Is Guinness really good for you?

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Guiness good for you

Teil 3 der Artikelfolge „Die Dämonen der Trader“

Der Süden Portugals ist wegen der kurzen Flugstrecke das Mallorca Großbritanniens.

Im Gegensatz zur spanischen Betonwüstenküste verfügt es nicht nur über die schönsten Strände, sondern auch die szenisch überragendsten Golfplätze Europas.

Die Einführung des Euros war eine Katastrophe für dieses ohnehin sozial schwächste Land. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich am Tag nach der Währungsumstellung plötzlich das Doppelte für einen Espresso bezahlen musste, die Lohnstruktur der Bevölkerung sich aber bis heute kaum verändert hat, eine andere Geschichte…

Viele Ferienvillen dort gehören Briten und Iren der gehobenen Gesellschaftsschicht.

Nachdem ich dort einmal eine Runde Golf mit einem irischen Bankmanager gespielt hatte, gingen wir durstig in einen irischen Pub und tranken ein paar Pints Guinness. Nebenbei fragte ich ihn, wie es denn jetzt wohl mit den notleidenden irischen Banken weitergehen würde. Diese wiesen damals auf meinen Charts riesige Kurseinbrüche auf.

Er sagte mir daraufhin, das wäre alles nicht so schlimm. Bei seiner renommierten Bank würden die internen Zahlen so vielversprechend aussehen, dass er jetzt selbst Aktien kaufen würde.

Ich dachte mir: Jetzt habe ich endlich mal einen echten Tipp aus erster Hand bekommen und kaufte ein paar Aktien dieser Bank unter längerfristigen Aspekten. Als dann die Zahlen der Bank gemeldet wurden, reagierte die Aktie weder besonders positiv noch negativ. Aber sie setzte in den darauf folgenden Wochen und Monaten ihren stetigen Abwärtstrend fort bis ins Bodenlose.

Danach habe ich diesen Mann nie wieder in Portugal gesehen. Anscheinend hatte er seine Ferienvilla verkaufen müssen. Wishfull Thinking?

Am letzten Golfloch

Eine ähnlich komplette Fehleinschätzung hatte ich zuvor schon einmal wahrgenommen.

Ende 2007 spielte ich dort mit dem Vorstandsmitglied eines deutschen Unternehmens. Ich gab ihm ein paar Ratschläge, wie er seinen fürchterlichen Golfschwung verbessern könnte. Diese nahm er dankbar an. Nach einem weiteren schlechten Schlag empfahl ich ihm, etwas entspannter an die Sache zu gehen, und verband dieses mit der in meinen Augen lustigen Bemerkung, er solle dabei nicht an den Aktienkurs seines Unternehmens denken.

Gegen Ende der Runde fragte er mich, was ich denn so zu der weiteren Entwicklung des Dax Indexes meinen würde. Als Daytrader habe ich nie irgendwelche zukünftige Erwartungen, denn Hellsehen liegt mir nicht. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich beobachtet, dass die Aktien internationaler Großbanken auf Wochencharts mit ständig steigendem Volumen fielen. Dieses verlieh mir den Eindruck, dass irgendetwas in der Luft lag.

Ich antwortete: „Der Dax sieht aus als ob er demnächst deutlich fallen könnte.“ Daraufhin bekam ich die lapidare Antwort:„Sie haben doch überhaupt keine Ahnung.“

Glücklicherweise war ich damals mental so weit, dass ich jeglichen Respekt vor anderen Meinungen abgelegt hatte, was Finanzmärkte angeht, egal auf welcher Ebene.

Einer der besten Dow Theory Analysten schrieb im April 2008, dass ein baldiges Ende der Korrektur absehbar sei. Danach brach die Krise jedoch erst richtig los. Die deutsche Aktiengesellschaft meines damaligen Spielpartners kehrte niemals mehr in den Dax Index zurück.

Frankfurter Achterbahn

Gegen 2002 dachte ich noch, dass Leute, die unmittelbar am Ort des Geschehens sind, mehr Informationen haben. Damals lernte ich einen Mitarbeiter der Handelsabteilung eines Frankfurter Brokerhauses kennen. In seiner Freizeit betrieb er mit ein paar Kollegen Eigenhandel. Abends traf man sich in einer angesagten Cocktailbar, die von Tradern besucht wurde.

Eine ihrer Hauptaktivitäten bestand darin, unmittelbar nach Veröffentlichung von wichtigen Wirtschaftsdaten so schnell wie möglich auf den Knopf zu drücken. Dabei riefen sie aufgeregt: „Short short short….jetzt long long long…“ Ich kam mir dabei vor wie auf einer Achterbahn im Dauerflug.

Einer von ihnen sagte mir, es wäre ihm zu langweilig ohne Kollegen zu handeln. Nach kurzer Zeit verabschiedete ich mich. Wer diese Art von Erregung sucht, dem wünsche ich viel Erfolg.

Die Livermore Tragödie – und was man daraus lernen kann

Irgendwann erinnerte ich mich im Zusammenhang mit dem eingangs geschilderten Erlebnis (die Meinung der Anderen) an das leider einzige und sehr knapp dargestellte autobiografische Originalwerk über Jesse Livermore, dem wohl besten Spekulanten aller Zeiten. (Edwin Lefevre: Reminiscences of a Stock OperatorDeutsche Übersetzung).

Livermore wohnte in Long Island, vermied es aber grundsätzlich, den morgendlichen Zug nach Downtown Manhattan zu nehmen, um in sein kleines Büro abseits der Wall Street zu gelangen. Damit wollte er vermeiden, dem Geschwätz von Wall Street Händlern ausgesetzt zu sein, bevor er Entscheidungen traf.

Sein Leben nahm kein gutes Ende. Viele sind der Ansicht, er hätte sein Vermögen an der Börse verloren, aber meine Recherchen ergaben ein anderes Bild. Er investierte den größten Teil davon außerhalb der Börse in Geschäfte, von denen er nichts verstand oder falsche Berater hatte. Dann folgte ein Teufelskreis von Ehescheidungen und Alkohol.

Einmal soll er auf einer New Yorker Polizeistation erschienen sein, seinen Namen genannt und gesagt haben, er hätte vergessen wo er wohnt. In diesem Buch wird auch geschildert, dass er in seiner Glanzzeit privat mit Industriellen verkehrte. Diese beeinflussten seine rein technisch geprägte Denkweise jedoch zeitweise so sehr mit fundamentalen Aspekten, dass er wieder zu seinen früher für ihn erfolgreichen Methoden zurückkehrte. Zuvor hatte er dieses bereits einmal in seiner Anfangszeit mit verheerenden Folgen durchgemacht. Prozesse ähnlicher Art durchlaufen viele Trader, auch mehrmals.

Fazit:

Jeder technisch orientierte Trader unterliegt manchmal der Versuchung fundamentalen Faktoren zu viel Beachtung zu schenken oder Ereignisse falsch zu interpretieren. Mehr dazu in Teil 4 dieser Artikelreihe. Es ist nicht einfach immun zu bleiben und nur auf Charts zu sehen. In „Magier der Märkte“ (Jack D. Schwager) Teil 1 oder 2 sagte ein bekannter Daytrader, dass Nachrichten egal welchen Inhaltes für ihn nur insofern Bedeutung haben, um herauszufinden, wie der Markt darauf reagiert. Dieses gilt noch heute.

Aktuelle Beispiele:

Die Brexit- oder „Happy go lucky“ Trumpflation Rally. Vielleicht handelt es sich dabei auch um gigantische Shortsqueezes ohne realen Hintergrund…ich weiß es nicht. Aber welchen Trader interessiert das schon, sofern er auf der richtigen Seite gelegen hat.

 

Teil 1 der Artikelfolge: Trading mit dem Weihnachtsmann

Teil 2: Social Trading – Zwischen Dax, Currywurst und Shitstorm

Teil 4: Gefährliche Analyse-Cocktails

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