Gefährliche Analyse-Cocktails

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Teil 4 der Artikelfolge „Die Dämonen der Trader“

One more shot please

Ein erfolgreicher Trader wandelte sich innerhalb von 20 Jahren vom rein fundamental orientierten Getreidehändler zum technischen Trader von mehreren Futures Märkten, auf denen er nur noch mit Handelssystemen arbeitet. Diese gibt er natürlich nicht der Öffentlichkeit preis, aber über Kursprognosen und Kursziele sagt er folgendes (frei übersetzt):

Wenn man tradet, dann gibt es nur EINEN Faktor, den man kontrollieren kann. Wie viel ist man bereit zu verlieren? Wie viel man verdienen wird, kann man niemals bestimmen. Es ist unmöglich, eine Prognose abzugeben, auch wenn man noch so gute Absichten und positive Gedanken hat. Das Einzige was man mit Sicherheit tun kann ist, einen Verlusttrade zu stoppen.

Gratwanderungen

Am Beispiel Jesse Livermore (Teil 3) habe ich bereits erwähnt, dass die Vermischung beider Analyserichtungen ihn mehrmals erheblich zurückwarf. Auch ich bin solche Prozesse durchgegangen, indem ich „dachte“: wenn das und das Ereignis so eintritt, wird dies und jenes passieren. Damit stehe ich nicht alleine.

Einmal rief ich meinen überaus zuverlässigen US Rohstoff Broker an, um eine Order zu platzieren (Anmerkung: einer der nächsten Artikel dieser Serie wird von einer Londoner Brokerhölle handeln, die ich danach durchschritt).

Dieser  Broker war ein paar Tage nicht anwesend, hatte jedoch für solche Fälle einen qualifizierten, sympathischen Assistenten, der mein Gespräch annahm. Da ich ein wenig Zeit hatte, fragte ich ihn, ob er auch selbst tradete. Seine traurige Antwort lautete: „Nein, nicht mehr.“

Diese Antwort machte mich neugierig und ich fragte nach dem Grund. Daraufhin erzählte er mir, er hätte sich ein Handelssystem aufgebaut und damit erfolgreich gearbeitet. Dann hätte er zuviel über Fundamentals nachgedacht und entscheidende Fehler begangen, die sein Konto auslöschten. Danach machte er noch eine interessante Bemerkung, indem er anfügte „Beides geht nicht, entweder man macht das eine oder das andere.“

In diesem Zusammenhang möchte ich ein dramatisches Ereignis schildern, weil es ein nie da gewesenes Extrem fundamentaler Fehleinschätzungen darstellt. Es ereignete sich im Oktober 2008 auf dem deutschen Aktienmarkt und vernichtete viele Tradingkonten. Ein Bekannter von mir verlor an nur einem Wochenende sein gesamtes Tradingkapital und mehr. In den Zeitungen las ich danach, dass sich ein deutscher Unternehmer sogar vor die Schienen geworfen hatte, weil er sein in Schwierigkeiten geratenes Unternehmen mit einem Monstertrade retten wollte.

Der Fall Porsche / VW und „Börsenweisheiten“

Die alte Börsenweisheit: „Ein Hering kann keinen Walfisch schlucken“ wird immer wieder von fundamental orientierten Investoren oder Analysten im Zusammenhang mit Übernahmeschlachten ins Spiel gebracht. In diesem Falle müssen wohl zu viele Marktteilnehmer diesem Satz gefolgt sein. Als jedem klar wurde, das eine Übernahme von Seiten Porsche vom Tisch war, witterten viele die einzigartige Gelegenheit, den durch skandalträchtige Optionsgeschäfte hochgetrieben Kurs der Volkswagen-Aktie short zu verkaufen, ein „todsicherer“ Trade.

Eine beliebte Strategie von Hedgefunds ist es beispielsweise Calls zu verkaufen ( = ungedeckt short mit unbegrenztem Risiko) und sich mit den dafür kassierten Optionsprämien zusätzlich mit Puts vollzuladen, ohne selbst auch nur einen Cent investiert zu haben. Der Schuss ging dieses Mal jedoch auf dramatische Weise nach hinten los.

Ein erstes Warnsignal kam, als der Kurs der Aktie in einem allgemein sehr schwachen Marktumfeld (Finanzkrise 2008) nicht fiel, sondern weiter anstieg. Ich erinnere mich dabei noch an den Anruf eines englischen Bekannten, der mich fragte: „What’s up with Volkswagen?“ Danach entwickelte sich eine explosive Dynamik, die bis dahin unbekannt war. Deckt man einen verkauften Call ein, um Verluste zu begrenzen, dann muss man dieses mit einer echten Eurex long Call Option tun oder die Aktie sogar liefern, wenn die Laufzeit endet und der Preis über dem vereinbarten Basiswert (Strike) liegt.

Anscheinend hatten viele grosse Marktteilnehmer, die auf einen fallenden Kurs gewettet hatten, nicht beachtet, dass die VW Aktie durch öffentliche institutionelle Beteiligungen (Land Niedersachen) nur über einen im internationalen Vergleich sehr geringen „Free Float“ verfügt. In den USA wäre sie vermutlich deswegen gar nicht in einen großen Index aufgenommen worden, wie mir damals ein Kenner des dortigen Aktienmarktes sagte.

Als dann zu viele Markteilnehmer gleichzeitig eindecken wollten oder mussten, explodierte die Aktie plötzlich um weitere 100 Prozent und riss alle mit in die Tiefe, die auf irgendeine Weise „logisch“ denkend auf einen fallenden Kurs gesetzt hatten. Dieser Prozess vollzog sich dermaßen schnell, dass es sehr fraglich ist, ob man beispielsweise auch mit einer ruhenden CFD Stopploss Order überhaupt noch eine relativ marktnahe Ausführung bekommen hätte.

Nachfolgend ein Stundenchart, der die damaligen Ereignisse zeigt. Am 28.10.2008 verdoppelte sich der Kurs mit Börseneröffnung in nur einer Stunde bis auf fast 1000 Euro, nachdem er sich kurz zuvor inmitten der tobenden Finanzkrise schon einmal mehr als verdoppelt hatte.

VW am 28.10.08 auf Stundenbasis (Bildmitte)

Volkswagen Aktie mit H1 Chart

Stundenchart der VW-Aktie

 

Charts als Hilfe für Fundamentalanalyse?

Mehrmals wurde ich gefragt, „mal eben so zwischendurch“ nachzusehen, ob die durch fundamentale Faktoren geprägte Meinung Einzelner auch charttechnisch positiv untermauert wäre. Zum letzten Male passierte dies, als mich ein Bekannter im Frühjahr 2015 hinsichtlich einer Aktie befragte, die er als Langzeitinvestment hielt. Hierbei handelte es sich um eine der weltweit größten Banken, der HSBC mit Hauptsitz in Hongkong.

Da ich auch asiatische Indizes unter kurzfristigen Aspekten verfolge, tat ich ihm diesen Gefallen und gab mir dabei viel Mühe. Ich verglich den Wochenchart der Aktie mit den dortigen Benchmarks, den Branchenkollegen (Peers) und suchte nach langfristigen Unterstützungs- und Widerstandszonen. Der Leitindex (Hang Seng Index) schien damals gerade ein Top auszubilden und auf dem Wochenchart der HSBC Aktie zeigte sich eine riesige Erschöpfungslücke (im Chart mit gelber Ellipse gekennzeichet) nach parabolisch vertikalem Countertrend-Kursverlauf.  Dieser wurde besonders deutlich auf dem Tageschart (hier nicht gezeigt). Ferner war in Höhe der Spitze dieser Bewegung ein Volumenspike zu erkennen, das weit über dem im Subchart dargestellten  30 Wochendurchschnitt lag. Die langfristige Trendlinie (weiß) zeigte einen klaren Abwärtsverlauf, den auch ein 5 jähriges Kind erkannt hätte.

HSBC und Hang Seng Index (weekly chart)

 

HSBC Aktie und Hang Seng Aktienindex

HSBC Aktie (Barchart) und Hang Seng Index Wochenchart (Linienchart)

Demnach sagte ich ihm, dass mir der Chartverlauf dieser Aktie nicht gefiel und er eventuell mit weiteren Verlusten rechnen „könne“. Daraufhin antwortete er: „Das glaube ich nicht.“ Wie dem auch sei, die Aktie fiel danach um ca. 40 Prozent. Es ist nicht einfach für einen Langfristinvestor 80 Prozent Gewinn zu machen, um wieder zurück auf den damaligen Stand zu kommen. Vielleicht hatte er die Aktie sogar 1-2 Jahre zuvor auch schon zu einem viel höheren Kurs gekauft, denn er erschien mir etwas beunruhigt. Nicht nur in der Investorenwelt gibt es viele, die eigene Fehlentscheidungen niemals zugeben würden.

Als ich ihn danach wieder einmal traf, empfahl ich ihm seiner Denkweise entsprechend ein Buch von Andre Kostolany zu lesen und in einen Dornröschenschlaf zu versinken.

Jeder so, wie er mit sich selbst am besten klar kommt.

Fazit:

Vorsicht mit Börsenweisheiten. Wenn ALLE fundamental orientierten kurz- oder langfristigen Anleger glauben, diese letztlich verstanden zu haben, dann kommt es meistens anders als man denkt.

Fundamentalanalyse lässt sich nur schwer mit Technischer Analyse unter einen Hut bringen, denn gerade die Voreingenommenheit vieler „Experten“ steht dem im Wege.

Umgekehrt geraten technisch orientierte Trader in einen Zustand der Unentschlossenheit, wenn sie sich zu sehr durch fundamentale Faktoren beeinflussen lassen. Dieser kann in Konfusion enden. Medizinisch ausgedrückt nennt man so etwas „exogene Schizophrenie“.

Zwischen zwei Welten zu leben kann ähnlich kompliziert werden wie bei Dr. Jekyll und Mr.Hyde.

 

Teil 1 der Artikelfolge: Trading mit dem Weihnachtsmann

Teil 2: Social Trading – Zwischen Dax, Currywurst und Shitstorm

Teil 3: Is Guinness really good for you?

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