Social Trading – Zwischen Dax, Currywurst und Shitstorm

Bucket Shop

Bucket Shop 1892

Teil 2 der Artikelfolge „Die Dämomen der Trader“

Social Trading gibt es so lange wie die Finanzmärkte existieren.

Schon im 17. Jahrhundert trafen sich Optionshändler an der Amsterdamer Börse in Zirkeln, um 1900 in amerikanischen Bucket Shops oder heute in Handelsbüros, wo Händler Zugriff auf die neueste Tradingsoftware und aktuelle Informationen haben. Dort kann man auch anderen Tradern über die Schulter schauen, anstatt in anonymen Chatrooms Erfahrungen zu sammeln oder an endlosen Webinarreihen teilzunehmen.

Ein paar meiner Erlebnisse dieser Art möchte ich hier kurz schildern.

In meiner Anfangszeit besuchte ich mehrere Tage ein deutsches Tradingbüro, in dem sich jeden Tag Daytrader trafen. Es gehörte einem Broker, der seriös und hilfsbereit war. Er bot alle nur erdenklichen Informationen an, hatte Bücher von bekannten Autoren der Technischen Analyse ausliegen, eine gute Chartsoftware und sogar einen Instruktor, der Beginnern half, Indikatoren und Chartmuster zu verstehen. Im oberen Teil des Trading Rooms waren Bildschirme angebracht, die ständig die letzten Nachrichten von deutschen und internationalen Finanzkanälen brachten. Ich schloss mich dieser Gruppe als nicht aktiver Trader an und verfolgte ihre Aktivitäten meinungsneutral.

Die folgenden Eindrücke sind mir in Erinnerung geblieben. Diese Trader wollten fast ausschließlich den Dax Future handeln, welcher für mich im Nachhinein immer das schwierigste Instrument war. Morgens schauten sie auf die Nachrichtenkanäle, bildeten sich zusammen eine Meinung über die weitere Tagesentwicklung und gaben dann Trades ein, die sie vorher eingehend diskutiert hatten. Mittags gingen sie in ein nahe gelegenes Imbisslokal auf eine Currywurst, mussten aber bei ihrer Rückkehr meistens feststellen, dass sie irgendwie falsch gelegen hatten. Trotzdem fand ich diese Gruppe sympathisch, denn sie stritten sich nie und ihre Disziplin war bewundernswert. Im Gegensatz dazu wurde ich bei meinen seltenen Besuchen von Internet Chatrooms Zeuge von Shitstorms in Form unter Decknamen geäußerten Beleidigungen. Mehrmals fragte ich mich danach, warum die koordinierte Handlungsweise dieser Gruppe nicht funktionierte. Damals vermutete ich, dass Trader, die in Gruppen Entscheidungen treffen, die zusätzlich zu sehr von Finanzmedien beeinflusst werden, keine guten Ergebnisse erzielen.

Gruppendynamik versus Qualität des Ergebnisses

Vor kurzem bewies der Nobelpreisgekrönte Autor und Psychchologe Daniel Kahnemann anhand zwei konkreter Beispiele, dass sich anhand von in Teams bewältigten Aufgaben nicht unbedingt Rückschlüsse auf Qualitätsmerkmale Einzelner ziehen lassen.

In einer Versuchsreihe der israelischen Armee mit dem Ziel die besten Offiziersanwärter zu finden, wurden Gruppen mit jeweils 8 Kandidaten ausgewählt, die eine gemeinsame Aufgabe zu bewältigen hatten. Während dieser Versuche beobachtete er, dass die Führer der einzelnen Gruppen während der Aufgabenbewältigung zwar manchmal wechselten, aber in ihrer späteren beruflichen Karriere nicht die besten Offiziere wurden. Vielleicht waren die am wenigsten Beachteten sogar die Besten.

Alles nur Glück?

Kahnemann liefert ein weiteres interessantes Beispiel, denn er wurde einmal von einer großen Investmentgesellschaft eingeladen, um die Ergebnisse von deren Analystenteams (Stockpickers) zu beurteilen. Er bewies, dass sogar deren langfristige Ergebnisse keine nachhaltige Beständigkeit aufwiesen und der Glücksfaktor bei guten Ergebnissen der bei weitem dominierendste Faktor war. (Quelle: Daniel Kahnemann: Langsames Denken, Schnelles Denken)

Gustave Le Bon, der Vater der Massenpsychologie Theorie ging in seinem Klassiker Die Psychologie der Massen sogar noch weiter. Er sagte, dass die Gefahr von geistiger Selbsttäuschung steigen würde, sobald zwei oder mehr Gelehrte in einer Gruppe zusammenarbeiten würden.

Hoch bezahlt für Nichts?

Eine weitere Bestätigung dieser Theorie las ich zufällig vor ein paar Monaten in der Financial Times. Dort wurde die Performance von hochbezahlten Hedgefundmanagern mit der des Benchmark Indexes S&P 500 verglichen. Ich setze hierbei voraus, dass diese auch in Teams arbeiten. Ergebnis: Seit 2009 lagen sie im Durchschnitt gesehen weit darunter, in diesem Jahr sogar um ca. 50 Prozent. (Quelle Financial Times vom 24.5.16: Hedgefunds – Overpriced, Underperforming)

Fazit:

Alles nicht sehr ermutigend, aber sonst würde diese Artikelserie auch nicht so heißen, wie sie heißt.

Social Trading erfüllt durchaus einen Zweck, wenn man als unerfahrener Trader eine zeitlang Kollegen zuschauen kann, beim richtigen Institut landet und sich über technische und organisatorische Abläufe, Ticks und Pips oder Handelsmethoden informiert. Wer hat nicht schon einmal auf den falschen Knopf gedrückt oder vergessen, eine Stopploss-Order zu löschen?

Gruppendenken oder Gruppenentscheidungen scheinen jedoch auf Finanzmärkten nur unzulänglich zu funktionieren. Für Trader, die einem Bestätigungszwang unterliegen oder z.B. unter mangelndem Selbstvertrauen leiden, können sie behindernd wirken. Der Grund besteht darin, dass sie den Prozess, ihren eigenen Tradingstil zu entwickeln, verzögern oder sogar völlig blockieren. Dieser ist jedoch unumgänglich, wenn man bestehen möchte.

Werfen wir noch einmal einen kurzen Blick in die Natur. Der Leopard ist ein Einzelgänger, aber einer der besten Jäger. Er döst tagelang auf einem Baum, und schlägt dann zu, wenn er die richtige Beute wittert. Kann man so etwas auch in Gruppen?

Vielleicht unter Löwen oder Wölfen, aber das dauert meines Wissens etwas länger.

 

Teil 1 der Artikelfolge: Trading mit dem Weihnachtsmann

Teil 3: Is Guiness really good for you?

Teil 4: Gefährliche Analyse-Cocktails

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