Die Zeitkomponente bei Short-Long Positionen in den Aktienmärkten

In der Welt des Tradings ist es heutzutage relativ einfach sich Know How anzueignen. Unzählige Webseiten bieten zum Teil recht gute Informationen kostenlos an, zahlreiche Bücher erklären diverse Ansätze von vermeintlich erfolgreichen Tradingstrategien, Youtube Videos, kostenlose Webinare (meistens um jemandem etwas zu verkaufen); die Liste ließe sich endlos fortsetzen und ich bin sicher, dass wir in der Mehrheit Übereinkunft erzielen, dass wir mit Informationen jeglicher Art „überflutet“ werden.

Sehr wichtig wird es meiner Meinung nach für jeden Tradinganfänger, neben dem Wissen darüber auch eine Vorgehensweise für sich selbst zu entwickeln. Das bedeutet, dass man das erworbene Wissen in einer Handelsstrategie bündelt und konkrete – möglichst klar definierte – Tradingsetups nach den Regeln seines eigenen Tradingplanes aufstellt und diese strikt befolgt.

Mir ist aufgefallen, dass viele Trader „technisch“ sehr reif sind, allerdings kaum „die Persönlichkeit“ des Markets beachten. Ich meine hier konkret die Zeitkomponente bei Short-Positionen versus Long-Positionen bei den Aktienmärkten.

Es ist hinreichend bekannt, dass Bärenmärkte im Durchschnitt 6-9 Monate dauern, während man bei Bullenmärkten von 4-5 Jahren ausgehen kann. Natürlich gibt es Extrema wie der jetzige Bullenmarkt (der schon mehr als 6,5 Jahre andauert) und mit Abweichungen müssen wir leben. Aber grundsätzlich lässt sich festhalten, es geht sehr viel schneller runter als rauf, natürlich nur bezogen auf die Aktienmärkte. Die Devisenmärkte sind ganz anders, denn da handelt man bekanntlich immer short und long (EUR short = automatisch USD long). Hier zeigt es sich eben:  Jeder Markt hat seine eigene Persönlichkeit!

Die Zeitkomponente als Filterfunktion im Aktien-Trading

Gibt es eine Möglichkeit dieses allgemein bekannte Wissen zu nutzen? Ich persönlich glaube ja, zumindest als eine Art Filterfunktion kann man die Zeitkomponente bei den Aktien in sein Trading einbauen.

Ich möchte Euch einen aktuellen Trade von mir vorstellen, bei dem ich aus heutiger Sicht falsch lag, den ich aber trotzdem mit überschaubarem Gewinn abschließen konnte:

Es ging bei diesem Trade darum, dass die Preise ein Resistance-Level erreicht hatten und überkauft waren, somit baute ich vom 01.03. – 04.03. Short-Positionen auf den SPY (S&P 500 ETF) auf. Es handelte sich um einen Swing-Trade der in einen Position-Trade übergehen sollte (vorzugsweise mehrere Wochen und Monate andauernd), der über Position-Sizing aufgebaut wurde. Position-Sizing bedeutet, dass man mit Teilpositionen einsteigt und in die Stärke hinein verkauft, bis man auf unterschiedlichen Levels seine gesamte Position aufbaut. Hier ein Chart dazu:

SPY-Aktie
Position-Trade im S&P 500 (SPY ETF)

In dieser Zeit habe ich  insgesamt 65 % meiner Tradingposition aufgebaut. Mein durchschnittlicher Preis betrug 199,47 im SPY.

Am Montag den 07.03. machte der Markt einen Bull-Inside-Bar, am Dienstag schließlich eine bärische Kerze, die mir die Möglichkeit gab, mit kleinem Gewinn (bei 198,43) auszusteigen. Ich stieg nur deshalb aus, weil dieser bärische Move zu zurückhaltend war (Stichwort Context), da ich ja weiß, das Aktienmärkte sich schnell nach unten bewegen und Umkehrsignale auf meinen Intradays Charts zu sehen waren, wie auf dem nachfolgenden Chart ersichtlich. Wäre eine große bärische Kerze entstanden, wäre ich viel länger im Markt geblieben, aber der Markt „sprach“ zu mir und die Zeitkomponente auch.

Hier ein weiterer Chart, man beachte Momentum Extremes und Professional Activity:

40500-13032016
Gewinnmitnahme nach Professional Activity

In dem Moment als ich Professional Activity at the lows sah (blaue Kerzen), begleitet mit Momentum Extreme, der sich in der Price Action nicht wiederspiegelte, dachte ich, dass ich falsch liege und nahm meine Gewinne vom Tisch.

Ich wäre immer noch im Markt short, da mein Stop auf dem Juni Kontrakt im ES bei 2065 liegt. Außerdem hätte ich noch weiter shorten können, da ich gerade mal 2/3 meiner Position aufgebaut hatte, aber in jedem Fall wären die Schmerzen größer gewesen und aus heutiger Sicht ist es richtig gewesen, einen kleinen Gewinn zu verbuchen und auszusteigen. Ich kann immer noch bei den nächsten Resistance-Levels 2030-2060/2080 shorten.

Beim Faden (auch Countertrend Trading genannt) muß man bereit sein, andere „Schmerzen“ zu ertragen, als beim Trendtrading. Es ist schlichtweg eine Ansichtssache welchen Tradingstil man bevorzugt (ich handele eigentlich alles: Faden, Trend, Trendrange), doch gerade beim Shorten sollte man meiner subjektiven Meinung nach, dass Wissen über“Persönlichkeit des Marktes“ mit einbeziehen.

Fazit 1: Solltest Du in einer Aktie oder einem Aktienindex short sein, so erwarte eine schnelle Bewegung nach unten. Kommt sie nicht oder nur zögerlich, so frage Dich ob Du falsch liegst. Gehe zu Deinem Tradingplan und fälle Deine Entscheidung!

Testfrage für Trader: Handelt es sich bei dem nachfolgenden Chart um einen Bullen- oder Bärenmarkt? Es handelt sich um einen Wochenchart!

Bullenmarkt oder Bärenmarkt?
Handelt es sich um einen Bullenmarkt oder Bärenmarkt?

Ich bin mir sehr sicher, dass wir (fast) alle hier einen Bullenmarkt sehen, der mit dem letzen Swing down eine Bull-Flag Formation ausbildet.

Hier die Auflösung:

AIG Wochenchart
AIG Wochenchart

Hier besser zu sehen (Monatschart) :

AIG Monatschart
AIG Monatschart

Es handelt sich um AIG – einen der größten Rückversicherer der Welt – deren Aktie innerhalb von 5 Monaten von knapp 1000 USD auf 40 USD gefallen war. Sie erholt sich langsam wieder und ich werde versuchen hier long einzusteigen, da ich in den letzen Jahren einen Upswing sehe und aktuell eine Toppingformation und auf den Ausbruch eines Bull-Flag handele. Wenn ich falsch liege – wobei ich immer davon ausgehe, falsch zu liegen – werde ich kleines Geld verlieren. Sollte ich Glück haben und richtig liegen, habe ich die Formation früh erkannt, werde ein gutes Risk-Reward erzielen und versuchen, möglichst lange im Markt zu bleiben.

Fazit 2: Never ever forget the Context of your Market!

Good luck with your trading!

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.