Hedging für Arme oder im Schatten der Big Boys traden

In Teil 1 habe ich versucht, Grundtechniken des Hedgings zu beschreiben. Für Anfänger macht es Sinn erst den Teil 1 zu lesen, und dann mit diesem Artikel fortzufahren. Auf diesen Link klicken, um Teil 1 zu lesen.

Hedging für Arme – Teil 2:

Was wäre wenn wir wissen würden, was der Markt in den nächsten drei bis sechs Monaten machen wird? Könnten wir diese Information zum sicheren Gewinn einsetzen? Vermutlich ja, denn wer die Lottozahlen vom nächsten Mittwoch kennt, sollte diese auch ankreuzen können.

Leider haben wir diese oben genannte Information nicht, aber wir können eines mit hoher Wahrscheinlichkeit wissen: nämlich die Orte, an denen es zu „Preisreaktionen“  kommen wird. Können wir eine solche Information zu unserem Vorteil nutzen? Wenn man ausreichend Marktverständnis hat, sollte man es auf jeden Fall versuchen.

Fehlausbrüche und Measured Moves

Nachfolgend der Chart vom Juni Kontrakt des E-Mini Future (S&P 500) auf Wochenbasis: (Stand 28.05.2016)

ES Juni 2016

S&P 500 Future Juni-Kontrakt Wochenchart

Dieser Chart sagt uns eine Menge und mit entsprechender Erfahrung weißt du auch, wie du einen solchen Chart meiner Meinung nach „lesen“ solltest:

  1. Most breakouts fail! Dies ist nun mal so, die meisten breakouts sind Fehlausbrüche, also handele ich zur Zeit dieses Szenario auf der Short-Seite.
  2. If the breakout is successful, it is very likely that it will be a measured move. Tatsächlich zeigt die Vergangenheit (und nur aus der leiten wir Chartanalysten unsere Meinung ab), dass erfolgreiche Ausbrüche als measured move geschehen, d. h. ein Ausbruch aus einer Trading Range von 300 Punkten (1800-2100) geht dann wahrscheinlich bis 2400 Punkte, siehe nachfolgende Charts.
ES Juni 2016

E-mini S&P 500 Index-Future mit Measured Move

Wir kennen nicht nur das wahrscheinlichste Szenario in einem Fall des erfolgreichen Ausbruchs, sondern wissen auch wie sich der Markt bewegen wird:

ES Juni Aktienindex-Future mit Trendbewegungen und Korrekturen

S&P 500 mit Trendmoves und Retracements

Ich habe in den Chart oben mögliche Trendbewegungen und Korrekturen (Retracements) eingezeichnet. Es ist vollkommen egal, wie es passieren wird, es wird aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der Aufwärtsbewegung zu Rücksetzern etc. kommen. Auch ist die Wahrscheinlichkeit dann recht hoch, dass 2400 am Ende angelaufen wird (ob 2350-2450 ist eigentlich egal), wir kennen halt die Richtung.

Beim Hedgen eine Nettoposition haben

Beim Hedgen handelst du long und short und hast meistens ein „net exposure“, was eine Nettoposition zu einer bestimmten Seite ist (Hedgefunds haben je nach Strategie auch manchmal ein fully hedged portfolio = market neutral).

Folgende 6 Aktien bin ich gerade long:

Tageschart Abbott Laboratories

Longposition in Abbott Laboratories (ABT)

AGN Allergan PLC Tageschart

Longposition in Allergan Plc. (AGN)

Tageschart Illumina Aktie ILMN

Longposition in Illumina, Inc. (ILMN)

SYMC Symantec Tageschart

Longposition in Symantec Corporation (SYMC)

Whole Foods Market (WFM)

Longposition in Whole Foods Market (WFM)

Tageschart der Apple Aktie

Longposition in der Apple Aktie (AAPL)

Hier ist meine Intention und mein Wunsch sehr klar: Ich will. dass jede dieser Aktien auf 1 Trillion USD steigt, also will ich, dass der Markt steigt.

Auf der anderen Seite „spiele“ ich den SPY (S&P 500 ETF) short, um

  • Risiken zur Short-Seite abzufangen (der Markt fällt wie ein Stein und alle meine Aktien werden ausgestoppt, SPY bringt Gewinn und gleicht aus).
  • Most breakouts fail (da die meisten Ausbrüche fehlschlagen, baue ich short Positionen im Index auf)

Hier ist es wichtig noch anzumerken, dass es sich bei dem Index-Trade short um einen Swing-Trade und bei den Aktien um einen Position-Trade handelt (aus heutiger Sicht). Wer den Unterschied hier nicht kennt, bitte googlen oder Investopedia bemühen.

SPY S&P 500 Aktienindex ETF

Shortposition in S&P 500 Aktienindex ETF (SPY)

Die blauen Ellipsen zeigen meine Short-Einstiege an, die roten Elipsen zeigen ,wo ich bereits Teilgewinne mitgenommen habe. Aus heutiger Sicht habe ich 35 % meines maximal Short-Portfolios ausgeschöpft, ich darf also gemäß meines Trading-Plans noch deutlich mehr shorten.

Wie sieht die Zukunft aus?

Keiner kennt sie, aber es ist gut, einen Plan zu haben (Plane den Trade, trade den Plan!).

  1. Wenn es zu einem Ausbruch kommt, dann will ich meinen Swing-Trade SPY short in einen Scalp verwandeln und mein Plan ist es, im Gewinn oder bei Breakeven möglichst schnell mein Short-Position abzuwerfen und je nach Marktsituation auf long zu drehen.
  2. Wenn Punkt 1 eintritt, will ich meine Aktien (ich habe noch 5 weitere Aktien als pending long orders im Markt und hoffe, dass diese getriggert werden) mit möglichst viel Gewinn und gutem Trade-Management handeln.
  3. Wenn Punkt 1 eintritt, aber der Ausbruch ein Fehlausbruch wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass meine Aktien-Long-Positionen verlieren oder breakeven oder so handeln. Dann hoffe ich, dass ich den Swing-Trade im SPY auf Position-Trade umstelle und dadurch Gewinn einstreiche. Warum eigentlich?
S&P 500 Tageschart mit möglicher Kursreaktion

S&P 500 ETF (SPY) Tageschart – Oder ist das die zukünftige Kursbewegung?

Wir wissen nicht wann was passieren wird, aber wenn wir feststellen, dass es passiert, wissen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit, wie der Markt sich bewegen wird. Wenn also „most breakouts fail“ eintritt, wissen wir bereits jetzt , dass es in den Preisbereichen:

  • 2020
  • 1950
  • 1800
  • 1760
  • 1650

zu Preis-Reaktionen kommen wird. Was steht für mich im Augenblick fest? Sollte der Preis in die Richtung 1850-1800 or somewhere in between hinkommen, werde ich versuchen auf long im Index und hoffentlich in den Aktien zu stellen. Warum?

Most breakouts fail and we should buy @ support and sell @ resistance! (Die meisten Ausbrüche gehen schief und wir sollten an Stützung kaufen und an Widerstand verkaufen!)

Hedging ist eine Herausforderung

Ich bin kein reiner Hedger, aber Hedging für Arme ergibt sich hin und wieder für mich, und ich mag es, mich selbst herauszufordern. Die größte Herausforderung ist es, mental damit klar zu kommen, dass man sich in beide Richtungen positioniert.

Noch ein Wörtchen zum net exposure:

Nehmen wir an, meine 6 Aktien hätten eine Handelsposition von insgesamt 100.000 USD und nehmen wir an meine Shortposition hätte eine Größe von 130.000 USD, dann hätte ich ein „net exposure to the short side of 30.000 USD“. Ich wäre also netto Short.

Wenn du so handelst, ändern sich die net exposures permanent. Nehmen wir mal an meine weiteren Aktien pending orders werden getriggert und meine Handelsposition long erhöht sich auf 200.000 USD und derweil erwische ich ein Retracement ,wo ich Teile meiner Shorts, sagen wir 50.000 USD im Gewinn schließe, dann habe ich ein net long exposure von 120.000 (200-80).

Hedging für Arme ist anspruchsvoll aber schön (aus meiner Sicht). Wichtiger ist es sich zu verinnerlichen, dass wir die Informationen wie „measured move und market reaction“ in unser Trading einbauen. Schließlich sind es Informationen, die wir alle Wochen und Monate vorher kennen und die „Großen Jungs“ (Institutional Investors) auf Support & Resistance achten und dort agieren. Diese Jungs bewegen die Märkte, nicht wir.

Im Schatten der Big Boys traden

Ich habe meinen Blog derschattenmann.net genannt , dort führe ich mein Trading-Journal (jeder sollte über jeden seiner Trades ein Journal führen, es steigert sehr die Disziplin).

Diesen Namen habe ich irgendwann ausgewählt, weil ich der vollen Überzeugung bin, dass wir kleinen „Ameisen“ im Schatten der großen „Tiere“ besser abschneiden und Techniken verwenden, die von den Big Boys eingesetzt werden. Für mich macht eine solche Vorgehensweise absolut Sinn.

Know How ist wichtig, aber was bringt es Dir ohne „How To“?

Häufig wirst du im Internet irgend einen „Guru“ finden, der dir den Himmel verspricht. Auffällig ist bei solchen Leuten, wie viel Zeit und Geld sie in Marketing stecken. Haben diese Leute überhaupt noch Zeit zum Traden? Oder sind die wirklich so gut, dass sie perfekt traden und die meiste ihrer Zeit schulen können? Warum brauchen die dann meine 20-500 Euro im Monat? Diese Fragen sind rhetorischer Natur, da die meisten dieser Gurus gar nicht traden können, sie sind nur Verkäufer. Sie verkaufen ahnungslosen Tradern einen Traum, den es leider nicht gibt. Andere haben mal getradet und bemerken, wie schwierig es ist, konstant profitabel zu sein. Sie haben es zu einer gewissen „Berühmtheit“ geschafft und nehmen nun Ahnungslose aus, weil sie selber mit dem Traden nicht mehr klar kommen. Trading is the fucking hardest job on Earth, at least for me!

Ich überlebe es nun im 12. Jahr, aber jeder seriöse Trader würde auch sagen: „Ich weiß nicht, ob ich nächstes Jahr noch am Start bin!“

Es ist keine Schande gegen Goldman Sachs, Deutsche Bank, JP Morgan etc. zu verlieren und aus dem Spiel „geschmissen“ zu werden. Das ist die realistischste Annahme, die wir treffen sollten.

Sollte mir das eines Tages widerfahren, so habe ich kein Problem damit (den emotionalen Schmerz werde ich erleiden, es wird mir sehr sehr weh tun, aber letztlich werde ich es auch verkraften). Auch daraus werde ich gelernt haben: sehr viel über die Aktien- und Geldmärkte und wie Geld funktioniert. Und das meine ich, ist sehr viel wert.

Wenn du liebst, was du tust, und den richtigen Ansatz findest, wirst du Erfolg haben; dies ist mein fester Glaube, der nicht nur für das Trading gilt.

Good luck with your trading!

Mert Meral

 

Danke für das Teilen!
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Manfred - 06/06/2016

Gefällt mir sehr, was Sie hier beschreiben.

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Serdar - 02/07/2016

Sehr Wertvoller beitrag!!!
Respekt an Sie Herr Meral,dass Sie so offenherzig Realität beschrieben haben.

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