optionskursen. Auch der Ausbildungsanbieter Plan-B Invest hat ein eigenes GEX-Dashboard gebaut. Wer solche Angebote prüft, sollte sich vorher ansehen, welche Datenquelle dahintersteckt und ob sie live ist oder vom Vortag stammt.

Wie Trader Gamma Exposure im Alltag nutzen

Ich handle seit 1980 ohne Indikatoren, allein nach Kursverlauf und Marktstruktur. Gerade deshalb halte ich GEX für interessant: Es ist kein Indikator, der aus vergangenen Kursen etwas errechnet, sondern eine Aussage darüber, wo im Markt Orders liegen müssen. Das ist derselbe Gedanke, der hinter Orderflow steht, nur aus der Optionsseite gedacht.

In der Praxis hat sich ein schlichter Ablauf bewährt. Vor dem Handelstag notierst du drei Zahlen: den Gamma Flip, die Call Wall und die Put Wall. Diese drei Marken zeichnest du in den Chart, so wie du auch den VWAP oder das Vortageshoch einzeichnest. Mehr ist es nicht.

  • Über dem Flip: Rechne eher mit einer Spanne als mit einem Trend. Ausbrüche laufen häufiger ins Leere, Rücksetzer werden eher gekauft.
  • Unter dem Flip: Bewegungen tragen weiter, Stopps sitzen schneller im Feuer, und die Positionsgröße gehört nach unten angepasst.
  • An den Wänden: Behandle sie wie jedes andere Level. Du wartest auf eine Reaktion des Kurses, du handelst nicht die Zahl.
  • Am Verfallstag: Rechne damit, dass alle drei Marken nach dem Verfall neu liegen. Eine Karte vom Vortag ist dann wertlos.

Der häufigste Fehler ist, die Marken als Einstiegssignal zu lesen. Eine Call Wall sagt nicht, dass der Kurs dort dreht. Sie sagt, dass dort Absicherungsdruck entsteht, wenn der Kurs hinkommt. Ob daraus eine Umkehr wird, zeigt erst der Kursverlauf selbst. Wer das verwechselt, handelt eine Zahl aus einem Modell statt den Markt vor sich.

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Vorteile und Grenzen von Gamma Exposure

Wie jedes Modell hat auch GEX zwei Seiten. Hier die ehrliche Bilanz, damit du weißt, worauf du dich einlässt:

Vorteile von Gamma Exposure

  • Erklärt Bewegungen ohne Nachricht: Wenn ein Markt ohne erkennbaren Anlass beschleunigt, liefert das Vorzeichen des Gamma oft die mechanische Erklärung.
  • Feste Marken statt Auslegung: Call Wall und Put Wall liegen auf Ausübungspreisen. Zwei Trader lesen dieselbe Zahl, anders als bei gezeichneten Linien.
  • Sagt etwas über das Marktregime: Die Lage zum Gamma Flip ordnet ein, ob heute eher Spanne oder eher Trend zu erwarten ist.
  • Grundwerte kosten nichts: Für einen ersten Eindruck reichen die kostenlosen Quellen aus, ein Abo braucht es dafür nicht.

Grenzen von Gamma Exposure

  • Die Dealer-Seite ist geraten: Keine Börse veröffentlicht, wer welche Seite hält. Die Zuordnung ist eine Konvention, und jeder Anbieter rechnet sie etwas anders.
  • Die Daten sind vom Vorabend: Das Open Interest kommt einmal täglich. Intraday aufgebaute Positionen fehlen in jedem kostenlosen Modell.
  • Keine Richtungsaussage: GEX sagt, wie der Markt reagieren könnte, nicht wohin er läuft. Wer es als Signal liest, missversteht es.
  • Nur für liquide Basiswerte: Bei dünn gehandelten Aktien ist zu wenig Open Interest da, als dass die Rechnung etwas aussagen würde.
  • Laufende Kosten für Aktualität: Echtzeitdaten kosten bei den bekannten Anbietern dreistellige Beträge im Monat.
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Fazit: Gamma Exposure ist eine Landkarte, kein Kompass

Ich halte GEX für eines der wenigen Werkzeuge, die wirklich etwas Neues zeigen. Es rechnet nicht aus vergangenen Kursen einen Durchschnitt, sondern beschreibt, wo im Markt Zwang zum Handeln entsteht. Das erklärt Tage, an denen der Kurs an einer Marke klebt, und Tage, an denen ein kleiner Anlass eine große Bewegung auslöst.

Genauso klar ist die Gegenseite. Die Dealer-Annahme bleibt eine Annahme, die Daten sind bei kostenlosen Quellen einen Tag alt, und keine der drei Marken sagt, wohin der Kurs läuft. Wer GEX als Kontext nutzt und seine Einstiege weiterhin aus dem Kursverlauf nimmt, gewinnt etwas. Wer die Marken als Signale handelt, tauscht nur einen Indikator gegen den nächsten.

Mein Rat für den Anfang: Zeichne die drei Marken zwei Wochen lang mit, ohne danach zu handeln. Du siehst dann selbst, wie oft der Markt an der Call Wall stoppt und wie sich die Tage unter dem Flip anfühlen. Diese Erfahrung ist mehr wert als jedes Abo, das du vorher abschließt.

Häufige Fragen zu Gamma Exposure

Was bedeutet GEX im Trading?

GEX steht für Gamma Exposure und schätzt, wie viele Aktien die Market Maker bei einer Kursbewegung von einem Prozent handeln müssen. Die Zahl beschreibt den Absicherungsdruck im Markt, nicht die Richtung des Kurses. Positives GEX dämpft Bewegungen, negatives verstärkt sie.

Wo finde ich kostenlose Gamma-Exposure-Daten?

Barchart zeigt GEX je Ausübungspreis für die großen US-Indizes und viele Einzelaktien ohne Abo. SpotGamma veröffentlicht ein freies GEX-Chart für den S&P 500, dazu kommen Skripte auf TradingView. Bei allen kostenlosen Quellen beruhen die Werte auf dem Open Interest vom Vorabend.

Was ist der Unterschied zwischen Gamma Flip und Call Wall?

Der Gamma Flip ist die Marke, an der das gesamte Gamma sein Vorzeichen wechselt, und sagt etwas über den Charakter des Marktes. Die Call Wall ist ein einzelner Ausübungspreis mit besonders viel Call-Gamma und wirkt als Widerstandskandidat.

Funktioniert Gamma Exposure auch im DAX?

Grundsätzlich ja, praktisch schlechter als in den USA. Die Optionsmärkte auf US-Indizes sind um ein Vielfaches liquider, und die meisten Anbieter rechnen ihre Modelle auf S&P 500 und Nasdaq. Für europäische Basiswerte ist die Datenlage dünner.

Ist Gamma Exposure ein Handelssignal?

Nein. GEX beschreibt Marktmechanik und liefert Kursmarken, an denen Absicherungsdruck entsteht. Ob der Kurs dort dreht, zeigt erst seine Reaktion. Als alleinige Einstiegsgrundlage ist die Zahl ungeeignet.

Warum ändern sich die GEX-Level nach dem Verfallstag so stark?

Mit dem Verfall verschwinden alle Kontrakte, die bis dahin gelaufen sind, und mit ihnen ihr Gamma. Nach einem großen Termin wie dem Hexensabbat wird die Positionierung neu aufgebaut. Marken, die wochenlang gehalten haben, können dann ersatzlos wegfallen.

Was ist ein Gamma Squeeze?

Ein Gamma Squeeze ist ein Kursanstieg, den Market Maker verstärken, weil sie für verkaufte Calls immer mehr Aktien als Absicherung kaufen müssen. Er setzt voraus, dass die Dealer short Gamma sind. Für GameStop im Januar 2021 fand die SEC dafür keinen Beleg.

Über den Autor: Karsten Kagels

Karsten Kagels ist Gründer und Geschäftsführer der Kagels Trading GmbH. Er handelt seit 1980 als diskretionärer Price-Action-Trader an den Märkten.

Sein Handel kommt ohne technische Indikatoren aus. Er tradet Forex-Majors und -Minors allein auf Basis von Kursverlauf und Marktstruktur. In den 1980er Jahren übersetzte er die Elliott-Wave-Standardwerke von Robert Prechter ins Deutsche. Über 17 Jahre vertrat er Joe Ross in Deutschland und übersetzte dessen zehn Bücher. Bis heute gibt er eigene Gruppenseminare und private Einzelschulungen.

Für dieses Thema ist er qualifiziert, weil er Marktmechanik seit Jahrzehnten ohne Indikatoren liest. Gamma Exposure ordnet er deshalb dort ein, wo es hingehört: als Kontext über die Orderlage im Markt, nicht als Auslöser für den Einstieg. Die Preise und Formeln in diesem Artikel wurden zuletzt am 19. Oktober 2026 an den Anbieterseiten geprüft.

Dieser Artikel wurde von Christian Möhrer final geprüft.

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